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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 8

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Kapitel 8


Die Gattin spricht in den Hörer hinein


Ein Institut für postdarwinistische Literaturkritik sei schließlich kein Spaßbad für wissenschaftliche Sozialfälle, sondern der Spitzenforschung verpflichtet und Ajot nachweislich unfähig. Auch innerhalb seiner zweiten Halbjahres-vertragsfrist sei Ajot nicht in der Lage gewesen, einen Beitrag zur "Entwicklung einer DNA-Linguistik" zu leisten, so irgendwer von diesem Institut im Wissenschaftsbeitrag vom Kultursender. Unter besonderer Berücksichtigung des Undpunkts. Ajot aber habe mit dem Begriff nichts anzufangen gewusst, DNA-Linguistik, diese Vokabel gebrauche Dr. Ofenvogel ungefähr wie eine Mischung aus Hechtkiefer, Barschknöchel, Eberzahn als wissenschaftliches Signaturmittel. Wie ein Pulvis pleuriticus gegen spitzen Zahnschmerz der Buddenbrookschen Karies im Gesamtwerk Thomas Manns, und sie weiß nicht, wohin sie die doppelt so dicke  Doktorarbeit hingetan hat, das Haus verliere nichts, hat ihr Mann sie getröstet, in der siebten Generation schon nachweisbar, im Stammhaus der Wesselys stehe die Zahnarztpraxis des vierten Stocks über der Uraltapotheke der Gleichnamigen. Drecksapotheke und Arme-Sünder-Fett für teures Geld steht auf der Erinnerungsplakette.


Der Institutsleiter vom grünen Rasen aus

Nach dem Fehlschlag mit dem Undpunkt habe Ofenvogel sich mit der Entwicklung des mathematischen Formelapparats für Phonemattraktoren als Grundlage zur Untersuchung der Selbstorganisation von Sprache befasst. Aber Ajot habe ja nicht mal die einfachsten Formeln der dazu benötigten Mathematik kapiert. Man habe daraufhin Ajot in der Sprachsimulation eingesetzt, ein am Institut der postdarwinistischen Literaturkritik entwickeltes Programmpaket zur Sprachspieltheorie, dem Monte-Carlo-Simulationen zugrunde liegen, doch ist  - rien ne va plus - Ajot wie immer mit der Aufgabe überfordert gewesen.

Chomsky - jeder hats und keiner liests, eine in die Tiefenstruktur aller Sprachen hinein übersetzte Universalgrammatik. Chomsky, diesen hohen Namen führt Ajot in jeder seiner Reden aus wie an einer Hundeleine, wie Schlussfolgerungen zieht ers her zwischen einer molekularen Genetik in den nonsensikalen Abschnitten auf dem Bedeutungsstrang  und einer degenerativen Grammatik, Spielregeln evolutiver Schreibprozesse.

Im ersten Halbjahr seines Werkvertrags erfolgte das Ajotsche Versagen am Beispiel "Züchtung degenerativer Grammatik". Es sei darum gegangen, degenerative Universalgrammatik auf eine Bakterienkultur anzuwenden, im Grunde genommen eine Routinearbeit an der Laborbank, pipettierender Erkenntnisgewinn, Tröpfchen für Tröpfchen – er, der Institutsleiter möchte jetzt nicht näher auf die Einzelheiten des Scheiterns eingehen. Grammatik verursache Sprachmannigfaltigkeit, das ist ein Axiom, schreibt Ofenvogel in "Gen und Grammatik", degenerative Grammatik also hätte die interessantesten Mutanten hervorbringen müssen, doch die Bakterien haben wohl grad keine Lust gehabt, ihm den Gefallen zu tun, so der Negativkommentar eines Kritikers.

Aber das sei nicht der Grund gewesen, so der Institutsleiter auf dem Rasen zu den erstaunten Bürgern, die von nichts wissen und vom Institutsleiter mit zusammenhanglosen Sätzen zu  Personalquerelen zugequatscht werden, auch arbeitsrechtlichlich Relevantes darunter, dessen ungezwungene Weitergabe vor Kameras ein gerichtliches Nachspiel haben dürfte.   

Es scheint ihm nicht bewußt zu sein. Er lade übrigens die interessierten Bürger ein, an weiteren Vorführungen teilzunehmen, noch sei der Tag lang und das Programm voller Programmpunkte, Küchenexperimente zum interessierten Selbstexperiment für zu Hause, Biochemie zum Nachkochen sozusagen, pflege er zu scherzen, man müsse den Steuerzahler bei Laune halten, im letzten Jahr, so hat ihm einer seiner Doktoranden hinterbracht, habe ein Regierungsrat inkognito die Veranstaltung besucht. Nein, der wahre Grund für die Ofenvogelsche Forschungsreise liegt in der Publikationstätikeit seines Drittmittelforschers, im bereits erwähnten Poesieband, den Ajot heraus-gebracht hat, er wolle darauf später noch zurückkommen, er werde die Belegstellen zitieren – peinlich wie die ganze Person, wie die Auftritte dieses Wissenschaftlers, der sich als Lyriker geriere - auch dazu später noch ein paar Worte.,bevor er sich zu Ajots Auslandsaufenthalt äußere.


