Direkt zum Seiteninhalt

Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 2

Montags=Text > Prosa > Texte

Kapitel 2



Institutsleiter auf dem grünen Rasen vor den Geländen:

Wer zahlt, schafft an. So einfach ist das. Drittmittelforschung, Forschungsmittel wie aus spendierfreudiger Spendierhose, und die Ausschreibung der Geldgebenden habe denen halt genau  ins Budget gepasst, millimeterscharf wie Kreditkarte in die Gesäßtasche. Das heißt: eigentlich nicht. Ganz und gar nicht. Und hier komme nun der Ofenvogel ins Spiel, Herr Dr. Axel Ofenvogel, auf den er später noch eingehen wolle, man hat ihn dort mit Halbjahresvertrag angestellt, damit er was Passendes ausarbeitet, was? Ist eigentlich völlig egal, halt einen Forschungantrag, irgendwas passend gemacht, unter Berücksichtigung aller in der Ausschreibung erwähnten oder auch nur angedeuteten Punkte. Den Erwartungen vorauseilend hinterhergeschrieben, wenn er das mal so irreführend ausdrücken dürfe, schließlich bewerben sich mehrere Forschungseinrichtungen um denselben Spendentopf, er kommt sich dabei vor wie auf  Kindergeburtstag mit Topfschlagen aller Institute um das Ausgeworfene, so habe er angesichts der Erbsenpampe auf der Rasenfläche draussen am Tag der Offenen Tür gescherzt, Eintopf und Wurst voll auf Soja, politically korrekt vegan, sozusagen. Ein in den Kern hinein, in alle Körperzellen sich ausdrückendes Gerechterprechprojekt sei gefragt gewesen, drei und irgendwas Millionen Euro wollten sich die Geldgeber das kosten lassen und Ofenvogel sollte das flugs hochrechnen auf 4 Millionen. Mit der fehlenden Halbmillion wolle man in Vorleistung gehen, so die Ausführungen im Antrag zum Erbsprech, Vorleistung, das hören die Auswerfenden immer gern, obwohl man sie eigentlich nicht so bezeichnen kann, also diese Eigenleistung, woher auch, aber bitte. Notfalls lassen sich Mieten berechnen für ohnehin vorhandene Einrichtungen, wenn Sie wissen, was ich meine. Also beispielsweise die Sozialkosten von Mitarbeitern. Die alten Arbeitsverträge sind ja zum Teil unkündbar noch. Die lassen sich in solche Projekte reinschreiben. Als Summe, mit denen man in Vorleistung geht. Macht sich gut und machen schließlich alle so, da plaudere er auch keine Betriebsgeheimnisse aus. Und, er möchte hinzufügen, dass die geldgebenden Erbsprecher natürlich auch ihm keine Unbekannten sind, vor Jahren hat auch das Institut der Postdarwinisten Geld von denen bezogen. Leider waren sie damals zu bescheiden. Man hätte das Doppelte fordern sollen, Antrag, meinen Sie etwa den Forschungsbetrug, ruft einer der vielen kritischen Bürger, die vom Bildschirmrand angeschnitten werden, von hinten ist der Kritiker zu sehen, im Einspielfilm, der dieser Talkrunde vorgespielt wird, doch der Institutsleiter übergeht den Einwand, zugegeben, in der Endphase des Experiments sei es zu Problemen gekommen, zu unvorhergesehenem Entweichen aus der Unterbringung, die kritische Situation mit Hund außerhalb, man habe schliesslich den verantwortlichen Tierpfleger gefeuert. Genutzt hat das nichts. Die Mittel zur Anschlussfinanzierung sind dann trotzdem nicht genehmigt worden, den Tierpfleger hätte man nach diesen Erfahrungen genausogut im Dienst lassen können. Neodarwinistische Literaturkritik hießen sie damals noch, zu Zeiten jenes Pilotexperiments, danach habe das Institut seinen Namen geändert, so der Vorwurf des Bürgers, der schon vorher durch sein Zwischenrufen auf sich aufmerksam gemacht hat, es handele sich, wenn er das recht verstehe, doch nach wie vor um dasselbe Institut. Unter anderem Namen.

