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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 9

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Kapitel 9


Die Gattin spricht

Dass der Benny die Anlage zum Hobbydichter von Seiten der Wesselys geerbt hat, das wird ganz allgemein von der Nachbarschaft behauptet, Vererbung, ja aber der Benny ist doch gar nicht leiblich der Nachkomme, muss sie dann immer wieder betonen, der Benny ist bloß ein Pflegkind, ein Adoptivsohn, hinter der Babyklappe hat man ihn gefunden, mutmaßlich die Frucht einer ungewollten Schwangerschaft, eine Fünfzehnjährige auf der Toilette, allein und dann Panik, Babyklappe, Müllhaufen. Solche Fälle gibts ja. Nicht mal was angehabt hat der Kleine. Frau Wessely hat dann noch gesagt, Benny solle Zahnarzt werden, Praxisinhaber einer gutgehenden Zahnarztpraxis wie ihr Schwiegervater. Der Standesbeamte, der inzwischen auch schon in Rente ist, erinnert sich noch ganz gut an das Gespräch, man könne nicht wissen, ob sich der Benny für diesen Beruf überhaupt eigne, man wisse nichts über die Eltern des Jungen, dem das Aggresivitätsgen im Blut liege, so seien sie vom Waisenhaus informiert worden. Keine Ahnung, woher das Waisenhaus solche Information beziehe, jedenfalls soll er die Praxis erben. Er sehe zwar aus wie ein richtiger Wessely, sagt Frau Wessely, eine gewisse Reimverwandtschaft zwischen Benny und den Wesselys sei zufällig vorhanden, es gibt ja Eigenschaften, die färben sich ab, sie hat früher mal einen Hund gehabt, den Benny, ein wundervolles Tier, leider viel zu früh gestorben, deshalb haben sie ja dem Ziehsohn den Namen vererbt, ein schöner Name, hat der Standesbeamte gesagt, erinnert sie sich, aber sie wollte bloß wiederholen, was sie immer sagt, nämlich, dass der Benny, also der Hund, nicht der Sohn, am Ende seines Lebens den Wesselys zum Verwechseln ähnlich gesehen habe, du übertreibst, hat eine entfernt verwandte Wessely ihr vorgeworfen, als sie das erzählt hat, Mensch und Hund, das kann man doch nicht miteinander vergleichen, so ein Tier hat bloß einen Reflex, wo beim Menschen die Vergangenheit sitzt, Herr und Hund und Hund und Herr, sie mag sich nicht streiten, jedenfalls hat der Benny, ihr Ziehsohn, eine ganz wundervoll Reimrede letztes Jahr auf der Blumensitzung gehalten, die hätte genausogut von einem leiblichen Wessely stammen können, man muss nämlich wissen, die Wesselys sind schon seit Generationen im Peregrinischen Blumenorden vertreten, immer auf einem exponierten Platz ganz vorne in der ersten Tischreihe der Schäferdichtung und Trinkerlyrik.

Blumenorden, soso, hat die stellvertretende Hundevoritzende in die Leitung gegähnt, und was hat das jetzt mit den Billigzähnen aus China zu tun oder mit Dichtung. Ist die Trinkerlyrik etwa auch aus China?

Älter noch als die Fruchtbringende Gesellschaft oder die Pegnitzer sind die Peregrinen, die sich zum Meistersang seit dem fünfzehnten Jahrhundert allwöchentlich zusammentun, Stollen Stollen Abgesang oder A A B A. Hä?, macht die Stellvertretende am Ende der Leitung, und sie habe sich kurz überlegt, ob es sich wirklich lohne, jetzt auf Reimschemata einzugehn, als ob man mal gschwind die Zahnreihen erklären wolle. Wens interessiert, kann sich ja diesen “Poetischen Trichter, teutsche Dicht- und Reimkunst ohne Behuf der lateinischen Sprache” im Internet runterladen und sich das Zeug in 17 Stunden eingießen. Man macht ja auch sonst viel dummes Zeug in der freien Zeit, und besser als Hundeclub sind die Eingießungen allemal.

