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Mati Shemeolof: Drei Gedichte

Lyrik heute
Mati Shemeolof

Drei Gedichte
Übersetzung: Beate Esther von Schwarze


Gefahr

All die Jahre, in denen ich
über die Auswanderung der Eltern schrieb,
all die Jahre, in denen ich
ihre Auswanderung nachvollzog,
sind plötzlich von mir abgefallen,
als mir klar wurde, daß ich über die Zukunft schrieb,
und hier stehe ich, mit dem Koffer und den Büchern in der Hand,
wie auf einem Bild von Me‘ir Pichhadze*.



Auf unserem Küchenbrett
wird unser Leben Tag für Tag zerschnitten
Jeder Streit hinterlässt noch eine Narbe,
kein Gemüse und keine Frucht, die zerteilt wird,
stillt unseren Hunger
Der Schatten, der in die Ritzen fällt,
wird nicht weggespült, trocknet nicht an der Luft,
schreibt keine Gedichte,
Schnitte in unserem Ebenbild.



Sanft und wehmütig

Könnt ich nur ein Gedicht schreiben
auf die ersten Gesetzestafeln,
die in Moses' Herz
zerbrachen,
in der Vision der Jocheved,
die wusste, dass der Erwählte einen Lektor brauchte
für die Worte, die am Sinaiberg zerschellten.
Könnt ich nur ein Gedicht schreiben
auf das Goldene Kalb
das keine Metapher sein wollte
hätte ich geschrieben
wie es frei
durch ein Feld von Kamilleblüten läuft.
Vögel zwitschern. Blauer Himmel. Wiese.
Durch dich erfuhr es zum ersten Mal, was Liebe ist
und jetzt ist es glücklich mit seinem Gott.


* Me'ir Pichhaze (1955-2010), aus Georgien stammender israelischer Künstler und Maler.


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