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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 3

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Kapitel 3


Die stellvertretende Vorsitzende des Kleintierzüchtervereins gibt wieder, was ihr Witwe Ofenvogel erzählt hat

Ajot, den man in diese nichtsnutzige Stadtbücherei geschickt hat, keine Sachbuchreihen mit dienlichen Hinweisen, ey bewahre, nein, lediglich eine Poesiedatenbank behausend, Bank, die keiner braucht, derart ist sie beschaffen, diese Bücherei und der Ajot sei dann auch ganz folgerichtig  mit Buchstabenhäufungen wie aus unbrauchbaren Zellinien zurückgekehrt, ein allzu offener Markoff, nichts hidden, nicht vor und nicht zurück wie propagierend, nicht mal eine Mustererkennung, nur seinen besoffenen, dichtenden Verwandten habe er unter den Regalen vorgezogen wie ein Suffix vors Verb. Wie ein von der Stadtbücherei abgesonderter Autor aus der Tiefe der Hilfsarbeiterklasse hoch geräuspert. Seine Künstler-DNA aber fusioniere einen raunenden Jargon aus Martin Heideggers Existenzialphilosophie mit dem Abfall der hochsprachlichen Halbbildung, kein Verb zu klein, um nicht in einer Endung zu verallgemeinern – heit keit und so. Weil sich die Substantive in ihrer Einsamkeit des Satzgegenstandes aber fürchteten, hängt der Benny sie wie scheppernde Büchsen an einen Wortfortsatz, Kunstwortschwanz, der seinen dranhängenden Kunsthund zum Institut begleitet wie zu einem fatalen Happy End, Sprachfiguren zerren die Kunsthunde vor den Wörter-Büchsen der eingedosten Konflikte und irgendwann ist es allen egal geworden, wer was sagt, und warum. Derweil aber pinkelt der konkrete Gedichthund an den hierarchischen Grammatikbaum und Ajot müsse angesichts des herrlich schönen langen Körpers der am Boden liegenden Dichterfigur seinen Entschluss gefasst haben. Wie ein Glöcklein nieder so sei der Autor in der Stadtbücherei gelegen, wie liegengelassen an der schwäbischen Dichterstrasse und zuspätromantisch auf Schuberts Winterreifen den nachgelassenen Papieren eines fahrenden Waldhornisten hinterherzuckend. Die Zuhörer auf dem grünen Rasen hätten ihn, den Typen, der das erzählte, bloß recht ratlos angestarrt, den Witz mit Schubert und Dichterstraße offenbar nicht kapiert. Na, ist ja auch nicht so wichtig. Zurück zum Thema besoffener Dichter. Ajot habe unverzüglich seinen Resturlaub genommen, um sich an die Biografie seines Beschreibungsgegenstandes gottbegnadeter Autor unter Alkohol-einfluss zu machen. Obwohl sie, seine Mutter, dem Ajot davon abgeraten habe. Dass er sich besser um seine Institutslaufbahn kümmern solle, lass die Finger vom Benny. Aber er habe es nicht lassen können, so die Witwe Ofenvogel.

Ajot habe also zunächst Künstlersätze über seinen Bennygegenstand gesammelt: Umgebungssätze aus der Originalumgebung dieses verunglückten Theaterdichters, möglichst authentische Sätze über Benny. Allerdings: Was gibts da eigentlich groß zu sammeln zum Thema Zahnarzt, zu Dentist fällt niemand viel ein, also hat er sich den Benny neu erfinden müssen, die ganze Wesselygeschichte wie aus einem Jackenfleck isoliert als eingetrocknete Speichelprobe von Überkünstlersätzen, Sätze über Künstler, Übersätze, damit Ajot also eine Kunstfigur daraus exprimieren könne, oder so ähnlich jedenfalls. Halt aus den Satzfetzen ja doch. Oder habe sie sich etwa missverständlich ausgedrückt?  

Sehr spartanisch gelebt, sei so ein Satz, den sie sich gemerkt hat von dem, was der Ofenvogel so alles über den Benny verbreitet hat. Das isoliere er – Ajot - aus der Tatsache: mittellos. Mittellos beispielsweise komme so ein Dichter wie Originalgenie aus seiner Provinzherkunft an der Dorfstraße in die schwäbische Hauptstadt, ohne Geld und Aussichten, im Park habe er geschlafen oder unter einer Brücke oder wie auf den Äckern zwischen Autobahnzubringern in einem ungeheizten, schäbigen Zimmer des vierzigjährigen Neubaus mit Ausblick auf einen Parkplatz, aber keine Daimler.

