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Moritz Hartmann: Der Fremdling

250 Jahre Hölderlin
Moritz Hartmann
Der Fremdling
in "Freya - Illustrirte Familienblätter, 1. Jg. 1861", S. 106 ff.


Eine französische Adlige, von der nur bekannt sei, dass ihr Familienname de S … y (möglicherweise de Sacy oder de Savigny) lautete, habe im Jahre 1852 dem österreichischen Schriftsteller und Publizisten Moritz Hartmann eine Jugenderinnerung berichtet, wie in der Nähe und im Park des Schlosses ihres Vaters in Frankreich eines Tages ein seltsamer, noch nicht alter, aber auch nicht mehr junger Mann erschienen sei, sich dort kurze Zeit wie traumwandlerisch aufgehalten habe und dann über Nacht wieder verschwunden sei.  Es geschah im Jahre 1802 und es werde sich wohl um Friedrich Hölderlin auf seiner Rückwanderung von Bordeaux nach Nürtingen gehandelt haben.


Es war zu Anfang dieses Jahrhunderts, also vor ungefähr fünfzig Jahren. Ich bewohnte dieses selbe Haus mit meinem Vater und war ein Kind von vierzehn oder fünfzehn Jahren. Eines Tages bemerkte ich von der Höhe unseres Balkons aus einen Mann, der, wie es schien, zwecklos auf der Ebene umherirrte, oft querfeldein ging, ohne doch etwas zu suchen oder einem gewissen Ziele entgegenzugehen. Zu wiederholten Malen kam er auf dieselben Stellen zurück, ohne es zu bemerken. Am selben Nachmittage, auf einem Spaziergange, begegnete ich ihm; aber er ging in Gedanken vertieft an mir vorüber, ohne mich zu sehen, und als er mir einige Minuten später, bei einer Biegung, wieder im Wege stand, sah er unverwandten Blickes und mit einer unaussprechlichen Sehnsucht in die Ferne. Jede andere Erscheinung, die mir in dieser Weise begegnet wäre, hätte mich damals in meiner mädchenhaften Albernheit außerordentlich erschreckt; ich wäre vor ihr nach Hause gelaufen, um mich hinter meinem Vater zu verstecken. Dieser Fremde hingegen erfüllte mich mit einer Art von Mitleiden, die ich mir nicht erklären konnte. Es war nicht das Mitleid, das man mit einem Armen, Hilfsbedürftigen empfindet, obwohl er hilfsbedürftig genug aussah, denn seine Kleider waren in arger Unordnung, ungeputzt und hie und da sogar zerrissen. Es war ein gewisser edler Ausdruck des Schmerzes und dabei ein Aussehen, als wäre er mit seinem Geiste abwesend, irgendwo bei geliebten Personen in weiter Ferne, die bei seinem Anblick das Herz mit Mitleid und Sympathie erfüllten. Abends erzählte ich meinem Vater von dem Fremden. Er meinte, es werde wohl einer der zahlreichen Kriegs- oder politischen Gefangenen sein, die man halb und halb auf freiem Fuß und auf Ehrenwort in den inneren Provinzen Frankreichs leben ließ.
    Tags darauf sah ich den sonderbaren Fremden wieder wie am ersten Tage durch die Felder irren und endlich sogar in unseren Park eintreten, welcher der Straße zu offen war. Er sah sich verwundert um und schien sich in dieser Umgebung bald zu behagen. Der große Rasenplatz in der Mitte, den Sie kennen, war damals nicht da; an seiner Stelle befand sich ein großes, mit einer hohen Balustrade eingefasstes Wasserbecken, und auf dieser Balustrade stand eine Gesellschaft von vierundzwanzig großen und kleinen griechischen Gottheiten, meist Kopien antiker Statuen oder anderer aus dem sechzehnten Jahrhundert. In der Mitte des Beckens, auf einem künstlichen Felsen, stand der Neptun des Giovanni da Bologna. Als der Fremde diese Göttergesellschaft erblickte, eilte er ihr mit großen Schritten in freudigster Begeisterung entgegen. Er hob die Arme in die Höhe, wie anbetend, und vom Zimmer aus schien es uns, als ob er in der Tat zu seinen enthusiastischen Bewegungen entsprechende Worte ausriefe. Dann ging er rings um das Becken, von einer Statue zur anderen, immer mit dem Ausdruck eines Kenners oder wenigstens eines Kunstliebhabers, und mein Vater wollte bemerken, dass er sich vor der Schönsten am längsten aufhielt. Mir machte es das größte Vergnügen, dieses Schauspiel zu belauschen, und auch meinen Vater schien es zu unterhalten. „C’est quelque original“, wiederholte er mehrere Male, während wir den Fremden beobachteten.
