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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 4

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Kapitel 4


Auf dem Rasen: Es spricht der Institutsleiter über das Projekt Verbrecherklon

Nennen wir die Dinge doch endlich beim Namen. Verbrecher, Opfer, Sühne. Entsühne ist natürlich eine unsinnige Vorstellung, es kann keine geben, das habe er seinem Kollegen von den Prädestinisten aber immer wieder gesagt und er wiederhole es jederzeit. Sühne wie Entschuldigung, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung - nie. Es gibt nur Verbrecher und ihre Opfer. Es gibt kein Wiedergut. Nie. Und obwohl Verbrecher wie Opfer gemeinsam in ungeteilten Einrichtungen eine wundervolle Wandervogeljugend erlebten. Dennoch. Dass man sich dabei vielleicht zu sehr auf die prägende Kraft der Gene verlasse, habe der Prädestinist dann schließlich zugeben müssen, es werde möglicherweise zu Sandkastenfreundschaften kommen zwischen Opfer und Verbrecher. Zu allerlei Geduze, Blutsbrüderschaften zwischen Verbrecherklon und ihren gleichaltrigen Opferklonen, ein psychisches Phänomen, so ein befragter Kriminalpsychologe, das Opfer identifiziere sich mit dem Verbrecher, das sei übrigens aus Erzählungen Überlebender aus Lagersituationen seit langem bekannt. Man werde auf das Abklingen der Symptome warten, Erkühlen der Freundschaften, doch was, wenn sich Verbrecherklon wie Opferklon von Verantwortung freisprächen, der Sühne nicht beitreten wollen, sich verweigern, und zwar opferseitig dem Zeugenstand, verbrecherseitig aber der Einsicht. Klon Klon Klon, man kann den Gezüchteten doch nicht für seine DNA haftbar machen, so seine Kritik an den Prädestinisten, oh doch! Denken Sie nur an Vergleichsfälle, in denen der Samenbankinhaber für den Intelligenzquotienten seines Saatguts in millionenhoher Zahlungshöhe zur Verantwortung gezogen wurde. Da kauft sich die werdende Mutter einen künftigen Nobelpreisträger und dann stellt sich raus, dass der blond und blauäugig ist, meldet sich einer der kritischen Bürger auf dem Institutsrasen – es ist immer noch der Tag der Offenen Tür. Dass man das doch nicht vergleichen kann – der Institutsleiter wedelt die Bemerkung des Kritischen mit einer Armbewegung weg. Fort wie eine unangenehme Ausdünstung.    

Getrennte Aufzucht, also die Änderung der Versuchsbedingungen, Neujustierung der Parameter von Erziehung bis Unterbringung, werden gegebenenfalls diskutiert werden müssen, man werde sich aber allen Ergebnissen stellen, wissenschaftlich neutral. Laborbücher, Protokolle, Stichproben in allen Brutschränken, Überprüfung der Versuchsbedingungen. Man wolle das institutsintern aufarbeiten. Der Postdarwinist, den man zeitgleich zur Offenen Tür in eine Talkrunde geladen hat, räuspert sich.


Institutsintern, und sowas solle wissenschaftlich unabhängige Ergebnisse garantieren, ha! Der Postdarwinist lehnt derartige Ergebnisse jetzt schon ab. Zwar beschäftige auch das Institut der Postdarwinistischen Literaturkritik einen institutsinternen Ethikrat, das müsse er einräumen, der sich jedoch in keiner Weise mit dem Jasagerverein der prädestinistischen Interessensvertretung vergleichen lasse. Die Postdarwinisten zahlen ausschließlich an Ethiker, die mindestens einmal im Jahr den Verlautbarungen des Institutsvorstands widersprechen. Ergebnisse. Entleerung der Eizellen, der Täterzellen und Aufnahme von Opfererbgut, Hybridisierung. Zunächst habe man allerdings die Opfer-Täter-Chimären nicht über den Zustand von hundert Zellen hinauswachsen lassen wollen, mitochondriales Erbgut von der Täterseite, Oocyte wie eingeschleppt ins Opfer befürchtend, dass alle Mitochondrien ja sowieso schon wie gleichverteilt seien, von Afrika bis Zentraleuropa ununterscheidbar, so die Experten, man habe Opferkörperzellen in Opferoocyten eingeschleust, doch habe es in manchen Fällen nicht geklappt, die Opferoocyten unter der Last eines schweren Lebens nicht mehr so recht teilungsfreudig, die Laborantin habe dann schließlich gestanden, mit dem Plasma aus einer frischen Täterenachkommenzelle nachgeholfen zu haben, eingespritzt, so habe also der Opferklon die mehreren Elternteile, eine wilde Mischung, wer will da noch irgendwas auseinanderhalten, so ist Forschung nicht möglich, von dem Ausschreibungsziel Sühne des Verbrechens ganz zu schweigen. Wie will man auch, angesichts dieser Prozentverhältnisse, die sich aus der Tatsache von Opferanteil mit Täterbeimischung unbekannter Auswirkung ergeben, eine Verantwortung ziehen? Daß man vor Chimärenbildung schon immer gewarnt habe, das beim Patentamt eingereichte Patent zur Erzeugung von Opferstammzellen sei dann auf Antrag geschichtsrevisionitischer Zeitschriften abgelehnt worden, die sich einfach die besseren Juristen hätten leisten können, so der wissenschaftliche Institutsleiter der Prädestinisten. Wissenschaftlich und Prädestinisten. Die Verbrecherpixel in den simulierten Prozessen senden Smileys in die Datenleitungen! Gestatten Sie mir jedoch eine Bemerkung zum Thema Verantwortung. Daß die Postdarwinisten erst kürzlich ein Verfahren zur Isolierung kriminellen Liedguts aus Täterstammzellen eingereicht hätten, ein Doktor Ofenvogel soll daran beteiligt gewesen sein, er werde später darauf zurückkommen.

