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Nathan Wasserman: Vier Gedichte

Montags=Text

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Foto privat
Nathan Wasserman

Vier Gedichte
Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer


Wüstenzug

Lassen wir die Geschichte beiseite
die wiederkehrt, aber in Reimform.
Los, gehen wir ins Arbeitszimmer.
Verschließen die Türen.
Lesen die Entwürfe noch einmal Korrektur.
Die Notizbücher und die Erbfolgen
in den Schubladen. Frankieren wir
die Grüße zum Guten Neuen Jahr.

Man behauptet, wir würden sündigen
doch wir verspüren keine Schuld.
Wir suchen nicht nach Glück.
Wir sind mit Vergnügungen zufrieden.
Hätscheln das Goldene Kalb
und zermahlen es zu Staub.
Viel trinken wir nicht.
Abends gegen wir auf einen Spaziergang raus.
Hüpfen über die Schwelle
damit wir uns die Laufschuhe nicht schmutzig machen
in den Blutpfützen.
Man hat uns das Ende der Geschichte empfohlen
also versuchen wir das.

Wachen auf und schauen in den Spiegel.
So sehen wir aus.
Zwischen der Epidermis
und dem Stratum corneum
liegt unser Gesicht verborgen, als wir Kind waren.
Wir sind gar nicht älter geworden.
Wir schreiten von Erfolg zu Erfolg
von Meer zu Meer. Guten Morgen
Mutter Tag. Guten Morgen
Vater Tod.
Wohin die Wolkensäule geht
dorthin gehen wir.
Geschützt vor der Sonne, abgeschirmt
vor Schüssen. Das Land ist uns verheißen
und Verheißungen muss man erfüllen.



Ich verachte deine Schönheit nicht

Ich verachte deine Schönheit nicht.
Ich weiß, dass sie mir eine schwere Niederlage bescheren wird.
Es liegt in deiner Macht, mich zu Tränen zu rühren,
verlogene oder bittere. Das kam schon vor.
Ich leugne nicht, dass mir der Mund trocken wird, wenn ich mit dir rede.
Mit dir zu reden, heißt, Marathon laufen.
Dieses Rauschen ist mein Blut, das sich an meinen übertrieben
angespannten Arterien scheuert.
Dir gegenüber zu sitzen, heißt, das Pfeifen eines Pfeils hören
der aus der Zukunft hervorschnellt. Du kennst kein Pardon.
Ich negiere deinen Körper nicht.
Er kann Blut, Milch tröpfeln. Ich weiß
dass er mich ertränken wird.
Du wirfst mich nieder, du richtest mich auf.
Jeden Morgen höre ich die Klage der Kohlmeise,
das Atmen der durstigen Schlange, sich räkelnd auf deiner Schwelle.
Ich nehme deine Worte ganz und gar an.
Bloß mein Körper trennt zwischen meiner Seele und dir.
Deine Hände umfangen mich wie die Ringe des Saturn,
sanft, voller Staub.



Schauspiel

Für den Moment sind die Rollen so verteilt: Meine Ex-Frau ist Schwimmlehrerin,
schnauzt Schüler mit amputierten Gliedern an, meine Freundin ist Sängerin, die allein
auf dunkler Bühne übt, meine vorherige Freundin hat die Rolle der Uhrenzertrümmerin,
meine Mutter spielt die Rolle derer, die vom Fenster aus eine Streiterei auf der Straße
           beobachtet, mein Vater ist schon tot,
aber er hat eine wichtige Rolle als blutender Verwundeter, der sich im Haus versteckt,
           bis er gesund ist,
der Hausarzt der Familie hat die Rolle eines Kardinals, der nach dem Gebet einnickt,
der Apotheker an der Ecke ist ein unrasierter, verrauchter Croupier, mein Psychologe ist
ein Motorradfahrer in Lederjacke, schüttelt die Regentropfen vom Helm, mustert den,
           der neben ihm an der Bar lehnt.
Meinem Psychiater habe ich die Nebenrolle eines Liftjungen gegeben in dem Hotel, in dem
           der Held untergebracht ist,
die Haushaltshilfe, die einmal alle zwei Wochen kommt, ist die Frau in der stummen Rolle,
           die alles sieht,
mein Friseur, der mich seit Jahren zu überzeugen versucht, einen Conditioner für
           geschmeidigeres Haar zu verwenden,
ist Nachtwächter im Parkhaus, liest klassische Romane in alten Ausgaben,
das junge Mädchen, das mir morgens den Kaffee am Stammplatz beim Durchgang serviert, ist
eine eifersüchtige Geliebte. Die Studenten sind der Chor. Meine vier Segelflosser
(schwarz-weiße, alle schon tot, ich konnte Weibchen von Männchen nicht unterscheiden)
sind verträumte Jungen an den Gestaden des Flusses, mein Computer hat die Rolle eines
          artesischen Brunnens,  
er steigt und sinkt. Die Hauptrolle besetzen meine Kinder. Morgens ummanteln sie mich
wie Einpackpapier. Warm ums Herz wird es mir,
wenn ich sie beobachte, wie sie am Schultor vorübergehen
und im Gewühl des Hofs verschwinden. Erst viertel vor acht, noch nicht spät.
So könnte die Aufstellung aussehen, aber die Detailfreude ist hier kein Zeichen der
          Großzügigkeit,
sondern des schlechten Geschmacks. Auch für mich muss man eine Rolle finden in meiner
          Einsamkeit.