    Sehr ärgerlich wurde ich, als ich in meinem Vergnügen durch einen garde champêtre gestört wurde. Dieser, der auch den Park meines Vaters zu bewachen hatte, stürzte plötzlich herein und auf den Fremden los, dem er, wie wir aus den Gebärden erkennen konnten, bedeutete, dass dies Privateigentum sei und dass er sich zu entfernen habe. Der Fremde aber lächelte, kehrte ihm den Rücken zu und ging zu einer anderen Statue. Der Flurschütz folgte ihm und bestürmte ihn mit Reden, die immer heftiger wurden, je weniger der Fremde darauf achtete. Endlich fasste ihn der Mann in seinem polizeilichen Eifer am Arm, um ihn mit Gewalt aus dem Parke zu ziehen. Mein Vater war ein einflussreicher Mann im Department, ein Freund des Präfekten, und hätte selbst Präfekt sein können, daher der Eifer des untergeordneten Beamten, sich ihm dienstfertig zu zeigen. Aber mit solcher groben Dienstfertigkeit war  meinem Vater nicht gedient. Beim Anblick jener Gewaltsamkeit eilte er sogleich hinaus und ich folgte ihm. Er verwies dem Wächter seine Art, schickte ihn fort und sagte zu dem Fremden, dass er sich nur nach Muße im Park umsehen solle.
    Dieser, der die Derbheit des garde champêtre kaum bemerkt hatte, wandte sich sogleich zu meinem Vater und sagte lächelnd: “Die Götter sind keines Menschen Eigentum, sie gehören der Welt, und wenn sie uns lächeln, gehören wir ihnen. Sehen Sie diese Aglaia, wie sie mich anlächelt und mich gefangen nimmt; sie lächelt nicht ihrem Besitzer allein.“
     „Es ist eine Pomona“, berichtigte mein Vater.
    „Nein, es ist eine Aglaia“, erwiderte der Fremde mit Bestimmtheit und fuhr gleich fort: „Das Wasser hier sollte klarer sein, wie das Wasser des Kephissus oder die Flut des Erechteus auf der Akropolis. Es ist der klaren Götter nicht würdig, sich in dunklerem Spiegel zu sehen – aber,  “fügte er seufzend hinzu, „wir sind nicht in Griechenland.“
    „Sind Sie ein Grieche?“ fragte mein Vater halb im Ernst, halb im Scherz.
    „Nein! – im Gegenteil, ich bin ein Deutscher!“ seufzte der Fremde.
    „Im Gegenteil?“ wiederholte mein Vater – „ist der Deutsche das Gegenteil des Griechen?“
   „Ja“, antwortete der Deutsche kurz und setzte nach einiger Zeit hinzu – „wir sind es alle! Sie, der Franzose, sind es auch; der Engländer, Ihr Feind, ist es auch – wir sind es alle!“
    Dann ganz meinem Vater zugewandt, sprach er noch viel, dessen ich mich nicht erinnere; auch des anderen, das ich eben mitgeteilt habe, würde ich mich wohl nicht so deutlich erinnern, wenn es nicht später in unserem Hause oft wiederholt worden wäre. So oft mein Vater nach dieser Zeit das Wasserbecken zu reinigen befahl, pflegte er scherzend hinzuzufügen: „Das Wasser muss klar sein wie das Wasser des Kephissus oder die Flut des Erechteus auf der Akropolis“ usw. Auch verstand ich nicht alles, was der Fremde sagte, abgesehen vom Sinn seiner Worte, denn er sprach ein sehr schlechtes Französisch mit einem höchst entstellenden Akzent, der mir viele Worte ganz unkenntlich machte. Meine Tante, die mich erzog, kam hinzu, und ich erinnere mich, wie ihr, die bei den Reden des Fremden große Augen machte, mein Vater zuflüsterte: „Er ist ein Deutscher, ein Original!“
    Aber das Original gefiel uns allen sehr. Er war nicht schön und sah früh gealtert aus, obwohl er nicht mehr als dreißig Jahre gehabt haben mochte, aber er hatte ein glühendes und doch sanftes Auge, ebenso einen energischen, doch milden Mund; auch sah man ihm an, dass seine sehr herabgekommene Kleidung zu seinem Stande und seiner Bildung nicht im Verhältnis steht. Ich freute mich sehr, als ihn mein Vater einlud, uns ins Haus zu folgen. Er nahm die Einladung ohne Zeremonie an und legte im Gehen von Zeit zu Zeit die Hand auf meinen Kopf, was mich erschreckte und mir doch sehr gefiel. Mein Vater interessierte sich offenbar für den Fremden und hatte Lust, seine eigentümlichen Reden noch länger anzuhören, aber im Salon angekommen, ward er sehr enttäuscht. Der Fremde ging geradenwegs auf ein Sofa los und sagte: „Ich bin müde“, murmelte noch einige unverständliche Worte, streckte sich aus, schloß die Augen und entschlief sogleich.