Die Gattin spricht
 

Geburtstermin unbekannt – stattdessen feiert sie in kleiner Runde den Ankunftstermin, den Bennytermin, den Tag, an dem sie mit dem Benny zusammen zum ersten Mal die Praxis betreten habe, das Datum also, an dem sie ihn aus dem Heim geholt haben, aus dem Kinderheim, sie ist damals zwar gewarnt worden vor diesem Schritt, Aggressivitätsgen, Volksverbrecher, aber sie haben es nie bereut, Zahnarzt sollte der Junge werden, das stand für sie schon damals fest und so hat sie es ja auch zum Standesbeamten gesagt, der Ziehsohn soll einmal die Praxis haben. Er schreibe, der Ziehsohn, habe sie vernommen, aus unbestätigter Quelle hintenrum, als ob das ein Verbrechen sei, das Schreiben – angesehene Bürger haben schon vor Benny Wessely geschrieben, neben der Berufstätigkeit gedichtet, Nebendichtung Feierabend, das gehörte einst zur guten Erziehung - Goethe beispielsweise als nebenberuflich dichtender Geheimrat – soso, hat die Verwandte gegähnt in die Leitung, im Geheimdienst sei dieser Goethe gewesen, wie immer so höflich ungebildet, wie vollkommen desinteressiert – jetzt schreibt er auch noch, der Bub von den Wesselys – das wußte sie, die stellvertretende Hundsvorsitzende, schon aus andrer Quelle, die Witwe aus der weiteren Verwandtschaft hats gesagt, woher die allerdings eine solche Information bezogen haben könne, diese Ofenvogel, das wolle sie, die Wessely, erst gar nicht so genau wissen, und was daran überhaupt verwerflich sein soll, das klinge ja wie reingerutscht, so die Zahnarztgattin am Telefon, fast schon kleinkriminell, ins Milieu, Schreiben, das ist doch kein Verbrechen, das ist ein  gutbürgerliches Hobby wie Klavier oder Ärzteorchester oder Streichquartett, eine Vereinigung der vorsitzenden Gesellschaftsschichten, es sind durchweg angesehene Berufe im Verein, Entscheider, und machen das ehrenamtlich. Und sozial engagiert. Manches wertvolle Projekt der Sozialnischen habe unterstützt werden können aus der Spendenkasse, wenn das Orchester spielt, oder wenn der Benny Launiges vorträgt, - vergnügliche Jamben, gesellige Trochäen zu Gelegen-heiten im Club, außerdem müsse man das Zahnlabor ausbauen, so der Benny, und hat Kontakte im Club geknüpft, denn am Selberschnitzen der Zahnreihen sei nichts zu verdienen, nicht genug jedenfalls, man bedenke die Laborkosten, und die Zahnarzthelferin, und dann wird die schwanger. Abrechnen und importieren – Billigzähne aus China sollen die Wesselys importiert und zu überhöhten Preisen in die Patienten eingepasst haben, so der eingeschriebene Vorwurf der kassenärztlichen Vereinigung. Ungerechtfertigt, mit diesem Vermerk ging der Anwaltsbrief zurück an die Adresse der Kassenärzte.


Die Verwandte im Gespräch mit Witwe Ofenvogel

Dass dann der Durchsuchungsbefehl gekommen sei, die ganze Praxis habe ausgesehen hinterher, hat die Wessely erzählt - ihr, der Verwandten, dann habe der Benny eine Vorladung erhalten wegen dieser Zahngeschichte, so, sagt die Ofenvogel, sie dachte ja, die Vorladung sei wegen der Theaterstücke erfolgt, wegen der Vokabeln, nicht wegen der Prothesen, der Benny schreibe doch, und kein Wunder das, bei der restriktiv-lieblosen Erziehung, die er genossen hat, da bei den Wesselys im vierten Stock der Zahnarztpraxis. Sogar der Hund ist denen gestorben. Schreibe, um sich zu retten, der Sohn. Schreiben als Überlebensstrategie, das könne sie, die Hundezüchterin, noch in jedem Blättchen nachlesen, so die Witwe telefonisch zum Thema Wessely und Erziehung. Benny und Erbe, ja, habe die Vorsitzende geantwortet, sie werde das Blättchen lesen, wenn sie mal Zeit habe, doch im Augenblick sei keine zu finden, nicht einmal eine freie Minute, eingespannt sei sie, da im Vereinslokal mit dem Mitteilungsbrief an die Vereinsmitglieder, dann käme die jährliche Zuchtschau, Züchtungsziel Fellfarbe, wie gesagt, wenn sie Zeit habe, so werde sie es sich anschauen, das Blättchen. Bisweilen erschien die Mutter im Wartezimmer, stehe da, betrachtete ihren Sohn, der dort seine Hausaufgaben machte, und rief: Quäl dich, Du Sau! So, dachte sie könne man aus einem jungen Menschen einen Zahnarzt machen. So kann man doch keinen erziehen, sagt die Witwe.  

Ein betrunkenes Kind läuft schreiend durchs Treppenhaus. Die Mutter hat es ins Wartezimmer geschoben, wo es stillsitzen soll, Hausaufgaben soll es machen, zwischen all den Schmerzpatienten, dort ist es unbeaufsichtigt, denn Papa und Mama müssen nebenan arbeiten. Sind da und sind doch nicht da. Das Kind kann nicht stillsitzen und findet den Weg hinuter, abwärts ins Labor und trinkt von den Flüssigkeiten, die dort ungesichert herumstehen. Betrunken rennt es durchs Haus. Schreit! Aber keiner hört das Kind, niemand will etwas bemerkt haben. Obwohl das Kind regelmässig trinkt, im Labor schreit und betrunken daraus zurückkommt. Später, wenn das Kind erwachsen ist und ein Schriftsteller, werden sich in seinen Theaterstücken Spuren finden aus dem Labor, dann wird der besoffene Arzt in "Beint" sagen müssen: Und wieder heißt es schreien gehn. In der Pubertät kommt es dann zu ersten Alkoholexzessen. Der spätere Schriftsteller findet einen Jugendfreund, mit dem er sich gemeinsam niedersäuft. Er schneidet sich Muster in die Haut, als ob die Haut ein freies Hawaihemd wär, und rennt mit dem Kopf gegen die Wand.    

