Norbert Lange: Errata
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Kristian Kühn
Norbert Lange: Errata. Schönebeck (Moloko Print 256) 2026. 198 Seiten. 24.00 Euro.
Siebte Zeile von oben: Lorini
Auf die Überschrift komme ich gleich. Beginnen möchte ich aber
mit einem Zitat von Michael Lentz aus seiner Sammlung eigener Poetikvorlesungen
in Frankfurt ("Atmen Ordnung Abgrund", S. 119): „Der Abgrund der Unordnung wartet
jedoch lammheimlich bereits am Anfang der Notiz:“ Mit anderen Worten, wer die
Ordnung berührt, nähert sich bereits ihrem Abgrund, der Unordnung. Da ich jetzt
nicht erkläre, wer Lamm ist und warum Lentz diesen Erzählernamen für einen Verfasser
gebraucht, haben wir die Ausgangslage ähnlich von Errata-Zetteln, die nicht
mehr in den ihnen zugehörigen Büchern stecken, sondern die Welt für sich allein
erklären müssen.
Ordnung und teilnehmende Beobachtung schließen sich beinahe
aus. Natürlich könnte man stapelweise Bücher nach losen Errata-Beilagen
durchforsten, bis sich Indizien ihrer Zugehörigkeit finden lassen, etwa, wer
Lorini war, in welchem Buch der Name erwähnt wird – laut google kommen einige
Personen dafür in Frage.
Norbert Lange, der den Errata-Band bei Moloko Print dieses Jahr herausgebracht hat, als handle es sich um seinen neusten Gedichtband, berichtet im Vorwort aus seiner Beschäftigung als Antiquariatsmitarbeiter über das Eintreffen von Beständen aus Universitätsbibliotheken und von Privatpersonen. Die Posten wurden gesammelt und mit Nummern versehen. Der Umfang eines angekauften Postens variierte, sagt er, dabei zwischen zehn und mehreren hundert Kisten. Errata und Corrigenda waren eingeklebt oder hingen lose zwischen den Buchseiten.
Zumal Bücher, denen man sich jahrelang nicht widme, in ihrem Umfeld eine gewisse Feindseligkeit verspüren lassen, habe ein Antiquariat quasi die Aufgabe von Trauerarbeit, um keine Totengräberstimmung zwischen den Zeilen aufkommen zu lassen. Den Errata-Beipackzetteln teilt er dabei eine gewisse Brückenfunktion zu, als gehörten diese zur Totenrede der Beerdigung. Über heimatlose Korrigenda vermutet er, auch wenn das unwahrscheinlich ist: „Die Bücher, für die sie gedacht waren, könnte es genauso gut nicht geben, nie gegeben haben. // Was korrigieren sie also noch?“
Es galt demnach, sie „als Untexte zu rezipieren, als Texte, die im Grunde für sich existierten und fortbestanden, lang nach dem Tod ihrer Bücher und Vorbesitzer.“ (S. 12) Und so wäre ein Vergleich mit Gedichten, finde auch ich, durchaus zulässig, auch wenn jene beim Lesen, ohne Kenntnis der Hintergründe, zu einem Ratespiel (wie so manches Gedicht) führen, bis man glaubt, den Schlüssel oder Dietrich für sie gefunden zu haben: „Sie selbst aber blieben gleichgültig wie Gedichte. Sie waren so gesehen Zen und ließen es auf die eine oder andere Lektüre ankommen.“ (S. 13)
Norbert Lange hatte schon immer einen gewissen Schalk und Humor, etwa wenn er sich mit Dada beschäftigte, oder man denke an seine Dummkopfelegien oder Lochkartengedichte oder gerasterten Überschreibungen. Die romantische Idee (Maxime) des sich fortlaufenden Weiterschreibens, dass selbst die letzten Krümel noch einen Fortbestand der Kultur sichern, dass selbst die Aphasie noch einen Sinn in sich birgt. Zumindest ein Nachschürfen sich lohnt, ganz humanistisch, das hat er wohl von Charles Olson und dessen Schule, die er sehr schätzt, ferner von Amerikanern wie Charles Bernstein und Jerome Rothenberg, die er als Freund bis heute immer wieder - neben anderen, etwa Veronica Forrest-Thomson - übersetzt hat.
An Dada liebt er das leicht Scherzhafte, das Epigrammatische, die Spotteffekte, die Möglichkeit angeregter Kombinationskraft. Demnach auch Buchstabengedichte, Figuren, Themenschleifen, unscharf überlagerter Druck als poetische Varianten, Schlieren, Schleifen.