    Wir standen da und sahen einander erstaunt an. „Er ist verrückt“, lispelte meine Tante, aber mein Vater schüttelte den Kopf und sagte: „Er ist ein Original; er gefällt mir; er ist ein Deutscher.“
Der Papa schickte den Bedienten mit dem bestellten Wein wieder zurück und wir verließen den Salon, um den Fremden, der in der Tat sehr müde schien, allein und seiner Ruhe zu lassen.
   Ich sah von Zeit zu Zeit durchs Fenster; er schlief unausgesetzt bis gegen Abend. Als er erwachte, lud ihn mein Vater zu Tische. Er freute sich sehr an unserem Weine und wurde sehr heiter. Er erzählte vielerlei aus Deutschland und aus dem südlichen Frankreich und ich erinnere mich, dass er uns, trotz der Unbehilflichkeit seiner französischen Sprache, eine pompöse und höchst poetische Beschreibung des Meeres machte, das er bei Bordeaux gesehen hatte. Manchmal brach er mitten in seinen Erzählungen ab, als ob er fürchtete, dass er, fortfahrend, an unangenehme Punkte in seiner Lebensgeschichte gelangen könnte.
    Meine Tante, wie sie ihn so sprechen hörte, bekehrte sich zu der Ansicht meines Vaters, dass wir hier nicht einen Verrückten, sondern ein Original zu Gaste hatten und horchte ihm mit wachsender Teilnahme zu. Sie fand, dass alles, was er sagte, sehr viel Wahres enthalte und manchmal sogar eine große Tiefe des Geistes verrate. Das Unverständliche setzte sie auf Rechnung seiner schlechten Aussprache und der Mangelhaftigkeit seiner Kenntnis des Französischen. Meine Tante war fromm und liebte es, über metaphysische Gegenstände zu sprechen, was sie „philosophieren“ nannte, und so lenkte sie das Gespräch auch auf solche Texte. Da sagte er sonderbare Sachen, ohne sich auf ihre Bibelstellen weiter einzulassen. Ich erinnere mich des Inhalts einer langen Rede, da sie die Tante selbst am folgenden Tage in ihr Album schrieb und ich sie später öfter lesen konnte. Der Inhalt war ungefähr folgender:
    „ … Dies ist die Unsterblichkeit: Alles Gute, was wir schön denken, wird zu einem Genius, der uns nicht mehr verlässt und uns unsichtbar, aber in schöner Gestalt durchs ganze Leben begleitet, bis ans Grab. Von unserem Grabhügel aus nimmt er seinen Flug und gesellt sich zu den Heeren der Genien, die schon die Welt erfüllen und an ihrer Vollendung und Verklärung weiter bauen. Diese Genien sind Geburten, oder wenn Sie wollen, Teile unserer Seele, und in diesen Teilen ist sie allein unsterblich. Die großen Künstler haben uns in ihren Werken die Abbilder ihrer Genien hinterlassen, aber es sind nicht die Genien selbst. Es ist nur ihre Abspiegelung im Dunstkreis unserer Erde, wie sich die Sonne im See, nein im Nebel widerspiegelt. Die schönen Götter Griechenlands sind solche Abbilder der schönsten Gedanken eines ganzen Volkes. – So ist es mit der Unsterblichkeit beschaffen.“
    Meine Tante, die gerne etwas über ihn selbst erfahren hätte und immer das Gespräch auf ihn zurückzuleiten suchte, fragte, vielleicht auch nur, um etwas zu sagen: „Glauben Sie, dass Sie auf diese Weise unsterblich sind?“
   „Ich?“ sagte er barsch, „ich, der vor Ihnen sitzt? Nein! Ich denke nicht mehr schön. Das Ich, das vor zehn Jahren mein war, das ist unsterblich – allerdings.“ Und sich besinnend, fügte er bestätigend hinzu: „Ja allerdings, jenes Ich ist es.“
   Mit all dem wussten wir nichts von ihm, von seinem Schicksal – wir wussten nicht einmal seinen Namen. Mein Vater fragte ihn einmal nach seinem Namen; da legte er den Kopf in beide Hände und antwortete: „Ich werde ihn Ihnen morgen sagen. Glauben Sie mir, es ist mir manchmal schwer, mich meines Namens zu erinnern.“
   Das war nun wieder seltsam, aber wir hatten uns wunderbar rasch an die Eigentümlichkeit dieses Mannes gewöhnt, dass wir das alles so hinnahmen, als müsste es so sein. Es fiel keinem ein, diesem Unbekannten, diesem Geheimnisvollen gegenüber irgendein Misstrauen zu äußern, und trotz allem verging uns der Abend in einer gehobenen Stimmung.
