Michael Pietrucha: Von Walen und anderen Verrätern
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Florian Birnmeyer
Michael Pietrucha: Von Walen und anderen Verrätern. Gedichte. Dortmund
(edition offenes feld) 2025. 84 Seiten. 20,00 Euro.
Michael Pietrucha ist Autor, freier Übersetzer und Dichter. Er hat in
Anthologien und Zeit-schriften veröffentlicht und ist Mitglied der Autorengruppe
Wortwerk Erlangen. 1983 in Siemianowice Śl. geboren, lebt er seit 1989 in
Franken. 2023/24 war er für elf Monate Stipendiat des internationalen
Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg. Neben Übersetzungen aus dem
Belarussischen, Polnischen, Russischen und Englischen schreibt er Gedichte.
2025 erschienen Von Walen und anderen Verrätern
sowie kurz darauf Auf der Suche nach Agape,
beide im eof-Verlag. Schon die Titel dieser Bücher sind klug gewählt: Sie
öffnen einen Denkraum, ohne ihn vorschnell festzulegen, und wecken gerade
dadurch Neugier.
In Von Walen und anderen Verrätern kreist Pietrucha um
Kindheit, Herkunft, Liebe, Trennung und die oft nur tastend zu beantwortende
Frage, wie sich aus biografischen Splittern, Erin-nerungen und Brüchen so etwas
wie Zusammenhang gewinnen lässt. Der Band wirkt dabei bewusst offen, stellenweise
suchend, fast im Modus eines poetischen Unterwegseins. Man spürt, dass hier
einer nicht bloß Gedichte ordnet, sondern im Schreiben selbst versucht, etwas
freizulegen: Herkunft, Erfahrung, vielleicht auch eine Sprache für das, was
sich der ein-deutigen Benennung entzieht. Gerade darin liegt ein Reiz dieses
Buches. Es geht um Bewegung, um Übergänge, um Identität nicht als festen
Besitz, sondern als etwas, das sich erst im Sprechen, Erinnern und
Wiederaufsuchen formt.
Vor allem sind es Identitätsfragen, die Michael Pietrucha in seinem ersten
Band verhandelt. Angesichts seiner Migrationsgeschichte erscheint das nicht nur
nachvollziehbar, sondern poetisch produktiv. Das Schreiben wird hier zu einem
Raum des Festhaltens, der Vergegen-wärtigung, auch der familiären Überlieferung.
Erinnerungen an die Großeltern, an Arbeit, Landschaft und Verlust werden nicht
einfach dokumentiert, sondern in sprachliche Bewegung überführt:
Gesät wird immer um die erzengel herumund wie und wie ist der weizen schon geerntetder roggen die hecken die bäumesie müssen ausgerissen werdenwer soll das machen wer soll das machenniemand kann das machender rücken der krümmt sich tief und tieferder atem der wird flacher
...
der herbst ist da pflügen und säenwer soll das machen machen kannst du es nicht mehr großvater
Solche Passagen zählen zu den eindringlichsten des Bandes. Pietruchas
Gedichte führen in andere Räume, in eine osteuropäisch geprägte Erinnerungs-
und Kulturgeschichte, in Fami-lienbilder, Landschaften und Sprachschichten, die uns in der deutschsprachigen Gegenwarts-lyrik nicht allzu oft in dieser Dichte
begegnen. Auch historische und politische Wirk-lichkeiten, bis hin zum
Ukrainekrieg, werden gestreift und in ein größeres Geflecht aus Biografie und
Gegenwart eingebunden.
Gerade weil Pietrucha viel zu erzählen hat, entfalten seine Texte eine
starke narrative Energie. Diese Narrativität ist eine der auffälligsten
Qualitäten des Bandes. Mitunter aber fordert sie auch Geduld. Manche Gedichte
nehmen sich viel Raum, kehren wieder, variieren Motive, setzen erneut an. Das
kann produktiv sein, weil es den prozesshaften Charakter dieses Schreibens
sichtbar macht; gelegentlich hätte man sich dennoch eine stärkere Verdichtung
gewünscht. Nicht jede Wiederaufnahme gewinnt automatisch an Intensität, manches
wäre in konzentrierterer Form womöglich noch eindringlicher gewesen.
Das zeigt sich auch daran, dass einzelne Texte in mehreren Fassungen
auftreten, etwa „Regen I“, „Regen II“ und „Regen III“ oder auch „Bekenntnisse
I“ und „Bekenntnisse II“. Man kann das als Ausdruck eines Schreibens lesen, das
sich nicht mit einer endgültigen Form zufrieden-gibt, sondern seine Stoffe in
verschiedenen Bewegungen umkreist. Der Band wirkt dadurch weniger abgeschlossen
als vielmehr im Fluss begriffen, prozessual, tastend, offen. Vielleicht
entspricht gerade das Pietruchas poetischer Handschrift, die sich nicht auf
Pointe oder Glätte ausrichtet, sondern auf ein allmähliches Ausbreiten von
Erfahrung. In Von Walen und anderen Verrätern heißt es dazu sehr
schön:
Soziale Pilzgeflechte verbreiten sich vonTaschenboden Hosenboden zu WaldbodenDie Medien machen uns Bäume einer dem anderenschneller bemerkbar zeigen Momente einer und einem jedenDu und ich blicken gerne im Himmelsmeerund Wolkengischt sie haben immer ein neues Gesicht„Was siehst du“ „Ich sehe Wale“ „Ja, eine Schule“„Mutter mit Kalb“ war was wir uns sagten ich weiß es wie„Heute vor drei Jahren“ das Handy weiß es
Vielleicht liegt eine besondere Stärke dieser Gedichte gerade darin, dass
sie sich nicht scheuen, viel Stoff, viel Leben, viel Erinnerung in sich
aufzunehmen. Pietruchas Lyrik ist kraftvoll, biografisch durchwirkt und von
einer spürbaren Erfahrungsdichte getragen. Hier schreibt jemand, der nicht aus
Pose spricht, sondern aus gelebter Bewegung zwischen Sprachen, Ländern, Zeiten
und familiären Überlieferungen. Man wünscht diesem Schreiben für die Zukunft
stellenweise noch mehr formale Zuspitzung und Auswahl — nicht, um ihm etwas zu
nehmen, sondern um seine starken Bilder und Themen noch prägnanter hervortreten
zu lassen.
Denn dass Michael Pietrucha etwas zu sagen hat, daran lässt dieser Band
keinen Zweifel. Seine Gedichte tragen Leben in sich, Erinnerung, Brüche und
Suchbewegungen. Gerade in dieser Offenheit liegt ihre eigene, manchmal raue,
aber unverwechselbare Wahrheit.