Ausblick? Die Jalousien seien ja immer heruntergelasssen gewesen, Licht habe er gehasst, dieser Dichter. Und: Er, Ajot, ein enger Vertrauter des Dichters, habe jetzt bei der Beschreibung des Zimmers fast das Wichtigste vergessen, den altmodischen PC nämlich, eine Computerantiquität vom Flohmarkt, der so laut geklappert hat, das sei das eigentliche Werkzeug gewesen. Benny habe natürlich auch damals viel getrunken, billigen Cognac aus dem Getränkemarkt an der Ecke, dennoch sei er auch als Betrunkener noch klar gewesen im Kopf, aber dann plötzlich zusammengesackt. Er habe ihn oft nach oben geschleppt, aus der Kneipe nebenan und dann habe er in der Nacht nachgeschaut, ob er noch lebe, der befreundete Dichter, da – auf seiner Matratze. Benny Wessely habe natürlich nicht aus lauter Trunksucht getrunken, oh nein, Wessely, der Dichter habe getrunken, um überhaupt schlafen zu können. Beende den Trunk, jage den Schlaf, bis du ihn gefunden hast, er wird, Herr Wirt, personifiziert, der Schlaf, der Tod, Herr Wirt, er wird personifiziert, so die Schlussfolgerung des Meister Hobel in Bennys Erstling: Tat und Leber. Mehr als zwei oder drei Stunden Schlaf seien dem Benny ohnehin nie geglückt, stattdessen sei er mitten in der Nacht aufgestanden, Flasch Bier im Hals und zurück an die Tastatur, Sequenzen tickern nervös, untermalt von wummernden Bässen aus Bennys Ghettoblaster, Herzschrittmacher des Plattenbaus, in dem Benny gelebt habe. Obwohl es in Stuttgart gar keine Platte gibt, bloß den Daimler neben dem Ölhafen, übelstes Industriegebiet ja und Schlachthof, typisch Untertürkheim. Selten habe Wessely einen Schlaf hingekriegt, hat der Ajot später drüber geschrieben, vielmehr: es sei ihm gar kein Schlaf gelungen, er sei überhaupt nicht zur Ruhe gekommen. Aber genausowichtig wie ein billiger Cognac und ein noch billigeres Zimmer sei dem Benny sein Reisekoffer gewesen. Wessely stand ständig vor dem nächsten Umzug, vor der Abreise, gewandert sei er. Immer hin und her gefahren zwischen den wichtigen Häusern, den weisenden Theatereinrichtungen, dahinfahrend mit seinem zerlepperten, alten, schönen Lederkoffer. Wessely habe sich das Heideggersche Unzuhause für sein praktisches Leben eingerichtet, so stehts im Büchle vermerkt, das der Ajot über seinen Bennyverwandten verfasst hat, Benny und alles kaputt, am Ende Blick auf Hass, Schmutz, Aggressivität. Kunst habe er nicht machen wollen, er habe die Realität abgebildet, und die heiße: Schock. So habe es der Ajot über den Benny geschrieben, was sie, im Vertrauen, der Gattin aber lieber nicht erzählt habe, keine Ahnung, ob die das Buch überhaupt gelesen hat. Vielleicht besser nicht. Menschen, die mit Wesselys Stücken konfrontiert sind, reagieren extrem, mit Kopfschütteln oder Tränen, Gelächter oder Wutausbrüchen - Theaterbesucher flüchten scharenweise und mit vor die Augen gepresster Hand, so böse wirke Wesselys Kunst, so unflätig seine Sprache, so wahrhaft grauenerregend seine Ästhetik, Menschen zeige er fast ausschließlich in nacktem und entwürdigtem Zustand, einschließlich Schmutz, Speichel, Wunden in der Sprache, kurz vor dem Tod oder in embryonalem Zustand, Wortkuscheltiere wie im Puppenzustand verstümmle er an Bein und Augen, schlage ihnen die Zähne aus, knüpfe sie an Zimmerdecken auf, verarbeite sie zu Wandteppichen, Faden um Faden zerfetzt verlogner Farben, denn alle Liebe ist gelogen, wahr nur der Bastelbogen. Aber diese schöne Phrase hat der Lektor des Verlags, in dem das Bennybuch rauskommen sollte, ratzfatz ausgemerzt, ersatzlos gestrichen, keinen Bogen und Faden und Worte so verbraucht wie gewoben in den Jubelteppich kostbarster Fußbodenbelagsmuster als Vaterlappen wie Mutterteppich, im Doppelstrang so weiblich so männlich, er und sie aufs Unlösliche verzwirnt, rettungslos ineinander verknäult oder: Wessely reihe die Worte auf Tischmetaphern wie in einem Leichenschauhaus der Sätze.


