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Martin Andersson: Gestrandete Satanisten

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Martin Andersson:
Gestrandete Satanisten


Aus Kopf wird Zahl. Alles ist eine Sache der Perspektive. Alles subjektiv. Alles konstruiert. Wir können so, aber auch anders.
           Und doch immer dasselbe. Wir könnten Satanisten sein und sind es nicht. Natürlich gibt es die Church of Satan, längst eingetragen, Black Metal existiert an sich nicht ohne Satanismus und die eigentlich okkultistische Tradition schwelt wahrscheinlich auch in ihrer dünnen, niemals so richtig platzenden Blase weiter. Der gebildete Leser kennt auch „Satana“ aus dem Zauberberg, wo der Aufklärungsrepräsentant Settembrini einmal so angesprochen wird (welch Pfeffer!). Die Figur lehnt sich an einen „Radikalen“ des 19. Jahrhunderts, Giosuè Carducci an, der in seiner Hymne an Satan, den Sieg Satans mit dem der Vernunft gleichsetzt. Man vergleiche damit jemanden, der sich über diesen Triumph des Positivismus schon erhaben weiß: den okkultistischen Beineberg in Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß. „Siehst du, man behauptet, die Welt bestünde aus mechanischen Gesetzen, an denen sich nicht rütteln lasse. Das ist ganz falsch, das steht nur in den Schulbüchern!“ Aber auch die scheinbare Subversion der Vernunft planscht im selben Becken. Bald hat es Beineberg auf den positiven Beweis durch das Experiment abgesehen; bloß muss es in einer verborgenen Dachkammer, getaucht in die unheimliche Bläue einer Spiritusflamme, geschehen. Der moderne Okkultist, umgedrehter Positivist, bannt keine Geister, sondern praktiziert eine Mechanik des Unsichtbaren – die „Kraft“ der neuzeitlichen Physik, nur mit der Geste gerade ein Karnickel aus dem Hut zu ziehen.
       Und das ist möglich. Eigentlich sollte es nicht möglich sein, laut unserer Eingangs-hypothese, dass sich etwas als unmöglich erweist. Alles eine Sache der Perspektive. Alles schon, aber nichts Einzelnes. Jede einzelne Sache weiß sich Geltung zu verschaffen, jede Insel des Diskurses bannt uns als notwendige Landtreter in ihre festen Konturen. Und doch ist alles eine Sache der Perspektive, versichern wir uns ständig.

