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Nikolai Vogel: Mit nacktem Oberkörper im Lyrik Kabinett

Dreißig Jahre Lyrik Kabinett
Fotos: Eltorn
Nikolai Vogel
Mit nacktem Oberkörper im Lyrik Kabinett


Bin ich Exhibitionist? Ich glaube nicht. Oder ist man das, weil oder wenn man Lyrik schreibt. Das Ich spielt ja so eine kleine Rolle dabei. Oft. Wenn nicht meistens. Auch eine große. Nicht nur ich – auch du! Und DADA gibt es auch. Ja, gibt es. Nicht, gab es. Oder so: gibt es und gab es. Und 100 Jahre Dada und München. Gä weida! Also auf die Bühne im Lyrik Kabinett. Und Pullover aus. Und wie von selbst wird es ruhig, ist Aufmerksamkeit da. Und Haargummi raus aus dem Haar. Offen. Und das bunt gemusterte Hemd an, das ich eigentlich nur auf Auftritten anziehe. Nicht nur zu, sondern auf! Also eingangs. Anfangs. Die Sonnenbrille auf. Und das Licht aus. Aus das Licht! Die kleine Taschenlampe raus. Und dann: zwei leere Joghurtbecher und eine Schnur dazwischen gespannt, Walkie-Talkie, summ, summ, die wandernden Zettel in den Klassenzimmern, eine Taschenlampe unter der Decke und Comics, die Micky Maus, die Sendung mit der Maus, die Nachrichten, täglich neuer Wetterbericht, die nächtlichen Testbilder, die immer aussahen wie Gesichter, wie die Brüder vom Mann im Mond, längst flöten gegangen und dafür zweihunderttausend Programme, sendefrei gibt’s nicht, nirgends, überall piepst es und summt und vibriert, den Auslöser durchgedrückt, Schnappschuss, raus in die Welt, … ,  das Lernen des Laufens, der Spracherwerb und die mühsamen Fremdsprachen, die Hausaufgaben und die viel tolleren Hits,  … , eine zerdehnte Gegenwart, Seifenblasen, all die Schlüssel ohne Schlösser in den Fundbüros, Pfandflaschen, die sich drehenden Hemden der Waschsalons, Manschettenknöpfe wie Stoßstangen,  … … , mein Blick und dein Blick, der direkte Draht, die Fragezeichen, Steckenpferd wie Seepferdchen,  …! und die Vokale, o! die Konsonanten, grrrrrrrch!,  … ,  die sich öffnende Pupille, weit, weit öffnende Pupille, das All kommt, vergeblicher Versuch zu blinzeln, (Data=)Dada Explosion, Dadanova: Superdada, Superdada, gleißendes (Licht=)DADA! – Und all die Bücher ringsum. All die Verse. Die verschiedenen Tempi, Versfüße, Metren. Alles da. Und kommt immer noch. Und weiß noch woher: aus dem Keller kommt es. Unten im Bauch der Germanistik – nein, die Komparatistik war’s. Und war etwas Eigenes. Und bekam etwas Eigenes. Amalienstraße. Hinterhof. Deine Füße gehen den Eingang. Lyrik fängt an. Sie beginnt schon draußen. Und drinnen – ja, das ist ein Refugium. Aber nicht nur Rückzugsort, sondern von hier geht es raus in die Welt. Von hier sprechen sich Verse weiter. Hier tauschen sie sich aus. Und hierher kommen die Dichterinnen, die Dichter. Hier wird zugehört. Gelauscht. Werden Verse bewegt in den Köpfen. Die Konzentration ist hoch, aber auch die Abschweifung gern gesehen. Und die Bilder an der Wand – was haben sie schon alles gehört! Happy happy happy Birthday, liebes Lyrik Kabinett zum Dreißigsten! Und ich zieh jetzt meinen Pullover wieder an.

Dezember 2019

Der Autor ist am 2. Dezember 1999 das erste Mal im Lyrik Kabinett aufgetreten. Die kursivierten Zitate entstammen seiner Performance "Datda Explosion" vom 05. Juli 2016 - der Text dazu ist auch abgedruckt in "Gä weida Dada. 100 Jahre Dada und München", Hg. Andreas Trojan, Black Ink, Scheuring 2016. Zuletzt erschien von ihm "Fragmente zu einem Langgedicht", gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2019.

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