Der Institutsleiter der Postdarwinisten auf dem grünen Rasen spricht zu den Besuchern

Ob es diese Massen, diese Tätermassen denn tatsächlich gegeben habe, er möchte es wortendlich bezweifeln, Erbgut auf Eis geschoben vielleicht, aber doch keine ausgereiften Embryos, geschweige denn von Ersatzorganismen Ausgetragene, so der Wissenschaftsredakteur der Radioanstalt, den der Sender zwischen die Einspieler geschoben hat, bevor dieser alternde Institutsleiter, übrigens nicht mal Biologe oder sonstwas, auch nicht Humanmedizin, sondern Jurist oder Betriebswissenschafter, Doktortitel für eine inzwischen wieder entfallene Fachrichtung, so die Hundsvorsitzende zur Wiwe, in den Siebzigern/Achtzigern als man noch was werden konnte, auch fachfremd übrigens, die Witwe seufzt, während sie dem Institutsleiter am Fernseher zuhört und denkt wohl an ihren Sohn, der noch immer auf Drittmittelstelle sitzt und noch nicht mal eine Abteilung unter sich hat. Frei erfunden, das Ganze, sowohl Prädestinismus als auch Postdarwinismus, so noch ganz schnell der Schlussbefund des Redakteurs, bevor man zurückschaltet ins Studio, der Institutsleiter aber geht gar nicht drauf ein.  

In gewisser Weise, so der Institutsleiter, sei die Fortpflanzung betroffener Täterzellen schon erstrebenswert, wünschenswert auf einen übergeordneten Zweck hin, so habe er, wie im Einspieler deutlich zu sehen, jenem kritisch nachfragenden Bürger dort auf der Rasenfläche vor dem Instutut geantwortet, auf Täterfortpflanzung könnten auch die Postdarwinisten  nicht verzichten,  Versuchsmenschen in Nachzüchtung, mindestens die Hälfte ihres Budgets hänge davon ab, was die Sprechverbände zu unterstützen wünschten, sie schrieben nicht unbedeutende Mittel zu diesem Zweck aus.  

Auch er habe – zugegeben - Anträge eingereicht, gemeinnützige Forschungsvorhaben, er komme später darauf zurück.  Bedenken Sie die Fixkosten allein schon zur Überwinterung der Versuchstiere, Spezialtiere, empfindlich überzüchtete Varianten, da tue es kein grobes Normalfutter aus dem Supermarkt, Whiskas oder Chappi, habe er gesagt, wie er es stets sage, damit die Zuhörer lachen und die Zuhörer haben dann ja auch geschmunzelt, dazu Personalkosten Tierpfleger, Laboranten, Betriebskosten, Strom, Wasser, Gas, laufende Basiskosten von deren Sockelbetrag er nicht runtersteigen könne, und nach Begleichung all dieser Rechnungen sei noch immer die Forschung an sich offen, auch die halbierten Doktorarbeitsstellen, sogar die sozialpflichtbefreiten Minimalbeschäftigungen. Und immer noch sei damit kein Rasen vor dem Gedenkstein geschoren, kein Buch angeschafft, keine einzige Inventarnummer, von Bürostuhl bis Laborhocker, von Laborbank bis Schreibtisch. Es liege ihm deshalb fern, die Nachkommensorganisationen an sich anzugreifen, er  kritisiere nur den Umgang, den Verwendungszweck der Spendengelder, genauer gesagt, das laufende Projekt der Prädestinisten, Zucht von Todeskandidaten zum Zwecke biologistischer Vergeltung, während sich die Postdarwinisten mit der Erhellung postdarwinistischer Hintergründe von beispielsweise Worttäterpersönlichkeiten beschäftigen.  Erkenntnis statt Rache, die Postdarwinisten sähen sich ganz im Sinne der Aufklärung der Vermehrung des Wissens verpflichtet.

