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Marwan Ali: Wenn der Krieg ein Theaterstück wäre

Rezensionen / Verlage


Stan Lafleur

Marwan Ali: Wenn der Krieg ein Theaterstück wäre. Gedichte. Übersetzung von Mahmoud Hajij. Berlin (Hans Schiler Verlag) 2019. 88 Seiten. 16,00 Euro.


Marwan Ali gehört zu den Exildichtern, deren Werke hierzulande oft nur in Ausschnitten, wenn überhaupt bekannt sind. Wenn der Krieg ein Theaterstück wäre ist seine erste Gedichtsammlung in deutscher Sprache (übertragen von Mahmoud Hajij) und bietet auf gut 80 Seiten eine Kompilation aus seinen arabischen Bänden.

Das erste Kapitel, Auf der Suche nach dem verlorenen Ort, eröffnet mit Erzählgedichten, die am Rande von Dorfstraßen, Weizenfeldern, Nachbarschaften situiert in unbekannte, nahezu unwirklich erscheinende Gegenden versetzen, deren Orts- und Flurnamen dem deutschen Ohr sofort nach Staub, Dattel und Wasserpfeife klingen: Qamischli, Luja, Naif, Bierabazen, Jabal al-Ghazal, Seramka, Haramrasch. Für Marwan Ali handelt es sich um Bezugspunkte seiner Kindheit im kurdischen Teil Syriens, direkt an der türkischen Grenze. Die meisten davon sind, in lateinischer Schrift, bislang weder Wikipedia einen Eintrag wert, noch ergeben sie Google-Suchtreffer. Womöglich existieren einige dieser Vororte, Weiler, Landschaften inzwischen aufgrund des Krieges, der in Deutschland vornehmlich in Form von Trümmerbildern, Zeltlagern und Fotos kurdischer Soldatinnen visualisiert wird, nicht mehr, womöglich waren sie seit jeher zu unbedeutend und abgelegen, um jenseits dieser Gedichte, die sie lebendig machen und verstetigen, überhaupt wahrgenommen zu werden. Der Dichter rückt in dieses von lauter Nachbarn und Verwandten bewohnte und von Minenfeldern umgrenzte Niemandsland schlichte Dinge, an denen sich Geschichten entzünden: eine auf mysteriöse Weise angelangte Schere deutscher Herkunft, die über Generationen wie ein Schatz behandelt wird oder ein imaginäres Piano. Die Gegend wirkt karg, doch Zigaretten gibt es reichlich und Sonne, einen Maulbeerbaum und schöne Erdbeben, die die Straßen erschüttern. Dann ist etwas los. Eigentlich ist immer etwas los, das Nichts in Wirklichkeit angefüllt: mit den Liedern von Hülya Avşar, Marilyn Monroe aus der Videothek, dem Warten auf die Vogeljagdsaison. Aus der europäischen Erinnerung umreißt Marwan Ali instabile Landschaften zwischen Kindheit und jungem Erwachsensein, Flugträumen und Flugzeugen, Lehmhäusern, Arbeitslosen, Melonenfeldern und argloser, mit Zufriedenheit überblendeter Langsamkeit. Im Teenager-Alter setzen jähe Schrecken ein, die Ortsnamen gewinnen an Weltläufigkeit: schwere Schreie aus dem Gefängnis von Palmyra, Angst vor dem Stillstand der Erdrotation, Geruchsmischungen aus Eukalyptus und Schießpulver in Aleppo: Warnungen, Kriegsvorboten, Auswege: in der Ferne leuchtet Damaskus als Übergangsort ins zunächst niederländische Exil. Marwan Alis Sprache liest sich (in der deutschen Übertragung) einfach und lässt mindestens so viel offen wie sie beschreibt. Sie ist das schlichte, mal sonnen-, mal kugelzerschossene Gedicht an der rückwärtigen Lehmwand einer instabilen, womöglich längst zerfallenen Gegend. Eine Ritzung, deren Staub nun aus den Klamotten des Exilanten in Europa rieselt.
Das zweite Kapitel Diese Liebe war mühsam versammelt ein Dutzend Liebes- oder besser: Sehnsuchtsgedichte. „Die kleinen Blumen, / am Saum deines kurzen Rocks / sind die Wirkung einer alten Berührung, / direkt über dem Knie“. Entfernung und Ferne des Exils entsprechen in diesen Texten den Mühen der Liebe mit ihrem ozeanischen Schwanken zwischen Glück und Trauer, Verletzung und Ekstase. Trauer und Abschiede drücken auf die Waagschale. Die Abschied nehmende Hand wächst vor lauter Abschiednehmen zum Baum. Der ist eine Zypresse in Sichtweite, zugleich Jahre entfernt. Zu den Liebesbräuchen gehören der Dolchstoß, das Sich-Verrennen, die Tränensammlung. Geheimnis, Betrug und melancholische Gedanken an Vergangenes offenbaren die Verse, die Sehnsucht nach Überschaubarkeit einer auch in der syrisch-kurdischen Provinz unüberschaubaren Welt.

Das titelgebende dritte Kapitel Wenn der Krieg ein Theaterstück wäre dekliniert den Tod. Es steckt voller Gräber. „In einem Krieg siegen die Leichen“, „wer nicht durch eine Kugel getötet wird, /wird vor Sehnsucht sterben“. Die genuin karge Landschaft entleeren die Kampfhandlungen vollends, die Gesichter der Vermissten darin zu entdecken hilft auch kein Spiegel: „Du wirst dort nur leere Patronen finden / und tote Vögel / mit eisernem Schnabel“. Über den Gräbern wächst indessen die Angst der Soldaten, denn sie können den Leichen, die sie fabriziert haben, nicht entrinnen, das Land ist dafür zu klein und die Lebenden folgen den Ermordeten, auf den Tod folgt der Tod: „ich ziehe kräftig an meiner Zigarette / und sterbe noch einmal“.

Das letzte Kapitel, Unvollständige Biographie, ergänzt die vorangegangenen mit knapp gehaltenen, an Sinnsprüche erinnernden Versen. Vorläufige Abschlussstatements des in die Ferne geworfenen: „Mein Koffer ist schon gepackt, / Mira sitzt auf meinem Schoß / und wir warten / in diesem fernen Land. / Aber da die Erde sich dreht, / werden wir eines Tages in Syrien ankommen“.


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