Oksana Maksymchuk: Tagebuch einer Invasion
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Monika Vasik
Oksana Maksymchuk: Tagebuch einer Invasion. Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Matthias Kniep. Mit einem Nachwort von Ilya Kaminsky. München (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) 2025. 120 Seiten. 24,00 Euro.
„den Zeitläuften zugewandt / nackt“
Wenn wir Hoffnung saugen –ein Strohhalm in bitterer See,die keine Worte fassen,kein Mund auszusprechen wagt
Die ukrainisch-amerikanische Dichterin, Philosophin und
Übersetzerin Oksana Maksymchuk veröffentlichte 2024 ihren dritten Lyrikband Still City zunächst in Groß-britannien,
wenige Monate später dann auch in den USA. Er war 2025 sowohl für den Griffin
Poetry Prize als auch für den PEN/Voelcker Award for Poetry nominiert. Nun
liegt er in deutscher Sprache vor, übersetzt von Matthias Kniep. Die britische
Ausgabe trägt den Subtitel Diary of an
Invasion. Interessant ist, dass der Hanser Verlag entschieden hat, diesen
als alleinigen Titel der deutschsprachigen Ausgabe zu wählen. Still City, mit „Stille Stadt“
übersetzt, ließe eine Ruhe vor dem Sturm oder die mögliche Auslöschung
anklingen, doch überträgt man es mit „Immer noch Stadt“, würde in einem Buch,
das den Ukraine-Krieg thematisiert, Resilienz und beharrliche Widerständigkeit
bereits im Titel mitschwingen.
Oksana Maksymchuk ist derzeit Lyrik-Stipendiatin in der
Villa Waldberta in der Nähe von München. Sie wurde in Lwiw geboren, hat ihre
Kindheit und frühe Jugend in der Ukraine verbracht. Seit langem lebt sie
allerdings in den USA, wo sie in antiker Philosophie promovierte und an einer
Universität lehrt. Gleichwohl hält sie sich immer wieder in der Ukraine auf.
Sie hat zwei Gedichtbände in ihrer Muttersprache veröffentlicht, entschied sich
diesmal aber beim Schreiben für einen Wechsel ins amerikanische Englisch, um
sich für ihre Chronik von der nahegehenden Gewalt in ihrer ukrainischen Heimat
zeitweise distanzieren und die Kriegsereignisse mit „einer freieren,
ausgeglicheneren Stimme“ zur Sprache bringen zu können, wie wir im Nachwort von
Ilya Kaminsky erfahren. Ihr Sprechen über den Krieg war auch von Zweifeln
begleitet:
Sag mir, Muse, müssen wirdarüber ein Gedicht verfassen? Wieüberhaupt beginnen?
Die Vorgeschichte des seit vier Jahren herr-schenden Kriegs
in der Ukraine, ist bekannt. 2014 annektierte Russland die ukrainische
Halbinsel Krim und unterstützte mit eigenen Truppen Ein-heiten bewaffneter
prorussischer Milizen im ost-ukrainischen Donbass. Am 24. Februar 2022 starte-te
der russische Versuch einer Invasion der ganzen Ukraine. Ziel war, die
Regierung zu stürzen und durch ein prorussisches Regime zu ersetzen, ero-berte
Gebiete Russland anzugliedern und sie zu russifizieren.
Maksymchuks lyrische Chronik dieses langen Ausnahmezustandes
setzt irgendwann im Jahr 2021 ein und endet vor Veröffentlichung des Buchs
2024. Dass der Zeitraum dieses Tagebuchs, dessen Kennzeichen zeitliche
Linearität ist, nicht genauer festgemacht werden kann, liegt an zwei Spezifika,
nämlich dem Fehlen von Datumsangaben und dass es, sieht man von vereinzelten
Ausnahmen wie „Silvester“, „Heiligabend“ oder „Schnee-engel“ ab, kaum Hinweise
auf Monate oder Jahreszeiten gibt. Dieser Kunstgriff erlaubt es, den konkreten
Krieg in einem universelleren Sinn zu begreifen, der für alle Kriege und
kriegerischen Auseinandersetzungen in ähnlicher Weise zutrifft, seien es jene
in der Ukraine, im Nahen Osten, in Asien oder in Afrika. Was bedeutet Krieg?
Welche Aus-wirkungen hat er auf die Zivilbevölkerung, die den Kampf nicht
begonnen hat und ihn nicht beenden kann, die Geschehnisse aber erleben,
ertragen, den gewaltvollen Alltag irgendwie aushalten und mit ständiger Angst
umgehen muss? Und welche physischen und psychischen Folgen haben die
fortwährenden Traumata nicht zuletzt für die Kinder?