Wirkliche Erschaffung des Teufels. Jeder sagt, dass es keine Fakten gibt ohne Interpretation. Weniger bekannt und doch genauso wichtig ist, dass es keine Interpretation gibt ohne Fakten. Laut Althistoriker Paul Veyne sind die Griechen stets davon ausgegangen, dass irgendwo am Boden des Wortes auch die Sache stecken muss. Die griechische Philosophie kommt nicht auf die Idee, die Götter abzuschaffen: sie müssen nur richtig interpretiert werden, selbst in materialistischen Lehren. Am weitesten gingen noch diejenigen, die in ihnen lehrreiche Allegorien sehen wollten. Sie haben mit der Etymologie das etymon gesucht, die wahre Bedeutung eines Wortes.
           Wer würde diesen Griechen heute noch rechtgeben? Da unsere Zeit in die Vollendung der Metaphysik geschickt ist, wird ein Hören auf die Sprache oft zurückgewiesen, weil alles, was kein Machwerk („Konstruktion“) eines Subjekts ist, von vornherein als unmöglich gilt, dergleichen vorzuschlagen ist bestenfalls exzentrisch, eine Zumutung, und wird in der Tat nicht durch Argumente widerlegt, sondern indem die betreffende These als – genau – Machwerk eines Subjekts erwiesen wird, z.B. eine so genannte „Projektion“. Es gilt sodann als ausgemacht, dass die Sprache auf „menschlichem Setzen (thesis)“ beruht, weil die einzige geläufige Gegenposition davon ausgeht, ausginge, dass die Wörter die Sachen „abbilden“. Obwohl jeder weiß, dass sogar die Hunde in verschiedenen Sprachen verschieden bellen.
           Schon Platon hat es im Kratylos falsch gemacht: „Um nur das berühmteste Beispiel zu erwähnen (das durch die gesamte sprachphilosophische Literatur geistert): Hermogenes muß zugestehen, daß das [r] im griechischen Wort rhein ein Fließen abbildet (426c) oder daß soma ,Körperʻ und sema ,Zeichen, Grabʻ miteinander verbunden seien, weil die Körper Zeichen und Gräber der Seele seien (400b/c).“ Der Gegenwartsmensch, der die „Arbitrarität“ der Zeichen mit fließender Geste zur Arbitrarität aller Dinge macht, wird heimgesucht vom bösen Heidegger (wie kommt er dazu!), ja der hat „dieses wilde ,etymologischeʻ Denken aus Sprache heraus wieder hoffähig gemacht, obwohl er es eigentlich besser wissen müßte.“
           Wir haben hier das Buch des Romanisten Jürgen Trabant Mithridates im Paradies. Eine kleine Geschichte des Sprachdenkens stellvertretend für die moderne thesei-Metaphysik der Sprache zitiert. In der Tat werden etymologische Wortgeschichten von Heidegger gar nicht selten in Anspruch genommen. Etwa die folgende: „Wirkenʻ gehört zum indogermanischen Stamm uerg, daher unser Wort ,Werkʻ und das griechische ἕργον.“ Nun wird das Wort bereits vor seiner philosophischen Prägung durch Aristoteles eine Bedeutung gehabt haben, an welche der Philosoph anschließen musste oder nolens volens anschloss. Über die lateinische Übersetzung als actio wird die Wirklichkeit zum Verursachten, zu dem, was die Wissenschaft kausal erklären kann, sodass der Wandel im Gebrauch verständlich wird: „Daß nun aber das Wort ,wirklichʽ mit dem Beginn der Neuzeit, seit dem 17. Jahrhundert, so viel bedeutet wie ,gewißʽ, ist weder ein Zufall, noch eine harmlose Laune des Bedeutungswandels bloßer Wörter.“ (Die neuzeitliche Wissenschaft will sich der Ständigkeit ihres Gegenstandes versichern). Demgegenüber hatte Heidegger zuvor erklärt, dass „in der Sprache des Mittelalters“ (dass sich unter anderem dadurch als eigene Epoche abhebt) „wirken“ die Bedeutung von „Hervorbringen von Häusern, Geräten, Bildern“ gehabt hatte; ein Hervorbringen nennt er auch das „nähen, sticken, weben“ (wo also auch heute ein verstaubter, aber noch möglicher Gebrauch sagt „Stoffe wirken“).
             Der Aufweis der Geschichtlichkeit des Gebrauchs ist genau das, was ihn öffnet, was neue Ausfaltungen ermöglicht. Sein Verständnis von Etymologie erklärt Heidegger folgendermaßen: „Das bloße Feststellen der alten und oft nicht mehr sprechenden Bedeutung der Wörter, das Aufgreifen dieser Bedeutung in der Absicht, sie in einem neuen Sprachgebrauch zu verwenden, führt zu nichts, es sei denn zur Willkür. Es gilt vielmehr, im Anhalt an die frühe Wortbedeutung und ihren Wandel den Sachbereich zu erblicken, in den das Wort hineinspricht. Es gilt, diesen Wesensbereich als denjenigen zu bedenken, innerhalb dessen sich die durch das Wort genannte Sache bewegt. Nur so spricht das Wort und zwar im Zusammenhang der Bedeutungen, in die sich die von ihm genannte Sache durch die Geschichte des Denkens und Dichtens hindurch entfaltet.“
         Wir müssten also gar keine gescheiterten Satanisten sein, denn nach dieser Theorie existiert der Satan durchaus. Sein Ursprung liegt im alten Iran, in der Offenbarung Zarathustras. Sind historische Mythologien allgemein geprägt vom Kampf den Menschen gutgesinnter Gottheiten gegen aus dem Meer kommende Chaosmonster – Indra gegen Vritra, Thor gegen die Midgardschlange, Baʼal gegen Yam – so macht der zoroastrische Dualismus den Kampf von Ordnung und Chaos zum Grundprinzip. Wer rechtlich und ehrlich lebt, der hilft dem guten Schöpfergott Ahura Mazda im Ringen mit seinem bösen Gegenspieler Angra Mainyu. Bei der Schaffung ihres großen Reiches machten die Perser auch die Juden zu einem imperialen Baustein, und --- so faszinierend die Geschichte der jüdischen Apokalypsen, die nun ihren Lauf nimmt, auch ist, hier nur so viel: der böse Gott Irans wird mit „Satan“ identifiziert, im Alten Testament noch ein angesehener Funktionär am Hofe des einen Gottes, bald aber der Vorläufer des christlichen Teufels und des islamischen Iblis. Und der Vorläufer der oben erwähnten Sublimationen und Umwertungen von heute. Sie sind Ausfaltungen geschichtlich gewordener Möglichkeiten, keine Konstrukte, keine Projektionen, und es muss den Satan nicht als bocksfüßiges, rotes Männchen geben, um ihn wirklich zu nennen.