Biografisch gesehen begann die Lebenstragödie des Benny Wessely mit dem Schrei eines Kindes im Labor, schreibt sein Biograf. Die Dramen Wesselys aber setzen sich zusammen: Schrei. Kind. Und dann läuft ein Schrei ins Labor. Das Kind aber sitze noch oben und sei gar nicht anwesend. Man muss die Dinge trennen können, so habe der Autor dazu gesagt. Den Schrei. Das Kind. Nur so werde die Welt ertragbar. Indem von den Variablen behauptet wird, sie seien unabhängig und hätten nichts miteinander zu tun. Der Schrei, das Kind werden theoretisch, Kind und Schrei sind sich nie begegnet und das Treppenhaus wird hypothetisch.

Wesselys Dramen - soweit von Dramen gesprochen werden kann – pflegen einen unbarmherzig nüchternem Stil. Wie ein Chromatograph extrahiert Wessely aus der Gesellschaft die bunten Gründe ihres Sterbens. Die Sterbefiguren exprimieren die Welt, mörsern ihre empirischen Schlüsse und extrahieren aus dem Tiefgefrorenen ihre Weltsicht. So übersetzt Benny die ihm begegnenden sozialen Phänomene nur noch in Biologie, in die Tragik, die der DNA innewohnt und den Virenvektoren, Wessely denke in Schemen wie Dayhoff-Matrizen und entpuppt sich damit als spätpostmoderner Nachfolger LaMetries, der im 18. Jahrhundert den Menschen zur Biomaschine erklärte. Die eingestreuten philosophischen Dialoge, die in "Beint" als Gespräche zwischen Blastozysten noch komisch und absurd wirkten, werden in "entkernt" anstrengend, da eine wirkliche Selbstreflexion fehlt – stirbt ab – differenziert zu nichts aus – Wortmasse. Wuchernde Monologe, die nur selten zu Dialogen weiterwachsen. Wie eingesperrt sitzen die Protagonisten, sie sitzen wie, wie – ja wie Einzeller, wie auf Agar-Agar, die Protagonisten sitzen auf einer Bühne und sprechen über ihre Philosophie zu Niemand. Es fällt auf, dass die Lebensphilosophien in “entkernt” und “Beint” sich sehr gleichen, dass die Lebenseingriffe, die das Leben an ihren Protagonisten vornimmt, meist negativ sind. In beiden Dramen – wenn man von Dramen reden kann – stößt man rasch auf ein Grundmuster, die Wurzel allen Übels, das sich in "entkernt" so darstellt: Triebanziehungskräfte mit Eintritt der Pubertät exprimiert wie entfesselt, danach zunehmend schwächer werdend, oder sich in Verhaltensmodellen auflösend, die alles in allem nichts weiter als erstarrte Kräfte sind. Die Gewalt der ursprünglichen Entfesselung bewirkt, dass der Ausgang des Konflikts jahrelang ungewiss bleiben kann; man nennt dies in der Elektrodynamik einen “Übergangszustand.” Diese These wird an Wesselys Figurenschicksalen veranschaulicht. Zum einen ist da der Sex. Nach dem Abflauen jener "Triebanziehungskräfte" wird Sex zur Handelsware, zum Teil der ökonomischen Sphäre, des "Laborbereichs" – Eintritt Unbefugten verboten. Wurde Sex in den 60er und 70er Jahren noch als Befreiungsmoment erlebt, ist er nun zu einem Reproduktionszwang geworden, zu einem Statussymbol, das es zu erringen gilt. Zur gelungenen Karriere gehört nun mal der gelungene Sex. Die Ökonomie erobert die Zone des Privaten durch eine Werbung, die den Verbrauchern das Streben nach Schönheit und sexueller Aktivität abfordert. Während der abgeklärte Informatiker der "Nullzone" sein Sexualleben auf den Besuch von Pornoseiten reduziert, steht der Held in “Kalte Fusion”, ein Biochemiker, noch unter dem Druck, sich eine Partnerin suchen zu müssen, ein Kind zu erzeugen, da zu einem gelungenen Leben Fortpflanzung gehört. Seine Verkrampfung in dieser Beziehung bedingt auch sein Scheitern und zerstört ihn allmählich. Während er seine Triebe auf die Forschung überträgt, mutiert seine Partnerin zu einer kaputten Zynikerin. Die pornographischen Bestandteile, für die "Kalte Fusion" und “Nullzone” kritisiert wurden, folgen lediglich der Logik des Marktes. Während die Erotik das Mysterium der Liebe als Leerstelle umspielt, reduziert die Pornographie den Sex auf einen biologischen Akt, hinter dem das Nichts steht. Was sie verspricht, kann sie nicht halten, wie alles, was in der Warenwelt zirkuliert. Wesselys Protagonisten bewegen sich also in der kalten Welt einer positivistischen Logik, die jeder Metaphysik entkleidet ist. Sex als erzeugtes Bedürfnis und biologische Notwendigkeit, Liebe als eine von Menschen gemachte Illusion, um diesen Zustand zu verschleiern. Geprägt werden Wesselys Figuren in ihrer Jugend, wenn sie den Schein des Lebens als Illusion wahrnehmen und von da an nur noch zu retten versuchen, was nicht mehr zu retten ist. Wesselys Meisterschaft besteht darin, den Prozess dieser Desillusionierung abbilden zu können. Er begleitet die Figuren in ihrem Scheitern, zeigt, wie sie versuchen, mit der Einsamkeit zu leben, wie sie vom Gewicht der tristen Welt immer mehr erdrückt warden, und wie ihre Versuche der Kontaktaufnahme zu anderen in "Kalte Fusion" fehl gehen. Er enttarnt die Single-Welten, die in der Werbung so fröhlich und frei daherkommen, als Labor ohne Tür. Ähnlich, wie für die Ratte in den wie von Kafka aufgemotzten Laborgeschichten, werden für diese Rattenvertreter die Weltbedingungen immer festgelegter – Freiheitsgrad Null. Die Zeichen dieser Versuchsanordnung sind Supermärkte, Fastfood und kleine Appartements. Private Kontakte gibt es kaum, die Menschen treffen sich lediglich am gutbezahlten Arbeitsplatz, um sich dort um Kompetenzen und Hierarchien zu streiten. Tugenden, wie persönliche Freiheit und Unabhängigkeit, schlagen in ihr Gegenteil um. Als Gegenentwurf fungiert nun im neuen Werk die Gentechnologie. Sie soll als heilbringende Technologie endlich den alten unperfekten Einzelmenschen durch das glückliche Kollektiv ersetzen – so die Ausrottung des Übels, das in die Gene eingeschrieben ist. Man fragt sich, ob der Autor sein Buch ernst meint.