Als Ausgangsmaterial diente der Dichterin eine Vielzahl von
Quellen. Neben Nach-richten, eigenem Erleben und Berichten von Augenzeugen
schöpfte sie aus Bild-materialien, etwa Fotos, Screenshots, Videos und Drohnenaufnahmen, vor allem aber aus
Beiträgen in den Sozialen Medien, worauf bereits Gedichttitel wie Scrollen in der Timeline, Algorithmus-Schmelze oder Unbestätigtes Filmmaterial hinweisen.
Als Bezugs-rahmen dienen zudem die antike Mythologie und die Philosophie, was
die Texte um eine geschichtsbewusste Dimension erweitert.
Doch welchen Wert hat und welchen behält Kultur in finsteren
Zeiten? Welche Bedeu-tung haben etwa „Verse von Mandelstam“, welche das eigene
Schreiben, „diese Worte – / für wen“ und wozu? Die Dichterin weiß,
Schlachter und Tyrannen –auch sie sind vertraut mit Poesiepflegen Umgang mit Gedichten
Wie kann sie heute vom Krieg erzählen, wie Barbarei in einem
Gedicht begreiflich machen, ohne diese bloß mit Worten abzubilden? Die
Dichterin wählte den Weg der größtmöglichen Reduktion in ihrem
... Akt des Übersetzenszwischen Zunge undSprache, Auge undBildschirm, Herz undHand, zwischen deinemEntsetzen und meinem Ungenügen
beim Versuch, „eine Sprache zu weben / aus all den Dingen“,
die verdichtenswert sind. Ihre meist strophig gegliederten Gedichte sind selten
mehr als eine Seite lang, denn „[w]eniger Dinge misslingen / in weniger
Zeilen“, und sie sind sparsam mit der Inter-punktion. Die Sprache der Dichterin
ist klar, einfach und von hoher Präzision. Vor allem aber dimmt sie alle
Emotionen herunter, bleibt nüchtern, voll Lakonie und auch ange-sichts der
Beschreibung von Gräueltaten ohne Effekthascherei oder Pathos. Es klingt wie
ein Mantra, wenn sie schreibt:
Bleib klein, Gedichtscharfsinnig und subtil wie ein Zauberspruch
Ihr Tagebuch einer
Invasion beginnt einige Monate vor der russischen Invasion. Es herrscht die
bange Erwartung einer drohenden Katastrophe. In der Ukraine weiß man, dass
alle „[g]efangen in der Absicht / eines anderen“ sind, weiß auch, was im
Donbass geschah und fürchtet die drohende russische Besatzung. Man versucht,
sich vorzu-bereiten, überlegt Fluchtmöglichkeiten und Überlebenschancen, googelt
Nachrichten, packt Notfalltaschen und –koffer, erkundet Zufluchtsorte. Aber
wann ist der richtige Zeitpunkt zu gehen? Was nimmt man mit, was lässt man
zurück? Wie kommt die „Seele ins Gleichgewicht“, wenn die Gegenwart sich
verändert? Trotz alarmierender Nach-richten bleiben der Krieg, die Gewalt und
drohende Verluste im Friedensalltag kaum vorstellbar. Allmählich aber hält das
Vokabular des Krieges Einzug, Angst, Zweifel, auch Trauer, Wut und Erschöpfung
mehren sich, die Machtlosigkeit wird konkret:
Kannst du dich verstecken vor dem Kriegin einem Kleiderschrank?In Deckung gehen vor einem Panzerin einem Bücherregal?Schützt ein Lied dich,wenn die Decke stürzt?
Kann eine Metapher dich aufspürenim Schutt?
Luftschutzsirenen heulen. Es gibt Schusswechsel,
Luftangriffe und Bomben, Explosionen und Feuersbrünste, Raketen finden ihre
Ziele, Lichter erlöschen, Fenster bersten, Wände stürzen ein, Menschen werden
vernichtet. Auch große Dichtung kann nichts davon rückgängig machen. Aber sie
vermag Zeugnis abzulegen von der Wirklichkeit des Kriegs, von Bestialität und
Menschlichkeit in einem Alltag voller Gewalt. Und sie kann dies so wahrhaftig
wie eindringlich tun und Resonanz erzeugen – so wie die Texte dieses ein-drücklichen
Lyrikbands, der auch in die Lyrikempfehlungen 2026 aufgenommen wurde.
Beispielhaft eines der Gedichte, das einen Angriff auf eine zivile Einrichtung
und damit ein Kriegsverbrechen aufgreift:
Rakete im RaumWas die Rakete gemeinsam hatmit dem Raum voller Kinderist ihr gegenwärtiger Standortjemand dachte die Raketegehöre in den Raum mit den Kindernund jetzt ist sie da
mit der Zeitwird jemand anderes kommenund die Einzelteile einsammelnvon der Rakete von den Kindernwird weinen und Flüchein den Himmel schreien
aber momentansind diese Rakete und diese Kindereine ungeordnete Angelegenheitein Puzzledas auf seine Lösung wartet