Teufelslärm der freien Geister. Es schadet nie, in Erinnerung zu rufen, was Nietzsche mit dem berühmten „Tod Gottes“ eigentlich gemeint hat. Hier und bei anderen liegt die – zugeschriebene – Vorstellung einer „Offenheit“, die die Moderne auszeichnete; nach welcher es also eine unbedingte Wahrheit nicht mehr gebe.
         Von der ersten Stelle, dem Aphorismus „Der tolle Mensch“ in der Fröhlichen Wissenschaft, bis zum Nachlassfragment Der Antichrist beklagt sich Nietzsche, dass man sich der Schwere des Ereignisses, das freilich als Tat verstanden wird, nicht bewusst ist. Alle festen Werte und Orientierungen sind vernichtet, und „irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?“ Klingt schlimm. Den Atheismus so schwer zu nehmen, dass „Der Existenzialismus ein Humanismus“ wird, dass man mit dem Tod Schach spielen kann, dass man in jenem Nichts eines bedrückenden Schweigens baden kann wie in einem Becken gefüllt mit den Getränken sehr später Abendstunden – das finden wir eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Europäer Muße dafür hatten, die erstaunliche künstlerische Blüte eines persönlich genommenen Christentums. Zuerst überwiegt jedoch das Gefühl einer Befreiung, die manchmal in ihrer Unheimlichkeit gedacht wird (wie in Hofmannsthals Chandos-Brief), aber jedenfalls schon bei Nietzsche als kreative Kraftgestaltung. Womit die beiden Pole bezeichnet sind, zwischen welchen diese Geschichte die Pracht ihrer Varianten entfaltet (und zwar vermutlich bis um 1970).

Ikea möbliert die Hölle. Was hat man aber daraus gemacht? Die Moderne besaß die Offenheit als tiefes Leiden oder weite Hoffnung. Wir besitzen die Rede von der Offenheit, die ihrerseits als unbezweifelbar gilt, folglich nicht offen ist. So oft der moderne Zustand beschworen wird, so tief ist er damit in Wahrheit überwunden. Man kann sich richten nach einem Wort des französischen Romantikers Alfred de Musset: ce qui était nʼest plus, ce qui sera nʼest pas encore. Die Modernen fühlten sich „dazwischen“, während „das, was sein wird“ heute längst erreicht ist. Von der „Offenheit“ wird gesprochen, nicht um das Dazwischen oder die Wunde offen zu halten, sondern um die „offene Gesellschaft“ gegen ihre „Feinde“ zu verteidigen. Diese offene Gesellschaft, die „liberale Demokratie“, der globale Kapitalismus oder welche Namen es für den Status-quo noch geben mag – es soll an dieser Stelle nichts dagegen eingewendet werden als seine Unfähigkeit, sich selbst zu denken. Der Status-quo verwahrt sich gegen, etwa, Religion oder Nationalismus. Sie beanspruchen nicht die falsche Wahrheit für sich (während man selbst die richtige hätte), nein, ihr Fehler ist, „die eine Wahrheit“ zu behaupten – also nicht einmal, in erster Linie, selbst ihr besonderer Eigentümer zu sein, sondern dass sie überhaupt existiert. Das führt zur „geschlossenen Gesellschaft“. Der frühere Anspruch (des 18. und 19. Jahrhunderts) alles Notwendige, d.h. auch moralische Gebote und politische Formen, aus der Wissenschaft mit absoluter Gültigkeit herzuleiten, war hier ehrlicher. Er war freilich nicht haltbar, und sicher ist es diese Entdeckung der inneren Unheimlichkeit der Vernunft, die unser so ausdauerndes Interesse an der Zeit um 1900 verursacht (nebst ästhetischen Gründen, bessere und schlechtere). Ob man diese Zersetzung nun von Nietzsche bezieht oder von seinen Pariser Aposteln der Sechziger und Siebziger Jahre, das Resultat geht immer in Verneinungen aus (deswegen heißt alles post-sowieso; das geht so weit, dass man heutzutage „die Post“ eigentlich umbenennen müsste, weil unbegreiflich ist, wie unter einem solchen Namen etwas konkret Existierendes verstanden werden kann). Wenn man nun jeden positiven Gedanken verneint, bleibt zwar kein Gedanke übrig, aber darum noch lang nicht nichts. Sind doch die Gedanken nicht alles. Übrig bleibt der Status-quo, der sich von selbst fortschreibt. All die Tagessachen mit ihren raschen Erregungen und seichten Passionen, die aber umso gnadenloser sich gegen die Mitmenschen wenden. Aber auch die langfristigen Pläne, mit denen wir uns selbst und andere und die Gesellschaft regieren, und deren innere Architektur uns mehr beschäftigt als die Legitimität ihrer Zwecke.
          Die Unmöglichkeit der Philosophie ist das Gespenst der Freiheit. Was Freiheit heißt, indes, wandelt auf schmalen Bahnen. Man darf denken, sagen, glauben, was man will, bloß unter dem Vorbehalt, dass es nicht die Wahrheit ist, dass es ein Spiel ist, dass das Schaukelpferd nie vom Fleck kommt. Jedes Spiel findet seine Grenzen daran, dass es das Spiel der Spiele nicht stören darf: alles anzuzweifeln außer den Zweifel selbst, keine Wahrheit anzuerkennen, außer dass es sie nicht gibt, nicht unterstellen, dass das höchste Spiel keines ist. Das war mit der Offenheit nicht gemeint.

