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Old Glory

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schläft ein Ding in allen Liedern


Heinrich Detering, nicht nur Literaturprofessor und Akademiepräsident, er verfasst seit seiner Jugendzeit auch Gedichte, wollte – wie er gestand – mit 15/16 Jahren so sein wie Hans Magnus Enzensberger, dann wie Günter Eich. Längst gehört er als Institution zum Lyrischen Quartett, und er hat seit 1978 bereits vier eigene Gedichtbände herausgebracht: „Zeichensprache“, „Schwebstoffe“, „Wrist“ und zuletzt (2012) „Old Glory“, ersterer im Verlag Landesverband Lippe, die anderen drei im Göttinger Wallstein-Verlag, der auch seine wissenschaftlichen Arbeiten ediert.
Es war Maria Gazzettis letzte Veranstaltung im Lyrik Kabinett, bevor sie nun ihre Stelle als Direktorin des deutschen Museums „Casa di Goethe“ in Rom antritt. Hans Magnus Enzensberger hörte den Gedichten aus „Old Glory“ freundlich zu, lachte gelegentlich und führte mit Detering zwischen den einzelnen Passagen ein Gespräch.
Die Old-Glory-Lyrik, erklärte der Autor, haben drei „sounds“, es gebe nämlich solche mit Reimen, dann die ohne Reime, und schließlich jene ohne Reime, aber mit gezählten Silben. Hier eins mit Reimen:


Ruhe

zum letzten Verschlag
gelassen trabend
lob ich den Tag
kurz vor dem Abend

keines Menschen Antipode
keine Regel kein Verstoß
keines Liedes Gegenode
tatenarm gedankenlos

nichts dem Widrigen erwidern
bist du müde geh zur Ruh
schläft ein Ding in allen Liedern
da ruhst auch du*                                    

(Old Glory, S. 54)

                                                                                         














*  Bei Eichendorff:
          
Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Enzensberger erwähnt die Kürze, die Lakonie der Gedichte, die Sparsamkeit ihrer Effekte, die versteckten Resonanzen, nennt sie „Echoräume“ – wie bei einem „Radiokopf“, sei alles „aufgenommen“, zum Teil mit „Heine’scher Frechheit“. Es gebe diverse Töne, auch Märchentöne, diskret alles angetippt. Das Problem, das Enzensberger sieht, zumal gewisse Gedichte mit Fußnoten versehen sind, um Personen zu erklären: die Reichweite dieser Assoziationen und Referenzen. Dann lacht er und sagt: Ein Nichtwissender sei unfair dran. Enzensberger zieht den Vergleich zu Brecht, was Detering gern hört, und sagt, Brechts „Zwiebelmethode“ sei da besser. Denn die äußere Schale bei Brecht sei für alle, auch die Unwissenden, auch die Ignoranten.
Dann unterhalten sich die beiden über ein zu viel an „Mitbringen-Müssen“ als Methode. Detering ist ein Vielwisser, das ist klar, schon aus Profession. Und gegen diese, die Neigung zur Philologie, der er „fröne“, könne er „gar nichts machen“, lenkt er ein. Außerdem seien beim Schreiben viele Stimmen in seinem Kopf. Enzensberger nennt ihn einen „Polyphonen“.
Dann die Amerika-Gedichte, Bob Dylan, Chuck Berry. Man habe es zugleich mit einem transatlantischen Dichter zu tun, sagt Enzensberger. Und man einigt sich darauf, dass beide eine Vorliebe für Bob Dylan haben, „der eine mehr, der andere weniger“.
Schließlich fragt Detering, ob Literaturprofessoren Gedichte schreiben dürfen? Früher war das ja verpönt, obwohl umgekehrt Dichter in der Literaturwissenschaft zum Teil mit ihren Essays immer schon als Referenz gegolten haben, Beispiel Ingeborg Bachmann, Umberto Eco.
Wo denn das Problem gewesen war, weicht Enzensberger aus. Allerdings gelte es als nicht besonders schicklich in Deutschland, wenn man als Wissenschaftler, ja überhaupt in seiner Profession, zu gut schreiben könne. Beispiel Peter Sloterdijk, der als Philosoph sanktioniert und nicht voll unter seinesgleichen anerkannt werde.
Das Publikum liebte den Abend. Das allein verlangt Respekt. Zumal man Heinrich Detering in jeder Faser ansieht, wie sehr er für die Literatur lebt und in Lyrik verliebt ist.

KK


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