Der Institutsleiter möchte dem auch gar nicht widersprechen, sagt er, man habe sich in der Tat nicht geändert, sondern weiterentwickelt. Weiterentwickelt zu Postdarwinisten, während die Konkurrenzgruppe zu einem ungut biologistischen Prädestinismus mutiert sei. Rückwärtsgewandt.


Züchte wie in den Dreißigern. Wie aus Vorurteilen einen Mehrfachtäter, Propagandatäter, Arzttäter, Aufsichtstäter wie aus Lagern, unschön, na er wolle nicht weiter drauf eingehen, Sie wissen ja schon. Unter dem Label Gerechtsprechen und unter Zuhilfenahme allerlei körperlicher Spuren, an einschlägige Ratschläge aus Voodoohandbüchern erinnernd, hehe, abgeschnittene Fingernägel, benutzte Taschentücher, Speichelproben aus Zigarettenstummeln, aufbereitet und in die Entzifferer geschickt, Sequenzer murmeln Buchstabenfolgen her, eine schiere Endlosreihe der Zaubersprüche und lassen die unglücklichen Somazellen immerzu auferstehen, pars pro toto, in institutseigenen Brutkästen sich die Täterzellen entwickeln zu Tätern, Eizelle, Einzelle, Mehrzelle, Vielzelle, Ballen, Wurm, Fisch, so zählt die Gattin am Telefon leise mit, Embryo, Fötus, Säugling,  Kleinkinder in Käfigbettenhaltung, ja genau. Aber so weit ist es bisher noch nicht gekommen. Bisher alles nur Forschungsvorhaben im Planungszustand. Das wird wohl - er kann sichs nicht anders denken - an den expolodierenden Kosten des Gesamtwahnsinns scheitern. Kein Wunder, dass die den Ofenvogel wieder vor die prädestinierte Institutstür gesetzt haben. Bevor sie ganz pleite sind und den Rest an Achtung, der ihnen in der Fachwelt noch entgegengebracht wird, verspielt haben. Sowas kommt halt bei raus, wenn man einen Schöngeistigen einstellt, keine Ahnung von Laborbetrieb und Zuchtkosten. Und so einen sollte er einstellen? Musste er wohl. Der Vorstand wollte es so. Aber bitte, er lehne jegliche Verantwortung ab, dafür.  

Lesen Sie sich das bloß mal durch, was der vorhat. Es geht ja nicht nur ums Züchten, Blastenstadium gut und schön, Embryo meinetwegen, Stammzellen. Worüber man sich streiten kann, also über fremdnützige Forschung und die Haltung von Versuchsmenschen, das kann man alles diskutieren, seinetwegen.     

Aber das soll ja weit über Beobachten und Beforschen hinausgehn, also das Projekt, das Eigentliche, nämlich das, was Dr. Ofenvogel unter dem Punkt Gerechtsprechen ausführt. Laut Ofenvogel handelt es sich, wenn er den Finanzierungsantrag recht verstanden hat, darum, die Gezüchteten mit Vollendung des achtzehnten Lebensjahres, dem Eintritt ihrer Volljährigkeit, dem immerwährenden Gerechtsprechen in Prozessen auszusetzen, da die Prädestinisten in Ausschaltung aller behavioristischen Effekte ein Gleichheitszeichen postulieren,  Gleichheitszeichen wie Schuldzuweisung setzen zwischen Mensch und Genom, Phänotyp ist Genotyp, Genotyp gleich Phänotyp und liest sich wie Lamarcks Giraffenhals, wenn Sie verstehen, was ich meine, also dass die Halslänge mit der Hänghöhe von Brotkörben zu schaffen habe und nichts verstanden im Biologieunterricht. Von Kenntnissen der neueren Genetik ganz zu schweigen. Als würde sich so ein elterlicher Tätertyp vollumfänglich in all seinen Taten aufs Kind überschreiben. Lebenslänglich. Da wird ein Herangezogener reduziert auf die Aussage Verbrechergen, der Gezogene trage seine Familiengeschichte ins Schuldbuch des Genoms eingeschrieben, unauslöschlich, die Anlage zum Verbrecher könne in jedem Moment zum Ausbruch kommen, so das Axiom in der Gründerurkunde der Prädestinisten, und diese Gewissheit genüge, der Gezüchtete könne folglich vorbeugend und noch vor Eintritt des konkreten Schadenfalls herangezogen werden in strafrechtlicher Konsequenz. So jedenfalls, zusammengefasst, stehts im Projektantrag.