Das Konzept der Prädestinisten sei zudem nicht aufgegangen. Aus Täterzellen Zellentäter züchten wie ein zusammengesetztes Wort, er, der Institutsleiter frage sich, ob die deutsche Sprache mit ihrer Möglichkeit zur Bildung polyploider Vokabeln,  die sprachraumweite Bewunderung für Neologismen die Wissenschaft beeinflusse, das Heraufziehen kumulusartiger Wissenschaftsgebiete. Über den Einfluss der deutschen Sprache auf die Interdisziplinarität in den Wissenschaften, er sehe schon den Bucheinband zur entsprechenden  Doktorarbeit vor seiner geistigen Brille wie hinter der Schaufensterscheibe einer gutsortierten Buchhandlung, virtuell wie das Bestellfenster von amazon.com, er werde einen Doktoranden mit der Ausarbeitung beauftragen. Massenmörder in Mördermassen vom Präfix zum Suffix mutiert. In der letzten Zeit allerdings habe es mehr und mehr Probleme mit diesem prädestinistisch unsinnigen Konzept des biologistischen Gerechtersprech gegeben, einfach deshalb, weil die direkt Betroffenen, den Tätern Entkommenen inzwischen so ausgestorben seien wie die Direkttäter selbst, die nur in Petrischalen weiterwüchsen, wenn man sie denn über das Blastenstadium hinaus bis ins Kindergartenalter füttere. Die Prädestinisten hätten also plötzlich dagestanden vor den mit Täterabkömmlingen wohlgefüllten Kindergärten, ein Tätergenbabyboom wie ganz außerhalb des Pillenknicks, man habe ja mit den ersten Versuchen bereits in den Siebzigern begonnen, damals noch unter der Flagge des Neodarwinismus, der erste Versuch sei zwar fehlgeschlagen, zugegeben, das heisst: Nicht fehl, genaugenommen davongelaufen, Datenträger verschwunden oder verreckt, so titelten damals die Zeitungen auf gleicher Überschriftenhöhe mit: "mein Bauch gehört mir" - das Verfahren als solches aber habe funktioniert, die damals herangezüchteten Erbanlagen müssten inzwischen ungefähr erwachsen sein. Müssten oder seien? Fragt der kritische Bürger nach. Weggelaufen, wie gesagt, Tierbefreier, er, der Institutsleiter beantworte geduldig die stets sich wiederholenden Fragen, man kümmere sich aber um die Aufklärung der damaligen Vorkommnisse, ja, er dürfe vielleicht soviel dazu sagen: Die damaligen Vorkommnisse, das Experiment, Störung durch die Tierbefreieraktion, Verbleib des Gezüchteten sei Gegenstand eines laufenden Forschungsantrags zu Täternachkommen und Rachberechtigten, ein ungutes Wort übrigens, von den Nachkommen selbst aufs schärfste abgelehnt. Aber eine bessere Bezeichnung sei ihnen bisher nicht eingefallen. Opfer? So sehe man sich nicht. Trotz allem.

Das Interesse an dem Erbmaterial der Täter ist also verblasst, so müsse man das sagen, die Nachkommen der Toten, der zu Rache Berechtigten – Gen um Gen -  hätten in vielen Fällen einfach so gar keine Befriedigung empfunden, all diese Neffen und Nichten oder Ganzfernverwandten, sie hätten einfach keine Vergeltsgefühle mehr aufbringen können, bedauerlicherweise. Man habe, kurz gesagt, viel zu viele Täternachkommenschaft erzeugt in den prädestinistischen Einrichtungen, man habe den Bedarf am Tätergenotyp weit überschätzt, mit einem exponentiell ansteigenden Interesse der rachberechtigten Nachkommen gerechnet, bakteriell exponentielle Vermehrungszahlen irgendwie zwischen Tatzeit und Gegenwart unterstellt. Angenommen, jeder Getötete sei Zeugungspunkt von statistisch 2,51 rachberechtigten Nachkommen, wären die zur Versammlung angemieteten Mehrzweckhallen zu den Jahrestagen gut ausgelastet, so die Rechnung. Nicht auszudenken, wären die Mehrzweckhallen mehr gewesen als eine überfüllte Simulation. Man rechnet was hoch, und dann treffen die Voraussetzungen nicht. Entgegen der Zahlen, von denen Ofenvogel in seinem Forschungsvorhaben ausgegangen sei und zum Entsetzen der Prädestinisten habe sich niemand mehr zur tätigen Trauerarbeit bereit gefunden, die Nachkommen hegten ganz einfach keine besonders negativen Gefühle, keinen Wunsch nach Vergeltung, so steht es bedauernd im jährlichen Zwischenbericht.  Absehbar, daß die Erinnerung an die Verbrechen ausstirbt, so der gezoomte Prädestinist jener Talkrunde.

