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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 12

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Kapitel 12


Der Forschungsleiter spricht


Zunächst einmal, sagt der Forschungsleiter von einem unbekannten Aufenthaltsort aus und bevor er sich zu den Vorfällen äußert, möchte er die Gelegenheit nutzen, der Familie Wessely sein tiefstes Mitgefühl auszudrücken, er sei sehr betroffen von dem Geschehen, betont er, wir alle haben in Herrn Wessely einen selbstlosen Menschen kennen lernen dürfen, der sich im Dienste der Wissenschaft Versuchen zur Verfügung gestellt habe, allerdings fügt er einschränkend hinzu, bedauerlicherweise werde man das Experiment wiederholen müssen, die bereits vorliegenden Forschungs-ergebnisse seien mit dem vorzeitigen Abbruch der Versuchsreihe nicht auswertbar eindeutig, nicht ja - nicht nein, sagt der Sprecher der Postdarwinisten, eine Videoaufzeichnung aus einem geschlossenen Raum, leider lasse die Kopfumgebung des Sprechers keine Hinweise auf den Aufenthaltsort des für den Vorfall verantwortlichen Postdarwinisten zu, sagt der beauftragte Privatdetektiv zu den Wesselys, der Institutssprecher räumt ein, dass die Frage nach der Reimverwandtchaft, nach dem spezifischen Erbgut der Kampflieddichtung zu Rotfront Reihen dicht geschlossen, sozusagen rechteckige Dichtung des fast schon zum Hymnus geronnenen Jackenauszugs, in Benny aus dem Horst exprimiert, von Wessel zu Wessely mutiert, somit noch nicht beantwortet ist. Die entsprechenden erfolgreichen Untersuchungen stehen also noch aus, sagt der Postdarwinist und möchte den Vorwurf schon im Vorfeld der Ermittlungen entschieden zurückweisen, vielmehr habe sich Herr Wessely weitgehend frei bewegen können, die Versuchsanordnung sei vom institutseigenen Ethikrat genehmigt worden. Bett, Tisch, Stuhl vor einem sehr gesunden Wandblick, ein Waldblick, Fototapete im Herbst, nein, sagt der Forschungsleiter und muss energisch widersprechen, der Herr Wessely sei nicht gegen seinen Willen festgehalten worden, der Herr Wessely habe sich bereit erklärt, er wolle sich seiner historischen Verantwortung stellen, so sagte Herr Wessely und sei über die Risiken informiert gewesen. Ihm habe eine entsprechende Aufklärungsschrift vorgelegen, unleugbar indes, dass mit zunehmender Annäherung der Versuchsbedingungen an eine historisch gesicherte Originalunterbringung Wesselys depressive Gestimmtheit an Intensität zugenommen habe, auch sei eine Beeinflussung der Messergebnisse, Unschärfe im Verhältnis von Genotyp und Kampflied durch die gewählte Versuchsanordnung nicht zuverlässig auszuschließen, überraschenderweise jedoch habe eine zeitunabhängige Neutralunterbringung der Versuchsperson in einer Bett-Tisch-Stuhl-Einheit zu keiner spezifischen Liedreaktion geführt, so dass man sich nach langen Überlegungen entschlossen habe, die Parameter dahingehend leicht zu verändern, dass man die Versuchsperson zunehmend zeittypischen Einflüssen ausgesetzt habe, beispielsweise im Hinblick auf dieAusstattung des Beobachtungsraumes aus den Zwanzigern, auch lagere man genetisch verändertes Hundematerial, das sei sowohl bekannt als auch genehmigt, und er lege auf diese Feststellung Wert, aber er könne sich  nicht vorstellen, was Herrn Wessely dazu bewogen habe, in den Hundekäfig einzudringen, widerrechtlich, unbefugt und obwohl der Zwinger ordnungsgemäß gesichert gewesen sei, denn man müsse inzwischen davon ausgehen, dass die Befreiungsaktion, der Anschlag auf das Gehege, nicht von außen erfolgt sei, sondern von innen, von einem Innenwessely aus, aber man wisse nicht, was letztlich das auslösende Moment war. Die mutierten Tiere müssen dann, aus welchen Gründen auch immer, über den jungen Zahnarzt hergefallen sein, zugerichtet, menschliche Bisswunden, Bakterien menschlicher Karies, hochgefährlich.