Er hätte nie für möglich gehalten, dass der Ofenvogel damit durchkommt. Ausgezogen sind sie, wie gesagt, die Prädestinisten ins dank eingeworbner Fördermittel neuerbaute Institut, während die Postdarwinisten auf alten, abgewetzten Geländen wie auf unergiebigen Gebieten weiterforschten. Dann war der Vertrag mit den Prädestinisten abgelaufen und der Ofenvogel frei. Und er vom Vorstand praktisch gezwungen worden, den einzustellen. Gegen seine Überzeugung, das wolle er hier noch mal ausdrücklich betonen. Schließlich sei ja nicht gesagt, dass die Geldgeber ein zweites Mal auf so einen reinfallen, hatte er zu bedenken gegeben. Aber der Vorstand wollte ihn unbedingt haben. Den Ofenvogel.

Neodarwinistische Literaturkritik, so habe - wie bereits erwähnt - das Institut vor Jahren – also in den Siebzigern des verflossenen Jahrhundert – und unter seinen Vorgängern noch geheissen, und darauf, auf die Geschichte des Instituts gründete sich der von den Prädestinisten übernommene Plan Ofenvogels. Im Detail wolle er auf den aber gar nicht eingehen, weder auf den Plan, noch auf Institutsentwicklung oder auf die bisher beschwiegenen Vorgänge damals, nicht auf den Förderverein und sein Treiben, nicht auf den damaligen Leiter. Kein Wort zu den Vorgängern aus jenen Jahren, es ist überhaupt fraglich, ob die noch leben. Später habe man vor den Zugang zum Archiv einen Gedenkstein gesetzt, ein künstlerisch gestaltetes Mahnmal eines international anerkannten Künstlers. Daß das nicht genüge, einfach den Zugang zu vermauern, habe einer der anwesenden Bürger kritisch angemerkt, hinter dem imposanten Mahnmal verschwinde doch jede noch so breite Tür zum Material, man solle das Mahnmal abreißen, so sei geschichtliche Forschung nicht möglich. Geschichtliche Forschung, ja, danke für das Stichwort, ganz seine Meinung, er wolle den Gedanken gerne aufgreifen. Daß man sich durchaus der Vergangenheit stelle, habe er stets in seiner Stellung als Institutsleiter betont, er lege auf diese Feststellung wert, denn genau im Punkt Vergangenheitsbewältigung unterscheide man sich. Beispielsweise von den Prädestinisten.

Übrigens kann man das so auch wieder nicht sagen. Schon lange bemühen sich die Postdarwinisten darum ,die gemeinsame Institutsgeschichte aufzuarbeiten, das alles ist ja noch da, im Kellerarchiv, Papiere, Proben, Schnitte in Behältern, damals unbeschriftet abgestellt, seitdem unsachgemäss aufbewahrt, flockt aus und hat sich eingetrübt in den Gläsern und das ins Paraffin Gebettete, Menschenschnitte. Vor dem Zerfall retten, was zu retten ist. Gegebenenfalls umzubetten. Denn im Gegensatz zu den Prädestinisten stelle sich das Institut für Literaturkritik nicht nur seiner Verantwortung, sondern betätige sich auch in eigens gestellten Forschungsmittelanträgen neodarwinistischer Vergangenheitsbewältigung. Den Antrag habe Doktor Ofenvogel ausarbeiten sollen, darauf komme er später zurück, Ofenvogel sollte die Gelder einwerben für die neuere postdarwinistische Geschichte, wer dieser Ofenvogel sei, so wurde gefragt, Ofenvogel Ofenvogel, man kenne keinen Ofenvogel, über Thomas Mann habe Dr. Ofenvogel gearbeitet, sein Buch über Konkrete Poesie und Gene, die Zweitauflage sei noch im Handel, Ofenvogel also, ein am Institut beschäftigter Jungforscher, Drittmittelforscher, Ofenvogel werde die Forschungsarbeiten zur Institutsgeschichte übernehmen, so habe der Vorstand anlässlich des Tages der Offenen Tür den interessierten Bürgern  mitgeteilt.