Dieses Jahr aber haben die Dichter zur Blumensitzung rheinaufwärts geladen, auf ein Vergnügungsboot, das der Blumenorden zu diesem Zweck angemietet hat, in den Gewässern wollte man treiben, außerhalb der Hoheitsbezirke, dort, wo die ausländischen Abtreibungsschiffe ankern, bis in die Tulpen wollten sie fahren, und der Benny hat seiner Rede Reim vorbereitet, Kreuzreim und Paarreim, oben hat die Tafelrunde und unten der Rede Volk gesessen, im Zwischenraum der Benny wie in einer meistersingerlichen Bütt hat nach oben und nach unten und wieder hinauf geredet, Hoch mit! Nieder!

“der so manchen stolzen Namen in der Gäste Kreis gereiht. Schwüle, Leere, Scheiden, Meiden,

Fahnenflücht'ge ohne Gleichen,  

Die mit Dampf auf Schusters Rappen unsrer durst'gen Rund entweichen.

Während wir zum Banner stehen, das nur träg' am Maste schlappt  Und – wie wir – nach einem Hauche frischen geist'gen Regens schnappt.”

Pah! Sowas kriegt schließlich jeder hin! Die soll mal nicht so elitär tun mit ihren poetischen Eingießungen, diese Gattin, unschwer könne sie sich's vorstellen, so die Hundsverwandte zur Witwe Ofenvogel, zur Mutter also des Jungforschers Ajot oder Karlhans, wie die mit gelockerten Hemdsärmeln rumsitzen, die Herren, und über Bennys Reimereien behäbig lachen. Wie Zigarrenrauch aus den Mündern Alter Herren schwebts um die Zeilen. Auf und nieder, immer wieder eine zyklische Entwicklung der Gedanken, in Reimpaaren Marsch, Reimverwandtschaft, die Peregrinen lesen Heiteres auf Irrhainfahrt im Ausländischen, ja, dort geht das Wesselysche Reimwerk schrill im Triebe des Narrenschiffs. Nein, es gibt nichts zu lachen an den Nasenvergleichen, an den herbeizitierten Zahnschemen des Vortrags, nichts an Sätzen wie: die Pappnas' war nit nur aus Pappe, die war zum Rauf- un Runnerklappe, die Pappnas frisst de Zwiwwelkuche, ei! hört man bald die Pappnas fluche, der Zwiwwelkuche und der Wein und jetzt die Rechtshänder mit der Rechten, die Linkshänder mit der Linken und die Alkoholiker mit beiden, hehe, die Fahne hoch. Reimverwandtschaft, nicht nur die blauen Augen stecken uns im Genom, nicht nur unsere besonderen Merkmale, nein, nein – auch unsere besonderen Fähigkeiten, Basenpaarung der Endreime, die Fahne hoch! Unsere Vorlieben, unser Denken und Empfinden, die Gründe für unser Tun und Handeln, es gibt keinen freien Willen! Pappnass die Papp, die Nase schlapp, denken Sie nur an die Familie Goethe, vom Vater hab ich die Statur, vom Mütterlein die Frohnatur, der Zwiwwelkuche und der Wein, die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen, die drücke hinne hundsgemein, das drückt und presst und tut, als treibe, die Pappnas kann kaum hocke bleibe, da hilft bloß a Gegedruck, Kameraden, Rotfront und Reaktion, die Militärmusik dieser Klangmalerei ist nicht nur in der Gebrauchsliteratur häufig anzutreffen, sondern sie kommt, wie man für die begleitenden Phänomene Alliteration und Parallelismus ja ebenfalls feststellen kann, selbst dort vor, wo diese militaristische Klangmalerei Dichtung heißt. In der ersten Strophe fällt nicht allein die lautlich harte Alliteration der Reihen Rotfront Reaktion und wiederum Reihen auf, dies übrigens auch ein beifälliges Element konkreter Dichtung, sondern die schier rechteckige Form des Kampfliedes, das der Rotfront hinterrücks in die Wortreihen, in die Rede fällt, Zweck des Kampfliedes schlechthin, Druck ausüben, Gegendruck, die Pappnas bstellt sich noch a Schluck, die Pappnas tropft und bleibt nit trocke, - nix kann die Nas vom Hocker locke – innerhalb  der  schlichten Handlung entfalten sich im Verlauf des Gedichts mehr oder weniger kreisläufige Motive, der Kampfzyklus von Fahne hoch - Straße frei - Appell erscheint wie die Rechtshänder mit der Rechten, die Linkshänder mit der Linken, die Alkoholiker mit beiden, hehe, nein, ein Zufall ist das nicht, und übrigens entwickelt sich in einem ähnlichen Zyklus die Fahne selbst, die Krüge hoch, die Reihen dicht geschlossen, das am schärfsten geprägte Sinnbild im Gedicht. Doch Geduld! Plötzlich wendet sich des Gedichtes Segel, nimmt Fahrt auf den Irrhain in Richtung des alten Blumenordens, setzt der Rede Richtung fort in Worten, die das Heitere mit dem Geschichtlichen verbinden ohne irgendeiner Rhythmik zu gehorchen, allein der Reim schafft so etwas wie Ordnung, Zeile, Reih und Glied, ja, man muss ordentlich suchen, damit man den Zeilenreim, dieses unschön unreine Gereime eier-euer- in Gestalt der beiden Reimworte “Befreier Steuer”, überhaupt mitkriegt, das Reimpaar verschwindet wie hässlich hinter der Rede Front:

“Der Tag wird kommen, wo die Brise als Befreier Wellen kräuselt, Wogen schwellet, wo sich stolzer hebt das Steuer, Planken stöhnen, Rahen ächzen und der Wind das Segel füllt.”

Naja, sagt die Gattin, der Benny sollte schnell noch was mit Thema Schiff lesen. Ist jetzt nicht sein stärkstes Werk.

Und klingt wie diese Schundheftchen, die es vor 20 Jahren umsonst gab, als Beigabe zum Paar Kinderschuhe einer Schuhmarke mit dem merkwürdigen Namen Salamander, Bequemschuhe und Kinderschuhe und sind jetzt auch schon lang pleite, “Lurchis Abenteuer”, so der Titel der Kinderschuh-schundhefte, mit denen hat der Benny dichten gelernt, das könne sie, die Hundsverwandte, ruhig nachlesen in den Archiven des Blumenordens, dort seien die Protokolle verwahrt, Mitgliedsnummer und Blumenname, Utrikularia vulgaris, Gemeiner Wasserschlauch, so der Ordensname des Wessely.    

Von einer einfachen Fahne ohne nähere Beschreibung, die vom Irrhain weg in Schiffsichtung bläst, kommt die Rede in der folgenden Strophe auf Wort und Fahne, werden zum trügerischen Hoffnungsträger, diese Fahne ist mit dem Parteisymbol versehen, aber so sieht schließlich jede Gruppenstandarte und jeder Gauwimpel aus, so die postdarwinistische Posthumanalyse des Textes. Erst in der dritten Strophe wird klar, dass es sich absolut um die Fahne der NSDAP, also die Hitlerfahne, handeln muss.  Diese für den Dichter, der als “gemeiner Wasserschlauch” in den Jahrbüchern des Blumenordens vermerkt ist … Wieso Wasserschlauch? so die Witwe, und hat nicht zugehört – Utricularia – so heiße der Wessely, der junge, hat sie, die Hundsverwandte, der Witwe erklärt – das deute auf die Fangklappe dieses Wesens wie ein Beweis und Grenzfall aller Darwinschen Erblehren – für den Dichter also sei diese nicht ganz so zufällig herbeizitierte Hitlerfahne, offenbar die Fahne schlechthin.