Gen, kurz wie bellbar eine Formel für Bedeutungslosigkeiten. Genwort. Bedeutungslos wie ein auf genetischem Gelände umherforschender Forscherwessely sei der Begriff genetisch selbst. Was behaupte der Satz: eine Eigenschaft sei genetisch? Meint er angeboren, erblich, biologisch oder noch etwas anderes?  Genetisch aber sei bereits vor den Genen dagewesen und nicht von ihnen abgeleitet, das Wort finde sich schon bei Goethe als Notwendigkeit der genetischen Methode für alle Naturwissenschaften. Ohne genau zu wissen, was er damit eigentlich gemeint haben könne, so die Kritik behavioristischer Kreise an die Addresse der Prädestinisten, man könne sich doch nicht ernsthaft auf einen Hobbyforscher des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts berufen, die Prädestinisten allerdings weisen den Vorwurf postwendend von sich, wer hier überholt sei, sei noch sehr die Frage, steckengeblieben bei Konrad Lorenz und im Zeitalter des Neodarwinismus, so die Prädestinisten über die Postdarwinisten, die Prädestinisten allein hätten sich dem Problem der Vergangenheitsbewältigung im Punkt der Ziehung von Konsequenzen wirklich gestellt, während die Postdarwinisten sich den rein theoretischen Erörterungen ohne praktische Auswirkung hingäben, Elfenbeinturmforschung hoch oben hinaus, wahrend unten im Keller Forschungsergebnisse aus der Zeit der neodarwinistischen Literaturkritik immer noch auf ihre Auswertung warteten, Archive wie Zwischenkiefer zwischen Neodarwinisten und den Prädestinisten, man habe sich bemüht, an das Material zu gelangen, doch die Postdarwinisten, bedauerlicherweise Hauseigentümer jenseits des Mahnmals, wollten von einer Übergabe des Kellerarchivs an die Prädestinisten nichts wissen, ausgerechnet der einschlägig bekannte Dr. Ofenvogel werde sich auf das diesbezügliche Forschungsgebiet begeben, daß der Ajot an einem geschichtlichen Projekt arbeite, habe seine Mutter berichtet, stolz wie auf eine Leistung, stolz wie die Wessely, damals, als Benny den losen Telefonhörer der Sprechanlage für einen Knochen gehalten und im Keller vergraben hat. Das ist natürlich Quatsch. Kein Hund verwechselt Telefon mit Bein, aber was will man machen: Mütter! Hundehalter! Sie, als stellvertretende Vorsitzende des Hundezüchtervereins will nichts gesagt haben, sie erlaubt sich keine Kritik, weder an Hund noch Halter, sie habe sonst die beitragszahlenden Mitglieder am Hals.