Die Gattin Mutter äussert sich fernmündlich zur Hundsverwandten:

..... aber sie wollte was ganz anderes erzählen. Drittmittelforscher sei er, der Verwandte ist dann Drittmittelforscher geworden, so hat sie's jedenfalls der unverheirateten Verwandten am Telefon weitergegeben, einer Verwandten im Basenverhältnis, anhangslos, wie gesagt und trotzdem weder Zeit noch Ahnung, informiert sich nicht, weder Zeit noch Zeitung, keine Bücher, keine sonstigen Druckerzeugnisse - abgesehen vom Mitteilungsblättchen  des Hundezüchterverbands, dessen stellvertretende Vorsitzende sie ist. Mitteilungsblättchen, das zähle nicht, so meine sie, das sei doch keine Literatur, hat sie zu einem weiteren, gleichfalls sehr entfernten Familienmitglied der Wesselys bemerkt, da könne sie sich ja gleich die zahnärztliche Gebührenordnung in die Schrankwand stellen, dorthin, wo sie die Gesammelten Werke aufstellt, nachbarsweis zum Schiller an den Goethegesamtplatz.


Anstatt zu lesen führt sie Telefongespräche, diese Verwandte, hundeleinelang und immer belegt und gerade damals, am Jahrestag. Zwischen zwei Terminen, Füllung und Extraktion, ist es ihr endlich doch gelungen, die verwandte Hundezüchterin zu erreichen. Wie sie von Benny auf Wessely gekommen sind, könne sie jetzt wirklich nicht sagen, sie weiss es nicht mehr, wie der Gedankenpfad verlaufen ist hin zum erwähnten Fastwessely, der ja gar nicht einmal mehr Wessely heisst. Wie der Fastwessely jetzt gleich nochmal heiße, hat die Verwandte gefragt, das sei ihr augenblicklich entfallen, muss sie zugeben, ein eher unschöner Name, auf den sie sich aber nicht besinnen könne, zu viel Zeit ist vergangen seit dem Poststempel der Geburtsanzeige, der Drittmittelforscher sei ja nun auch schon knapp über vierzig, hat sie der Verwandten zu bedenken gegeben,  und das Buch, die Doktorarbeit, sie hat sie immer mal wirklich gründlich studieren wollen, bedauerlicherweise aber außer für Zusammenfassung und Vorwort keine Zeit gefunden und im Augenblick verlegt, vielleicht unter den Abrechnungen, auszufüllenden Zahnschemata oder Steuerformularen, daß die Praxisräume nichts verlieren, tröstet ihr Schwiegervater, wenn wieder einmal etwas fehlt, Röntgenbilder zum Beispiel, die Doktorarbeit werde sich schon wiederfinden, etwas wie ein Kürzel eines radikalen Jugendverbands wars, sei es gewesen, unangenehme Initialen so meint sie sich zu erinnern, aber sie möchte sich nicht festlegen, keinesfalls möchte sie etwas Falsches behaupten, möglicherweise ein Hajot, wie Hasso oder Heinrich und ein Folgename wie Jugend. Jahrestag Hundetod, also der Tag an dem sie den Benny haben einschläfern lassen müssen, die stellvertretende Vorsitzende hat die Wesselys in jenen schweren Tagen sehr unterstützt, das müsse sie sagen, sagt sie, daß sie das sagen muss. Seitdem ruft sie die Verwandte jedes Jahr zu diesen zwei Jahrestagen an: der eine fällt auf Bennys Geburtstag, das heisst: Eigentlich nicht auf das Datum, an dem der unvergessene Hund das Licht der Welt erblickte und an den sich nicht einmal der Züchter mehr erinnert. Sie habe bei einem anerkannten Züchter aus dem Hundezüchterverein kaufen wollen, hat sie der stellvertretenden Vorsitzenden damals zu verstehen gegeben, sie hatte die Verwandte bezüglich des Hundekaufs um eine Empfehlung gebeten, einen “Benny von” wolle sie sich anschaffen, einen Nobelhund, bis 2000 Mark dürfe das kosten, Vater wie Mutterhund mehrfach prämiert. Züchtungsziel Fellfarbe, Zahnschema. Daß der Geburtstermin des Hundes nicht in den Papieren vermerkt sei, Schlamperei, hat sie sich damals bei der stellvertretenden Vorsitzenden beschwert, tags darauf, und der Hundezüchter erhielt ja auch eine gerechtfertigt schriftliche Rüge, die aber das Versäumte, das Fehlen der Eintragung nicht wieder hat gutmachen können.     


