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Michael Braun: Ich knete die Materie. Zum Tod des Dichters und Säugetierpatrioten Michael McClure

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Michael Braun

Ich knete die Materie
Zum Tod des Dichters und Säugetierpatrioten Michael McClure


Mit Fischadlern und Rotschwanzsperbern verstand sich dieser lebenszugewandte Poet manchmal besser als mit den Kollegen aus der eigenen Dichterzunft. Michael McClure, der große schamanistisch inspirierte Dichter aus Kalifornien, war ein Prophet der Schöpfung. Seinen ersten großen Auftritt hatte der 1932 in Marysville, Kansas, geborene Natur-Enthusiast bei einer Urszene der modernen amerikanischen Poesie am 17. Oktober 1955. In der Six Gallery in San Francisco, einer ehemaligen Autowerkstatt, die in eine Kunstgalerie umgewandelt worden war, nahm er als 22jähriger Junglyriker an der legendären Lesung teil, die den Ruhm der Beat Generation begründete. Allen Ginsberg trug hier erstmals sein Langgedicht „Howl“ vor, neben Gary Snyder und Philip Whalen blieb McClure der Part des Sidekicks, der sein Poem „Auf den Tod von 100 Walen“ („For the Death of 100 Whales“) vortrug, ein Requiem auf jene Wale, die in Island von gelangweilten amerikanischen Soldaten massenweise getötet worden waren. Später freundete sich McClure mit charismatischen Pop-Stars an, die seine Verse in die Welt trugen. Janis Joplins Zeile: „Oh Lord, won´t you buy me a Mercedes Benz?“ stammte von McClure – und über Jim Morrison, den Sänger der Doors, schrieb er ein intensives Buch der Freundschaft. Er wollte immer „Leute finden, die was Neues mit ihren Körpern sagen“. Das fand er bei den Doors wie auch beim Jazz von Thelonious Monk und Miles Davis. Als Beat Poet liebte er die lyrische Direktheit und Drastik – bis hin zu deftigen Anleihen bei der Dirty Speech-Bewegung, wobei er dann mit seiner „Fuck Ode“ die Zensurbehörden auf den Plan rief.  Seine stärkste Passion galt der Verbindung von Poesie und Biologie, wofür er seine Parole fand: „New Society will be biological“. Der „Säugetierpatriot“ McClure sah sich gern als Schamane: „Dieses Gefühl der ernsthaften verrückten eintauchenden Schamanen. Ich fühle, dass das…die Vorstellungskraft befreit und das Bewusstsein klärt…ich will nicht mehr erzogen werden. Ich will befreit werden.“ Zusammen mit Lawrence Ferlinghetti und David Meltzer edierte McClure viele Jahre das Journal for the Protection of all Beings. In seinen Gedichten verschmelzt er immer wieder ein pantheistisches Naturgefühl mit subjektivistischen Befreiungsgesten. Die totale Revolte, die diese Gedichte entfesseln wollen, zielt auf die unmittelbare Verschmelzung des Subjekts mit der lebendigen Natur, auf eine poetische Mimesis ans Animalische: „ICH BIN DER TOTE COYOTE AUF DEM ASPHALT,/habe meinen Kopf zurückgedreht vor Übermut./Ich bin der Fischadler, der sein Nest baut/auf dem Straßenschild./Ich bin der Adler, der schlafend/auf dem Kaktus ruht,/und was der Wind/ans Licht bringt/genausogut.“


Auf deutsch konnte man die Gedichte McClures erstmals 1961 in einer Anthologie von Walter Höllerer lesen, in „Junge Amerikanische Lyrik“. Sein Gedichtband Dunkelbraun („Dark Brown“) wurde 1970 vom März Verlag verlegt, sein spektakuläres Theaterstück The Beard, in dem der Westernheld Billy The Kid mit der platinblonden Hollywood-Diva Jean Harlow zusammentrifft, bei Suhrkamp. In besonderer Weise haben sich der kleine Göttinger Altaquito-Verlag und der Übersetzer Reinhard Harbaum um McClure verdient gemacht: seit 1980 sind dort mehrere „Sonderblätter“ und Paperbacks mit Gedichten McClures erschienen. 1985 widmete dann Helmut Salzinger eine Ausgabe seiner Zeitschrift Falk dem Werk McClures. Nach der Auswahlband Keine Angst!, der 1988 bei Hanser erschien, kümmerte man sich in Deutschland dann kaum mehr um das gewaltige Werk des großen Dichters und Mystikers, der zeit seines Lebens etwa fünfzig Gedichtbände und über dreißig Theaterstücke geschrieben hat. Gegen eine gefräßige Zivilisation, die Raubbau an den ökologischen Lebensgrundlagen betreibt, setzte McClure, der „Säugetierpatriot“, seine emphatischen Gesänge auf kreatürliches Leben. In einem „Lied“ ist diese Daseinsbegeisterung auf eine knappe Formel gebracht: „ICH ARBEITE MIT DER FORM / des Geistes./ Ich knete die Materie/ in meinen Händen; / ich gestalte/ es aus / der inneren Gewebeschicht. / Sogar eine Krähe oder ein Fuchs/ versteht das.“ Am 4. Mai ist Michael McClure, der „Dichter der protoplasmatischen Energie“ (Allen Ginsberg), in seiner kalifornischen Heimat gestorben.

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