Interesse wie aus dem Erbgut gekreuzt - lass mich doch mit den alten Geschichten in Ruh – im Kinderheim aber steckt die Nachzüchtung der aus Tätergenen Auferstandenen. Kleinkinder in Käfigbettenhaltung wie hinter Gittern, so stellten es Pamphlete im Umkreis der Leugnerszene dar, die Taten habe es nämlich nicht gegeben, und wenn die Tat als Tatsache schon nicht gegeben sei, wie soll sich dann Täter als Steigerungsform derselben erklären, er wolle an dieser Stelle auch gar nicht erst wiederholen, was dazu alles verbreitet wird, Blaufärbung alter Backsteine an Lagerbauten. Keine Ahnung von Chemie, Halbwertszeiten und Löslichkeiten von Preußischblau in Wind und Wetter, und gibt es selbst zu: Ich habe nie Läuse getötet. Ich, wissen Sie, ich weiß es nicht. Ich habe niemals Berechnungen zur Entlausung angestellt.  Satt sauber trocken – Minimalpflege und damit verbunden das Vollbild, Hospitalismus werde unterstellt, wahr sei jedoch, daß man sich an den für damalige Zeiten fortschrittlichen Mutter und Kind-Einheiten orientiert habe, ein kindgerechter Einrichtungsname, Bioborn stehe an der freundlich gestrichenen Tür, im Namen der Bestandteil gebürtig wie born und Bio wie modernster Paradigmenwandel weg vom quantenmechanistischen Weltbild des zwanzigsten Jahrhunderts, hin zu den boomenden Lebenswissenschaften im einundzwanzigsten. Leibesübungen, Körperertüchtigung, so ungebunden leicht wie ein Wandervogel, aus grauer Städte Mauern hinaus auf den Rasenplatz, Frischluft mit Klampfe vornweg, und Graugänse ziehen durch die Nacht, eine ungestörte, glückliche Täterkindheit, eine bündische Jugend in formender Peergroup hätten die Genotypen verbringen sollen.

Dann sei es zu jenen Problemen gekommen, die er bereits angedeutet habe. Nachlassendes Interesse und damit die Deckeleung der Ausgaben, Budgetierung, plötzlich sei nur noch die Hälfte der Einnahmen geflossen, die Kosten des Instituts aber eher gestiegen, allein schon Instandhaltung und Verpflegung, er, der Institutsleiter vom Institut der postdarwinistischen Literaturkritik könne aus eigener Erfahrung nachvollziehen, in welchen finanziellen Schwierigkeiten sich sein Kollege befunden habe, Gasrechnung, Wasser, Strom, Tierfutter wie Kindernahrung, die eintreffenden Rechnungen, er habe bereits auf allerhand Soziale Jahre, Praktikanten und Zivildienstleistende zurückgreifen müssen, das Fachpersonal entlassen, da sei ihm die rettende Idee gekommen, so könne man das ausdrücken, der Prädestinist allerdings demeniert dies. Nicht über unbezahlte Rechnungen, nicht über Mahnbriefe gebeugt, habe er eine Vision gehabt, auch habe er das Wort rettende Idee wie eine Konkursformel nie benutzt, er habe die Statistiken betrachtet, das Studienmaterial der Mitgliedszahlen wie Beitragszahlungen plus Spendengelder, einmalige Zuwendungen, Sonstiges minus laufende Kosten, Bettenzahl, Kapazität und Auslastung, Täter gegen Nachkommenzahlen, es gebe zuviele Täter, folglich müsse man, so sein logischer Schlussstrich unter die Rechnung, die Zahl der Berechtigten erhöhen. Die Zahl der geschichtlich interessierten Zeitzeugen, er sei es leid gewesen, die säumigen Beitragszahler aufzufordern und an ihre Aufgabe zu erinnern, gleichgültig wie längst assimiliert ohne Geschichtsbewusstsein, es sei also darum gegangen sich ein Beispiel an den Vertriebenenverbänden zu nehmen, berechtigt sei man nicht durch Geburt wie gebürtig, man sei gehörig durch Gefühl. Ich fühle mich wie ein Opfer, also bin ich ein Opfer.  