Der Geburtstermin ist und bleibt also unbekannt, stattdessen  ruft die Gattin pünktlich zu jedem der sich jährenden Tage an, an dem der Hund ins Haus der Wesselys kam. Hundeankunftstag. Bennys Einzug. Ein freundlicher Erinnerungstag. “Das Lächeln, das du aussendest, kehrt zu dir zurück”, eine indische Weisheit, an die man sich überhaupt noch viel öfter halten solle, als man es gemeinhin tue, deswegen stehe dieser Spruch, diese wertvolle Losung auch auf dem Schild, das sie vorne am Wartezimmer angebracht habe.  Unter dem Mundvoll Lachzähne. Und "Welcome" auf dem Fußabtreter, über den der Benny auch gleich sein Bein drübergehalten habe, als ob er Englisch könne habe ihr Schwiegervater gescherzt, während sie, die Gattin, sogleich nach dem Putzlumpen gerannt sei, so hat sie ihr, der Hundsverwandten, am Tag darauf berichtet, die Praxis liegt im vierten Stock, fernab jeder Straßenlaterne. Tierquälerei, habe der Tierarzt gesagt, Rückenprobleme, den Benny hätten sie nicht halten dürfen, dort im vierten  Stock, nicht im zugigen Treppenhaus auf dem Fußabtreter den möglichen Tritten der Schmerzpatienten ausgesetzt bis Praxisschluss.


Was sie denn, so als fachkundige Vereinsvorsitzende, dazu meine, ob sie sich der Aussage des Hundearztes eigentlich anschließe, so hat die Gattin gefragt, Fußtritte, das habe sie doch mal genauer wissen wollen anlässlich ihres Telefongesprächs, Rückenprobleme, volkstümlich auch als Dackelkrankheit bezeichnet, ein Bandscheibenvorfall und absolut vermeidbar, so der Vorwurf des Tierarztes, hat sie der Base erzählt als sie sowieso schon mal dran war am Telefon, als sie angerufen hat an dem Jahrestag, an dem sie den Benny habe einschläfern lassen. Lassen müssen. Zurück zum forschenden Wessely, der ja gar nicht mehr Wessely heißt, nur noch in seinen Genen abschnittsweis mit den Wesselys zusammenhänge, wie der jetzt nochmal gleich mit Familiennamen heiße, der Wessely, hat die Hundezüchterin sich erkundigt, denn der Wessely ist ja nicht mit ihr, der ist über die angeheirateten Seiten mit der Gattin lose ins Familiennetzwerk eingeknüpft. Name vom Wessely? Literatur, ach den! Sie, Frau Wessely, wisse schon gar nicht mehr, wie sie eigentlich vom Benny auf die Belletristik gekommen sind.