Institutsleiter über Ajots peinliche Performance

Wie gesagt, er zitiere nur, lehne aber ab, sich dazu zu äußern: Tod des Dichters, und die ganze Breite des Schutzumschlags.  

Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war mit passender Matratze –Liegefläche. Oder aber man stellt sie einfach getrennt hin.

Bettzeuglade um ihn leben sahen, wußten nicht, wie sehr er Eines war bleich Matratzen. Maße Rost und Bettkonzept

Bettina kaltschaum

Leerzeile und dann: weigere mich zu schlafen und spüre das Leben entgleiten / Wie ein großes weißes – Fehlstelle.

Was beispielsweise in Wesselys Theaterstücken prächtig funktioniert, die Kälte, das fehlende Mitleid, das wird von Ofenvogel lyrisch produziert, funktioniert aber eben nicht mehr. Rhythmus und Sprachpausen – auch die fehlenden Reime geben den Texten eine Atmosphäre, die sie nicht besitzen. Die Mitleidslosigkeit wird außer Kraft gesetzt zugunsten einer fragwürdigen "konkreten Poesie". Diese Poesie ist degeneriert, wenn man Ofenvogels sozialdarwinistischen Begriff auf seine Lyrik anwendet, eine Krankheit, die sie sich nicht eingesteht und poetische Gesundheit vermitteln will. Die Gedichte entlarven sich im naiven Umgang mit den zwangsweise auftretenden Gesetzen der Lyrik als lächerlich und ideenlos, plump und unbeholfen. Eben jene Tiefe der Empfindung, die Ofenvogel eigentlich entgegen seiner eigenen Theorien erreichen will - nur ist es einfach nicht der dem Ganzen prophezeite große, intensive, dauerhafte Aus- und Eindruck. Die Lyrik ist an den Stellen dümmlich, wo Prosa unbestreitbar großartig wäre. Was Ofenvogel damit will, steht auf der Rückseite des Bucheinschlags: "Ich möchte folgende winzige Botschaft hinterlassen:

Jemand hat in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts deutlich die Entstehung eines monströsen und globalen Mangels verspürt; außerstande, das Phänomen klar zu umreißen, hat er uns jedoch – als Zeugnis seiner Inkompetenz - einige Gedichte hinterlassen." Das darf man getrost wörtlich nehmen. Leider wird sich mit diesen Gedichten ein solcher Spruch nicht auf seinem Grabstein finden lassen. Gemessen an diesem Buch ist das Lebensziel verfehlt – und es herrscht tiefes Schweigen am Grab, keine poetische Erkenntnis. Axel Ofenvogel ist ein absurdes Phänomen. Er will Lyriker sein, ist aber Wissenschaftler. Und ist zudem frustriert, über allerhand. Besonders gerne auch über sich selber. Um das zu erfahren, ist dieser Gedichtband gut. Aber für ein vorzeitiges Begräbnis reichts ganz sicher nicht, da muß er sich noch eine Weile ertragen.


Die Gattin in Bezug auf Ajot Ofenvogel

Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war / bleich und verweigernd in den steilen Kissen, und ging weiter aber wie, das ist die Frage, sie weiß noch – diese Wasser waren sein Gesicht zart und offen Wassergesicht und Maske, die nun bang verstirbt – Bettzeug  Wasserbett. Maske oder Marke. Die Frage muss unbeantwortet bleiben. Fastwessely Ofenvogel hat wahrscheinlich die Wortfolge “Bett Maske” gesucht, und Kaltschaum Bettina gefunden – google-Lyrik wie aus Rilkes Kleinanzeigen.

OUTPUT:

aufgestelltes Antlitz diese Tiefen, diese Wiesen und diese Wasser waren bleich gebraucht in steilen Kissen, seitdem die Welt und um ihn leben sahen, verweigernd in bestem Zustand abzugeben und offen wie die Luft verdirbt gegen Wundliegen. Das System ist zart und diese Tiefen, diese ganze Weite, die Innenseite von einer Frucht, die Welt abzugeben nach Todesfall.
 
OUTPUT:

Wasser waren sein Gesicht, diese Tiefen seinen Sinnen abgerissen, zurückfiel an der neuen Gesetzeslage. Die hier angebotene Ware gebraucht in steilen Kissen, seitdem die jetzt noch zu ihm will und seine Maske, die Welt und dieses von einer Frucht.