Einspruch der illustren Toten. Und doch sind das alles falsche Gerüchte, wie man auch anmerken darf. Foucault geht von der vollwertigen Existenz auch des geschichtlich Kontingenten aus: es „währt“ hätte Heidegger gesagt. Selbst Derrida will das „Phänomen“ zur Geltung bringen und „die Vernunft“ weniger vernichten, als bloß ihr ihre absolut deduktive Selbstgenügsamkeit rauben. Wer in allen Dingen, die ihm missfallen, ein sogenanntes „Konstrukt“ sieht, womit die Idee seiner Fiktionalität verbunden ist (auch das semantisch eigentlich abwegig), der hängt an einer falschen Lesart dieser Autoren mit Zauberwortnamen (höflich ausgedrückt, denn wahrscheinlich ist es einfach Hörensagen, das nicht davon wahrer wird, dass es durch Universitäten geistert). Aber gerade wenn sich eine Zeitmeinung gegen Vernunft und Erfahrung und gute Autoren durchsetzt, während sie mit vollendeter Instinktsicherheit meint, dass all diese Quellen für sie sprechen, hat man die interessanten Kulturtatsachen vor sich. Hört man in den geläufigen Reden von Essentialismus und Konstrukt, was sie seinsgeschichtlich aussprechen, dann sieht man den „umgedrehten Platonismus“, der, wie der eigentliche, allem, was nicht ewig dauert, kein wahres Sein zuschreiben will; nur, dass man sich dessen freuen soll.

Gestrandete Satanisten. Viel anders als scheinplural kann eine Gesellschaft gar nicht sein: die Leut würden einander an die Gurgel gehen. Deswegen haben Hobbes und Rousseau in ihren Systemen eine Art Wahrheit von Staatswegen vorgesehen, die religion civil. Auch die „liberale Demokratie“ tut mithin gut daran, sich um Einheit und Ordnung zu kümmern, aber ihr Bedürfnis, einen Globus der happiness zu projizieren, sperrt ihre Einsicht in eine enge Kammer.
    Und damit muss wohl irgendwie zusammenhängen, dass man „Subversion“ und „Transgression“ feiern kann, ohne an die schiere Gefahr zu denken, die davon ausgehen könnte: die Ordnung, die nicht so heißen darf, ist uns ja längst in alle Nerven und Muskeln gefahren, eine Unfreiheit, die die Fähigkeit zum Bösen verloren hat. Transgressionen wie ein Busch, der sich im Wind biegt.
       Wenn wir gestrandete Satanisten sind, dann weil unser relativistisches Denken nichts vermag, als von sich selbst zu sprechen. Es sind die Dinge, die sich selbst regieren und uns, und zwar genau in dem Maß, in dem wir sie für unser Produkt halten. Die Subversion ist der Status-quo.


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