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Mirjam Schaub: Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis

Rezensionen/Lesetipp > Rezensionen, Besprechungen

Jan Kuhlbrodt

Mirjam Schaub: Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis. Hamburg (Felix Meiner Verlag) 2025. 368 Seiten. 48,00 Euro.

Radikalität.


2025 legte Mirjam Schaub im Felix Meiner Verlag eine umfangreiche Studie mit dem Titel „Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis“ vor.

Der Titel erinnerte mich an meine Studienzeiten an der Karl-Marx-Universität Leipzig in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Dort wurde damals in jeder offiziellen und halboffiziellen Rede die Einheit von Theorie und Praxis beschworen. Man erwartete von den Wissenschaften praxiswirksame Ergebnisse, auch von den Gesellschaftswissenschaften und sogar von der Philosophie. Da sich aber die gelebte Realität immer weiter von der ideologisch behaupteten entfernte, ergaben sich immer krudere theoretische Hilfskonstruktionen, um den Riss irgendwie noch zu kitten. Die Forderung nach der Einheit wurde jedoch immer drängender formuliert, was letztlich zur Implosion auch jeder Legitimationstheorie führen musste.  Das Zerfallen der Theorie fiel dann mit dem Fall des politischen Systems zusammen, was im Grunde die geforderte Einheit als Endpunkt realisierte.
Was wir damals erlebten und durchdachten, folgte letztlich einem Muster.

Schaub geht im ersten Band ihrer Studie dem Phänomen in antiken Theorien und Gesellschaften nach. Ausgangspunkt auch ihrer Überlegungen sind, wie so oft, Platon und Aristoteles. Letzterem bescheinigt Schaub, die Lücke überhaupt erst erfunden zu haben.

Wesentlich an Fahrt gewinnt das Buch, wenn es sich von der Philosophie ab und der Religion zuwendet und untersucht, wie Radikalität zum Beispiel in frühchristlichen Gemeinschaften in Extremismus umschlägt. Hier findet sich in der Realgeschichte ein gewisser Thrill, der sich letztlich auf verschiedene Art und Weise bis in die Gegenwart fortsetzt.
Zentral in Schaubs Argumentation erscheint mir ihre Trennung von Radikalität und Extremismus. Wahrend sich danach Radikalität auf das eigene Denken und Handeln und deren Konsequenzen richtet, fordert Extremismus die Konsequenz bei anderen und letztlich der ganzen Gesellschaft ein. Das macht Schaub im zweiten Band des Projektes an verschiedenen Positionen klar und natürlich kommt sie um eine Auseinandersetzung mit den Achtundsechzigern und der RAF nicht herum.


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