Wissenschaftler ist er geworden, das Buch über Thomas Mann, das er geschrieben hat, ist nun auch schon lang vergriffen, jedenfalls finde sie es im Augenblick nicht, wird es sich aber in den nächsten Urlaub mitnehmen, sie habe da ein tolles Ferienhaus im spanischen Internet entdeckt, obwohl einer der Patienten neulich noch zu ihr gesagt hat: Mallorca? Das ist doch sowas von spießig – Lanzarote ist auch nicht mehr recht modern, gehn Sie nach Uruguay, Punta del Este, da müsse man hin, heutzutage, und die Sprachkenntnisse: Italienisch? Spanisch? Was spricht man da eigentlich?  Sie wird es sich jedenfalls mitnehmen an den Strand, vorausgesetzt, in Punta del Este gibt es einen solchen. Sie wird endlich dazu kommen, das Werk zu lesen, gründlich zu studieren und nicht bloß mal die Zusammenfassung zu überfliegen zwischen zwei Telefonanrufen. Drittmittelforscher sei er geworden, jaja, das weiß sie bereits, Drittmittelforscher, schön und gut, sie möchte gar nicht wissen, was so ein Drittmittelforscher eigentlich verdiene, es wird wohl mehr als das Drittel sein, das die Hörerverwandte vermutet, die sich im Akademischen nicht auskennt. Drittmittel, das sei – und sie wisse das, seitdem ihr Sohn, der Benny auf der Universität gewesen ist, habe sie der Hundezüchterin erklärt, Geld von der Industrie, oder von der Lobby, von Interessengruppen, Patientenverfügungen, Selbsthilfevereinigungen, wie diese Gerechtsprechorganisation, die Projekte bezuschussen, für die sich die Allgemeinheit nicht interessiert, seltene Krankheitspotenziale wie Verbrechergene und Aggressivitätsgen, solche Erbanlagen untersuche man mit Drittmitteln, um sie bereits vorgeburtlich aus dem Textzusammenhang des Genotyps zu streichen, und eine solche Drittmittelstelle habe nun der Ajot inne, Drittmittelstelle auf vorläufiger Basis, die Hörerverwandte sagt, die Witwe habe ihr gegenüber angedeutet, dass der Ajot höher hinauswolle, raus aus den befristeten Verträgen, hinein in eine feste Anstellung auf arbeitsrechtlicher Basis, Abteilungsleiter wird er werden. Die stramme Karriereleiter ist er schon fast bis ganz nach oben gestiegen – fast ist er angekommen – von zwanzig bis dreißig Studium, Doktor, PostDoc, bis vierzig Forschung, von vierzig bis fünfzig Abteilungleiter, von fünfzig bis sechzig Institutsdirektor, und dann ab in die Rente, Der Ajot ist jetzt schon fast vierzig oder doch schon ein bisschen drüber raus - zweiundvierzig oder dreiundvierzig, sie könne sich nicht erinnern an das genaue Geburtsdatum, jedenfalls wird es Zeit, dass der Ajot die Entwicklungsstufe Forschungsaufenthalt hinter sich lasse, endlich eine Abteilung unter sich bekomme, wie Boden unter die Füsse, und ein anständiges Gehalt, das irgendwie in Zusammenhang mit seinem Doktortitel stehe, das dürfe man wohl fordern von einem Akademiker. Sie findet das nicht schön, wenn vorne auf dem Adressfeld der Herr Doktor steht und links oben der Absender vom Sozialamt wie ein klebender Kuckuck. Aber sie will sich ja nicht äußern dazu – nur soviel: Sie wundere sich, der Ajot ist doch ein kluger Kopf, mehrere Veröffentlichungen, Standardwerke zur konkreten Poesie der Gene, sie wundere sich, dass er nicht mehr Kapital aus seinen Fähigkeiten schlage, nicht in einen Tennisverein oder in einen Golfclub gehe, es müsse ja nicht gleich eine sportliche studentische Verbindung sein, dafür ist er vielleicht auch schon ein bisschen zu alt, aber der Lions Club, sie habe, so hat sie ihre Verwandte aufgeklärt, schon vor Jahren der Witwe angeboten, den Ajot in den Club einzuschleusen, in dem ihr Schwiegervater sitzt und in dem der Benny gelegentlich Sachen zum besten gibt. Was, hat die Witwe gesagt, soll der Ajot seine Zeit im Club verschwenden! Kurzsichtig das Argument, denn nur in einem Club lassen sich Karriereschritte planen, Geschäfte anbahnen, die Hälfte des Clubs sei bei ihrem Schwiegervater in Behandlung. Aber das sei nur ein Beispiel, das sie der Witwe genannt habe. Export, Import, all dies lasse sich über solch einen Club günstig aushandeln, so hat ihr Schwiegervater gesagt, das Zahnlabor, das der Benny in naher Zukunft in ganzer Verantwortung übernehmen werde, existierte längst nicht mehr, könnte nicht kostendeckend anbieten, wenn man da nicht eine konstruktive Lösung bezüglich der Lohnnebenkosten gefunden hätte, die Zahnlaboranten in China sind ja auch viel billiger. Es wäre doch gelacht, wenn sich über den Club nicht auch eine Lösung für Ajots Jobsuche finden ließe, man müsse eben die nötigen Beziehungen aufbauen, da kann sich die Witwe ein Beispiel an den Wesselys nehmen, ein wohlgefülltes Konto, ein brummendes Zahnlabor - und der Benny ist noch nicht mal dreißig. Sozial muss man eben sein und gesellig, wenn man es zu etwas bringen will, der Ajot könne doch auch was aus dem Thomas Mann-Buch vortragen, beispielsweise eine heitere Szene wie der junge Buddenbrook sein Handicap verbessert.

Wie sie das verstehen solle, fragt die Hundsverwandte irritiert zurück, hat man denn um die Jahrhundertwende schon Golf gespielt? Sie dachte, in dem Roman ginge es um Klavierspiel, Geigenspiel. Ja, und um Literatur. Und das bringe sie auf ihren Gesprächsgegenstand zurück: Club. Sie seien nun schon generationenlang Mitglieder des ansässigen Literaturclubs und eine Mitgliedschaft habe sie dem jungen Ofenvogel schon vor Jahren dringend angeraten. Wie gesagt: der Ajot könne doch was Nettes aus seinem Buddenbrook-Buch vortragen.

