Mychajl Semenko: Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren?
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Jan Kuhlbrodt
Mychajl Semenko: „Wer will mich hindern, die
Welt zu verkehren?“ Gedichte und Futuristische Skizzen. Herausgegeben von Serhij
Zhadan und Claudia Dathe. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Göttingen (Ukrainische
Bibliothek im Wallstein Verlag) 2026. 276 Seiten. 24,00 Euro.
Der Futurismus in der Ukraine
Die Literaturgeschichte ist nicht zu Ende geschrieben.
Ihr Material, das in verschiedensten Archiven lagert, sortiert sich einer
Gegenwart entsprechend immer wieder neu. Eine Reaktion auf den verbrecherischen
Überfall von Putins Russland auf die Ukraine ist ein im Westen erwachendes
Interesse an ukrainischer Geschichte und Kultur.
Nicht länger erscheint auch ukrainische
Literatur als Appendix der Russischen. Im Zuge dessen wird nun im Wallstein Verlag
eine von Tanja Maljartschuk und Claudia Dathe herausgegebene Ukrainische
Bibliothek erstellt.
Unter dem Titel »Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren?«
erscheinen dazu Gedichte und futuristische Skizzen von Mychajl
Semenko. Herausgegeben von Serhij Zhadan und Claudia Dathe, die die Texte
auch aus dem Ukrainischen übersetzt hat.
Semenko ist
1892 geboren und wurde 1937 von Stalins Schergen erschossen. Er teilt damit das
Schicksal vieler Avantgardisten auf Gebiet der damaligen Sowjetunion. Anfangs,
also nach der Revolution fühlte sich Semenko deren Idealen durchaus
verpflichtet und hielt bis zuletzt mehr oder weniger daran fest. In den
Vorworten von Zhadan und Dathe ist etwas von der Zerrissenheit und der
letztlich schizophrenen Position nicht nur Semenkos, sondern einer ganzen Generation
zu erahnen.
Aber: "Es
bleibt die Dichtung. Gedichte, auf Notizblöcke gekritzelt und in unbeheizten Druckereien
revolutionärer Städte vervielfältigt." Schreibt Zhadan im Vorwort. Und diese
Dichtung hat es in sich. Wie seine europäischen futuristischen Kollegen versucht
auch Semenko sich von den Fesseln der Tradition zu befreien. Im Gedicht
Atlantosaurus von 1918 heißt es:
Die Straße wimmelte vor querenden KaputtheitenPunkte kreiselten in Händen zentrifugaler FleckenUnd aufgelöst senkte sich der Abend sanft vor VerwunderungUnd perlig pochten die Linien verknäulter Spiralen
Ein spannendes
Buch in einer spannenden Reihe.