Und dennoch: auch der Errata-Band hat – würde man sie ihm in der Collage zuweisen – eine gewisse Ordnung. Denn ohne Sinn wären wir geliefert. Und so beginnt die Aufteilung seines Bandes mit der ersten Lieferung, den Thesen, die losgelöst vom Hintergrund ihrer Bücher wie konkrete Poesie wirken, wie Listengedichte:
Thesen
These I 13f. 23. 33. 36. 41. 46. 52f. 55. 57 f
These II 13-15. 25. 39-31. 33. 36. 41f. 46 f. 52f. 55. 58f
These III 13. 16. 23. 31. 33f. 36. 42f. 47. 52f. 55. 59f
These IV 15-17. 31. 36. 40. 44. 47. 52. 55. 60f
These V 15. 17f. 21. 23f. 28. 34f. 38. 46f. 52. 55. 61-63
These VI 18. 23f. 26f. 29-31. 35f. 55f. 63
(S. 26)
Beruhigend, dass sich zwischen 1 (der schöpferischen Kraft) und 63 (Nach der Vollendung) auf dem Errata-Zettel eine gewisse Orakelhaftigkeit von I Ging-Beschaffenheit bei Thesen und Welt nicht abstreiten lässt, vorausgesetzt, man akzeptiert, dass die Zahl 64 (Vor der Vollendung) außer Kraft bleibt.
Die zweite Lieferung betrifft die Myosotis, das Vergissmeinicht, die dritte folgt der „Kritik“:
„Auf Seite 10 muß es nach der letzten Zeile heißen: … Gesellschaft in dieser Zeit wohl eher gesunken, wobei unterschiedliche Gründe eine …“
(S. 103)
Die vierte Lieferung ist den „Beziehungen“ gewidmet, als gälten diese noch heute:
Die ersten Zeilen auf S. 15 heißen richtig:
auch dieser Gedanke, wie man weiß, nichts weiter als ein Gedanke blieb.
Was aber den Wal selbst betrifft, so sind die Meinungen so verschieden,
daß es verschiedene Schulen gibt, die einander unerbittlich bekämpfen
und sich für die eine oder andere Meinung bis zum Blutvergießen
ereifern. Manche sagen, daß es ein gewöhnlicher Wal war, wie es ihn in
allen Weltmeeren gibt. Andere sagen, daß der Wal nur ein Symbol sei,
und daß Jonas in Wirklichkeit in den Abgründen
(S. 164)
Manche dieser Korrekturvermerke könnte man mit der Art vergleichen, wie Einkaufszettel geschrieben sind, ihrem Charme auf ähnliche Weise anhängend. Sie sind zumeist als autonome Schöpfung, im Aufbau ihrer Form nach, ein Gedicht, zum Teil auch der literarischen Form von Überschreibungen folgend. Die Frage nach einer Echtheit von Korrekturbögen, losgelöst vom Hintergrund, auf den sie sich beziehen, stellt sich nicht, bilden sie doch einen fakehaften eigenen Kosmos, ohnehin überwiegt ihr selbständiger Humor, der im Kampf gegen vermeintliche Sinnlosigkeit sich ins Feld führen ließe – kurz: ist nicht jedes Gedicht ein Irrtum? Ist nicht jede Poesie ein Verlust?
Das Buch, perfekt von Norbert Lange gestaltet, umgesetzt von Michael Bulgrin, glänzt auch in der Präsenz seiner Illustrationen, die von Robert Schalinski stammen. Im Mittelpunkt das Symbol des Schlüssels, ein sich drehendes Schlüsselrad, alte Nähmaschinen, als handle es sich dabei um Schreibmaschinen, Fadenführung, Heftung, Zusammenhang, Gewichtung.
Im Gegensatz zum digitalen Zeitalter, hier noch der Mensch im sogenannten Steam Punk, in einer Kunstwelt, die noch Symbole kannte, sich nach diesen ausrichtete und sie zu präsentieren wusste. Sie zeigen, dass ein sich Irren Teil des alten Systems war, weil sie zu den Abläufen, Schablonen und Karussells des Analogen gehörten. Das Analoge ließe sich demnach am besten als Kette bezeichnen, als Räderwerk.
Im Digitalen gibt es diese zeitliche Abfolge gegenseitiger Wahrnehmung kaum mehr, und soll durch das Simultane, das Simulakrum, das Simulierte, ja den Fake abgeschafft werden. Auch wenn man es als künstliche Intelligenz beschriften soll, wie es heißt, bzw. juristisch muss, wenn man korrigiert. Der Fehler war letztlich die Aussage. Wir können fortan wieder auf Windmühlenflügel eindreschen. Errata sind Korrekturen der Mechanik, doch der Algorithmus hat die Mechanik für überflüssig erklärt. Wozu zwei Meinungen, wenn es nur eine Algorithmus-Steuerung gibt. Errata-Zettel sind zur Poesie geworden, zur Poesie des Verlorenen.
Norbert Lange hat sich also gar keinen Jux erlaubt, sondern darauf hingewiesen, wie sich Lyrik von Dada und verwischtem Bildgedicht zu Errata-Zetteln und Einkaufswünschen entwickelt hat.