Die Witwe Ofenvogel spricht


Sie, die Witwe, sitze jetzt zwar nicht am Telefonende ihres Haushalts, denn die Leitung der Hundsverwandten sei besetzt, wahrscheinlich spreche die Gattin, dann seis entweder der Tag, an dem Benny ins Haus gekommen sei, der Hund, nicht der Sohn – oder es ist der Tag, an dem er eingeschläfert wurde. Es ist nicht der Jahrestag des Unglücks, das die Gattin verdrängt wie nie geschehen und für das sie weit wegverwandte Verantwortliche ausspäht, für das sie, die Gattin, gar den Karlhans zur Rechenschaft ziehen will, weil der Karlhans, also ganz zufällig, an zum Literaturdarwinismus verwandten Forschungsvorhaben arbeite und der Benny ja am Darwinismus gelitten habe, oder weil er auf südamerikanischer Forschungsreise sich befindet, auf Ausgrabung? So die wie stets unterinformierte Hundsverwandte, als das Gespräch auf die Postdoc-Stelle vom Karlhans kam. Nachforschungen, so die Witwe, der Karlhans rekonstruiere Daten, DNA-Spuren auf Computern. Auf Computern? Nun, der Karlhans stelle Buchstabenfolgen sicher. In ausgestorbenen Rechnersprachen abgespeicherte Buchstabenketten, Berichte, Zahlen, dürre Daten in unanschaulichen Tabellen, wirre Grafiken, aus denen der Witwe Sohn die Geschichte des Erstversuchs der Postdarwinisten rekonstruiere, und er habe den Vertrag schon in der Tasche für das Buch, das er über jenes Klonprojekt schreiben wird, sozusagen als Nachfolgeband zur Ofenvogelschen Doktorarbeit, die sich ja bereits mit postdarwinistischen Aspekten einer Künstlerbiografie auseinandersetze, allein die Danksagungen an die unterstützenden Institutionen nehmen zwanzig Seiten in Anspruch. Daran, dass die Veröffentlichung ihn einst zum Institutsleiter befördern werde, daran zweifle nur noch die Gattin aus verschiedenen Gründen, auf die sie hier nicht schon wieder eingehen wolle.  

Im Augenblick aber forsche er weit weg vom Benny, den er schon lange nicht mehr gesehen habe, wie käme die Gattin eigentlich dazu! Wenn sie es auch nicht geradezu behaupte, so lege doch das Geschwätz nahe, dass der Karlhans an Bennys Schicksal schuld gewesen sei, obwohl der Karlhans auf dieser heiteren Literaturfahrt rheinwärts gar nicht anwesend war, zwar sei der Karlhans  mehrfach von der Zahnarztgattin zu ähnlichen Freizeitaktivitäten aufgefordert worden, die Gattin habe den Karlhans mehrfach gedrängt, doch in den Blumenorden einzutreten, in diesen Hobbyliteraturverein, aber der Karlhans habe glücklicherweise abgelehnt. Die Gattin will den Karlhans in eine Vereinstätigkeit hineinschwätzen, damit ihr das Unglück mit dem Benny erklärlicher werde. Erklärlicher? Annehmbarer. Weil sie, die Gattin, doch wohl fühlen müsse, dass sie, die Gattin, an den Geschehnissen nicht ganz unschuldig gewesen sein könne.

Nun – sie, die Vorsitzende, verstehe wirklich nicht, was die Witwe damit eigentlich sagen wolle.

Fehlentwicklung, abwärts vom Zahnstudium – über den Zwischenzustand Säufer – runter zum  Penner, bis hin zum Theaterdichter! Und ihrer Meinung bei dieser Erziehung vorhersehbar, sie, die Gattin, habe den aus dem Kinderheim Geholten ja direkt hineingetrieben in die Schriftstellerei. Ein feingeistiges Hobby in einem barocken Literaturzirkel, der schon seit ewig bestehe und komische Namen an die Mitglieder vergebe, “Hundsveilchen” lassen sich die Angehörigen schimpfen, oder gar “Gemeiner Wasserschlauch”, das sollen nun poetische Blumennamen sein, aber von wegen! Zahnarzt sei er, das hat die Gattin fast noch der Polizei weismachen können, erzählts auch der Presse so, die aber lasse sich nicht beirren und im Nachruf beim Feuilleton steht:  “Saufen, Dichten, Selbstmord”.  

