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Michael Krüger: Münchner Rede zur Poesie

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“Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.”




Der Redner des Abends hätte kaum prominenter, kaum belesener, kaum erfahrener sein können; allein im Lyrik Kabinett war er bislang an fast fünfzig Lesungen beteiligt, mal als Autor, mal als Moderator. Und so war das Publikum sicherlich überrascht, als Michael Krüger, der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und langjähriger Hanser-Verleger, seinen Vortrag in aller Bescheidenheit begann: “Wenn ich etwas schreiben soll, was über Personen hinausgeht, bin ich ein bißchen zurückhaltend, weil ich denke, andere können das sehr viel besser”. Was folgte trug den Titel “Arbeit und Inspiration. Moderne Dichtung im Spiegel ihrer Theorien”, ging aber weit über das angekündigte Thema hinaus: Michael Krüger hielt am 1. Oktober im Lyrik Kabinett in der Reihe “Münchner Reden zur Poesie” eine Grundsatzrede zur Dichtung.    

“Wenn in Deutschland in den letzten Jahren von Poesie die Rede war, hatte man fast immer den sonderbaren Eindruck, es werde vom Besuch am Bett eines Todkranken berichtet”, konstatierte Krüger gleich am Anfang, und schmückte dieses Bild der an mangelnder Aufmerksamkeit leidenden Dichtung derart gewitzt aus, daß keine Zweifel mehr daran bestanden, was er selbst von dieser Ansicht hält. Die Poesie zu pathologisieren ist zur selbstverständlichen Gewohnheit geworden, nicht nur in den Feuilletons, sondern vor allem in literaturwissenschaftlichen Publikationen. Am Beispiel von Heinz Schlaffers Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik (erschienen 2012, bei Hanser, wohlgemerkt) zeigte Krüger, welche eklatanten Mißverständnisse von Dichtung unter vielen Geisteswissenschaftlern kursieren. Für Schlaffer schafft die Lyrik eine “entschwindende, nicht recht realitätstaugliche” Welt, wo man sich einige Verse lang aufhalten kann, als eine Art “gesellschaftliche Selbstauszeichnung”; das moderne Gedicht wendet sich von aller prosaischen Wirklichkeit ab; es wendet sich sogar vom Leser ab, und ist zum Selbstzweck geworden. Zudem moniert Schlaffer die ungeordnete Sprechweise der Dichter, das “lyrische Stammeln”, das Bildungsanstalten vor die mühsame Aufgabe stellt, dieses Stimmengewirr auf eine vernünftige Aussage zu reduzieren. Krüger entkräftete diese Behauptungen mit dem Hinweis, daß bei einer “halbwegs objektiven Betrachtung” der Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts man nicht auf den Schluß kommen kann, daß es sich um eine realitätsferne Gattung handelt. Und er wertete die “Ausfälle gegen die lyrische Sprechweise” als Ausdruck einer seltsamen Aggressivität der akademischen Forschung. Zugleich drehte er den Spieß um, und hob hervor, daß ausgefallene Wortfügungen in vielen geisteswissenschaftlichen Publikationen nur so wuchern, während die moderne Lyrik, die keine festen Versformen mehr füllen muß, auf viele überflüssige Worte verzichten kann. Am Ende von Krügers Rundschau durch die gängigen Vorurteile entpuppte sich die übliche Rede über Lyrik als üble Nachrede.
  
Den zweiten Teil seines Vortrags widmete Krüger der Grundfrage: “Existiert das Poetische – dieses Licht, ohne das kein großes Gedicht entstünde – nur in unserer Phantasie, oder hat es eine Entsprechung in der Wirklichkeit?” Krüger gestand, daß er oft an dessen Existenz zweifele; jenseits der Zweifel aber scheint es ihm, daß das, was in der Dichtung wunderbar und selten ist, doch “aus der Wirklichkeit resultiert, aus jener Schicht der Wirklichkeit, der sich nur bisweilen enthüllt.” Was dieses Licht bedeutet, präzisierte Krüger in Anlehnung an Hans Blumenbergs Aufsatz, “Licht als Metapher der Wahrheit” sowie Adam Zagajewskis Poetik. Besonders eindrucksvoll zeigte Krüger, wie vor dem Hintergrund dieser Betrachtungen die Poesie als “eine Brücke von der metaphorischen zu einer metaphysichen Sicht auf die Welt” erscheint.

