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Nora Gomringer: Gottesanbieterin

Rezensionen/Verlage


Ulrich Schäfer-Newiger

Nora Gomringer: Gottesanbieterin. Gedichte. Dresden (Verlag Voland & Quist) 2020. 96 Seiten. 20,00 Euro

Theopoesie oder: Das lyrische Ich durch ein Steak ersetzen


Gibt man bei Google ‚Nora Gomringer, Gottesanbieterin‘ ein, fragt das Programm regelmäßig zurück: Meinst Du ‚nora gomringer, gottesanbeterin‘? Und unwillkürlich fragt man sich eine Schrecksekunde lang selbst, ob man da doch etwas Falsches eingegeben hat. Mit dieser kleinen Geschichte ist schon ein wesentliches Element der Gedichte von Nora Gomringer charakterisiert: Sie machen die Lesenden u.a. durch unerwartete Sprach- und Wortwendungen zu Fragenden, Verunsicherten. Das ist nicht die schlechteste Eigenschaft von Gedichten.
    Der schmale Band enthält neben Gomringers Texten schwarz-weiße Grafiken und Fotoarbeiten von Zara Teller. Sie stehen nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Gedichten. Es mögen bildliche, aber nicht interpretierende Assoziationen zu dem sein, was Gomringers Texte evozieren.
   ‚Gottesanbieterin‘ ist hier nicht als bloßes Wortspiel, sondern tatsächlich wörtlich gemeint. Schon einige der Gedichttitel gott/gott und toast, Jesus kommt, Gott kommt, Gott berichten oder die Kapitelüberschrift Das Buch Tim verweisen auf christliche Bezüge. Und sucht man im Netz, unbeeindruckt von der Frageformulierung des Suchprogramms, weiter, stößt man alsbald auf ein Interview der Autorin, (mit der ‚Schwäbischen Post‘) in dem sie u.a. gefragt wird: Ihr Buch heißt „Gottesanbieterin“. Warum sollten die Leser dieses Angebot annehmen? Antwort: Wie jedes Angebot, muss es, um sich entwickeln zu können, auf einer Nachfrage fußen. Mir scheint die Zeit des Nachfragens gekommen.

Es ist hier nicht die Stelle zu überprüfen, ob diese, sagen wir „Zeitdiagnose“ der Autorin, richtig ist. Die hundertausend-fachen Kirchenaustritte, die gegenwärtig beklagt werden, stehen dazu jedenfalls nicht notwendig im Widerspruch. Vielleicht ergibt sich die Antwort ja gerade aus ihren Gedichten. Hier ist vielmehr der Ort, sich, auch als getaufter, aber aus der Kirche vor Jahrzehnten ausgetretener Protestant, einzulassen auf ein Angebot einer zum Katholizismus sich bekennenden Autorin, ein Angebot, von dem ich gar nicht weiß, ob ich es haben will. Ich kenne mich nicht richtig. Kann ich ihr Angebot mit dieser meiner Haltung überhaupt annehmen und den Texten bei-kommen?