Der Zuhörer könne sie förmlich hissen hören, erklärt der Prädestinist und möchte seiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass das hochgefährliche Material, das den Postdarwinisten bei der Durchführung jener unverant-wortlichen Experimente entwichen ist, bald wieder unter Kontrolle gebracht werde, er möchte außerdem den Kollegen vom postdarwinistischen Institut die, er möchte das ausdrücklich betonen, vollste Unterstützung seines Instituts zusichern, die Sicherung des fraglichen Klons genieße nun vorrangige Priorität vor den wissenschaftlichen Debatten.

Und dann sei es zum Zwischenfall auf der Prunksitzung gekommen, aus der Tafelrunde haben sich zwei freundliche Herren aus dem Zusammenhang gelöst, stopp, so habe der Vorstand des Blumenordens  zu den Herrn gesagt, Sie können hier doch nicht einfach so auf die Bühne, Sie stören unsere Sitzung, denn der Benny Wessely ist noch gar nicht fertig. Die Pappnas' war nit nur aus Pappe, die war zum Rauf- un Runnerklappe! Die Herrn aber steigen nach oben und haben jeder einen Doktorhut und jetzt ist Schluss mit lustig, die Nas wird blass, die Pappe bang, er lässt sich doch nicht zum Narren machen, sagt der erste Herr und plötzlich wird aus der heiteren Blumensitzung der Peregrinen sowas wie eine Gerichtssitzung, vertauscht das Mittelwort der Gegenwart seinen Platz mit einem Substantiv. Titel wechseln die Stühle, der vorsitzende Herr wie Herr Vorsitzender von den Postdarwinisten, die können mit dem Blumenorden leider gar nichts anfangen, bedauere, leider gar nichts.

Wie unangenehm, sagt der Kassenwart, Peregrinen lesen Heiteres, doch Spaß beiseite, was wollen Sie eigentlich? Es stellt sich heraus, dass der erste Herr von den Postdarwinisten ist, und der zweite Herr ist von den Prädestinisten, schließt sich aber den Ausführungen seines Vorredners in wesentlichen Punkten an. Es ist jetzt nicht der geeignete Augenblick, wissenschaftliche Differenzen mit den Postdarwinisten auszutragen, die Ergreifung des gefährlichen Erbmaterials habe nun Vorrang, sagt er und will Daten. Name, Geburtstag, Blutgruppe will er wissen, den zuletzt ausgeübten Beruf, Zahnarzt ist der Benny, ungefähr sechsundzwanzig. B wie Benny wie Butterplatte, Babyklappe, der zweite im Alphabet. Benny, soso,  aber so könne man doch nicht heißen, das sei doch ein Hunderufname, das sei viel zu zweisilbig, bellbar kurz wie eine Bello-Kurzformel von Bellow, aber jedenfalls kein Herrenname, stecke im Benjamin wie Unterholz, im altdeutschen Hurst stecke der Benny wie der Wessel im Wessely, retroviral wie igitt in der brigittschen Erbsäure, ablesbar ein Wessel, ein Horst wie frisch aus Hermanns Schlacht und der Vorsitzende habe gelacht, Spaß beiseite, lacht der Vorsitzende, aber bitte, meine Herren, berichtet jemand, der dabei war und der Sitzung knapp entkam. Das Weitere sei ja wohl in den Protokollen des Blumenordens nachzulesen, so Wesselys Ziehmutter, die zugegebenermaßen nicht dabei war, und auf Nachfrage will sich dazu auch niemand äußern im Dichterverein. Man ist nun lückenlos seit dem fünfzehnten Jahrhundert tätig – und nun ist er halt verschwunden, der Benny, von der Sitzung weg mit zwei Begleitern, es habe eine Auseinandersetzung gegeben, ja, das schon. Meinungs-verschiedenheiten, die hätten die drei dann vor der Tür verhandelt, danach hat man vom Benny nichts mehr gehört, er soll sich einigen Hunden zum Fraß vorgeworfen haben, wohl auch unter Alkoholeinfluss. und der Blumenorden verweist auf Eintragungen im Stammbuch, dort steht eingequetscht als fortlaufende Nummer Wessely zwischen Schwiegervater und Mundart-dichterstochter:

1594  Horst Wessely, Zahnarzt aufgenommen 1. 7. 1984; schickte Post vom 4. 2. 1994 zurück mit der Bemerkung, er sei nie Mitglied gewesen.

