Norman Franke: Vox Humana - drei Episoden aus dem Leben der Aucklander Town Hall Orgel
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Norman Franke
Vox Humana -
drei Episoden aus dem Leben der Aucklander
Town Hall Orgel
I.
Am 13. Dezember 1911 betrat ein
Fuhrmann und sein humpelnder Gehilfe aus Karekare den Großen Konzertsaal des
Aucklander Rathauses. Sie hatten eine Ladung Palmenwedel abgeladen, die sie für
die am nächsten Tag stattfindende Einweihung des Rathauses an die Wände banden.
Sie tranken ihren Morning Tea auf leeren Holzkisten, denen Norman & Beard,
Norwich eingebrannt war, als der Organist Land of Hope and Glory intonierte,
seine Morgenübung für das Eröffnungskonzerts des nächsten Tages.
Nikau, in
der Nähe des
verdammten Damms, weiter und weiter, der gesprengte Damm, der Schwall aus Wasser und
Holz, der wunderbare Lehrling, einst schön
und klug, trieb zwischen den Kauri-Stämmen, sein gebrochener Schädel und Oberschenkelknochen wie mit einer Dampfsäge traktiert, gebrochener weißer Renaissance-Stein aus Oamaru, der Arzt, ein guter Knochensetzer, der A General System of Surgery konsultiert und nur 2 Schilling verlangt, und der
Medizinmann, kostenlos,
Kōauau spielend. Durch ihre gemeinsame
Anstrengung bekam Rawiri
sein Bewusstsein zurück, aber nur einen Teil seines Verstandes
und Gehvermögens.
II.
Als ob
Musik – die fortschreitend Widersprüche auflöst
– nicht mächtig genug wäre, die Menschen erfahren
zu lassen, dass sich
Gesellschaften wandeln und dass unterschiedliche, leidenschaftliche
Stimmen zum selben Ziel beitragen und Differenzen
aufheben können. Duprés Magnificat zum
Beispiel, der Lukanische Mariengesang: Er
stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Legt
man den Studierenden nur diese Zeile vor, glauben viele, sie stamme
von Marx. Und doch steht sie am Beginn des größten
metaphysischen Anspruchs aller Zeiten. Orgel, Organ
– seltsames Wort
eigentlich, das an Eingeweide, Schwänze, den Solarplexus erinnert. Codas: Ekstase im bürgerlichen Frack. Ist Harmonie eine Fibonacci-Funktion? Und wenn diese Urknall-Theorie stimmt: Wo genau passt da die Musik
hinein, wie fügt sich die
Revolution in die Entwicklung des Kosmos? Man wird mich hier niemals befördern; sie sind zu salbungsvoll-liberal, um offen auszusprechen, was sie denken –
nämlich dass ich eine gottlose Anarchistin
bin.
Oktober
1970. Rebecca spielte Kozmic Blues und Dupré als Beispiele.
Sie war eingeladen worden, mit Studierenden der Philosophie und Musik sowie
Kollegen des Auckland University College über den Zusammenhang von Kunst, Geschichte und Revolution
zu diskutieren. Ihr einziges und nachhaltiges Argument blieb
das Vorspielen. War die Renovierung der Orgel es wirklich wert gewesen? 72 000 Dollar an George Croft & Son, um viertausend
Pfeifen auszutauschen und den Klang zu veredeln, wenn
nicht umzuwandeln? Hätte man das Geld stattdessen
bedürftigen Musikstudierenden
geben sollen? Für die
Erforschung besserer Prothesen für Vietnam-Veteranen? Für kinderreiche
Familien in Papatoetoe? Das Orgelgehäuse klapperte nicht mehr. Sie murmelte vor sich hin; sie
brachte es nicht über sich,
Ja oder Nein zu sagen.
Und fragte sich, ob es an der Zeit wäre, einem älteren Freund nach Wilderland zu folgen, um dort über den Urknall, Dupré und die Revolution zu
meditieren. An diesem seltsamen und wunderbaren Ort im Virgo-Superhaufen, der
Erde genannt wird. Der Freund, der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte, hatte ihr die Geschichte einer siebzehnjährigen Compañera erzählt,
die in aller Eile unter einem Olivenbaum beigesetzt worden war. Es hieß, sie sei schwanger gewesen. Das
Singen der Internationale musste vorzeitig abgebrochen werden, da sie unter
Beschuss gerieten.
III.
Eine alte Leipziger Freundin
emailte, ganz post-ironisch, wie sie schrieb, sie beneide uns. Beim Anschauen
alter Reisephotos (Nikau Grove in Goldie Bush, Aoraki, das eindringliche Bild
dieses Fuhrmanns, der spät im Leben noch das Orgelspiel erlernte) sei ihr
eingefallen, schon Nostradamus habe einen großen Atomkrieg für das 21.
Jahrhundert vorausgesagt (nicht dass sie wirklich an solchen Esoterik-Pop
glaube). Aber wir, auf den Inseln der Seligen (sie schrieb es ohne Anführungszeichen),
blieben vielleicht als einzige verschont, und es sei dann an uns, Musik und
Ideen aller Zeiten und Breiten aufzuheben. Sogar die alte Leipziger
Gewandhaus-Akustik, den Klangraum der sublimen Schuhschachtel, hätten wir ja
noch. Und in der Konzerthalle des Aucklander Rathauses mit der postmodernen Klais-Orgel die poetischen Register
aller möglichen verlorenen Welten. Andererseits: der Fallout… Sie wünsche uns allen
so sehr, dass die Registerpoesie
(sie hatte die Bezeichnungen gegoogelt und die schönsten zusammengestellt)
vielleicht nicht für immer, aber wenigstens erst mal für weitere 12
Generationen bestehen bliebe…
Gravissima, Double Open
Wood, Bourdon, Salicional, Contra Posaune, Ophicleide, Clarion; Unda Maris,
Voix Celeste, Echo Dulciana, Gemshorn,
Piccolo, Cor Anglais, Corno di Bassetto; Double Open Diapason, Wald Flute,
Superoctave, Seventeenth, Sharp Mixture; Vox Angelica, Lieblich Gedeckt,
Nazard, Furniture, Clarion; Flûte Harmonique, Kōauau, Viola Celeste, Pūkāea,
Tuba Mirabilis, Vox Humana
Dr.
Norman P. Franke ist ein deutsch-neuseeländischer Dichter, Filmemacher und
Literaturwissenschaftler. Er ist Mitglied des neuseeländischen PEN und hat zahlreiche
kulturwissenschaftliche Veröffentlichungen zur deutschsprachigen Exilliteratur
(Albert und Eduard Einstein, Else Lasker-Schüler, Stefan Zweig) sowie
Ökopoetik veröffentlicht. Lyrik auf Deutsch und Englisch in Anthologien und
im Rundfunk im Südpazifik, in Europa und Nordamerika.
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