Bevor nun der letzte Zeitzeuge erliege, Altersschwäche, Alzheimer und durch Spätfolgen eines harten Lebens, hätten sich die Prädestinisten entschlossen, die Mitgliederzahl zu erhöhen. Gen um Gen, Zahlung um Zahlung, man habe zu jedem Täterfötus ein Embryonenmitglied exprimiert.


Die stellvertretende Vorsitzende des Kleintierzüchtervereins gibt wieder, was die Witwe Ofenvogel ihr erzählt hat


Auf einer Handlungsebene wie unter einer Handlungszimmerdecke platziere Benny, dieser Dichter, Stammzellinien wie von bösen Worten, Handarbeiten ineinander verhäkelt, zu nur noch unansehnlichen Sprachausbuchtungen, das sei die Wahrheit der hässlichen Rede: Trashworte aus der JunkDNA und ihre skatologische Implikation gesellschaftlicher Exkrementsprache, wie ausgestopft wirke diese Sprache, überdeterminiert bis zum Platzen. Dann tut sich die Wand auf, eine Bücherwand stellt sich der Welt entgegen und der konkrete Dichter laufe gegen den Sprachwall, mit dem Kopf gegen die geschlossene Feuertür in der Laborwand, aber so, daß der befreundete Freund, der Verwandte, Wand an Wand, der sorgsam in der Nacht Nachschauende, ob er denn noch lebe, der besoffene Dichter auf seiner existenzialischen Matratze, und neben sich den  Korb mit Gebein, also dass er, der Freund, gedacht habe, der Dichter bleibe liegen, die selbstzerstörerischen Übungen, mit denen Benny in der Pubertät begonnen hatte.

Dann aber sei der Erfolg über ihn gekommen und habe Benny vernichtet. Daß der Benny gar kein Karrieremensch gewesen sei, dass er zutiefst davon überzeugt gewesen sei, wer er ist und was er sei, daß er letztklassig sei, so sein Grundgefühl. Plötzlich: Geld, Frauen, alles. Dass ihn das gegruselt habe. Dieser Graus, der wirkliche Ekel in der Zeit seines Erfolgs, habe ihn umgebracht, Ekel und Schlaflosigkeit, er sei Dauerkunde im Getränkemarkt geworden. Und dass er das nicht wahrhaben wollte, seinen Erfolg und sein Scheitern daran. Sowas kenne man, finde man witzig, darüber lache man. Aber in dem Moment, in dem das Klischee treffe, dass er sich dem auch nicht habe entziehen können, nicht dem Schreiben, dem Produktionswahn. Schreiben Sie weiter, schreiben Sie! Dass der Benny doch gar nicht gewusst habe, was er sonst hätte mit sich anfangen sollen, so die überzeugende Auskunft Ofenvogels, der den Benny in seinem letzten Jahr betreut hat. Dass einer, der sich zum Theaterautor stilisiere, schreiben müsse, Autor sei schließlich keine Berufsbezeichnung, Autor sei nichts weiter als ein Zustand wie Aggregat: schreibend, was gasförmig Unbestimmtes. Aber: zum Projekt Dichter und Benny, zum Gesamtkunstwerk Wessely, habe auch immer die Arroganz gehört, Zynismus, eine latente, nicht nur verbale Gewaltbereitschaft, so Ajot, der den Benny gemanagt hat zum Schluss. Daß das nicht stimme, so ein Weggenosse, und diesmal ist es nicht Ajot, der das festgestellt hat. Der Benny habe sich ja selbst nie schützen können, sich stets allem ausgesetzt, immer offen, hat sich mit offenem Hemd den Winden, den Wunden geboten, er, Benny, sei Opfer gewesen in seiner Offenheit, das sei soweit gegangen, dass der Benny im Winter mit offenem Hemd rumgelaufen sei und immer wieder Lungenentzündungen hätte haben müssen. So ein Zeug, schreibt der Ajot, und muss irgendwen gemeint haben, kann sich aber wohl kaum auf den Dentistenbenny beziehen.