Nehmen wir als Antwortversuch gleich den ersten Text, betitelt mit „An die Neue“: Eine Frau (die Neue) wird unterrichtet über einen Mann Er isst gerne Fisch. / Du musst ihm helfen, ihn zu entgräten. Oder: Halte sein Sakko, wenn er es ablegt. Und: Sag ihm, Du liebst ihn. Und weiter: Schnall Dich in seinem Auto an und atme ruhig. Oder: Er liebt Frauen / gewöhne dich an sie! / Sie riechen gut und sind oft verträglicher als angenommen. / Das kommt mit der Verzweiflung. Schließlich: Du gehörst jetzt ihm. / Lass ihn das niemals wissen, / denn wisse: / Er vergisst alles.
    Ein Rätsel. Hohelied einer merkwürdig-unverständlichen Zugehörigkeit. Sicher ist aber: Eine bekenntnishaft-affirmative Sprache ist das nicht. Aber vielleicht voller Symbolik und Anspielungen, die sich nicht jedem Leser gleich eröffnen. Ist ein alter Playboy gemeint (aber die gibt es wegen ihrer Lächerlichkeit seit Jahrzehnten kaum mehr) oder doch schon hier gleich am Anfang Gott? Ein Gesicht hat die Bezugsperson jedenfalls nicht, einen Namen auch nicht, das weist trotz der unbewiesenen Behauptung von Hegel und Nietzsche, Gott sei tot, möglicherweise auf Gott und nicht auf einen Playboy. Oder auf beide?
     Ein anderes Gedicht: Sie aßen und tranken / am Teetisch / Am Tische war noch ein Kindersitz. / Mein Liebchen, / da hast Du gefehlt! / Du hättest so eindringlich, / mein Schätzchen, / von deiner / Abtreibung erzählt. Hier zeigt sich die Autorin als bekennende Lyrikerin, ironisch ätzend gegen Abtreibung anschreibend. Und damit gegen den, ich nenne es vereinfachend ‚Zeitgeist‘, sich stellend.
  Ironisch parodierend greift sie auch das Thema selbst auf, nämlich ‚Gott‘, indem sie ein berühmtes Gedicht ihres Vaters variiert: gott / gott und toast // toast / toast und butter // gott / und gott und butter // gott und toast und butter und // ein manufactumkatalog. Aber dieser Rhythmus mit Variation erinnert zugleich an rituell-liturgisches Sprechen und entfernt an eine Stilfigur der Psalmen, nämlich des Parallelismus membrorum (‚Parallelismus der Glieder‘ oder Vershälften). Zwei Verszeilen bilden eine zusammenhängende Versgruppe (hier jeweils: gott, toast, butter) in steigender und dann – in diesem Fall - die Steigerung brechender (ein manufactumkatalog) Kombination. Eine modern anmutendes, poetisches Sprachspiel erweist sich als Erbe eines uralten Merkmals alttestamentarischer Poesie.
   Natürlich: Als gute Christin, die die Autorin zu sein vorgibt (in 36 Versen betont sie dies in Form einer eigentümlich-positiven langen Litanei im letzten Gedicht des Bandes, betitelt mit Applaus), enthält die Sammlung auch Gedichte, die Elemente christlichen Glaubens  ausdrücklich bestätigen und bejahen. Aber auch in solchen Texten ist die Autorin poetisch modern-gegenwärtig. Ein gutes Beispiel ist das lange, komplexe, dreiteilige Gedicht Vor Arvo Pärts ‚Stabat Mater‘ zu rezitieren. Die Bezugnahme auf diese Musik aus dem Jahre 1985 ist nicht zufällig: Diese Komposition ist, wie andere Kompositionen Arvo Pärts, ein beeindruckendes Beispiel der Begegnung zwischen christlich- orthodoxem Musikverständnis und klassischer westlicher Musiktradition. Und: Ost und West seien in Pärts Werk vereint, so die überein-stimmende Sicht der Fachleute (so jedenfalls eine aktuelle Beurteilung aus katholischer Sicht von domradio.de vom 13.05.2020).
   Gomringer ändert nun aber den traditionellen Inhalt dieses mittelalterlichen, allein den Schmerz der Mutter Jesu um den Gekreuzigten wiedergebenden Text, radikal um. Aus „Schaut die Mutter voller Schmerzen“ wird ein aller Schmerz ist fort, und ihr Triptychon ein Gesang, der die Grablegung und die Widerauferstehung als positiv-freudiges Ereignis feiert. Diese Wandlung gelingt in beeindruckender Weise nicht alleine durch bloße Inhaltsänderung des Textes, sondern vor allem durch die verwendeten sprachlich-poetischen Mittel. Der erste Teil des Langgedichtes erinnert mit seinem immer sich wiederholenden Satzanfängen (Gibt den Moment des schwindenden Lichts. Gibt den Moment des schwachen Sehens … // Gibt das Letzte und den Gedanken an alles. // Gibt aus allem eine seltsame Ruhe….// Gibt im Dunkeln den Traum usw. usw.) über vier reimlose Strophen hinweg mit jeweils verschiedenen Verslängen, an ein arabisch-persisches Gasél, bis das Ganze in der letzten Strophe gebrochen wird, indem sie beginnt mit: Da liegt die Last auf so einem Neusein.
