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Merkur 11/2019 und 12/2019

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Michael Braun

Zeitschrift des Monats

Merkur 11/2019 und 12/2019

Der Antisemitismus der Brüder Grimm


Es ist eine Erzählung der Niedertracht, ein aus denunziatorischem Ungeist geborenes Machwerk, eine Gräuelgeschichte, einzig tauglich als schlimmer Beleg in einer Literaturgeschichte der Infamie. Sie trägt den Titel „Das von den Juden getödtete Mägdlein“ und beginnt mit den folgenden Worten: „Im Jahr 1267 war zu Pforzheim eine alte Frau, die verkaufte den Juden aus Geiz ein unschuldiges, siebenjähriges Mädchen. Die Juden stopften ihm den Mund, daß es nicht schreien konnte, schnitten ihm die Adern auf, und umwanden es, um sein Blut aufzufangen, mit Tüchern. Das arme Kind starb bald unter der Marter und sie warfen es in die Enz, eine Last von Steinen oben drauf.“ Jeder Satz in dieser Schreckensgeschichte ist darauf angelegt, den Hass auf Juden zu animieren und zu potenzieren. Das Problem mit diesem Text ist nun, dass er 1816 von zwei sehr prominenten jungen Herren in ihre Sammlung Deutsche Sagen aufgenommen wurde: Jacob und Wilhelm Grimm, die genialischen Erforscher unserer Sprachschätze im Deutschen Wörterbuch und Sammler unserer Kinder- und Hausmärchen, haben diesen Hass-Text gegen Juden nicht etwa in einem Moment geistiger Absenz in ihre Sammlung aufgenommen, sondern aus reiner Überzeugung und in programmatischer Konsequenz. Unsere größten Sprachforscher haben mit ihren antijudaistischen Ressentiments nie hinterm Berg gehalten und sie in Briefen, Tagebüchern und Textsammlungen immer wieder zum Ausdruck gebracht. In der umfangreichen Forschungsliteratur zu Leben und Werk der Brüder Grimm wurde ihre antisemitische Grundhaltung bislang nur am Rande behandelt; Literaturwissenschaftler wie Hans-Jörg Uther, Holger Ehrhardt und Richard Faber haben hier immerhin einige Vorarbeit geleistet. Einen aufsehenerregenden Essay zum Judenbild der Brüder Grimm hat nun der Schriftsteller Gerhard Henschel im Novemberheft der Zeitschrift Merkur vorgelegt und darin die niederschmetterndsten Belege für die antijüdische Disposition der Grimms gebündelt. Henschel verweist hier auch auf den historischen Kontext dieser judenfeindlichen Haltung: Erst im Frühjahr 1816 waren den Juden im Kurfürstentum Hessen staatsbürgerliche Rechte eingeräumt worden – und offenbar fürchteten die Philologen-Brüder Grimm auf ihrem eigenen Arbeitsfeld massive Konkurrenz. Die von Henschel zitierten antijüdischen Tiraden der Grimms aus den Jahren 1816/1817 brachen noch drei Jahrzehnte später wieder auf, als der jüdische Sprachforscher Daniel Sanders, der bei Jacob Grimm in Berlin studiert hatte, 1852/53 eine fundierte Kritik am Deutschen Wörterbuch der Grimms veröffentlichte. Jacob Grimms Reaktion fiel heftig aus: Er zeterte gegen „die jüdische frechheit und zudringlichkeit“ seines Kritikers. Selbst der kontextualisierende Verweis auf den Umstand, dass in der Epoche der Romantik die antijüdischen Affekte zum Mainstream gehörten, relativiert nicht die schockierende Primitivität der Grimmschen Äußerungen, die dank Henschels Essay erstmals einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden sind.
    Es ist kein Zufall, dass dieser in jeder Hinsicht aufregende Text Henschels im Merkur erschienen ist, denn die 1947 gegründete Zeitschrift für europäisches Denken ist noch immer das Zentralorgan für ein unabhängiges Denken, das die immer stärkeren affektiven Überhitzungen des intellektuellen Diskurses ernüchtert und vor allem alle Formen ästhetischer und politischer Hyper-Moralisierung abwehrt. Der Merkur war immer ein kühler Kritiker jeder Art von Gesinnungsästhetik und ideologischer Gewissheit.  
    In den beiden jüngsten Heften sind es neben Gerhard Henschels Essay die fatalistischen Kolumnen Robin Detjes, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Detje feiert im Novemberheft das „Aussterben der Siegertypen“ und das Ende der Dominanz eines autoritären Paternalismus durch alte weiße Männer. Das Bild des auch in seiner Nacktheit kolossalen Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl in der Sauna, über den unlängst eine trübe Boulevard-Story kolportiert wurde: Das firmiert hier als eine ranzig gewordene Erotik der Macht, die  - zum Glück – von der Me-Too-Bewegung geschleift worden ist.
    Hinzu kommen weitere angriffslustige Essays. In der Dezember-Ausgabe des Merkur erörtert z.B. der Politikwissenschaftler Philipp Manow die heimlichen Exklusionen, die in unseren geläufigen Modellen von demokratischer Repräsentation wirksam sind. In den meisten Theorien werden aufschlussreiche Trennlinien zwischen dem repräsentierten Volk (als Nation) und einem „unrepräsentierbaren Pöbel“ gezogen. Bereits beim großen Immanuel Kant gibt es die Unterscheidung zwischen einem verehrungswürdigen „Volk (populus)“ und einer aus der Staatsbürgerschaft auszuschließenden „wilden Menge“ (von Karl Marx später zum „Lumpen-proletariat“ degradiert), die als „Pöbel (vulgus)“ zur „gesetzwidrigen Vereinigung im Rottiren“ neige und daher außerhalb der bürgerlichen Prozeduren zu halten sei. Die derzeit starke Konjunktur populistischer Bewegungen habe daher – so Manow - auch mit einer „Wiederkehr des Verdrängten“ zu tun, also mit einem Aufstand des einstmals als „Pöbel“ abgespaltenen Gesellschaftssegments. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt auch der Leipziger Politologe Moritz Rudolph in seinen scharfkantigen Thesen zu den „Zuspätrevoltierenden“ im deutschen Osten. Ausgehend von dem Faktum, dass die sogenannte Wiedervereinigung nie eine Fusion zweier gleichberechtigter Teile war, sondern ein Teil den anderen schluckte, skizziert Rudolph seine Beobachtungen zur historisch verpassten „Revolution“ im Osten: „Es gab nur diesen einen geschichtlichen Moment, aber den ließ man ungenutzt verstreichen. Seither geistert die Revolte als Zombie durchs Land und findet keine Erlösung.“

Merkur, Nr. 846 (Heft 11/2019) und Nr. 847 (Heft 12/2019),  Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, je 104 Seiten, jeweils 14 Euro.

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