Es spricht des Jungforschers Mutter, die Witwe, über Benny, den dichtenden Jungdentisten

In Bennys Theaterstücken dagegen gehe es um wahrhaft grauenvolle Vorgänge, ein Vierzigjähriger wie ein Embryo auf feeder layer lasse sich in einer Fernsehshow entkernen, um seinen Vater zu retten, das alles in halben Sätzen, Andeutungen, oder mäandernd Ausformuliertes, ein ganz furchtbarer Theaterabend, an den sie nur schaudernd zurückdenke, dieses Stück, da könne man ja nur noch gehen. Sie kann immer noch nicht verstehen, warum sie sitzen geblieben sind, dort im Theater. Das Stück durchziehen Wörter wie Blut, Endsieg, nur a doodes Auto is a goodes Auto und vergasen, mein Auto braucht einen Vergaser, der vergasen kann, ein überholter Text, habe der Theaterkritiker im Feuilleton angemerkt und zitierte einen KFZ-Mechaniker - einen Vergaser besitze heutzutage kaum noch ein Auto, so der Mechaniker, mit der moderneren Einspritzanlage funktioniere der Text jedoch nicht, so der Kritiker, auch Liebe komme nicht vor, nicht Sex, allenfalls in der Schrumpfform Pornografie, Autopuff wie Auspuff, und Fortpflanzung als Züchtung, Nazivokabeln, die den Sprachfiguren aus dem Genom in die Alltagssprache gerutscht sind, aus der DNA exprimiert in einen Neoexpressionismus, gerutscht wie ohne Hintergedanken, und  in die tägliche Ecke des Überlebenskampfes, struggle of life. Aus Neutralwörtern bilde jener gefährliche Worttäter Chimären wie aus Blut und Hund, und Sieg und Ende, überall in die Sprache sind bissige Wörter aus den Erbanlagen entwichen wie Humankaries, aus dem mutierten Hundsmaul gerutscht.


In der Zeitschrift ist der Text gestanden, sie hat sich erschrocken, als sie lesen musste, was da von einem Familienmitglied, wenn es auch nur ein adoptietes ist - geschrieben stand - andererseits: Es ist wohl nicht so sehr der Sohn, also der Benny, als vielmehr seine Mutter verantwortlich zu machen - die Wessely kümmert sich nämlich gar nicht drum, was ihr Sohn, der Ziehsohn, der Benny, dort im Zahnarztkeller treibt, Verseschmiede wie aus der Kinnlade, hat sich nie drum gekümmert, was in ihrem Sohn seelisch so alles vor sich geht - was der in seiner Seelenlade so alles an Modellen mit sich führt, von früher her - die Wessely hat nur Äußerlichkeiten im Sinn wie einen Namenszusatz an der Haustür, ein Dr. solle der Wessely werden, hat sie immer gesagt, aus dem Ziehsohn wolle sie einen Zahnarzt heranziehen, so ganz nebenher, neben den Geschäften der gutgehenden Praxis ihres Schwiegervaters - der Benny sollte wohl im Wartezimmer so lange sich die Zeit mit den Zeitschriften vertreiben, bis der letzte Patient gegangen war - warten also bis Praxisschluss auf dem Wartezimmerstuhl wie auf dem Fußabtreter - dass sowas verboten gehört - nein - die Wessely hat sich ja auch vorher schon um den Hund nicht gekümmert -  

Die alte Dame vor dem Fernseher schreit, daß das Kinderfoto vom Fernseher fällt:

Junge!

Fernseher: ... in zwölf Tagen wird Mutter.....

Die alte Dame schreit: Woher weiß er das?

Schwester: Ruhig, Frau, er kann Sie sowieso nicht hören.

Fernseher: .... ich nicht. Es ist eine Erlösung für mich. Meine Mutter kann meine Zyten viel besser ...

Mutter winselt: Er will sich lysieren lassen! Er will sich lysieren lassen. Halt, stop!

(Die Zimmertür öffnet sich. Kamerateam tritt ein, richtet die Kamera auf die alte Dame): Wir sind auf Sendung. Wollen Sie Ihrem Sohn noch etwas sagen?

….