Ja, die Gattin habe ihn da hineingetrieben, nicht nur ins Saufen und Dichten habe die Gattin ihn getrieben, sondern direkt hinein in den Selbstmord, den Benny, das ist die Meinung der Witwe, in einem Gespräch danach, das Verwandtenschicksal habe die noch dem Karlhans angehängt! Nur gut, dass ihr Karlhans weit weg war zum Tatzeitpunkt, in Südamerika, dort halte er sich immer noch auf. Nur soviel: Die Gattin habe vorher angerufen und war empört, sie habe ja nicht geglaubt, dass ein Wessely, auch wenn er gar nicht mehr Wessely heiße, eingeheiratet wurde in die Ingenieursfamilie Ofenvogel, Hoch und Tiefbau, aber das gehöre ja hier nicht zur Sache, sie wolle auch gar nicht genauer wissen, wie er da hineingeraten sei, der Karlhans, immer tiefer hinein in eine widerrechtliche Geschichte: Entführung, als ob der Karlhans mit dem Geschehen auf dem Schiff der Literaturgesellschaft irgendetwas zu tun gehabt hätte.

Der Ziehsohn der Wesselys sei Opfer postdarwinistischer Experimente geworden, so die von der Wessely geglaubte Version: Postdarwinisten, eine abgespaltene Richtung des Vorgängerinstituts, das sich in den Anfangsjahren, also zu Bennys Kinderzeit, noch mit der neodarwinistischen Literaturkritik beschäftigte, neodarwinistisch, nicht postdarwinistisch, was schließlich ein Unterscheid ist, und ihr Sohn, der Karlhans, habe sich sowieso nur wissenschaftshistorisch mit dem neodarwinistischen Gedankengut beschäftigt, weder war er an Ausführungen von Humanexperimenten in der Nähe der schon mehrfach erwähnten Hundezwingern beteiligt gewesen, noch sonst was. Weit weg sei er, der Karlhans. Zum Glück.

Sie, die Witwe sei sich fast sicher, dass die Gattin Bennys Bücher noch gar nicht gelesen habe, wenn sie die überhaupt noch unter Steuerbelegen und Abrechnungen findet. Und wenn, dann wieder keine Zeit, nur den Klappentext, werde sie antworten, wenn man sie darauf anspricht, vielleicht ist es auch besser so, wenn sie das Zeug erst gar nicht zu Gesicht kriegt, was der Benny da so alles schreibt.

In Normalsprache abgefasst und dennoch dunkel: Kein Wunder bei dieser Collagetechnik, mit der Alltagsfetzen auseinandergenommen werden, neu zusammengeklebt, so dass ein klar nachvollziehbarer Inhalt verhindert werde. Die literarische Kategorie hinter dieser Vorgehensweise nenne sich konkrete Poesie, ohne dass sie damals habe ahnen können, dass sich der Ziehsohn der Wesselys mit so was befasst, der Karlhans, er ist immer noch in Südamerika drüben und ordnet den Nachlass. Nachlass, so die erstaunte Frage von Seiten der Hundezüchterin, welchen Nachlass? Jedenfalls habe die Gattin erzählt, der Karlhans sei drüben, in Südamerika und habe Scherereien mit der Stuttgarter Stadtbücherei wegen der Originaldaten jenes Versuchs, die von den Textspielen eines gerechneten Heißenbüttels überschrieben sind. Und so einen Computer lasse man entkommen, die Verantwortlichen aus der Bibliothek verteidigten sich mit einem Reiseführer, in dem noch das Originalpoem liege, auf eine Lochkarte geknipst: Stop End Goto! Man habe den alten Rechner der längst stillgelegten Firma WANG dem Zentrum für Kunst und Medien angeboten, dort habe aber eine gelangweilte Telefonstimme gesagt, man werde diesen Heißenbüttel-Rechner nur dann der Stadtbücherei abnehmen, wenn das Konzept gesichert sei – Datensicherung – Wartungsarbeiten, Dokumentation, in zwei Jahren stehe uns der Kasten sonst nur rum und keiner kann das veraltete Betriebssystem in Gang bringen.