Jedenfalls hat sie zu ihr, der Hundezüchterin noch gesagt, sie dachte ursprünglich ja, er, der Verwandte, sei Belletristiker geworden, habe ein Buch geschreiben, doppelt so dick wie das Mannsche und interessant zu lesen. Was aber Belletristik mit Wissenschaft zu tun habe, möchte sie schon gern wissen. Postdarwinismus, freigegebene Versuchspersonen, habe der Journalist vom Gegenverband gewarnt. Der Fitteste survivalt, stehe über dem Eingangstor. Dieser Satz, survivelnd in all seiner Survivlerbanalität, ein Satz fit for survivling, eine Phrase, nur aufs Überleben getrimmt, dies allein sei eigentlich einer feingeistigen Talkrunde nicht wert, nicht der Nachbarschaft zu den Buddenbrooks würdig, Niedergang und Morbidität, einer solchen Verlautbarung fehle das schöne Riechen des dahinrottend Schönen, es lohne nicht, auch nur eine einzige Gebühreneinheit lang einem solchen Satz hinterherzumeditieren, so einer der Kritiker, ein bekennender Belletristiker, intimer Kenner dekadenter Zeitenwenden, den man in die Talkrunde für die Kritikerseite eingeladen hat, von dem Talkgeschehen im Rücken, gedreht um die Körperachse und weg vom Fernsehprogramm, hat sies der Base am Telefon weitererzählt, wie gesagt. Ja, aber jetzt endlich zum Verwandten.

A Punkt Jot Punkt kürze er sich ab, der Karlhans, hat seine Mutter erzählt. Den Namen, diese unerträgliche Zusammenfügung von Dolf und Josef  habe jedoch nicht sie, den Namen habe damals ihr inzwischen verstorbener Mann beantragt, sie hätte ins Standesamtformular lieber einen Karlhans in die entsprechende Rubrik einschreiben lassen, Karlhans ohne Bindestrich bitte. Karlheinz habe der Standesbeamte falschverstanden und habe fast ihren Karlhans zum Karlheinz mutiert, zu diesem Kitschnamen wie aus einem Sissifilm, Böhm und Romy, wenn sich noch einer erinnert, höchstens auf youtube, jedenfalls altmodisch wie Trilby oder sonst Hutform, die keiner mehr trägt, vorbei, unmöglich also, denn der Ajot, Anfang der Siebziger geboren, Karlheinz, das geht schon mal gar nicht. Der Vater aber, so die Mutter des Belletristikers, geborene Wessely,  ihr Mann, ein Ingenieur, Hoch und Tiefbau, also der Vater, der auf das Kind ja auch ein Namensrecht gehabt habe, hat weder von Karlhans noch Karlheinz was wissen wollen, weder mit noch ohne Bindestrich, habe auf A Punkt Jot Punkt bestanden, unerträglich, habe sein Sohn dreißig Jahre später geklagt, aber da war er schon tot, der angeheiratete Ingenieur. Ajot habe nicht mehr Ajot heißen wollen, nichts zu tun mit Tief und Hochbau, nicht mal zur Beerdigung sei er gekommen. So hats die Hundsverwandte von der Witwe gehört und so hat sie es beim nächsten Gespräch an die Gattin weitergegeben. Nur die Sachen habe er abgeholt, der Ajot. Was für Sachen denn? Diese Frage könne sie, die Weitentfernte, ihr nicht beantworten, da müsse sie schon die Witwe direkt fragen.


Der Institutsleiter sprechend zum Tag der Offenen Tür:


Geschichte, er höre immer nur Geschichte und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsvokabeln wolle er hören, mit welchen richtungsweisenden Themen sich das Institut heutzutage befasse, so der widerspenstige Bürger dort auf der Rasenfläche. Eine interessante Frage, er danke dem Bürger für dieselbe, die jedoch nicht so einfach mit ein paar Worten zu beantworten sei. Angenommen, das Genom sei ein Wörterbuch, so müsse es sich bei der Analyse des Untersuchungsgegenstands Genotyp sinngemäss um einen Beitrag zur Sprachkritik handeln - der Bestimmung des Wirkungsradius Wort im Gesamtwerk seines Autors entspreche die Suche nach dem Gengebrauch im Genotyp - doch interessierten sich die Postdarwinisten gleichermaßen für Genotyp wie Phänotyp, für den wechselnden Umweltbedingungen unterworfenen Genotyp also, man betreibe also Literaturkritik anstelle bloßer Sprachkritik, Literaturkritik, ja, wenn er zu einer Definition gezwungen werde, so käme dieses Wort dem Institutsanliegen einer Genotyp-Phänokritik am nächsten, man bediene sich zu diesen Forschungszwecken sowohl der Künstlerbiografien als auch der Täterbiografien. Forschung also, Langzeitbeobachtungen am Tätergenotyp, Freisetzungsversuche jenseits aller kontrollierbaren Forschunggelände, das werfen die Prädestinisten den Postdarwinisten ja gern immer mal wieder vor, Freisetzung von Mörderklonen, Anstifterklonen, Klone unflätiger Künstler, unhaltbar, die Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage, richtig sei, daß die Postdarwinisten Feldforschung betrieben, die Gewinnung von Erkenntnis zur frühen Täterentwicklung, unter welchen Bedingungen die Disposition zum Täter sich entfalte, beispielsweise, dazu wolle man Einblick erhalten, während die Prädestinisten unrettbar in den immergleichen Vorwürfen an den Genotyp steckenblieben und immerzu den immergleichen Strafprozess zu Ende dächten.