Das Bein. So heiße das letzte Kammerlustspiel, das der Benny geschrieben habe, Benny, der Satzgegenstand, Unterhaltungswert ihres Telefongesprächs mit der stellvertretenden Hundevorsitzenden. Bein und grausame Bilder, sie sei nicht hingegangen, sie habe nur in der Zeitung davon gelesen, es gehe um einen krebskranken Arzt, Gynäkologen, ein zynischer Säufer mit Holzbein, der habe sein Bein versoffen, "verraucht" wirft die Hundsverwandte ein -  der Arzt locke ein polnisches Stubenmädchen aufs Hotelzimmer. Das lustige Figurendeutsch der Putzfrau sei eine Beleidigung, Frau und Rasse diskriminierend, habe sie gelesen in einer informierenden Illustrierten, es sei sprachlich wie moralisch ein abscheuliches Stück. Eine polnischstämmige Sprachfigur, die ihr Deutsch aus einer entfernten Grammatik habe, gedruckt in einem anderen Sonnensystem. Das Stubenmädchen gebe sich dem Arzt hin, weil sie Mitleid mit dem Krebskranken empfinde. Sie erzähle ihm, daß sie schwanger sei, der überrede sie, einen ganzen Akt lang, zur Abtreibung.  Um an die Eizellen des Ungeborenen – eines Mädchens - zu kommen. Nun werde der Zellkern einer seiner Körperzellen in die entkernte Eizelle des abgetrieben Mädchens eingefügt und mit ihr verschmolzen. Im zweiten Akt, das heißt, nach etwa sechstägiger Entwicklung, werden im sogenannten Blastozystenstadium dem Embryo Stammzellen entnommen, infolgedessen der Embryo zugrunde geht. Die Kultivierung der embryonalen Stammzell-Linien erfolge auf einer Nährlösung, einer feeder layer, die dadurch entstehe, daß eine große Zahl hochträchtiger Mäuse getötet werden, deren Embryonen zur Herstellung der Nährlösung homogenisiert benötigt werden. Die Homogisierung habe den Bühnenbildner vor nicht unerhebliche Schwierigkeiten gestellt.

Im dritten Akt sei die Organentwicklung am Beispiel Bein auf der Bühne zu sehen, der Redakteur schreibt, er bedauere, nicht in der Sektpause gegangen zu sein: Das im Reagenzglas angezüchtete Bein wachse im mütterlichen Organismus des Stubenmädchens bis zu einer bestimmten Reifungsstufe heran und werde abgetrieben. Später nehme das Stubenmädchen, das unter der zweiten Abtreibung noch lange leide, dem Arzt das Bein mit einer Kettensäge wieder ab, brate und verspeise es, breche dann in den Hochsicherheitskühlschrank des Arztes ein, bemächtige sich einer überlebenden Stammzelle im Gefrierstadium. Im fünften Akt bringe das Stubenmädchen - unter Umgehung der beingewordenen Tochtergeneration -  die eigene Enkelin auf die Welt. Das Stück sei kaum für das Theater geeignet, schon das laborhafte Bühnenbild eine Zumutung, diese langwierige mikroskopgetriebne Perspektive mit Fachausdrücken und kein zentraler Konflikt, nicht Klimax noch Katharsis, habe der zuständige Redakteur geschrieben, der das Stück nicht verstanden habe, habe seinerseits der zuständige Regisseur in einem Leserbrief und bezugnehmend auf den attackierenden Artikel in der Kulturbeilage geschrieben. Diese Kulturbeilage habe übrigens auch bemerkt, daß ein Bein gar kein Organ sei wie im Stück mehrfach und fälschlich behauptet.


So oder so: Eine grauenhafte Schreiberei und sie verstehe nicht, was den Karlhans an Benny so fasziniert habe, aber den Karlhans beschäftige ja so manches, gegenwärtig ist er auf Südamerikareise, auf den Spuren der konkreten Kunst, die zufällig aus der Stuttgarter Stadtbücherei nach Übersee gelangt sei. Dass der Karlhans da hinten was zum Benny recherchieren wolle, das redet sich nur die Gattin ein, die sich auch noch die wirrste Fernsehsendung zu diesem angeblichen Forschungsskandal anschaut, guckt Experiment mit Schäferhund und Embryo, einen längst verjährten Hundeverlust, als ob der Karlhans nichts besseres zu tun habe, als jeden Umgebungsbaum mit Schildern zu behängen, Hund vermisst, zwecklos, man habe die Knochen gefunden, welche Knochen habe sie gefragt. Na, die Hundeknochen doch, habe die Wessely geantwortet, also die Gattin, aber das Kind war weg.


Ehrlich gesagt, sie sei nicht ganz klug geworden aus dem Geschwätz der Verwandten, nur Hund und Knochen habe sie verstanden, Kind und Hund, aber keinen Zusammenhang gesehen, dass man das Kind doch geklont habe und erst da habe sie es wirklich verstanden: Die Gattin bringt es nämlich zusammen, den Benny und das Klonen, obwohl sie ja dachte, das sei verboten. Verboten, habe die Wessely gesagt, das Experiment sei schon verjährt, vielleicht sei es ja auch damals noch gar nicht verboten gewesen, vielleicht habe eine entsprechende Gesetzeslage damals so noch gar nicht vorgelegen, sie wisse das im Augenblick nicht, hat sie der Hundsverwandten darauf geantwortet, obwohl es Straftatbestände gebe, die nicht verjährten, habe sie mal gelesen in einem Zusammenhang, der ihr wieder halb entfallen sei, Ärzteprozess, vielleicht.


