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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 13

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Kapitel 13


Aber was wäre von einem vor dem Tod verübten Selbstmord zu halten, von einem Selbstmord zur Lebensseite hin und nicht zur Seite des Todes – angenommen, dieser Umkehrschluss eines Selbstmords gelte – so fragt man sich, was gewonnen wäre, was zu gewinnen war aus dem Experiment, aus dem Hundezwinger der Lyrik hinaus, ein Experiment, das enden musste mit einem Benny-Ende und einer Zahnarztgattin, die im vierten Stcok sitzt und davon nicht heruntersteigt, die glaubt das ja wohl immer noch. Also die Entführung. Und Experiment mit Fototapete, und dass jemand an einer Fototapete stirbt. In Wahrheit aber ist dem Dichtersohn lange vorher das Lebensjahr zu Ende gegangen, und es hatte doch eben begonnen, es war die frohe Zeit, der Februar vor dem Wald auf der Wand, obwohl gar nicht klar sei, was an der Erzählversion des Geschehens denn noch stimme, so die Witwe zur Hundezüchterin, die Gattin bleibe aber hartnäckig dabei, dass es ein Verbrechen gewesen sei, kein Selbstmord. Die neue Freundin habe er, der Benny, seiner Mutter eigentlich noch vorstellen wollen, bevor es passiert sei - dabei habe er den Besuch in der Praxis bei den Stiefzahnärzten gar nicht ertragen können – danach habe er geweint und sei depressiv gewesen, hat der Karlhans erzählt, er hats nach Bennys Ableben erzählt, Suizid durch Karies vermutlich, obwohl die Gattin genau das nicht wahrhaben will, er habe sich nicht umgebracht, er sei umgebracht worden, das behauptet sie aufgrund mangelnder Beweise, genauer gesagt, nicht aufgrund mangelnder, sondern aufgrund – von der Gattin ignorierter – Beweise.


Schon lange bevor er in der Stadtbücherei über den langen Körper seines Fernverwandten, des von der Wessely abgeleugneten Dichters, umgedichteten Jungdentisten stolpern musste, hatte sich Karlhans, also Doktor Ajot Ofenvogel, den Namen Benny Wessely ins Notizbuch geschrieben, damals als er in einer Zeitung las und zu ihr, seiner Mutter, in einem seltenen Zellengespräch den adoptierten Wessely erwähnte – wieso Zelle – so die Hundsverwandte – Telefonzelle – so die Witwe – ja, kann sich der Karlhans kein Handy leisten? Aber darauf bekam die Hundsverwandte keine Antwort. Einige Wochen später habe sie, die Witwe, einen bösen Traum geträumt: Ihr fielen ganz viele Zähne aus. Das bedeute, dass jemand stirbt. Am nächsten Morgen, beunruhigt durch diesen Traum, sei's in der Zeitung gestanden: Benny Wessely habe Selbstmord begangen in einem Institut der Postdarwinisten, genauer gesagt: Im Hundekäfig.

Nur gut, dass der Karlhans zu jenem Zeitpunkt bereits in Südamerika gewesen ist, die Zahnarztgattin hätte vielleicht gar den Jungforscher persönlich noch haftbar gemacht, bloß, weil der Karlhans damals über die langen Beine des besoffenen Benny gestolpert sei, dort in der Stadtbücherei, Auslöser seiner Arbeit über Künstler, die sich selbst töteten. Schon damals – kurz nach ihrer Begegnung – inszenierte Karlhans Bennys Freitod und hängte seinen Körper – nach Bennys Künstlervorbild – an einem Seil in der Büchereitoilette auf. Das war der Auftakt zur Serie "Killing Me Softly". Dann fuhr Karlhans, also der Ajot, also der Ofenvogel, nach Südamerika. Dort erst erfuhr er, dass sich Wessely gar nicht aufgehängt hatte - und so ging Karlhans erneut ans Werk. Nur a doodes auto war Auslöser der Annäherung Nummer 2 - Karlhans legte sich unter den Vergaser eines uruguayischen Altwagens – es gibt ein Video dazu mit dem Titel: “gib mir einen Vergaser, der vergasen kann” - bevor Details durchsickerten. Benny habe sich an Hunde verfüttert, hieß es plötzlich.