Der Benny ist sich auch nicht zu schade dazu, etwas Launiges vorzulesen, obwohl sie es nicht mehr hören kann, wenn man ihr wieder vorwirft, dass der Benny schreibt. Genauer gesagt: warum er schreibt. Kein Wort sei wahr daran. Die Zeitungen nehmen so ein Zitat und drehen es einem im Mund herum, wenn man nicht aufpasst. Wenn die Zeitungen schreiben, der Benny schreibe, so dürfe man das nicht missverstehen. Sie frage sich, ob die Zeitungen jemals dabeiwaren, bei den Aufführungen dort im Club.  


Der Standesbeamte (abschweifend)

Konkrete Poesie der Gene, Neulich habe er ein interessantes Buch gelesen, das wolle er ihr, der Praktikantin, doch noch anvertrauen, das übersteige die Spalten des Stadtanzeigers, gehöre eigentlich auch nicht zum Thema Mai und Namensrecht im engeren Sinn, doch zeige das, was er ihr jetzt mitteile, wie topaktuell das Namensrecht sei, Kindernamen, Vornamenwahl, Hundenamen: Sie wissen ja gar nicht, Sie können nicht wissen, mit welchen Namenswünschen die Eltern hier auftauchen, wie Platz Benny, solche Namen. Aber er wolle noch zwei Bemerkungen zur Konkrete Poesie machen, er wolle das Werk dringend zur Anschaffung empfehlen, von einem Ofenvogel stamme das Werk, kluger Kopf das, vom Institut der Postdarwinisten, er habe auch schon in schriftlichem Kontakt mit dem Institut gestanden, vielleicht interessiere man sich doch noch für sein Standardwerk, ja, man müsse sich interessieren, das habe er auch zu der Praktikantin gesagt, der Chefredakteur hatte die vorbeigeschickt, nettes Mädchen, Pelzkrägelchen an der Kostümjacke, ein veganes Scheitelaffen-Imitat. Ein Institut, dass einen Doktor Ofenvogel beschäftige, müsse sich auch für seine Untersuchungen, Namensvergabe, interessieren, so seine Überzeugung, nachdem er mit Genuss Ofenvogels Werk gelesen habe. "Neue Methoden in der Mikrobiologie und die Techniken avantgardistischen Schreibens" heiße das Buch, crossreading wie cross over mutierender DNA-Stränge behandle das Buch, die Technik gehe auf Burroughs zurück, der sich bereits von Lichtenberg habe inspirieren lassen, Muttersatz, Vatersatz zu einem neuen Satz montiert, wie in einem bekannten Gesellschaftsspiel mit Zeitungen, so zitiere Ofenvogel Burroughs, die elterlichen Textseiten in Teile zerschnitten und neu arrangiert, die beiden  Texthälften ineinander  gefaltet, der neue Text entstehe, indem man halb über die erste Texthälfte und halb  über die zweite lese. Oder die Zeitung in der Mitte gefaltet, über eine zweite Seite gelegt, das Ganze als fortlaufende Seite gelesen. Nobody experience eines gemeinsam bewohnten Genoms, Clipart wie aus dem Zeitungsgenom in den Menschencode.

Dank sagen wir, und für uns alle unerwartet, crossreading aus der Beilage Heimwerkerbedarf, zum Beispiel: für unsere Betriebsstelle tätig und um einen Menschen ärmer. Die Feuerbestattung – nach langer schwerer – von Beileidsbezeugungen – mit großer Geduld ertragener – nehmen wir Abschied – bitten wir abzusehen – die Urnenbeisetzung – massive Qualität zeigt sich im Detail – hochwertig verarbeitete Schubkästen der Wohnwand – Sichtholz-blende in Kiefer, Federkernpolsterung ohne Lieferung und Montage – ringsum weich gesoftete Kanten auf metallschienen- kranz, blum geldspen und das ewi aus einer Zeitung mit Beilage heraus, falte sich, entfalte sich und ergebe einen neuen Sinn, eine neue Erkrankung, wie Textmaterial auf zwei Tonbandspuren aufgenommen, zwischen den Spuren in immer kürzeren Intervallen alterniert, entstehen an vielen Stellen neue Worte, Worte, die  auf  keiner der beiden Einzelspuren enthalten sind, diese Avantgardemethode konkreter Poesie habe ihre biologische Entsprechung im Einbringen artfremder Proteinanweisungen, eine Operation mit Hilfe von Virenvektoren ins Erbgut des Wirtsorganismus. Zufallstexte aber entstünden durch Punktmutationen, durch Permutationen in DNA-Texten, Fremdproteine wie Fremdsprachliches im Algentext.

Beispielssequenz:  hoy hay algas - hay algas hoy - algas hoy hay - so der experimentelle Poetentext im Blaualgenhund "hommage an Yves", Kontaminationen wie in cutup schreibe Dr. Ofenvogel und zitiere: Einen Satz auf Tonband sprechen, beschreibe Burroughs seine Tonbandexperimente aus dem Sommer 1966, einen Satz in DNA übersetzen, so Ofenvogel, und benutze anstelle des Tonbands das Expressionssystem am Beispiel Alge. Einen Satz auf Tonband sprechen, sei: eine Alge in den Brutschrank stellen. Das Band mit erhöhter Geschwindigkeit abspielen und versuchen, die akzelerierte Stimme nachzuahmen, sei: der Alge im Brutschrank einzuheizen und zu gucken, ob sies überlebt. Einen gesprochenen Satz wieder zu ent/sagen: sei: einen Satz in DNA zu exprimieren und in die Alge einzubauen, die Aufnahme rückwärts abspielen und versuchen, nachzusprechen, alias: die DNA rückwärts zu exprimieren. Oder auf einem Vierspurgerät, bei dem zwischen 2 Spuren hin&hergeschaltet werden kann, sei: Wirtswechsel – von Alge auf Hund überspielte Daten. Ein einfacher, ethisch unproblematischer Modellorganismus, der Hund sei eine Nachricht, so Wiener: Es  muß eine praktikable Sprache  geschaffen werden, in die der Gesamthund übersetzt und dadurch mitteilbar gemacht werden kann, fordert Dr. Ofenvogel und begibt sich im Text auf Gensuche mit hidden Markov, habe den behavioristischen Postdarwinisten doch nicht verleugnen können, man könne "Neue Methoden in der Mikrobiologie und die Techniken avantgardistischen Schreibens" nur eingeschränkt zur Anschaffung empfehlen, so die prädestinistische Kritik.  