1596 Benny Wessely Zahnarzt; aufgenommen 8. 3. 1999, schon mehrere Jahre mit dem Beitrag im Rückstand; verstorben?

1597 Frau Käthe Wessely, Nachfahrin des Mundartdichters Knapp, Nr. 1418. Verliest am Abend "Peregrinen lesen Heiteres" jedesmal aus ihres Vaters Reimchronik, dieses Jahr beispielsweise einige Zeilen vom 3. September 1875 an (84. Stück, im Peregrinenarchiv Schuber XXXVIII):

Dass ein Wessely mit den Beitragszahlungen in Rückstand sei, die Behauptung schuldiger Zahlungen allein sei empörend, dass aber ihr Schwiegervater, der alte, der Horst, gar nicht dem alten Blumenhain angehört haben solle – das sei ja wohl nichts weniger als eine boshafte Unterstellung. Und dann sei die Sache voll peinlich geworden, dort auf der Rheinfahrt der Blumensitzung, so die Gattin zur Züchterin und verliest das Protokoll des Abends, das ihr ein Anwesender zugespielt hat:

Sie sind beschlagnahmt, sagt der Postdarwinist. Ich bin unschuldig, sagt der Benny. Gar nix bist! sagt der Herr von den Prädestinisten.

Wessely: Wenn Sie mich bei auch nur einer Lüge erwischen dann tun Sie mich halt verurteilen. Postdarwinist: Einspruch!! Verfahrensfehler.

Prädestinist: Das ist ja lächerlich!

Und in der Tat ist das lächerlich, es gibt nämlich gar kein Hohes Gericht oder sonst eine Rechtsordnung, ein rechtswidriger Überfall ist das. Der Benny wird gebeugt wie ein Genetiv, eingetragen als Geschmacksmuster, sagt der Postdarwinist, weil auf Lebewesen keine Patente vergeben werden, so im ablehnenden Bescheid des Patentamts, aber ein Copyright kriege man vielleicht, und man hält die Rechte an Wessely und das Wesselyverfahren. Und dann gings vor der Tür weiter:

Postdarwinist: Meine Herren, ich ersuche höflichst darum, die Bestimmungen der postdarwinistischen Strafprozessordnung zitieren zu dürfen.

Prädestinist: Also, entweder wir verhandeln jetzt in der Sache oder über Ihre Anträge.

Postdarwinist: Zuerst will ich meinen Antrag vorlesen!

Prädestinist: Wir hören uns doch nicht stundenlang Anträge an, die bereits ausjudiziert sind. Wir lehnen sie jetzt schon ab.

Postdarwinist: Ich hab doch auch keinen Spaß an diesen trockenen Anträgen.

Prädestinist: Sie haben Spaß dran.

Blumenorden: Wir entziehen Ihnen das Wort, dann brauchen Sie's nicht vortragen.

Postdarwinist: Ich muss!

Prädestinist: Nix müssen Sie!

Postdarwinist: Das ist neu, was jetzt kommt!

Prädestnist: Nix is neu.

Postdarwinist: Aber ich muss doch meinen Antrag stellen können!

Prädestinist: Gar nix müssen Sie.

Postdarwinist: Aber ich hab doch meinen Antrag.

Peregrinen: Langweilen Sie doch nicht herum.

