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Norbert Lange: Unter Orangen (2)

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Astrid Nischkauer

Norbert Lange: Unter Orangen. Gedichte. Heidelberg (Verlag Das Wunderhorn) 2021. 116 Seiten. 20,00 Euro.

die Blume im Knopfloch einer Orange


Lieber Norbert,

erinnerst Du Dich noch an mich? Ich habe mich wohl in etwas
verfangen, das meinen Verstand übersteigt. […]
Es könnte mich genauso gut nie gegeben haben.
Ich traue mich nicht, in meiner Wohnung nachzuschauen, bleibe
vor dem Haus im Schatten wie irgendein bescheuerter Sam Spade.
Manchmal bemerke ich eine Gestalt an meinem Fenster und wüsste
gern, ob es mich da oben gibt? Sind die Gedichte dort allein oder mit
jemandem zusammen? […] Das da oben bist nicht zufällig
Du? […]
Alles Liebe
Jack

„Unter Orangen“ von Norbert Lange ist in drei Teile unterteilt, wobei der erste und der dritte zusammengehören und eine Klammer bilden. Der Mittelteil, „[Gesammelte Orangen]“, versammelt die titelgebenden Orangen [1] bis [33] sowie dazwischen eingeschoben drei „Aufzeichnungen des Parasiten“. Der erste Abschnitt des Buches, „[Orpheus-Dossier]“ betitelt, enthält Übersetzungen von Gedichten Jack Spicers, in denen es um Orpheus geht.

Einem Dummkopf ist es leicht, ins Meer zu steigen,
Doch eine Göttin muss man sein,
Um wieder an den Strand zu finden.
Was für Meere gilt, das gilt noch mehr
Für Labyrinthe und Gedichte. Gehst du Baden
In reißenden Reimesfluten, dem Seegras der Metaphern,
Solltest du ein guter Schwimmer oder eine Göttin sein,
Um wieder an den Strand zu finden. […]

Auf Englisch lautet das Gedicht Jack Spicers wie folgt:  

Any fool can get into an ocean
But it takes a Goddess
To get out of one.
What’s true of oceans is true, of course,
Of labyrinths and poems. When you start swimming
Through riptide of rhythms and the metaphor’s seaweed
You need to be a good swimmer or a born Goddess
To get back out of them [...]

https://www.poetryfoundation.org/poetrymagazine/poems/51258/any-fool-can-get-into-an-ocean-

Im dritten und abschließenden Abschnitt, „[»Remember, please don’t talk about me when I’m gone«]“, erhält dann ein gewisser Norbert Briefe eines gewissen Jacks. Norbert Lange ist 1978 geboren, Jack Spicer lebte von 1925 bis 1965. Wir haben es daher hier wohl mit fiktiven Briefen aus dem Jenseits zu tun, in denen Jack zur Sprache bringt, was im ersten Abschnitt passiert ist: „Aber vielleicht hast Du schon etwas davon gespürt, als Du meine Gedichte zu Deinen machtest?“ Im ersten Teil lässt sich die Tatsache, dass wir es hier mit Übersetzungen von Gedichten Jack Spicers und keinen Originalen von Norbert Lange zu tun haben, nämlich relativ leicht überlesen, was durchaus beabsichtigt ist. Ein Hinweis ist im Untertitel des Kapitels zu finden, der da lautet: „Die Geschichte von Orpheus, nach einem Bericht Jack Spicers, aufgeschrieben von Norbert Lange“. Und im Anhang wird angeführt, dass es sich um Übersetzungen und Bearbeitungen von Gedichten Jack Spicers handelt. Im letzten Abschnitt von „Unter Orangen“, also bei den Briefen von Jack an Norbert, wird die Übersetzungsfrage dann auf der Inhaltsebene verhandelt:

Danke für die Auswahl und Übersetzung meiner Gedichte! Ich bin
gerührt. […] Wenn ich richtig sehe, hast Du bei der Übersetzung Dir einige
Freiheiten genommen. Größtenteils gefallen mir die Änderungen.
Mich in Deiner Sprache zu lesen, kommt mir sehr entgegen. Ich
fühle mich an mich erinnert, als ich jung und noch ein Dichter und
am Leben war.