Am Höhleneingang

Am Höhleneingang, der versperrt ist, auf einem Berg, der schon nicht mehr existiert
höre ich, wie die Musen, die für ewig Teenagers bleiben
von ihrer Liebe zu einem jungen, betrunkenen, blutenden Gott erzählen,
des Toten Namen flüstern zu den bewegten Zweigen der Pistazie, die schon gefällt wurde.
Bitter ist der Geschmack der Blätter und so süß.
Bitter ist der Staub an meinen Fußsohlen, die schon nicht mehr nackt sind
und nichts ist weicher als er.
Ich habe dort gesessen, am Höhleneingang
zu einer zeitlosen Stunde und in einem Licht ohne Jahreszeit,
und ich blickte auf die alten Plastikverpackungen, die im Wind flatterten.

Ich weiß. Es gibt eine einzige Schlange, wenn die zischt,
reißt das Trommelfell der Welt und das Gewebe des Tags franst aus am Zenit.
Sie wurde in der Tiefe des Meeres geboren und als sie Hunger verspürte, stieg sie ans Ufer
und die Erde ächzte und bebte unter ihrer Last, die Zweige zitterten und fielen ab.
Vielgestaltig ist sie. Sie hat gelernt, zu entschlüpfen und ihre Haut abzuwerfen.
Schönäugig ist sie. Sie erinnert sich an das, was verborgen liegt in der Tiefe der Dinge.
Uralt ist sie. Sie verliert und findet, stirbt und wird wiedergeboren.
Flüstere mir zu, göttliche Schlange, hausend im gesegneten Staub,
entdecke mir, wo jener Berg liegt und wo die Höhle
und wo dieses Licht ist und wo diese Stunde.
Flüstere mir zu, urzeitliche Schlange mit deiner gezackten Zunge
meinen langen und meinen kurzen Namen,
beiß mich mit deinen harten, scharfkantigen Zähnen
und lass mich dort zurück, blutend.


Anmerkungen:

und zermahlen es zu Staub: Der hebräische Wortlaut folgt Mosches wütender Reaktion auf die Sünde des Goldenen Kalbs: „Dann nahm er das Kalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer, zermahlte es, bis es zu Staub geworden war und gab es den Kindern Jisraël zu trinken“ (Ex 32, 20; Naftali Herz Tur-Sinai).

Hüpfen über die Schwelle: Der Originalvers führt zum Propheten Zefanja, durch den G-tt hier den nahenden Gerichtstag und die Vernichtung der Götzendiener in Juda und Jerusalem ankündigt: „Und ich such es heim an jedem, der über die Schwelle hüpft, an jenem Tag, die füllen das Haus ihres Herrn mit Raub und Trug“ (Zef 1,9).

Guten Morgen / Mutter Tag. Guten Morgen / Vater Tod: Anspielung auf ein politisches israelisches, zugleich kommunistisches und antikommunistisches Kinderlied aus den 60er Jahren: „Russland – unsere Mutter! Stalin – unser Vater! / Wären wir doch Waise! / Was sagen die Arbeiter? Brot! Arbeit! / Was sagen die Arbeiterinnen?  Senkung der Geburtenrate!“

Wohin die Wolkensäule geht / dorthin gehen wir: G-tt begleitete das Volk Israel auf seinem Zug durch die Wüste in Gestalt einer Wolken- und Feuersäule, siehe z.B. Ex 13, 22: „Nicht wich die Wolkensäule des Tags, noch die Feuersäle des Nachts vor dem Volk.“

Die Originaltexte sind in verschiedenen Büchern von Nathan Wasserman erschienen: „Wüstenzug“, in: Erinnerungen aus Babel (Sichronot Mibavel, Hoza’at Carmel 2024), „Ich verachte deine Schönheit nicht“, in: Menelaus (Hoza’at Carmel 2018), „Schauspiel“, in: Zwei Jahre (Schnatajim, Hoza’at Carmel 2006) und „Am Höhleneingang“, in: Lilie (Lilium, Hoza’at Carmel 2021).


Nathan Wasserman, wurde 1962 in Jerusalem in eine Polnisch sprechende Familie geboren. Er ist Professor für Assyriologie am Institut für Archäologie der Hebräischen Universität Jerusalem und widmet sich insbesondere literarischen Texten in Akkadisch. Als Autor von acht Lyrikbänden erhielt er in Israel 2008 den Yehuda Amichai Preis und 2021 den Haim Gouri Preis für hebräische Poesie.

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