Er könne sich dem Urteil nur anschließen. Er habe die Konkurrenzgruppe, die Prädestinisten auch lediglich zitiert, um aufzuzeigen, dass man sich die Entscheidung, Ajot betreffend, nicht leicht gemacht habe, Dr. Ofenvogel habe ursprünglich gekündigt werden sollen, und die zitierten Belege reichen wohl für eine solche Maßnahme, dann aber hätten sich gewisse Entwicklungen ergeben, auf die er später noch näher eingehen wolle, Entsühnungsprojekte habe er anschieben müssen, zwischendurch, die Entsühnungsmittel stellten keinen ganz unerheblichen Entlastungsfaktor der anfallenden Kosten dar. Die Institutsgeschichte, den prädestinistischen Teil betreffend, von dem man sich vor Jahren getrennt habe, soll nun endlich erforscht werden. Vom ersten Experiment an, bis zu den noch verbliebenen Proben im Archiv. Archiv – habe ihn ein interessierter Bürger einmal gefragt, wo genau das Archiv sich denn befinde? In Sicherheit, habe er den besorgten Bürger beruhigen können, das Gelände wird bewacht, und was denn nach der Untersuchung mit den Proben geschehe? So die hartnäckige Anschlussfrage des interessierten Bürgers. Er müsse sich bei dem Bürger für das Interesse sehr bedanken, das Interesse des Bürgers, die konstruktiven Fragebeiträge wären mit Grund für das Anstoßen des Entsühnungsprojekts gewesen. Ja, er gehe so weit zu sagen, dass es ohne die Initiative dieses Bürgers möglicherweise kein Entsühnungsprojekt gegeben hätte, er wolle sich aber nicht zu Aussagen hinreißen lassen, ja, er habe Herrn Dr. Ofenvogel für dieses Forschungsprojekt vorgeschlagen, ja, Herrn Dr. Ofenvogel seien die Forschungsgelder für die Forschungsreise nach Südamerika genehmigt worden, Dr. Ofenvogel befinde sich dort. Warum er einen nachgewiesenermaßen unfähigen Mitarbeiter auf so heikle Forschungsmission schicke – zu seiner Rechtfertigung möchte er auf das summa cum laude verweisen, das Dr. Ofenvogel für seine Dissertation zu Thomas Mann und Genetik zuerkannt worden sei. Forschungspotential habe man in Dr. Ofenvogel vermuten dürfen, man habe ihm Gelegenheit gegeben, sich zu beweisen, von Halbjahrsvertrag zu Halbjahrsvertrag, und in wechselnden, immer wieder interessanten Forchungsvorschlägen, und Dr. Ofenvogel habe versagt, zugegeben. Dies alles sei natürlich noch kein Grund, kein hinreichender Kündigungsgrund, habe der Betriebsrat angemerkt, nein, aber dann hätten Entwicklungen eingesetzt. Es hätten die Selbstversuche des Dr. Ofenvogel begonnen. Gefährliche Selbstversuche, in denen er seine Wissenschaftlichkeit zu Gunsten eines fragwürdigen Poetentums aufgegeben habe, so hat er das bereits vor einigen Monaten im dafür eingesetzten Ausschuß zur Aufklärung der Vorkommnisse erläutert. Nein, die Entwicklung des Dr. Ofenvogel hin zum Hinterherlebenden eines verschollenen Dichters, diesen unwissenschaftlichen Radikalansatz habe man nicht vermuten können zu Beginn der Ofenvogelschen Karriere, zugegeben. Warum er dann aber einen so offensichtlich ungeeigneten Kandidaten in ein wichtiges Forschungsprojekt eingebunden habe? Nun, er lasse sich nicht für eine Entscheidung verantwortlich machen, die gemeinsam getroffen worden sei, schließlich hätten den Gutachtern Ofenvogels Publikation, die "Neue Methoden in der Mikrobiologie und die Techniken avantgardistischen Schreibens", lange genug zur Kritik vorgelegen. Dass die Kritik nicht erfolgt sei, und wie es zu Ofenvogels Empfehlung habe kommen können, dazu frage man doch bitte die von der Entsühnungsorganisation beauftragten Jurymitglieder, er habe nur vorgeschlagen, er habe aber letztlich nicht entschieden. Noch Fragen?


