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Moammar Atwi: Tagebuch der Isolation

Zeitzünder/Lyrik heute
Moammar Atwi

übersetzt von Udo Peschken  

Tagebuch der Isolation


Das bin nicht ich, das ist nicht meine Welt, die da zusammenschrumpft, die sich in kleine Zimmer zurückzieht. Ich bringe meine Papiere auf dem Schreibtisch andauernd durcheinander.

Zweimal in der Woche Einkaufen-Gehen im Supermarkt um die Ecke. Ich beginne meine Tage mit einer Tasse Kaffee und einer Scheibe Butterbrot. Ich lese die neusten Nachrichten über den Virus und die Informationen betreffs der komplizierten politischen Lage meines Landes auf der anderen Seite des Mittelmeers.

Im Libanon leiden die Menschen unter den katastrophalen Lebensbedingungen und den Folgen der politischen Korruption, vor dem Covid-9 sie haben weit weniger Angst als vor dem Hunger.
    Junge Männer und Frauen und sogar Kinder sterben unter den Kugeln der Sicherheitskräfte, die die korrupten Politiker und ihre Bundesgenossen schützen, den Klerus und die religiösen Führer.

Nach dem Französischunterricht im Internet gibt es anderes zu tun: das Gemüse schneiden, das Fleisch würzen, den Topf buttern, das Huhn oder das Fleisch aus dem Tiefkühlfach auftauen, jeden Tag ein anderes Gericht zubereiten. Mal koche ich es auf dem Herd, mal bereite ich das Essen auf andere Weise im Ofen. Eher selten esse ich kalt, außer wenn ich mich zu träge fühle.

Der einzige Moment, wo ich durchatme, wo ich entlüfte, ist die eine Stunde des Gehens in der Natur, des Spaziergangs auf dem Lande um das Dorf herum. Es ist die Beatmung des Tages.

Jede Woche schmiede ich Pläne, immer mehr Pläne, aber das ist nutzlos, die Trägheit und die Schläfrigkeit bringen mich um, ich bekomme den Eindruck, daß ich die Kunstfertigkeit meines Schreibvermögens verliere.    
   In meinen vier Wänden tue ich nichts Nützliches. Kaum, daß ich meine Hausaufgaben gemacht habe, bevor ich meinen Fremdsprachenunterricht auf Hangouts oder Zoom beginne. Ich schäme mich vor meinem Lehrer, wenn ich den Bildschirm meines PCs öffne, wieder ohne etwas vorbereitet zu haben. Ich komme mir dann vor wie ein kleines Kind, das vermeidet, dem Lehrer zu begegnen, um den Fragen nach den Hausarbeiten zu entgehen.

Ich überfliege die Seiten und die Nachrichten auf den sozialen Medien mehr als einmal am Tag ohne mich zu konzentrieren, einzig und allein fixiert auf die aktuellen Todesraten pro Land bezüglich der Korona-Virus-Infizierten, auf die letzten Zahlen derjenigen, die sich gegen die Krankheit nicht haben wehren können, in den Vereinigten Staaten, in Spanien, in Deutschland, in Italien, in Frankreich, im Libanon, und die tot sind.

Ich lege Bücher auf den Tisch, ohne sie zu öffnen, und ebenso die Tageszeitungen, die ich ab und an kaufe. Oft höre ich klassische Musik, ich versuche, jeden Tag neue Sängerinnen und Sänger zu entdecken. Manchmal sehne ich mich nach alten Chansons.

Der Tag vergeht schnell, und im Geiste entwickle ich einen Aktionsplan, der von Tag zu Tag aufgeschoben wird. Werde ich weiter an meinem Roman über das Asyl arbeiten? Werde ich Übungen zur französischen Grammatik und zur Konjugation machen? Werde ich ein Gedicht schreiben oder einen Text über den Alltag meiner Isolierung? Sollte ich einen Politik-Artikel schreiben zu den Geschehnissen im Vorderen Orient und in Nordafrika? Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Zwischen Kochen, Surfen im Internet und dem Herumblättern in einem alten Tagebuch oder einem Roman, der seit zwei Monate auf dem Tisch herumliegt, weiß ich nicht, wo ich anfangen soll, bis zum Ende des Tages … und die Nacht beginnt mit einem langen Film.

Morgens warte ich auf die Elster, die mein Lieblingsvogel ist. Obwohl sie sehr scheu ist, erscheint sie doch behutsam an meinem Fenster.
 Wenn das Fenster geschlossen ist, pickt die Elster die Brotkrumen auf, die ich auf das Fensterbrett streue, und fliegt dann weg.
   Sie achtet darauf, daß man ihr nicht zu nahekommt. Und obwohl sie sich dergestalt verhält, ist die Elster dennoch meine Freundin auf Abstand, so wie meine Studien, meine Internet-Meetings, meine Diskussionen und meine Freundschaften.


Geschrieben in Lambesc am 27. April 2020


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