Und nun kam Krüger auf das ursprüngliche Thema seines Vortrags, das Verhältnis von dichterischer Arbeit und Inspiration, zu sprechen. Für die Romantiker stand es außer Frage, daß die Inspiration die Voraussetzung eines gelungenen Gedichts ist. Krüger zitierte die berühmte Passage aus Shelleys A Defence of Poetry, wo der Dichter die Unmöglichkeit eines rein willentlichen Schaffens feststellt: “A man cannot say, 'I will compose poetry.' The greatest poet even cannot say it”. Daß die Mehrheit der Dichter auch im zwanzigsten Jahrhundert über die Notwendigkeit eines epiphanischen Augenblicks spricht, belegte Krüger mit einer Fülle von Zitaten, u.a. von Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Stefan George, Gottfried Benn, Dylan Thomas, Philip Larkin, Cees Nooteboom, und Robert Creeley. Wie dieser magische Moment herbeigeführt werden kann, weiß aber niemand – nicht einmal die Hirnforschung kann die Inspiration ansatzweise erklären – und so erleben die Dichter die Entstehung eines vollkommenen Gedichts jedes mal als ein Wunder, als “Frucht eines Augenblicks der Gnade”. “Was aber befähigt den Dichter, diesen Einbruch des Plötzlichen anzulocken?”, fragte Krüger.    In seiner Antwort betonte er die Wichtigkeit von Arbeit und Fleiß: “Offenbar braucht es die beständige poetische Praxis, um das Tor für den Einbruch des Unbekannten offenzuhalten.” In diesem Zusammenhang berief sich Krüger anerkennend auf den Schweizer Germanisten Peter von Matt, der in seinem Aufsatz, “Zur Anthropologie des Gedichts und zum Ärgernis seiner Schönheit”, das Ereignis des Gedichts feinsinnig nachspürt. Das verborgene Zentrum des Gedichts bildet die Idee der Vollkommenheit, resümiert Krüger Peter von Matts Ansatz, und die Aufgabe des Dichters ist es, “diese Sekunde der Vollkommenheit in Dauer zu verwandeln.” Dieses Ideal läßt den Dichter nicht ruhen, auch wenn er weiß, das es unerreichbar ist. Aber er hofft auf das Wunder, wie Lars Gustafssons  Bienenzüchter, den Krüger zum Schluß zitiert: “Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.”

Krügers Vortrag gipfelte in einem bewegenden Plädoyer für die Dichtung. Wie Georg Simmel sagte, “Dem Menschen ist, im großen und ganzen, nicht zu helfen”, und daher ist er auf Trost angewiesen, den er auch aus großen Gedichten ziehen kann. Und in Krügers Augen bleibt der Mensch auch künftig “ein trostbedürftiges Mängelwesen”, und so wird auch sein Bedürfnis für Poesie bestehen bleiben.  

Es war ein tiefgründiger, anregender, aber auch unterhaltsamer Abend im Lyrik Kabinett. Seine Ausführungen würzte Krüger mit herrlichen Anekdoten, die vielen in Erinnerung bleiben werden. So erzählte er wie Tadeusz Różewicz in einem Münchner Hotel bei der Anmeldung stolz seinen Beruf mit “Dichter” angegeben hatte, woraufhin der unbeeindruckte Portier auf Vorkasse bestand ... Daß Krüger mit seiner Kritik an den Geisteswissenschaften bei manchen einen Nerv getroffen hatte, verrieten die sporadischen Zuckungen im Publikum. Aber der Mehrheit der Zuhörer erging es spürbar so, wie es Holger Pils, Geschäftsführer des Lyrik Kabinetts, im Anschluß formulierte: “Es wurde innerlich sehr viel geklatscht, Michael Krüger hat vielen aus dem Herzen gesprochen, aber wir hätten eben so nicht sprechen können.” Die XIII. Rede zur Poesie war ein Glücksfall für das Publikum, und freuen können wir uns darauf, daß sie demnächst auch in gedruckter Form in der Reihe “Münchner Reden zur Poesie” erscheint.

Daniella Jancsó


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