Das Literaturverzeichnis im Anhang bleibt an dieser Stelle allerdings der Fiktion des Textes treu, sagt nichts darüber, dass auch die Briefe Übersetzungen sind, und gibt stattdessen vor, dass wir es hier mit tatsächlichen Briefen zu tun haben, die Norbert Lange erhalten habe: „Die Briefe […] erreichten mich zwischen September 2019 und Juli 2020. Ich hoffe, Jack geht es inzwischen besser.“ Doch auch dieser Abschnitt besteht zumindest teilweise aus Übersetzungen und Nachdichtungen. Zum Vergleich Jack Spicer:

Bohemia is a dreadful, wonderful place. It is full of hideous people and beautiful poetry.
It is a hell full of windows into heaven. It would be wrong of me to drag a person I love
into such a place against his will. Unless you walk into it freely, and with open despairing eyes, you can't even see the windows. And yet I can't leave Bohemia myself to come to
you—Bohemia is inside of me, in a sense is me, was the price I paid, the oath I signed to write poetry.

I think that someday you'll enter Bohemia—not for me (I'm not worth the price, no
human being is), but for poetry—to see the windows and maybe blast a few yourself through the rocks of hell. I'll be there waiting for you, my arms open to receive you.

https://www.poetryfoundation.org/poetrymagazine/poems/51261/letter-to-gary-bottone

Und die entsprechende Stelle in „Unter Orangen“:

Solltest Du noch Zeit finden, bevor Du abfliegst, komm gern vorbei
in Ma Bohème. Meine Mansarde ist ein schrecklichschöner Ort. Es
gibt grässliche Leute und Poesie. Überall ist es eine Hölle mit Fens-
tern, durch die man den Himmel sehen kann. Kein Mensch würde
jemanden dort gegen seinen Willen hinschleifen. Hinkommen musst
Du schon selber und vor Verzweiflung große Augen machen. Sonst
sieht man nicht mal die Fenster. Ich kann Böhmen nicht verlassen.
Es steckt zu tief in mir. Ich bin es möglicherweise selbst. Ich habe
es verdient, weil ich ein Dichter war. Ich glaube daran, dass auch Du
irgendwann in Böhmen landen wirst. Nicht meinetwegen, doch um
der Gedichte wegen, um durch die Fenster zu schauen oder selbst
ein paar in die Höhlenwände zu kratzen. Ich werde hier sein und
warte auf Dich. Schreib mir, wenn Du kannst.

„Unter Orangen“ ist damit nicht nur ein Buch für Norbert Lange- sondern ebenso für Jack Spicer-Fans und all jene, die das eine und/oder andere noch werden wollen.
      Und es ist ein ebenso verrücktes wie grenzwertiges Buch, dem es gerade dadurch gelingt, scheinbar klar gezogene Grenzen wie die zwischen Übersetzung und Original infrage zu stellen und neu zu verhandeln. Die Klammer, dass im ersten Abschnitt zuerst Orpheus thematisiert wird und wir dann im dritten Abschnitt Briefe aus der Hölle, bzw. aus „Hellifornia“ eines Zeugen von Orpheus‘ Besuch in der Unterwelt vor uns haben, ist an sich schon einmal ziemlich genial. Und auch sonst ist, was Norbert Lange da wagt, sehr mutig und genau den Nerv der Frage treffend, was eine gute Übersetzung können und sein soll und darf.

Denn er übersetzt nicht nur Gedichte und Texte in Briefform von Jack Spicer, sondern auch das dahinterstehende Schreib- und Denkkonzept. Damit könnte man Norbert Langes Arbeit als „angewandte Übersetzung“ bezeichnen, die nicht nur die Worte übersetzt, sondern auch die Theorien und Fiktionen, die dahinterstehen, mit den eigenen Mitteln umsetzt. Denn Jack Spicer vertrat die Theorie, dass seine Texte nicht von ihm seien, sondern ihm diktiert worden wären, sei das jetzt von Toten, Parasiten oder von Marsmännchen. Aber vielleicht lassen wir „Jack“ selbst erklären, wie er das so sieht:

Damals habe ich mich noch getraut, Federico García
Lorca Briefe zu schreiben, und übersetzte ein paar seiner Gedichte.
Es war in brandyweichen Nächten, dass ich ihm meine Hände gab.
Und er durfte mit ihnen anstellen, was ihm gefiel. Aye, wie liebte ich
die Parasiten und ihr Verständnis der Sprache. Wie es sich veränderte,
wenn sie mir erlaubten, auf das Papier zu schreiben, um Gedichten
das Leben zu schenken, so hell wie Buntstiftfarben. […] Wie dankbar ich den
Toten war, die mit mir durch mich gesprochen haben. […]
In meinem Buch »After Lorca« habe ich sogar Lorca-Gedichte ver-
öffentlicht, die bis dahin unbekannt waren, weil wir sie gemeinsam
schrieben. […] Wie lange brauchte ich, bis ich
mir vorstellen konnte, wie es sein muss, sich aus dem Korsett der
Toten herauszuschälen und auszubreiten in einem Lebenden, einem
Lesenden. Stell Dir die Befreiung vor, die überwältigende Gelassen-
heit, auf seinen Körper verzichtet zu haben und sich nun so strecken
zu können, wie  man immer wollte. Schon mit wenigen Wörtern hängt
man in den Ohren anderer, schaut durch ihre Köpfe und vergnügt sich
zwischen ihren Lippen, auf ihren Zungen. Ich wünschte, Du könntest
das erleben.
Aber vielleicht hast Du schon etwas davon gespürt, als Du meine
Gedichte zu Deinen machtest? Die Gedichte sind unser Projekt
und Baby, unser kleines Geheimnis.
                                      
Ist einem die Vorstellung zu gruselig, dass wir beim Lesen und Übersetzen tote Dichter gewissermaßen an (unserem) Leben teilhaben lassen, so rufe man sich in Erinnerung, dass Norbert Lange sich in seinem Schreiben auch insbesondere durch Witz und (Galgen-)Humor auszeichnet. Vor allem im zweiten Abschnitt zu den Orangen lässt sich vieles als Literaturbetrieb-Satire lesen: „Was stehst du da, als wolltest du wegradiert werden oder einen Preis erhalten! Immer noch zu viel Grammatik, hmm?“ Oder auch: „Mit unter den Arm geklemmten Manuskripten und im Raum scharrenden Blicken wirkten sie wie eine Buchtanzgruppe auf der Suche nach einem Kritiker.“

Das Buch „After Lorca“ von Jack Spicer gibt es übrigens tatsächlich (San Francisco: White Rabbit Press, 1957) und darin enthalten sind sowohl Übersetzungen der Gedichte von Federico García Lorca ins Englische, als auch Gedichte von Spicer im Stil von Lorca, die aber nicht als eigene Gedichte, sondern ebenfalls als Übersetzungen ausgegeben werden. Also in gewisser Hinsicht das Umgekehrte von dem, was Norbert Lange mit „Unter Orangen“ macht, wenn er nun komplementär dazu Übersetzungen als Eigenes ausgibt. Neben Gedichten enthält „After Lorca“ auch Briefe an Lorca und ein Vorwort von Federico García Lorca höchstpersönlich: 20 Jahre nach (!) seinem Tod aus seinem Grab heraus verfasst. Damit ist es auch völlig klar und logisch, dass auch Jack Spicer sich nun in „Unter Orangen“ ebenfalls aus dem Jenseits zu Wort meldet. Während Lorca in seinem Grab noch einigermaßen pikiert darüber war, was Jack Spicer in „After Lorca“ da mit seinen Gedichten gemacht hatte, ist der tote Jack Spicer wiederum sehr glücklich mit dem, was Norbert Lange in „Unter Orangen“ gemacht hat, weil es in seinem Sinne ist und Norbert Lange genau das macht, was auch er damals gemacht hat.

Und was ist nun mit den titelgebenden Orangen? – „Gesammelte Orangen“ sind ein Kapitel für sich, genauer gesagt das mittlere von dreien in „Unter Orangen“, und sie gäben Stoff genug für eine eigene Rezension her. Aber noch besser wäre, wenn man stattdessen einfach lieber gleich das Buch zur Hand nimmt, um sich selbst ein Bild davon zu machen:

Und stolpernd von einer
semantischen Wurzel zur nächsten, manchmal mit geschickten
Haken, doch oft bei meinem Lauf erhascht von den Furien der
Tautologie, […]


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