So die Versuchsanordnung in Ofenvogels Antrag. Steht ja alles drin. Muss man nur nachlesen. Wundern könne man sich schon drüber, wie sowas hat durchkommen können, dass sowas drei Millionen Fördermittel einspielen konnte, wenigstens.

Dass jedem vom Massenmörder Gemordeten dem Konzept der Prädestinisten zufolge ein Mörderklon zugeteilt werden solle, eine Kopie des Originalmörders also.

Selbstverständlich, er müsse das präzisieren: Man habe nicht die Originaltoten, man habe vielmehr die Nachkommen angeschrieben, ob sie nun Interesse an einem postmortalen Gerichtsverfahren haben oder nicht. Im Falle eines positiven Bescheids erhalte, so sieht es die Versuchsanordnung vor, jeder Täterklon ein individuelles, ganz speziell auf die Bedürfnisse der durch ihn Geschädigten zugeschnittenes Todesurteil, denn es gehe nicht an, so die Prädestinisten, daß die Nachkommen aller Toten sich in einen einzigen Vollzug teilten, allein der Sichtbereich hinter dem grünen Vorhang im Zeugenraum, der die Täterpritsche von den Nachkommen trenne, sei auch zu schmal um allen Anwesenheitsberechtigten eine gute Sicht auf die Vollstreckung zu gestatten.

Und auch dies: Man habe das Verfahren vorweg schon mal simuliert, so der betreffende Abschnitt in des Ofenvogels Antrag.

"Endlich hat meine Seele Ruhe" habe eine Angehörigensimulation simuliert - das gepixelte Verfahren auf der Plattform von “Second Life”, denn – und damit verrate er keine Geheimnisse – es werde sicherlich noch einige Jahre dauern, bis sich das Vorgehen ins Real Life übertragen lasse.

“Endlich Ruhe”, so wäre das Ergebnis erwartbar gewesen, Angehörigenpixel auf  Plattformen, die dort versuchsweise das Verfahren erprobten, hätten jedoch widersprochen: Wenn ich denke, wie wenig der gelitten hat, so ein bisschen mörderischer hätte es schon zugehen dürfen. Entschlafen, wie in einen schönen Tod entlassen, ruhe sanft, während der Originaltote erschlagen oder Gewehrkolben über den Kopf oder Genickschuss oder beides oder, was wisse er schon, vielleicht. Auch schon zu lange her. Und die Randbedingungen von damals ins heute unzureichend umgesetzt. Abgespritzt und nicht mal ein bisschen gestöhnt, einfach nur ausgeatmet, den Kopf sanft zur Seite gedreht, ja, wenn der Ticker es nicht vermeldet hätte, Todesdatum und Uhrzeit, sie hätten es nicht mal gemerkt, den dort auf der Pritsche weiterhin angestarrt, ob der noch zuckt, und dabei war er schon längst undsoweiter und ohne daß man was gesehen hätte, nein, der Simulierte, dort vor ihm, auf dem simulierten Tisch, habe ihn nicht überzeugt. Und das soll dann mit Übersetzung in die uns umgebende Realwelt besser werden? Das darf bezweifelt werden!

Zu Kaptel 3

Zurück

Zurück zum Seiteninhalt