Durch diese Nachrichten sei der Dramatiker Benny Wessely und damit auch die Arbeiten vom Karlhans für das Publikum noch interessanter geworden. Leben und Werk des Künstlers hingen für das Publikum plötzlich zusammen wie an einem Strick. Der Benny habe sich seine Lebensumstände vom Hals schreiben wollen, die mysteriösen Geburtsumstände, die Wolfsmutter, die ihm wohl die Zahnarztgattin eingeredet hatte, ungeachtet der Tatsache, dass nichts bewiesen sei und die Sache mit der Geburt niemals funktionieren könne, wie der Herr aus der Wissenschaftsredaktion am Rande der Talkrunde mehrfach betont, doch niemand höre ihm zu, ja.

Ausgesetzt, Kinderheim, abgeholt, man wisse nicht, woher diese Gerüchte plötzlich aufgetaucht seien, so die Gattin, man habe den Benny lange, lange im Unklaren, oder doch fast im Unklaren, über seine Herkunft gelassen. Eine Wolfsmutter, das sei nie Thema innerhalb der Familie gewesen, obwohl es sich andererseits nicht verheimlichen ließ, Nachbarn, Freunde, Bekannte, Lehrer, Kindergärtner seien mehr oder weniger informiert gewesen, man habe die Herkunft ja wohl schlecht geheim halten können, doch sei sie, die Gattin, sicher, dass der Benny nicht im Bekanntenkreis aufgeklärt worden sei. Sie, die Gattin und ihr Mann, hätten stets darum gebeten, das über Benny Mitgeteilte vertraulich zu behandeln, insbesondere aber keinen Gebrauch dem Adoptivsohn gegenüber zu machen, der Benny solle sich fühlen wie geboren und nicht wie bloß adoptiert. Irgendwie aber muss Benny es trotzdem rausgefunden haben. Sie, die Gattin, vermute ja, das sei über dem Mitteilungsweg von Hundsverwandter über Witwe, Karlhans zu Benny geschehen. Den Ajot, also den Karlhans, von der Witwe habe sie ja sowieso im Verdacht, der habe doch die Datensammlung in der Bücherei, in der Stuttgarter Stadtbibliothek, gesucht, den Heißenbüttel-Computer mit Originaltexten drauf und den Daten drunter, bei dieser Gelegenheit sei der Karlhans auf den Benny gestoßen wie auf eine Idee. Erst habe er über den Benny üble Dichtergeschichten verbreitet, Alkohol und übelste Theaterstücke, dass er ihn besoffen unterm Buchregal hervorgezogen habe, der hat den Benny vom hoffnungsvollen Zahnarztsohn zum tragischen Dichter umgeschrieben, schließlich den Postdarwinisten, also verbrauchender Forschung, zugeführt.


Es spricht der Institutsleiter

Oder genauer gesagt: keiner Forschung. An der Herr Wessely gleichwohl verstorben sei. Er, der Leiter habe ja stets gewarnt vor diesem Ofenvogel, doch der Antrag war schon bewilligt, die Forschungsgelder zum Großteil eingesetzt, man müsse Institutsschulden aufnehmen, um das aufgrund falscher Voraussetzungen Eingeworbene wieder rückzuzahlen, so die Bedenken der Kommission, die ihn, den Institutsleiter, dafür zur Verantwortung ziehen wollte, dass dieser Mitarbeiter auf seiner halben Stelle das Institut in seinem Bestehen zu gefährden imstande gewesen sei, dass die auf der reichsdeutschen Jacke erworbenen Blutspuren nicht geeignet gewesen seien, eine DNA-Aussage über Klon oder Nichtklon zu treffen. Das Rote, die Körperchen trügen die Info doch gar nicht im Innern, so der Ausschuss, dass er den Antrag so genau nicht gelesen habe, der aber, versehen mit seiner, des Institutsleiters, Unterschrift ungehindert die Spendenbewilligungsbarrieren überwunden habe, es sei zur Ausschüttung gekommen.


Am Strand des Forschungsurlaubs setzen Ajot und seine Mitkünstler (ART-Genossen) sich an Tische wie vor ein Publikum, rauchen viel, trinken ein wenig und lesen eine Collage. Eine Aneignung, ein Strandnachmittag, um Benny Wessely wieder in die Wohnstube der Spaßbewegten zurückzuholen: mit einem dosenbiertrinkenden Literaturforscher und der ehemals Geliebten des Verstorbenen, die einer grandiosen – ihren Wessely-Ekel kräftig dosierenden, den Bürgersound fein abschmeckenden – Kammerschauspielerin das gelegentlich bierrülpsende Geleit geben. Ein berührender Vortragsabend, der live per Direktschaltung zum nächsten Tag der Offenen Tür hineingesendet wird. Die Menschen drängen sich auf dem Institutsrasen zwischen Leinwand und Mahnmal. Vom Wessely habe er bereits gehört, so der pensionierte Standesbeamte, der gerade interviewt wird.


