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Martina Hefter: Essays über Pflanzen

Gedichte der Woche
Martina Hefter

Essays über Pflanzen



Die Pflanzen sind ans Haus gerückt.
Fenster auf, greif eine, zieh sie nach innen.
An der Farbe erkennt man den Grad des Nährwerts.
Gelb: killt instantly.
Grün: zehrt aus dir, ernährt sich von deiner Glucose.
Rosé: nahrhaft, ohne Gift.  
Es stehen eine Menge Pflanzen vorm Haus, ihre Blätter halten dem Wind stand, ihr
Duft lockt die stillen Bienen nach draußen.
Die Sonne verschwindet hinter meiner Hand, wenn ich mich vor dem Blick der
Pflanzen schütze.
Duft nach Wolke und Bach, weiße Biene, hellblauer Lotus.
Jetzt die Nährwerttabelle aus dem Schrank holn.
Wie sich Sonne verfinstert. Was ich nicht sagte, der Pollen - nicht goldgelb sondern
ultramarin.



Durch den Supermarkt schlendert man.
Viele spazieren mit Bündeln der frischen Pflanze unterm Arm durch die Gänge,
tragen sie zu den Kassen.
Wie viel Leben muss ich in der Schlange verbringen.
Wo ein Gedanke von vielen zugleich gedacht wird, tritt die Harmonie hervor, die
Gesichter entspannen.
Überall ist das Licht und macht mich verrückt, wie soll ich das essen? Was wird
mein Stoffwechsel sagen?
Weißes Licht, wo einmal Forellen auf Eis lagen.
Jetzt: Die schlaffen Blätter der Pflanzen hinter der Pflanzentheke.
Die gehackten Pflanzen, die zu 1,99.
Ich kauf zwei Liter Forellenlicht, verstaus im Rucksack.
Hab mein Leben zu füttern, es bettelt mich an.
Gib mir was zu essen, ey.



Die künftige Ernährung.
Man schiebt Pellets in die Mikrowelle, drückt auf “start”.
Und die Moleküle jaulen.
Etwas essen, das ein Leben hat, an dieser Praxis wurde noch nicht gerührt.
Zellen mit Hitze explodieren lassen, nicht allzulang her.
Und die Partikel flogen herum, besetzten Oberflächen, gesprenkelte Fließen, sah
nach Lebendigkeit aus.
Die Pflanzen vor dem Fenster haben ihre Köpfe in Richtung des Hauses gedreht,
jetzt,
da die Erde unter der Sonne durchrutscht, in den Wohnungen Parties starten.
Was man so Sonne nennt.
Die Wahrheit ist, man wird für Kartoffelchips kein Supplement finden.
Wahrheit in ihrer alten Form, meine ich.
Wahreit wie Lotusblatt wie glücklich naive Bienen, Nektar nucklend.
Niemand weiß, was passiert, wenn Manna aus dem Extruder perlt.
Ich behandle die Pflanzen vor dem Fenster vorerst wie Zierkürbisse,
hol sie rein im Herbst, leg sie auf den Esstisch, sie sehen mich an.



Wischt man übers Handy, guckt alte Foodpornos, sieht man, wie dürr die Kürbisse
waren.
Wie albern wir aussahen, im prallen Brokkoli badend, Glanz, geweitete Augen, die
alles mitansahen,
unser rundes Obst, ganz nach dem Geschmack des üblichen Mitteleuropamenschen.
Und die Bananen waren wie unser Denken, unreif oder matschig, von weit her
geflogen, auf einmal,  immer schon da, abwesend, gekrümmt - die verlängerte Linie
reichte in weitem Bogen bis in die Sonnenflecken, wo sie starb.
Die ersten Avocados kamen, waren zu viel. Waren Angriff und Alptraum.
Ich vermisse das alles und vermisse es auch wieder nicht,
in den Foodpornos war ich immer die, die zum Schluss das Knäckebrot essen muss,
ohne alles, es war okay.


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