Statt relevanter Daten also die Kiste voll nichtmimetischer Dichtung, in FORTRAN abgespeichert, einer vollkommen veralteten Computersprache, nichtwissenschaftlich, unlogisch und redundant, also zu Texten der Dichtung passend, die seit etwa den 50er Jahren, nach dem Vorbild konkreter Kunst, aus schriftlichem oder akustischem Sprachmaterial gestaltet sind, in der Tradition des Futurismus, in der Tradition der programmatischen und literarischen Texte des Dadaismus; sicher seien die FORTRAN-gesicherten Texte im ausgemusterten Stuttgarter Leihrechner, der unter nicht mehr aufzuklärenden Umständen auf einen Flohmarkt gelangt sei und seinen jetzigen Besitzer zu gewissen Preisforderungen verleite, eine eigene Publikation wert – Dr. Ofenvogel habe angesichts dieser Tradition mit einiger Berechtigung angemerkt, das sozusagen hypermoderne Vorgehen der konkreten DNA-Poesie sei gleichzeitig antiquiert, im Sinne der Postmoderne aber wieder doppelt aktuell: einerseits werde die Tradition der konkreten Poesie zitiert, andererseits sei Collagetechnik gerade das, was die postdarwinistische Genpoesie charakterisiere, fast schon ein Spiel mit Zitaten, wie aus einem speziesübergreifendem Virenpool. Dennoch seien sowohl Heißenbüttels frühe als auch Wesselys späte Texte unter dem gleichnamigen Titel "Aus Praxis" vor allem als eine Art Laborpraxis zu verstehen, nicht als Dichtung.

Benny Wessely sei ja das Enfant Terrible der deutschsprachigen Theaterszene gewesen. Für seinen kometenhaften Aufstieg habe er kaum länger als fünf Jahre gebraucht, diese allerdings seien von Skandalen gesäumt gewesen, die seine von Totschlag, Vergewaltigung, Blut und sonstigen "unflätigen Unsäglichkeiten" strotzenden Bühnenstücke verursacht haben. Nach einem exzessiven Leben ist er mit 26 Jahren für immer verstummt. Die Aufführung "Skandalon: Oszillieren", die das ProjektTheater auf eine nicht vorhandene Bühne zauberte, sei im positiven Sinn verstörend. So kennt man den Wessely noch nicht - so verhalten, so tastend investigativ, ja intellektuell, natürlich auch bisweilen laut und lärmend, doch dann wieder zurückgenommen fast bis zur Kontemplation, ätherisch durchzogen von einem Fragengewölk, dessen allmähliches Aufziehen man bei diesem Autor gar nicht vermutet hätte.

Allerdings gehe es hier nicht um eines seiner Stücke, das nun in die umgekehrte Richtung hin massakriert werde, sondern um die Sammlung von Tagebuchtexten "Praxis" aus einer Zeit der Zurückgezogenheit, einer Praxis eben, aus der der Regisseur auch kein Stück, sondern nach eigener Aussage eine "experimentelle Sprachoper" gemacht habe. Diese besitze weniger den Charakter eines herkömmlichen Schauspiels als vielmehr den einer Performance, in der fünf Darsteller auf der Suche nach der verlorenen Sprache unterwegs sind. Wobei Sprache nicht nur über den Kehlkopf, sondern ebenso über die Bewegungskunst der Körper artikuliert werde. Die silhouettenartigen Gestalten setzen sich äußerster Gefährdung aus, dort, wo sie aus der Sprachebene wie aus einem vierten Stock heraus abstürzen. Werden jedoch immer wieder auch aufgefangen durch die eigens für diese Performance geschaffene elektronische Raumklanginstallation mit einem viel zu schönen Titel, so der Rezensent. Dem Schriftstellerzahnart, der Zeit seines Lebens zwischen Praxis und Irrhain oszillierte, sei also ein Gesamtkunstwerk im Kleinformat gewidmet worden. Und das soll an dieser Stelle genügen.


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