Zum wiederholten Male habe er sein Werk dem Institut angeboten, diktiert er, der pensionierte Standesbeamte, der Praktikantin ins Laptop, bei Monat Mai waren sie stehengeblieben und Namensrecht, pünktlich zum Monat Mai habe der Chefredakteur die vorbeigeschickt, wie er sie, die wechselnden Praktikanten, stets vorbeischicke, einmal jährlich für die Maiausgabe. Der Standesbeamte habe als Hobbygenetiker den Postdarwinisten seine Langzeitbeobachtung über die genetisch bedingte Namenswahl, am Beispiel Vornamensvergabe, zur Verfügung stellen wollen, die Sekretärin des Vorstandes habe jedoch abgeblockt oder vielmehr nicht zugehört. Proben habe sie verstanden und allerlei Hautfetzen assoziiert, wie gewonnen aus einer Bevölkerung, dass er Textproben gesagt habe, die Vorliebe, der Drang zu bestimmten Vornamen müsse genetisch bedingt sein, als Hang zum Komplementären. So suche sich zum Beispiel der Südländer aus dem Südwesten, also ausgerechnet der Schwabe, die hellhäutigsten Vornamen aus dem Namensregister, zum mediterranen Typus Häfele und Kächele, von A wie das skandinavische Astrid, wie Astridle gar zum Aschtridle in die Sprachnische des Südens zusammenmutiert, bis hin zu einer Zarah wie Leander. Vorliebe Vorname, so wenig zufällig, wie aus Wahrscheinlichkeiten errechenbar, tief ins Buch des Lebens eingeschrieben. Wie telefonbuchdick, er habe fast sein gesamtes Berufsleben die belegenden Datenmengen zusammengetragen, zusammengestellt in seinem Standardwerk zur Namenskunde – und, das müsse er zugeben, so hat er der Praktikantin erzählt, das gebe er zu, unter erschwerten Umständen. Ahnenforschung hintenrum betrieben, denn das sei ja damals noch nicht sehr opportun gewesen, in diesem Punkt der Zeit eben voraus, man habe damals nicht gerne darüber geredet, Ahnenforschung, allein schon das Wort, hätte ihn verdächtig gemacht. Namensforschung, ja, – dass sich ein Standesbeamter persönlich um die Auswertung der Datenmenge kümmere, anstatt nur einzutragen, ständig habe er mit dem Datenschutz rechnen müssen, unangemeldete Überprüfung seiner Berufsausübung! Nur eine erweiterte Schreibmaschine, so habe er sich damals gefühlt, mehr habe man von ihm nicht erwartet, ein Job, den auch ein Roboter hätte ausüben können, eine Maschine, die keine kreativen Zusammenhänge herstellt zwischen Name, Familienname, Mutterpass mit allerlei gesundheitlichen Angaben zur pränatalen Untersuchung, Vatername, Bildungsgrad, zuletzt ausgeübter Beruf. Er, der Standesbeamte, verstehe nicht, warum da einer wie der Institutsleiter von den Postdarwinisten, übrigens heller Kopf das, er sehe sich jede Folge der literaturkritischen Sendereihe an, in der dieser Institutsleiter auftrete, dass so einer, der doch Interesse haben müsste, sich die Gelegenheit entgehen ließe, beiläufig abwinke, sich für das Angebot bedanke und einen absagenden Brief mit "leider" begänne, diese einzigartige Sammlung nicht haben wolle und jeden Brief nur stellvertretend von der Sekretärin unterschreiben ließe. Die abwimmelnde Sekretärin gehöre entlassen, so seine Schlussfolgerung, er wolle heute das Werk dem Leiter persönlich übergeben, deswegen sei er da, wenn man ihn nun entschuldige, danke. Und überhaupt. Eigentlich wäre das wahrscheinlich doch ganz anders gewesen. Und er wolle dazu ganz gern noch was sagen.


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