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Miriam Spies: Tanger Momente

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Stefan Heuer

Miriam Spies: "Tangermomente – Annäherungsversuch einer Fremden". Schönebeck (Moloko Print 282) 2025. 176 Seiten, Klappenbroschur. 24,00 Euro.

Verschlungene Wege, Tradition und Moderne, dürre Katzen –
Miriam Spies und ihr besonderer Blick auf Tanger


Gerade unter Literaten ist Tanger, die westlich der Straße von Gibraltar gelegene Millionenstadt im Norden Marokkos, ein Mythos – lange her, dass William S. Burroughs hier mit "Naked Lunch" sein wohl bekanntestes Buch schrieb. Allen Ginsberg, Peter Orlovsky, Jack Kerouac – sie alle waren hier und haben ihre Spuren hinterlassen, ebenso wie Paul Bowles, der bereits 1947 nach Tanger kam und der Stadt bis zu seinem Tod 1999 die Treue hielt. Lange her, wie gesagt, aber auch heute übt die Stadt vor allem auf Intellektuelle, Abenteurer und Freunde der Beat-Literatur des 20. Jahrhunderts noch einen enormen Reiz aus.
So auch auf Miriam Spies, die 2014 zum ersten Mal nach Tanger reiste und mit der Stadt augenblicklich ihren, wie sagt man so schön auf Neudeutsch: Soulspace fand, seitdem des öfteren dort war, Lieblingsorte entdeckte und Freund-schaften schloss. Und immer dabei: ihre Kamera. Mit "Tangermomente – Annäherungsversuch einer Fremden" hat sie nun bei Moloko Print einen Band mit Fotografien vorgelegt – nach ihrem 2019 erschienenen Reiseroman "Im Land der kaputten Uhren" (Conbook Verlag) und dem ebenfalls aktuell erschienenen Tanger-Roman "Dschinn Tonic – Tausend und keine Tangergeschichte" (Herodot) ihre bereits dritte Publikation mit Tanger-Bezug.
Den Einstieg in das Buch bildet ein neunseitiger Dialog mit dem Autor, Herausgeber und bildenden Künstler Boris Kerenski. Auch wenn dies im Buch keine Erwähnung findet, so passt das natürlich wie Arsch auf Eimer, denn auch Kerenski hat eine sehr spezielle Beziehung zu Tanger, war mehrmals zum Fotografieren dort und hat seine Eindrücke ebenfalls in zwei Publikationen festgehalten, so in "Tanger Telegramm" (einer knapp 350 Seiten starken Textsammlung zu und über Tanger aus dem Jahr 2004) sowie in Band 2 der KILLROY artbooks-Reihe von 2023. Und so ist es ein Dialog zwischen zwei Personen, die die Stadt kennen und ihren einzigartigen Charakter zu schätzen wissen. Angenehm unangestrengt nähern sich die beiden der Stadt und ihrem besonderen Charme, sprechen über das gelebte Nebeneinander von Vergangenheit und Gegenwart, den Stilmix der Architektur, über Traditionen und junge Kunstprojekte, Straßenhunde und dürre Katzen, die Präsenz der afrikanischen Kultur auf den Märkten, die verschlungenen Wege der Altstadt und das besondere Licht der Stadt. Und natürlich über Menschen, die Tanger als Fluchtort nutzen, die ihrem Alltag entfliehen, um (zu) sich selbst zu finden.

Der anschließende, gut 160 Seiten starke Fototeil (alle Fotos entstanden zwischen 2014 und 2019), entpuppt sich als Blick auf die Stadt, vor allem aber auf die in ihr lebenden Menschen. Sämtlich in feinstem Druck und schwarz-weiß, vermitteln die Fotos die im Dialogteil aufgeführten Gegensätze, zeigen Märkte, Hotels und Cafés, verwinkelte Gassen mit gekalkten Häusern, Kabelgewirr an Hauswänden, Ornamente und Sakrales und lassen so ein Gefühl von Zeitlosigkeit aufkommen, denn viele der Fotos hätten wohl auch vor 70 Jahren eins-zu-eins so aufgenommen werden können. Dazwischen aber eben auch: zugeparkte Straßen, Street-Art, kleine Galerien, am Angelstrand badende und in traditioneller Kleidung Fußball spielende Frauen. Die Fotos sind eher Momentaufnahme als arrangiert, und meistens sind es die kleinen Details, die beim Betrachten Gefühle und Stimmungen auslösen und Geschichten erzählen. Nun ja, und manchmal, sehr selten, sind die Fotos dann natürlich eben doch dokumentierte Geschichte, der man sich (gerade) als Tanger besuchende Autorin nicht entziehen kann, so wie die Fotografie der Zimmernummer 9 an einer Tür des Muniria Hotels, in dem Burroughs einst lebte und schrieb.

Ein feines Buch, das Lust macht, diese Stadt endlich mal oder endlich mal wieder zu besuchen.


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