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Mütze #30

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Michael Braun

Zeitschrift des Monats

Mütze, #30 (2021)

WEITERMACHEN IST PFLICHT


„Meine Mission ist die Poesie“, hat Urs Engeler einmal nicht ohne Stolz gesagt. Dabei bedient dieser Schweizer Lyrik-Enthusiast so gar nicht den Habitus des Missionars. Sondern eher die ruhige Hartnäckigkeit des geduldigen Forschungsreisenden, der zeitlebens unterwegs ist in den noch unentdeckten Territorien der europäischen und amerikanischen Dichtung. Diese Such-bewegung hat vor dreißig Jahren begonnen, Ende des Jahres 1991, als Engeler, damals ein junger Literaturwissenschaftler aus Winterthur, das erste Ausrufezeichen setzte. Entgegen dem kultur-pessimistischen Topos, dass mit dem Verlegen von Lyrik nur rote Zahlen und absehbare Insolvenzen zu erzielen sind, entschloss sich Engeler dazu, im Alleingang einen publizistischen Ort zu gründen, an dem in freier subjektiver Reflexion und gelenkiger Essayistik über Gedichte und ihre Poetik gesprochen werden kann. So entstand „Zwischen den Zeilen“, die „Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik“, und es dauerte nicht lange, dass man in diesem zweimal jährlich erscheinenden Periodikum des bis dato unbekannten Schweizers ein kleines Zentralorgan für poetische Reflexion erkannte. Das verblüffend einfache Konzept von „Zwischen den Zeilen“ bewies fast zwanzig Jahre lang seine Tauglichkeit: Vier bis sechs Dichterinnen und Dichter wurden pro Ausgabe in Gedichten und poetologischen Notaten vorgestellt.
    Nach dem Ende von „Zwischen den Zeilen“ wagte Engeler 2013 mit der Edition der „roughbooks“ und der Gründung der „Mütze“ den nächsten Schritt. Mit der Ausweitung der Lyrik-Zeitschrift zu einem auf schöne Weise unberechenbaren Magazin für offene Formen im Grenzbereich von Lyrik, Prosa und Essayistik erschuf Engeler eine Plattform für den „idealen Autor“: „Der ideale Autor, der mich interessiert“, so verriet er bereits 2005 in einem Interview „bringt eher Mischformen hervor. Bei Birgit Kempker oder Felix Philipp Ingold gibt es die Grenzüberschreitung zwischen Lyrik, Prosa oder Essay. Mich interessiert die poetische Energie eines Textes, die eine eigene Form schafft, die Sprache als Kunst ist, Schönheit und Intelligenz, Konsequenz und Zartsinn, und nicht die gattungsmäßige Zuschreibung.“ Und mit diesem Programm hat er die „Mütze“ zu einem Thinktank für ästhetische Dissidenzen aller Art ausgebaut.
    In der dreißigsten Ausgabe der „Mütze“, einem Jubiläumsheft, das mit der ihm eigenen Diskretion nicht als solches deklariert ist, kehrt Engeler in gewisser Weise zu seinen Anfängen und geistigen Quellen zurück – indem er die literarischen Weggefährten und Vorbilder seiner poetischen Aufbruchsjahre aufruft. Hier finden wir etwa eine subtile Grußbotschaft des vor vier Jahren verstorbenen Komparatisten Werner Hamacher an seinen großen Kollegen, den Literaturwissenschaftler Hans Jost Frey, bei dem Urs Engeler das Nachdenken über Poesie gelernt hat. Über Hans Jost Frey, den mittlerweile 88jährigen Komparatisten aus Zürich, hat einst die NZZ geschrieben: „Er ist eine Art mit Verdunkelung operierender Aufklärer“ – ein Aufklärer jedenfalls, der mit genauer Textbeobachtung Widerstände aufbaut gegen das voreilige Verständnis von Sprache. Dasselbe lässt sich auch über Urs Engeler und die Autor:innen der „Mütze“ sagen. In der aktuellen Nr. 30 der „Mütze“ finden wir ein glanzvolles Gespräch zwischen dem französischen Lyriker Jean Daive und dem 2019 verstorbenen Celan-Exegeten Bernhard Böschenstein. Böschenstein rekapituliert hier die Einsichten, die er aus seinen persönlichen Begegnungen mit Celan gewonnen hat: „Das ist sehr wichtig für ihn, die Silbensprache, sie ist eine Art der Zerlegung, die es ihm erlaubt, eine Sprache, die vor allem eine Sprache aus Intervallen ist, aus Pausen, aus Brüchen, aus Zäsuren, aus Stille, aus dem Nichts neu zu erschaffen.“ Ein weiteres inspiriertes Gespräch, nämlich einen Dialog zwischen Philippe Sollers und dem poetischen Ding-Mystiker Francis Ponge aus dem Jahr 1970, hat der Literatur-wissenschaftler Thomas Schestag (Engeler-Autor seit 1999) übersetzt.  Ponge kann hier schlüssig darlegen, dass es bei seinen Einkreisungen von sinnlichen Objekten  - z.B. bei der „Einführung in den Kieselstein“ oder „Die Auster“  - nicht um bloße Dingbeschreibungen geht, sondern um die innere Durchforschung der Wort-Morphologie. Zwei enge literarische Weggefährten Engelers rahmen die poesiehistorischen Fundstücke. Birgit Kempker stellt den zweiten Teil ihres Lebens-Glossariums „Ich hielt mich für die Hauptperson“ vor: „Sätze, die ich gerne geschrieben hätte, tun weh. Nicht alle Sätze, die weh tun, hätte ich gerne geschrieben.“ Und der Übersetzer, Roughbooks-Mitherausgeber  und Berliner Sing-Akademie-Leiter Christian Filips gibt einen Einblick in seine poetischen Kollaborationen, die sich an und in dem neuen Berliner Künstlerkeller „Die Neue Nachbarschaft Moabit“ abspielen. Dort entstand beispielsweise der Plan, die albanische Dichterin Luljeta Lleshanaku zu einer Lesung einzuladen, die dann tatsächlich im Herbst 2017 über die Bühne ging. Diese Aktion zog weitere nach sich. Im Herbst 2019 brach Filips auf zu einer Reise in die „ghost villages“ in Albanien, verlassene Bergdörfer, die er als Ort der friedlichen Koexistenz der Religionen erlebt hat: „Allein aus kulturellen Gründen ist es Zeit für die Aufnahme eines europäischen Landes (in die EU, Anm. d. Verf.), in dessen Dörfern Muslime und Christen seit vielen Jahren miteinander leben.“ Den Auftakt eines Luljeta Lleshanaku-Gedichts können wir auch als Maxime für die Arbeit der „Mütze“-Macher lesen: „Weitermachen ist Pflicht, allmorgendlich/ schlagen drei Generationen in mir die Augen auf.“


Mütze #30, Hg. Urs Engeler, Turnhallenstr. 166, CH-4325 Schupfart, 52 Seiten, 7 Euro


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