Sie hätte das nicht für möglich gehalten, sagt Frau Wessely aus, sie dachte an einen fragwürdigen Scherz des Berichterstatters. Aber sie ist eines Besseren belehrt worden, leider, sagt sie, von der Polizei seien sie, die Pflegeeltern, informiert worden: vielleicht Entführung, haben die Beamten gesagt, aber warum? Es kamen doch keine Anrufe, Geld gegen Opfer, und einfach so von einer Prunksitzung, von Rheinfahrt zum Irrhain, weg entführt mit bewaffnetem Überfall und Geiselnahme, nein, denen gehts nicht ums Geld der Wesselys, ist ihnen, den Eltern auf der Polizei erklärt worden. Es geht denen um einen Racheakt, Es gebe keine Gnade der späten Geburt, so die Prädestinisten.


Der Institutsleiter spricht

Er lasse sich doch hier nicht vorführen wie am Nasenring! Dr. Ofenvogel sei schließlich nicht von ihm genehmigt worden. In dieser Sache solle man sich an die verantwortliche Organisation selbst wenden, habe er die Bürger dort auf dem Rasen weitergeleitet, er selbst habe immer gewarnt vor Dr. Ofenvogel, der Betriebsrat aber habe auf eine Weiterbeschäftigung gedrängt - man habe sich schließlich auf eine begrenzte Stelle in einem Projekt geeinigt, eben jenem Gerechtsprechprojekt, er, als Institutsleiter habe lediglich ein Empfehlungsschreiben hinzugefügt zur Sachlage. Die Entscheidung für seinen Drittmittelforscher aber habe die Organisation selbst zu verantworten einschließlich aller Konsequenzen, die sich daraus ergeben und auf die er noch näher zu sprechen kommen möchte. Auch der Forschungsaufenthalt seines Jungforschers dort in Südamerika - die Boulevardzeitungen sprächen bereits von Forschungsskandal unter Palmen in der wissenschaftlichen Hängematte - wurde schließlich nicht von ihm genehmigt, der strittige Aufenthalt habe sich vielmehr aus Gründen ergeben, auf die einzugehen am Tag der Offenen Tür der geeignete Zeitpunkt wirklich nicht sei. Ob er sich denn wirklich nicht zu dem Drama äußern wolle – Unfall, Selbstmord, oder noch etwas anderes? Und wie er sich dazu stelle? Er stelle sich gar nicht dazu und denke auch nicht daran, sich zu stellen.

Ohne den Hintergrund der Entsühner, ohne das Projekt hätte die Sache einen ganz anderen Verlauf genommen, so die unangenehmen Zwischenrufe kritischer Bürger auf dem Rasen. Erst wolle man die Nachkommen exprimieren, züchten in Kinderheimen wie hinter Gittern, dann setze man sie ungeordneten Verhältnissen aus, gerade das Schicksal des jungen Mannes, dieses Theaterschriftstellers spreche eine unmissverständliche Sprache und gegen die Praktiken des Instituts.

Und überhaupt: Südamerika, immer wieder dieses Hinterbrasil, die Auswirkungen des Stadtbüchereibesuches, Ofenvogel habe Material aus der Stadtbücherei gewinnen sollen, zurückgekommen sei er mit einem zweifelhaften Stück konkreter Poesie in einem zweifelhaften Brasilienführer, dann habe er das OK bekommen vom Sonderforschungsbereich Konkrete Poesie des Genoms, ein unglücklicher Name, das, so merkt einer dieser Rasenanwesenden an, Rasenbürger der Offenen Tür, gewiss, denn “konkret” und “Genom” schließe sich fast aus – Genom verweist auf ein Volksgut, ganz allgemein das Genom eines beliebigen Menschen, während “konkret” auf einen bestimmten Erbgutträger verweise.