Ofenvogel, so eine Kritik zur Biografie, die der Ajot über seinen Beobachtungsgegenstand Benny verfasst hat, stelle nun eine Verbindung her zwischen offenem Hemd, offener TB, neunzehntem Jahrhundert und Benny, eine Leidensähnlichkeit sieht Ofenvogel: “ich leide also bin ich”. Benny habe sich dem Opfersein vielleicht auch deshalb angenähert, weil er sozusagen als menschliches Zuchtergebnis in den Bioborn hineingeboren wurde, mutmaßt Ofenvogel. Dabei stimme auch diese Geschichte nicht, Benny sei zwar aus einem Kinderheim geholt worden, jedoch nicht aus dem Bioborn, wobei es ja noch nicht einmal feststeht, ob es diesen Bioborn tatsächlich gibt oder gegeben habe, schlimm seien die Zustände in jenem Kinderheim gewesen, so die Mutter, Bennys Ziehmutter, schlimm die Erinnerung daran.

Und immer, so Ajot, der sich dem Benny seit Zusammentreffen in der Stadtbücherei gewidmet hat, der Benny habe, wenn etwas schrecklich gewesen sei, es noch schrecklicher machen müssen, damit der Schmerz darüber erträglicher wurde. Die Bioborn-Geschichte sei möglicherweise erfunden. Er habe auch über seine Mutter gesprochen! Ständig. Pausenlos. Viel Schlechtes. Als Kind habe er immer Suppe mit Speckwürfeln essen müssen, obwohl klar war, dass er sich darüber erbreche. Dann habe er das Erbrochene vom Boden aufklauben und runterschlucken müssen. Seine Mutter habe sich dabei befriedigt! Horrorgeschichten, die er eben auch über seinen Vater erzählte. Einmal sei bei ihm ein Magengeschwür aufgebrochen, kurz vor Weihnachten, denn an Weihnachten habe Benny seine Mutter besuchen müssen. Aber er hats nicht getan. Deshalb sei Weihnachten für ihn die schrecklichste Zeit im Jahr überhaupt gewesen. Das habe er gehasst, das sei in ihm schon drinnen gewesen. Was dann auch erkläre, wieso es dazu kommen konnte. Ach was! Nichts als dummes Geschwätz, unsinnig zusammengeklebt wie aus Zeitungsschnipseln, merkt die Witwe an, als ihr die Verwandte vom Gespräch mit der Gattin erzählt.

Er hat sich die Schläfen rasiert, eine Haartolle wehte ihm hinterher, dem wilden Dichter in Jungform, alles schwarzes Leder, der Mantel. Aus Rache an der Praxis, aber da müsse man einen Psychologen fragen, Mutterprobleme habe der Benny entwickelt, gegen die Gattin, die ihren Benny lieber als Zahnarzt in einer gutgehenden  Praxis sehen wollte, der Sohn aber habe, statt sich in Schule und Universität anzustrengen experimentell geschrieben. Die Mutter habe gar kein Verständnis gezeigt, so der Nachruf, die Mutter habe den Sohn abgelehnt, darunter habe der junge Künstler sehr gelitten, Der Benny habe angefangen, seine Mutter zu degradieren, aus einer gutbürgerlichen, mithelfenden Mittelschichtsgattin habe er die Wessely umgedichtet in eine Nurhausfrau, Putzen und Kochen, hinuntergedichtet in minderwertige Wortstellung, man könne, wenn man den Benny über seine Familie reden hörte einen verfehlten Eindruck erhalten, dabei seien die Wesselys stets freiberuflich und gutsituiert gewesen. Ein Unterschichts-Gen habe der Benny aufdecken wollen in der Wesselyschen Familiengeschichte, eine underdogsche Verwandtschaft herleiten. Zwischen sich und den Zahnärzten einen Schlußstrich ziehen, die Wessely habe er nach vollzogener Umdeutung täglich mit neuen Eigenschaften ausgestattet, die unverträgliche Suppe mit Speckwürfeln, die er habe essen müssen, seine Mutter habe ihn womöglich nie geliebt, ja, der Benny sei nach längerem Nachdenken zu den furchtbarsten Kindheitserlebnissen gelangt, möglicherweise sei er ohne Abendessen ins Bett gesteckt worden, und dann habe er, der Benny, ein Gedicht verfasst, wie er weinend an der Käsetheke zusammenbricht, die Endreime sollen die Verzweiflung, die Leere des Daseins in die Zange nehmen, die Gesellschaft – eine Tiefkühltruhe, so habe er das gedichtet, auf Truhe die Ruhe, wo wird einst des Wandermüden die letzte Ruhe- / Zeilenumbruch Kühltruhe -stätte sein. Selten habe sie mehr gelacht. Was soll man dazu aber auch schon sagen!


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