    ‚Erinnert an‘ heißt, die Autorin übernimmt nicht einfach einen Stil oder ein poetisches Mittel, sondern variiert ihre Texte so, dass liturgische oder bestimmte andere Stilelemente erkennbar werden. Hier und im folgenden zweiten Teil des Gedichtes zeigt sich die Bedeutung des verwendeten Stils erst vollständig, wenn man sich den Text selbst laut vorliest. Die ständige Wiederkehr des Versanfanges entfaltet ihre Wirkung als akustisches, klangbetontes Stilelement beim lauten Lesen. Auch der zweite Teil besteht aus solchen sich wiederholenden Versanfängen: 15 Mal Du darfst (z.B.: ergreifen, feiern, sein, deine Sprache sprechen) und 14 Mal Du sollst (z.B.: dich neu erfinden, aufrecht gehen, beobachten, heben und ans Herz dir pressen). Die Bezugnahme auf rituelles Sprechen, auf einen Ritus, eine Litanei, ist unverkennbar. Die Lesung der Autorin, die man auf der dem Buch beigefügten CD hören kann, gibt davon nur eine entfernte Ahnung. Denn die einer Liturgie innewohnenden Monotonie, durch die erst die Zuhörenden hineingezogen werden in das Textgefüge, vermeidet sie.
   Der dritte Teil des Gedichtes ist hingegen in lyrisch-moderne Prosa gefasst und beginnt mit: Und ein Stein wurde zur Seite gerollt und sie fanden das Grab leer. Jesus ist wie Schrödingers Katze … Dieser überraschende Vergleich nun mit dem Ergebnis eines Gedankenexperimentes des Physikers Erwin Schrödinger zu einem Paradoxon der Quantenphysik (Ohne Wechselwirkung mit der Außenwelt, nämlich dem testenden, experimentierenden Menschen, befindet sich Schrö-dingers Katze, quantenmechanisch beschrieben, in einem überlagerten Zustand. Sie ist sowohl lebendig als auch tot.) verweist, soweit ich das zu beurteilen vermag, auf eine sozusagen ontologische Grundlage nicht nur des christlichen, sondern auch des hebräischen und des mohammedanischen Gottes: Ohne Glauben durch den einzelnen Menschen befindet er sich in einem ‚überlagerten Zustand‘: Er ist sowohl lebendig als auch tot.
    Das kann eine Fehl- oder Überinterpretation sein. Aber die Autorin verführt im weiteren Verlauf des nun eher prosaisch wirkenden Textes zu dieser Annahme. Am Ende berichtet sie, wie einige Tage später irgendwelche Männer schweigend beieinanderstehen und er sagt: Ich bins. Und weist seine Hände vor. // Aller Schmerz ist fort. Gibt Erkennen und Freude. Gibt unbändige Freude.
    Das nun ist eine ausdrücklich gewollt-christliche Conclusio der ganzen Geschichte, der Ostergeschichte eben. Spätestens hier wird dem Leser deutlich, dass die Autorin es mit dem christlichen Gott ernst meint. Auch in anderen Gedichten erscheint Christus, manchmal einfach, indem ein „er“ auftritt oder unspezifisch von „einem Mann“ die Rede ist. Interessierte Lesende können das selbst herausfinden. Insbesondere im letzten, mit „Angebot“ überschriebenen Teil des Bandes, finden sich glaubensbezogene Texte. Sie können als Gebet verstanden werden (Herr) oder von der Erwartung Jesu handeln (Jesus kommt). Abgehandelt werden die Themen aber ganz gegenwärtig, ohne überhöhte Sprache oder metaphysische Anwandlungen. Die Sprache bleibt konkret und einfach. Im letzten, schon erwähnten Gedicht Applaus heißt es vielsagend an einer Stelle: Ich bin die Christin, / die durch die Riten die Rätsel annimmt. Von einer solchen Teilhabe und einer spirituellen (?) Wandlung handelt das Gedicht Des Architekten Zumthor Bruder-Klaus Kapelle. Durch das intensive Betrachten und Betasten der rauen Wände im inneren (halb) Dunkel teilt sich das Heilige …. Deinen Sinnen mit, berichtet die Autorin, wird der Besucher Teil eines Wandels und Wunders und wird (oder wächst?) zugleich weit über sich hinaus.
     Der Begriff „Theopoesie“ ist ein von dem Schweizer Theologen und Lyriker Kurt Marti (1921 – 2017) geprägter Begriff, der damit poetische Reden meint, die eine spezifische religiöse Wahrheitsfähigkeit besitzen. Die protestantische Theologin Dorothee Sölle hat sogar (eine poetologisch interessante Annahme) für alle Lyrik eine genuin religiöse Relevanz postuliert.
    Ob die Gedichte Nora Gomringers diesen Anspruch erfüllen, mag man beim Lesen selbst ermitteln. Sicher aber ist, dass man sich, wenn man die Texte liest, mit einem christlichen Gott auseinandersetzen muss. Insofern mögen Gomringers Texte angesichts einer zunehmenden, angeblichen Irrelevanz des christlichen Glaubens eine Herausforderung sein. Die Rolle des christlichen Gottes in ihren Texten ist jedoch nicht zu verwechseln mit der Rückkehr heidnischer Götter in der Literatur, wie sie z.B. der Kulturphilosoph Roberto Calasso beredt beschrieben hat.
Ob ihre Texte ein annehmbares Angebot darstellen (z.B. für fröhliche Agnostiker), muss jede Leserin, jeder Leser auch für sich entscheiden, denn das hängt, wie wir gelernt haben, vom Nachfragebedürfnis ab. Ich persönlich weiß es auch jetzt noch nicht. Vermutlich bedarf es doch einer Prädestination, von der ich nicht betroffen bin.
   Nora Gomringer verschweigt auch nicht ihre Vorstellung einer eigenen zukünftigen Poetologie. In dem mit Besondere Sorgfalt betitelten Gedicht verrät sie humorvoll: In der Liebe und in den Gedichten / will ich nun nicht mehr lügen. / Ich werde das lyrische Ich / von nun an ersetzen / durch Steak / (oder / Steak mit Kräuterbutter, / wenn ich das Männliche wie Weibliche, / das Archaische wie Kultivierte / hervorheben möchte). / So verschwinde ich. / Zunehmend.


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