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Nachsommer der Dichter

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Das Wesen, das ich war“


Drei unterschiedliche Arten von Poesie waren am Mittwoch, 11. September 2013, ins Lyrik Kabinett zum Nachsommer der Dichter bestellt worden: Die Sardin Antonella Anedda aus Rom, die Deutschfranzösin Odile Kennel aus Berlin, der Schweizer Kurt Aebli aus der Nähe von Zürich. Und der auf 19 Uhr vorverlegte Beginn versprach einen langen Abend.

Ursula Häusgen, die Hausherrin, berichtete kurz von der Vorgeschichte dieses mittlerweile vierten gemeinsamen Nachsommers, einer Veranstaltung des Lyrik Kabinetts zusammen mit dem Generalkonsulat der Schweiz und dem Istituto Italiano di Cultura, wo der Sommer letztes Jahr ausklang. Wieder moderierte Antonio Pellegrino vom Bayerischen Rundfunk, mit seinen journalistischen Fragen Interesse beim Publikum auch für die menschliche Seite der Poeten weckend.


V.l.n.r.: Odile Kennel, Antonella Anedda, Antonio Pellegrino, Kurt Aebli.

Foto: Hilda Ebert

Wie immer hatten die Dichter auch Musik im Gepäck, die aufgelegt wurde, um in das jeweilige Oeuvre einzustimmen.

Bei Odile Kennel, die erste Leserunde eröffnend, war es der Song eines brasilianischen Liedermachers und ein französisches Chanson, was nicht verwunderte, weil sie auch Übersetzerin aus dem Französischen und dem Portugiesischen ist, zuletzt für den in Berlin lebenden Brasilianer Ricardo Domeneck, der mit diesem Gedichtband „Körper: Ein Handbuch“ in der Lyrikszene Aufsehen erregt und auch demnächst, am 15. Oktober, mit Érica Zingano und Odile Kennel einen brasilianischen Abend im Lyrik Kabinett abhalten wird.

Kennel, die einen Tag später ins Finale des Lyrikpreises München gewählt wurde, las hier ausschließlich aus ihrem ersten Gedichtband „oder wie heißt diese interplanetare Luft“, gerade bei dtv premium erschienen. Ihre Gedichte sind oft mit Widmungen oder auch Zitaten verbunden, die erste ging an Rolf Dieter Brinkmann aus „Westwärts“:

„& dann fing ich noch einmal mit der Zeile an“


auf einmal, da war ich
an dieser Stelle aus meinem Leben
heraus, an dieser Stelle war
wenn man genau hinsah, nichts
Nennenswertes, kein Nennwert, kein
Ding, kein Name für das Ding.

Soweit die erste Strophe des ersten Gedichts. Dem vierten Gedicht, „die Flüchtigkeit des Steins“, ein Großstadtgedicht, ist ein Zitat von Siegfried Kracauer vorangestellt: „Der Wert der Städte bestimmt sich nach der Zahl der Orte, die in ihnen der Improvisation eingeräumt sind.“

Der Moderator spielte auf Döblins Alexanderplatz an und fragte die Autorin, ob sie einen großen Roman plane. Nein, sagte sie, sie wolle keinen Roman über Berlin schreiben. Die Sandbewegungen im Gedicht basierten auf dem Märkischen Sand, dem Untergrund Berlins. Sie erinnere Ostberlin an Frankreich, ihre Geburtsheimat, die DDR sei genauso zentralistisch wie Frankreich gewesen, glaube sie.


Kurt Aebli, in der Mitte der Leserunden, las aus seinem abgeschlossenen neuen Band, für den er noch keinen Verlag hatte, aus einem Zyklus, den er die Monate nannte, was aber nicht der Titel sein soll. Seine Texte waren zumeist knapp und präzise in der Wortwahl. „Murrende Ankunft“, „Die Gestalt, das bin ich“. „Ich besinge das Schweigen“. Sein Ton wirkte authentisch, durchdacht, tief erlebt:


Das Wesen, das ich war,
scheint in die Tiefen
eines weiten Waldgebiets
in meinem Innern
sich ganz zurückgezogen zu haben.

Es zeigt sich nie mehr.

Es ist still geworden
wie eine Pflanze.

Als Musik hatte Aebli Kompositionen von David Philip Hefti mitgebracht, der bereits Texte von ihm („An durchsichtigen Fäden“ für Mezzosopran und Violoncello, 2013) vertont hat, geschult an Lehrern wie Wolfgang Rihm. Später las Aebli auch ältere Texte vor, die bei Suhrkamp und Urs Engeler ediert sind.


Antonella Anedda, jeweils die Leserunden abschließend, ist Hochschuldozentin, promoviert in Kunstgeschichte, Übersetzerin (Ovid, St. John Perse, Anne Carson), engagiert wie die großen italienischen Dichter, ihr Gedichtband „Friedensmächte im Westen“ zum Beispiel erschien während des 1. Golfkriegs. An deutscher Lyrik liest sie gerne Sarah Kirsch, Elke Erb, liebt Paul Celan.

Ihre mitgebrachte Musik waren Fado und Bach. Sie lebt in Rom, hat aber einen sardischen Hintergrund; deshalb wurde sie gebeten, ihre Gedichte auf Italienisch und zum Vergleich teilweise auch auf Sardisch vorzutragen – Antonio Pellegrino las die deutsche Übersetzung vor. Der Münchner „litteraturverlag roland hoffmann“ hat „Vom Erker des Körpers (dal balcone del corpo), aus dem Anedda las, 2010 herausgebracht. Zunächst trug sie „Cori“ (Chöre) vor.


Wir sind der Schild, der Körper, dies Licht
das die Schrift durchschneidet.
Wir sind das Alphabet, das verbleicht.

Geh weg, sage ich zum Wort,
dubioses Ding, laß mich,
lösch mein Selbst sofort,
mach, daß eine andre dich aufliest,
mich entfernt aus der Zeit,
nichts macht aus meiner Persönlichkeit,
sie nach Belieben der Klage enthebt,
ihr eine nur dem Wind offene Leere gräbt.

Die Stimme Aneddas und ihre Intonation waren beeindruckend. Auch sie arbeite mit Zitaten und Mottos – sagte, das sei eine gute Methode, mit den Toten zu sprechen. Auf Nachfrage Pellegrinos fuhr sie fort, dass es eine Gabe sei, wenn man die Distanz aufheben könne. So kam es dazu, dass sie den Titel ihres Gedichtbandes erklärte: wir lehnen uns fast alle aus unserem Körper hinaus – dann treten wir auf den Balkon, „dal balcone del corpo / vom erker des körpers“ aus würden wir dann schreiben können.


KK



Kurt Aebli:
Ich bin eine Nummer zu klein für mich. Gedichte. Basel und Weil am Rhein (Urs Engeler Editor) 2007. 80 S., 19,- Euro.
Antonella Anedda: da balcone del corpo / vom erker des körpers. Gedichte. Italienisch/deutsch. Übersetzt von Annette Kopetzki. München (litteraturverlag roland hoffmann) 2010. 176 S., 19,90 Euro.
Odile Kennel: oder wie heißt diese interplanetare Luft. Gedichte. München (Deutscher Taschenbuch Verlag) 2013. 120 S., 14,90 Euro.


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