    „Allerdings“, sagte Papa zu der Tante, „glaube ich, dass dieser Mann im Geiste gestört ist, aber dieser gestörte Geist ist edel und von Natur groß und tief“.
   Was mich betrifft, ich betrachtete ihn wie einen Propheten, wie einen wohltätigen Zauberer, und ich war sehr glücklich, dass ihn mein Vater, da es schon spät war und er nicht die geringste Miene machte, das Haus zu verlassen, einlud, bei uns zu übernachten. Meine Tante beeilte sich, ihm ein Zimmer zurecht zu machen, denn sie freute sich, noch mit ihm philosophieren zu können, und mein Vater nahm sich vor, ihn morgen geradeheraus nach seinem Schicksal zu fragen, das ein sehr unglückliches schien, und dann etwas für ihn zu tun – ihm auch, wie er meinte, in mancher Beziehung den Kopf zurechtzusetzen. Der Mann, sagte er, habe ein ungeheures Wissen, das man vielleicht noch nützlich verwenden könne.
  Aber die Nacht sollte alle Pläne zunichte machen. Ungefähr eine Stunde nach Mitternacht weckte die hilferufende Stimme eines Bedienten, der eben von einem geheimen Ausfluge zurückkehrte und sich in seine Mansarde begeben wollte, das ganze Haus. Ich stürzte mit der Tante auf den Korridor, in demselben Augenblicke, da auch mein Vater seine Tür öffnete. Nach dem ersten Überblicke über den Korridor eilte mein Vater auf uns zu und drängte uns wieder in die Schlafstube zurück; doch hatte ich in einer halben Minute genug gesehen. Der Bediente lag auf der obersten Treppe, von seiner Furcht niedergeworfen; vor ihm stand der Fremde im sonderbarsten Anzuge. Er hatte das weiße Bett-Tuch um den Leib geschlagen, und da dies sein einziges Gewand war, hatte er etwas von einer griechischen Statue; in der linken Hand hielt er ein Licht, in der rechten einen alten Degen, ein schönes Kunstwerk der Waffenschmiederei des sechzehnten Jahrhunderts, das meinem Vater gehörte und gewöhnlich in der Stube des Fremden hing. Mein Vater nahm ihm die Waffe ab und führte ihn in das Zimmer zurück, wo er sich auf seinen Wunsch wieder ins Bett legte.
   Ich saß zitternd in meiner Stube neben der Tante, die Tränen vergoss. „Der arme Mensch“, seufzte sie fortwährend, „er ist wirklich wahnsinnig. Ach wie schade, wie schade um soviel Geist, soviel Wissen und soviel Güte. Ja, gewiss, er ist auch sehr gut; selbst sein wahnsinniges Auge ist noch voll Güte.“ – So saßen wir da, bis der Papa eintrat und uns befahl, wieder zu Bette zu gehen; der Fremde liege in tiefstem Schlafe und es sei für diese Nacht gewiss nichts mehr zu befürchten. – „ Welch sonderbares Abenteuer“, sagte mein Vater achselzuckend, um sein Mitleid mit dem Fremden, der ihm nicht minder gefiel, zu verbergen.
    Als wir des Morgens erwachten, ging der Fremde ruhig, aber mit traurig gesengtem Kopfe im Parke umher. Die Tante wollte ihm folgen, aber mein Vater hielt sie zurück. „Es ist besser“, sagte er, „man lässt ihn allein. Wenn er wieder kommt, will ich sehen, was zu tun ist.“ Er befahl uns auch, die Fenster zu verlassen. Wenn der Fremde eine Erinnerung an den Vorfall in der Nacht habe, müsse es ihm nur unangenehm sein, wenn er sich beobachtet wisse.
    So ließen wir ihn allein. Er hielt sich diesmal nicht bei den griechischen Göttern auf, sondern ging langsamen Schrittes und offenbar sehr niedergeschlagen ins Gebüsch. Ein Arbeiter berichtete, dass er sich dort auf eine Bank gelegt habe. Da er aber durch Stunden nicht zum Vorschein kam, ging mein Vater, um ihn aufzusuchen. Er war nicht mehr im Parke. Vom Balkon und von den Fenstern durchspähten wir die Ebene – er war nirgends zu sehen. Mein Vater stieg zu Pferde und durchkreuzte die ganze Gegend. Der Fremde war und blieb verschwunden; wir haben ihn nie wiedergesehen.



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