Oder anders ausgedrückt: Man kommt an Ofenvogels Bürozelle vorbei, geschlossen am Offenen Tag, die Bürger wunderten sich über eine solche Tür, sowas hinterlässt einen schlechten Eindruck, hat er am nächsten Tag den Personalrat erinnert. Man werde dafür sorgen, dass die Tür offenstehe beim nächsten diesbezüglichen Tag. Später ein schmieriges Fax und eine windige email. Da sei er aber schon bereits nicht mehr verantwortlich gewesen für die Geschehnisse, auf die er jedoch nicht einzugehen gedenke. Ach was! der redet doch bloß rum, der Typ, sie könne sich gar nicht genug aufregen über das Fernsehgesicht dieses Institutsleiters und in solch einer Vereingung, sie habe es zunächst nicht für möglich gehalten, aber nun müsse sie es doch als Tatsache ansehen, dass ein Wessely, auch wenn dieser Wessely nicht einmal mehr Wessely heißt, sondern Ofenvogel, doch das nur nebenher, dass dieser Fernverwandte an einem solchen Institut arbeite.

Und jetzt wird der treuherzige Blick wie Hund ganz stahlgrau, man muss sich stellen, so spricht es aus der Bildebene heraus den Zuschauer an, belletristisch steht so ein Wildtyp-Dichter wie am Regal, unscharf, gelehnt mit dem Rücken, besoffenes Buch. Ein experimenteller Roman im Selbstexperiment: An diesem schlechten Roman, an der Lebensführung dieses Säufers nun Kritik zu üben, das sei wahrhaftig nicht Aufgabe der postdarwinistischen Literaturkritik, das sage er als Institutsleiter, interessierten schöngeistigen Doktoranden, die aligniert auf dem Bürosofa auf ihre Einstellung warten, haben aber in der Regel von Wissenschaften keine Ahnung! In der Schule Chemie, Physik abgewählt, Mathe sowieso, keine Grundlagen in Statistik, ebenso mangelt es gewöhnlich an Grundwissen über die Entstehung der Arten, die sind doch alle vom Stamm Belletristiker – doch wie sich das konkrete Proteom unter dem Druck der Lebensbedingungen verändere, falte und krümme, Evolution also, den phylogenetischen Schönheitsbaum rauf und runter, die DNA-Analyse des konkreten Dichters exprimiert in seiner Künstlerbiografie als Buch des Lebens, nur dies sei Forschungsgegenstand! Nur Ignoranten können behaupten, das Biografische sei uninteressant, so lautet die postdarwinistische Kritik an die Addresse der Prädestinisten.

Künstlerbiografie als Täterbiografie, auch sie befassten sich damit, gegen Biografie an sich sei nichts einzuwenden. Aber dass der Forschungs-schwerpunkt der Postdarwinisten inzwischen ganz ungerechtfertigt nur noch auf Evolution liege, dass man sich die Entwicklung zur Täterpersönlichkeit auf eine lückenlose Evolution in Einzelverben rückführbar denke, sei zu beanstanden, so die Prädestinisten, die Postdarwinisten besetzten Bedeutungsnischen im Genom mit Vokabeln wie Galapagosfinken.

So besetze das Wort "schreim" die biblische Nische - von Schleim, also Dreck, Lehm, Schöpfungsdreck aus Adammaterial wie Kohlenstoff bis Zuckerring, Leben zu lehm vernuschelt wie Schreim, Punktmutation R für L, ein Schreibfehler, zu Schreim für Schleim, Evolution also, im Dreischritt Schleim Schreim Schreiben wie Lehm zu Leben, Mutation, Lehm – Lebm – Lebn, Insertion e zur Endvokabel Leben, eine unmerkliche Weiter-entwicklung, Davonentwicklung aus dem umgebenden Bedeutungsfeld Dreck, zu Lebenswissenschaften und DNA-Linguistik mit einem finalen Touch vom jüdisch-christlichen Weltbild, Almpsalm heiße ein weiteres Beispiel, das Doktor Ofenvogel anführe, allein schon der Titel, Mangelschaf an Hirtenherr im Auagrün, den Rest des Poems habe sie allerdings verdrängt, sagt die Gattin, die jetzt wirklich genug hat.


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