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Mel Bochners Grammatik der Farbe

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Fassade Haus der Kunst: Mel Bochners monumentales Werk "The Joys of Yiddish" (2006) - Farbe und Text eng miteinander verknüpft.
Text: Kibbitzer, Kvetcher, Nudnick, Nebbish, Nudzh, Meshugener, Alter Kocker, Pisher, Plosher, Platke-Macher. Foto: R. Volz


Mel Bochners Grammatik der Farbe

Amazing!, 2011. Midwest Private Collection,
© Mel Bochner

Blah, Blah, Blah, 2011. Courtesy Two Palms, New York, © Mel Bochner

No Thought Exists Without  A Sustaining Support, 1970. San Francisco Museum of Modern Art, bequest of J.D. Zellerbach, by exchange, 2009.84.  © Mel Bochner

Mit der Entwicklung der amerikanischen Konzeptkunst erfolgte Anfang der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine neue Auffassung von Malerei, die nicht mehr auf dem tradierten Verhältnis von Subjekt und Objekt, von Künstler und seinem Artefakt beruhte, sondern bei dem 1940 in Pittsburgh/Pennsylvania geborenen Mel Bochner durch Einführung visualisierter Sprache zu einer radikalen Umdeutung von Kunst und Bildsprache führte. In einem Vortrag beschrieb er 1971 sein radikales Konzept: „Ich interessiere mich für die unterschiedlichen und grundlegenden Arten, wie wir die Welt verstehen und uns in ihr bewegen: wie wir unsere Handlungen und Tätigkeiten koordinieren, wie wir zum Beispiel verbinden, trennen, zusammenführen oder vertauschen. Ich 'mache' keine Kunst. Meine Kunst ist intransitiv - sie hat kein Objekt. Ich sage lieber, dass ich Kunst 'betreibe'.“ Sprache stellt in diesem Zusammenhang nicht nur ein Mittel dar, über die Kunst zu sprechen, sondern sie wird selbst Teil der Kunst.

Auf der Vorderseite des Hauses der Kunst zieht sich auf der Höhe der Kapitelle das zweifarbige Sprachband des Monumentalwerks „The Joys of Yiddish“ (2006) entlang, das umgangssprachliche Begriffe aus dem Jiddischen, die inzwischen in das moderne Amerikanisch eingewandert sind, in gelb auf schwarz aneinander reiht. So steht „MESHUGENER“ (Bekloppter) neben „ALTER KOCKER“ (alter Quengler), „PISHER“ (unreife Person) und „PLOSHER“ (Angeber) neben „PLATKE–MACHER“ (Unruhestifter), eine Provokation aus den Ghettos der Nazi–Zeit und eine Erinnerung an die schwarzen Armbinden und die gelben Judensterne: Die Sprache der Opfer und die Farbe der Täter sind hier miteinander verschmolzen.

Die umfassende Retrospektive wirft den Blick zurück auf Mel Bochners bekanntes Werk „Theory of Painting“ (1970), einer bodendeckenden Fläche von Zeitungsseiten, überzogen mit blauen Rechtecken oder zersplitterten blauen Farbfragmenten, und auf das philosophische Theorem „No Thought Exists Without A Sustaining Support“ (1970) und führt mit zwei 2011 entstandenen Werken in die unmittelbare Gegenwart: „Amazing!“ versammelt in farbstarken Großbuchstaben einen Strom emphatischer Ausrufe, die Expressivität und Inhaltslosigkeit in sich vereinen, oder „Blah, Blah, Blah“, ein für München konzipiertes großformatiges Querbild, auf dem der bunte Fluss von Sprechblasen auf schwarzem Grund ein Zeugnis nichts sagenden Redens, eine Visualisierung gestörter Kommunikation darstellt.

Mel Bochner formulert mit seiner konzeptionellen Bildsprache beunruhigende Fragen zur Rolle der Kunst, des Künstlers und des Individuums in einer Welt, deren Grundlagen ins Wanken geraten sind und die nach neuen Lebensformen sucht.

Die Ausstellung „Wenn sich die Farbe ändert“ wird noch bis 23. Juni im Haus der Kunst München gezeigt.

Ruprecht Volz


Theory of Painting, 1970. The Museum of Modern Art, New York. Committee on Painting and Sculpture Funds, 1997, © Mel Bochner

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