Die Witwe, Ajots Mutter, meldet sich

Ja. Es kann einem ganz grausam leid tun um den Bub von den Wesselys, wie der hat da so aufwachsen müssen in dem Haus dort, Drecksapotheke das. Wieso Drecksapotheke, die Praxis befindet sich doch im vierten Stock, Hochhaus, der Benny, der Hund ist ja gestorben daran, Dackelkrankheit, der hätte die Treppen nicht laufen dürfen, nicht bis in die Praxis hinauf, die Wessely sagt ja immer, der Hund habe eben den Aufzug nicht benutzen wollen, er sei klaustrophobisch gewesen. Sagt sie, die Wessely kann nicht mal einen Hund erziehen! Total gestört ist der Benny gewesen, das Vieh, und so einer händige man ein Kind aus. Unter dem Erwartungsdruck ist der Junge zerbrochen wie der Benny, der Hund, an der Treppe in die Zaharztpraxis hoch. Kein Wunder, dass der Benny jetzt so schreibe, wie die Zeitungen über ihn schreiben, Quäl dich, du Sauhund, so erziehe man doch keinen jungen Menschen zum Zahnarzt, habe sie sich gedacht, als sie das gelesen hat, so ein Satz muss ihn doch zerbrechen, und aus dem Zerbrochenen schreibt der junge Wessely die Datensätze, wie aus seinem unglücklichen Genom abgeschrieben, in seine Theaterstücke hinein, schreiben Sie weiter, schreiben Sie ja weiter! So habe ihn die Agentin seines Verlags angetrieben, man hat ihr unverhohlen vorgeworfen, dass sie ihren profitablen Jungautor zu Tode gehetzt habe, hat sie gelesen. Aber davon will die Wessely nichts wissen. Sie sei noch lange nicht fertig damit, üble Nachrede, Benny, der junge Zahnarzt, schreibe zwar hin und wieder zu Gelegenheiten im Club, Launiges aus geselligen Gründen, man müsse, wenn man es zu etwas bringen wolle, in den richtigen Club eintreten, diesen Schritt hat die Wessely auch dem Ajot, ihrem Sohn empfohlen, Mitglied solle er werden, der Ajot, da im Club, so die Wessely, aus Karrieregründen. Aber was soll ihr Junge in einem Club? Die Zeit wendet er besser auf seine Publikationen an, auf seine Postdocarbeiten und die Forschung im Labor, das war ihre Meinung. Dass sich Positionen erringen ließen, Geschäfte anbahnen, so die Wessely, jaja, das ist ja alles schön und solange gut, bis die Zahnärztliche Vereinigung einen Durchsuchungsbefehl in den Händen hat und nach chinesischen Billigzähnen fahndet, die Wessely hats ja selbst gesagt. Zahnarzt, das sei doch bestenfalls Koketterie, sie kann nicht glauben, dass der junge Wessely ernsthaft in der Praxis arbeitet, ja, sie glaube nicht mal, dass der junge Wessely seinen Doktor in Zahnmedizin überhaupt fertiggemacht hat. Mit allem möglichen hat er sich beschäftigt während seines Studiums, sie habe die Information aus der Poesiezeitschrift, die sie demnächst abbestellen werde,  beschäftigt mit konkreter Poesie, mit avantgardistischen Theaterstücken zu modernen Themen, aber nicht mit Zahnersatz. Doch davon will die Wessely nichts hören. Die verdrängt das einfach, das Problem mit dem Benny. Die glaubt immer noch und erzählt es rum, dass der Benny Zahnarzt geworden sei, im Club sitze und Verse schmiede für den Club, während der Schwiegervater vorteilhafte Geschäftskontakte knüpft in die Billiglohngebiete nach China. Tut das alles ab als Gerücht, was in den Zeitungen steht, das heißt, sie, Frau Ofenvogel, wisse nicht mal, ob die Wessely überhaupt Zeitung lese, die liest doch höchstens Zahnschemata und Steuerformulare. Ihr Ajot hat der Wessely vor Jahren ein Mängelexemplar seiner Doktorarbeit geschickt, einen Remittenden, sie ist sich sicher, dass die Wessely noch nicht mal reingeguckt hat in das Buch.Und ausgerechnet die will wissen, was ihr Ziehsohn nun so schreibt oder nicht schreibt. Das sei ja lächerlich, aber logisch und liege auf ganzer Erziehungslinie. Sie, Frau Ofenvogel, sie ist ja ganz weitläufig und ziemlich hintenrum mit den Wesselys verwandt, eine Schwippschwägerin dritten Grades zur Zahnarztgattin, aber das nur am Rande, sie würde sich ja in Grund und Boden schämen, wenn sie eine solche Mutterbeschreibung wie in Bennys Theaterstücken über sich ergehen lassen müsste. Sie würde sich schämen, wenn sie eine solche Beschreibung verdient hätte. Nicht, dass sie der Wessely das gönnt, erst der Hund, dann das Kind, aber ganz unvorhersehbar, wie aus dem heiteren Himmel heraus, sei es ja dann nicht passiert. Die Wessely verbreitet natürlich ihre eigene Version darüber, von wegen Polizei und Institut, an dem Ajot arbeitet, als ob ihr Ajot mit den bedauerlichen Zwischenfällen etwas zu tun gehabt hätte, er arbeitet an dem Institut, zugegeben, das Institut sei in Kritik geraten, ungerechtfertigt, ihr Sohn würde nie an einer Einrichtung arbeiten, die nicht der Kritik standhält. Ihr Sohn leite doch ganz eigenständig die Ermittlungen zu den allerersten Experimenten, die damals noch im ethisch freilich weniger wertvollen Gesamtinstitut durchgeführt wurden. Gesamtinstitut, bevor die Postdarwinisten, für die ihr Sohn inzwischen arbeitet, sich abgespalten haben von den Prädestinisten, von denen man soviel hört neuerdings. Und zu den Ereignissen vor der Spaltung forsche ihr Sohn nun, eine Tätigkeit, die natürlich mit großen Schwierigkeiten verbunden ist – bis Südamerika musste der Ajot deswegen, soweit reichen die Verwicklungen, wenn er fertig sei mit seinen Nachforschungen, dann werde der Aufstiegsweg frei sein, frei über die Station Abteilungsleiter hinauf zur Institutsleitung. Das könne aber die Wessely nicht ab, dass ihr Benny weniger erfolgreich sei als ihr Karlhans. Da muss die doch was erfinden, da muss die doch sagen, dass der Karlhans das nicht schafft, dass der Karlhans gekündigt ist, na, undsoweiter. Sie mag es gar nicht wiederholen. Das Hörerende schweigt verständnisvoll.


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