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Olga Sedakowa: Drei Essays zur russischen Poesie / Chinesische Reise

Rezensionen / Verlage


Jan Kuhlbrodt

Olga Sedakowa: Drei Essays zur russischen Poesie. Übersetzt von Hendrik Jackson. Berlin (hochroth Berlin) 2020. 38 Seiten. 8,00 Euro.

Olga Sedakowa: Chinesische Reise. Gedichte. Russisch / deutsch. Übersetzt von Hendrik Jackson. Berlin (hochroth Berlin) 2020. 38 Seiten. 8,00 Euro.

Der vielfache Puschkin


Heute schlug ich das Facebook auf. Ein tägliches Tun, nachdem ich mir einen Kaffee und eine Hand voll Kekse an den Tisch geholt hatte, und versuche mich ein wenig mit dem Tag anzufreunden, bevor ich mich in die Arbeit stürze. Mein Freund Daniel Jurjew hatte einen Text von Olga Martynova verlinkt, über Puschkins Zeit in der Quarantäne während der Cholera-Pandemie von 1830:

„Am 3. September kam er in seinem Familienanwesen Boldino an, und siehe da: Er hatte von der Braut einen netten Brief mit einer Zusage erhalten. Gleichzeitig erreichte die in Indien ausgebrochene Cholerapandemie Russland, wo sie fast 200 000 Tote fordern würde (später auch Hunderttausende in Westeuropa und Nordamerika).“

Darin findet sich aber auch folgender Satz:

„Dass Puschkins Urgroßvater ein Schwarzafrikaner war, der als Kind dem Zaren Peter I. geschenkt wurde und in Russland zum General aufstieg, war für den Dichter ausgesprochen wichtig.“

Martynova schreibt das in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung, was mich an die Arbeit erinnerte, die ich mir für diesen Tag vorgenommen hatte, nämlich eine Anmerkungen zu den Gedichten und Essays der russischen Dichterin Olga Sedakowa zu verfassen, die jüngst in zwei Heften des inzwischen äußerst verdienstvollen Hochroth Verlags in der Übersetzung des nicht minder verdienstvollen Dichters und Slawisten Hendrik Jackson erschienen sind.

Natürlich unterliegt auch das Leseverhalten (zumindest meines) äußeren Einflüssen, und so ist es kein Wunder, dass Verse wie diese unter Umständen besonders hervorstechen:

anbei, niemand erkrankt im Reich der Mitte;
der Himmel setzt
die längliche Spritze
rechtzeitig selbst.

Die zitierten Verse bilden den Schluss eines Gedichtes, das in Sedakowas Zyklus „Chinesische Reise“ die Nummer 8 trägt. Und auch jenseits der aktuellen Situation wird hier deutlich, dass die Dichterin nicht um die realistische Schilderung chinesischer Lebenswirklichkeit bemüht ist, es ist eher ein China, das einer Tuschezeichnung entspringt, in Motivik und rhythmischer Ruhe. Beschrieben werden eingangs wassernde Dschunken. Und natürlich erkrankt niemand auf so einer Tuschezeichnung. Aber aus dieser Bildwelt entwickelt Seda-kowa Reflektionen, in denen christliche Mythologie und fernöstliche Weisheit sich vermischen wie Wasserfarben und chinesische Tinte. Genau deshalb, glaube ich, setzt der Zyklus auch unter einem Motto des chinesischen Denkers Laozi an, und deshalb vermischen sich in den Gedichten auch Lebens-weisheiten und Naturbeobachtungen zu einer durchscheinen-den Schönheit.

Das Grandiose an Malereien mit Wasserfarbe ist ja, dass das Wasser auch nach seinem Verschwinden im Trocknungsprozess als Transformation im Papier präsent bleibt, und ähnliches geschieht in den Gedichten Sedakowas. Der fluide mythologische Ursprung der Gedanken erhält sich als sprachlich-rhythmisches Sediment.
    Hendrik Jackson rettet diesen Effekt im russischen Original durch seine behutsam eingreifende Übersetzung ins Deutsche. Manchmal möchte man weinen vor Glück; mich erwischte es an dieser Stelle (das ist die zweite Strophe von Nummer 9)

Und weiter ist unglücklich
wer nicht vergeben
kann, verrückt, er weiß ja nicht
wie der zahme Storch hervortritt aus den Zweigen.
Wie ein goldener Ballon
allein über der lieben Erde davon
schwebt, um in den lieben Himmel zu steigen.

Und natürlich entspringt meine Rührung angesichts dieser Zeilen aus dem Kontext, dem Reim, der Anlage des Ganzen, das zu lesen ich jeder und jedem anempfehle.

Aber zurück zu Puschkin. Neben den Gedichten des ersten Heftes finden sich im zweiten drei Essays zur russischen Literatur, und natürlich bildet ein Gedicht des Übervaters der russischen Moderne, also ein Gedicht Puschkins, den Aus-gangspunkt von Sedakowas Überlegungen zum Verhältnis von Dichtung und Anthropologie, in dem sie sich gegen die Vorstellung wendet, dass Dichtung und Poesie gewissermaßen Relikt eines Vorhistorischen oder Vorsprachlichen seien. Hier schon findet sich der Verweis auf Wygotski, dessen poetische Anthropologie zum Gegenstand des zweiten Essays wird, und die Erfahrung der Form als „eine äußerst tiefe menschliche Aktivität.“ Das Zusammendenken von Form und Erfahrung ist eine – meiner Meinung nach – zentrale Errungenschaft der russischen Linguistik. „Durch den Stoff des Kunstgegenstands selbst vollzieht sich das Ereignis der Form.“

Der zweite Essay, der zu Wygotski also, hebt mit einer Reflexion auf ein Gedicht von Chlebnikow an und verweist damit zugleich auf eine Umkehrung der Perspektive klassischen anthropologischen Denkens. Es speist sich nicht mehr aus Archaik, sondern sein Ausgangspunkt ist der künftige Mensch. Es ist also ein futuristisches Prinzip, das Sedakowa mit Wygotski und Chlebnikow hier einfordert, aber die Autorin weiß auch um dessen Paradoxien:

„Das Thema der Kunst und das Thema Wygotskys ist der mögliche Mensch. Von einem bestimmten, ja fast allgemein verbreiteten Standpunkt aus heißt das der unmögliche Mensch.“

Im dritten Essay schließt sich der Kreis, und wir finden uns wieder bei Puschkin, der laut Sedakowa nicht als einheitlicher Autor zu fassen ist, sondern in einzelne Puschkins zerfällt, je nachdem, wer sich auf ihn bezieht. In ihrem Essay zeigt sie zwei sich widerstreitende Puschkin-Bilder auf, nämlich die der Dichterinnen Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa. Letztlich sind beide Bilder vom Temperament der jeweiligen Autorin geprägt, Puschkins Gestalt formiert sich also im Blick der Rezipientinnen; ich, der begeisterte Leser der Essays, ertappte mich bei dem Gedanken, dass nicht nur dem deutschen Leser Puschkin, aufgrund mangelnder Übersetzungen, noch gar nicht begegnet ist, sondern er auch dem russischen Muttersprachler und der Muttersprachlerin nach wir vor ein Fremder sein muss. Ein spannender und anziehender Fremder. Und hier wären wir auch wieder bei Martynovas Essay.


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