Dass der Ajot aber ganz zufällig auf die konkrete Poesie gestossen sei, so die Mutter des Forschers, bei einem Griff ins Buchregal, einen Heißenbüttel als einen typischen Vertreter der konkreten Poesie – Helmut Heißenbüttel – den kennt heut auch keiner mehr, also Heißenbüttels gesammelte Werke hätte Ajot ziehen wollen, er habe aber statt Heißenbüttel einen Reiseführer Südamerika gegriffen. Zufall, habe sie der Hundezüchterin gesagt, der Zufall spiele ja in der Forschung eine tragende Rolle, neulich hat der alte Wessely, also Zahnarztgatte Wessely, ihr aus der Sonntagsausgabe, Rubrik Wissenschaft vorgelesen, Zufall und Forschung, wenn es diesen Darwin zum Beispiel nicht zufällig auf die Galapagosinseln verschlagen hätte, die Wissenschaft wunderte sich heute noch über die Finken.


Wie auch immer: Eine Lochkarte sei dem Ajot aus dem Reiseführer gerutscht, Lochkarte? Falsch einsortiert, ein in seiner Bedeutung nur noch schwer zu entzifferndes Programm, Fortran 66, ein Gedichtgenerator,  das Programm hätte konkret dichten sollen, vielmehr: Aus den angebotenen Wortmengen die überraschenden Schlussfolgerungen ziehen sollen als ein automatischer Autor in vollem Unbewusstsein über das Schöne, Zusammenstöße, kennt jeder, Lautreamont war das, diese Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch, so ein Hinteruruguayer aus dem neunzehnten Jahrhuntert, als habe dieser Montevideaner Rimbaud vorwegnehmen wollen und ist dann auch ganz richtig an Cholera gestorben, dieser Regenschirm-Südamerikaner-Poet hätte Fortran 66 in kühnen Kombinationen ersinnen sollen, hirnüber schöne Texte, hätte das Programm aufs grünlinierte Papier nadeln sollen, wie von einem edlen Baum, aber vom Quellcode war nur noch "stop end goto" übrig. "End" sei in die Karte gelocht gewesen, ein Schreibfehler, offensichtlich, "end" für "and", doch auch "stop and goto" – aber wohin?  Nichts als Lochmuster für Ende und Aus, enttäuschend, der Karlhans habe zunächst tief enttäuscht reagiert.


Stop

end

goto

dann sei ihrem Sohn die Schönheit der Zeilen aufgegangen - erleuchtet habe er über dem Stadtbüchereifußboden geschwebt. Als er wieder runtergekommen sei, habe er es dann doch noch entdeckt, es – auf der Rückseite, bleistiftstrichzart, er habe die Karte schon in den Papierkorb werfen wollen – sei ein Notizkritzel gewesen, immerhin, ein schwacher Hinweis.

WANG und eine Inventarnummer. Das Programm muss von der Lochkarte in den Achtzigern auf einen der ersten PCs gelangt sein,  Herstellerbezeichnung Wang, dass die aus den Achzigern stammen müsse, sagte die zuständige Bibliothekarin am Auskunftstisch in der Bücherei, der betreffende PC sei doch schon längst stillgelegt, tauche im Bestand auch nicht mehr auf, schon längst auf den Müll hätte man den gegeben. Im letzten Moment aber sei der PC doch noch zu schade gewesen, denn da drüben in Amerika, in Südamerika, sei man froh um jedes Gerät, müsse man froh sein um jedes Gerät, dessen Weiterbeschäftigung in der Stuttgarter Umgebung doch nur erhöhte Lohnnebenkosten verursache, auch erfülle das Gesamtensemble Personalcomputer mit Maus, Tastatur und Monitor weder Strahlenschutzbestimmungen noch ergonomische Mindestanforderungen, was sie damit sagen will, abgeschrieben, der PC sei längst verschifft nach Übersee, denn da drüben in den Billiglohngebieten seien die bescheideneren Rahmenbedingung günstig für Altgeräte, man habe also den Wang als Sachspende nach Montevideo entsandt, an ein Institut, wo das Gerät seinen sinnvollen Dienst versehen werde. Sie habe dem Karlhans dann netterweise die Adresse gegeben, der hat sofort angerufen dort im Montevidaner Empfängerinstitut. Sich umgehend um Fortschungsgelder bemüht.


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