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Marion Steinfellner: Transmorphosen

Rezensionen/Verlage


Astrid Nischkauer

Marion Steinfellner: Transmorphosen. augenblicksmonsterbutohbuch. Norderstedt (BoD – Books on Demand) 2020. 346 Seiten. 19,99 Euro.

momentaugenblickstautropfen
die behutsamkeit der nähe


Der bei Books on Demand erschienene, sehr schön gestaltete, quadratische Gedichtband TRANSMORPHOSEN. augenblicksmonsterbutohbuch von Marion Steinfellner enthält 700 Gedichte, „gedichtsterne schöner momente“, oder auch „tanzperformancetexte“, in denen sich „der augenblick zeigt“. Marion Steinfellner ist Butohtänzerin, Dichterin und malt. In ihrem 2015 auf fixpoetry.com veröffentlichten Literarischen Selbstgespräch sagt sie über ihre Kunst: „Und im Grunde genommen, das was ich mache mit dem Tanzen, mit dem Schreiben, mit dem Malen auch, es ist immer zu Beginn das poetisch Momenthafte in anderen Ausdrucksformen.“ Am Beginn der TRANSMORPHOSEN steht ein, Minako Seki gewidmetes, zehnzeiliges Akrostichon zum Wort „wassertanz“. Der Band ist in zehn Kapitel unterteilt, jedes Kapitel hat ein eigenes Thema und greift eine der zehn Zeilen des Anfangsakrostichons auf. Zu jeder der zehn Zeilen werden dann jeweils siebzig Gedichte geschrieben, macht 700 Gedichte auf 346 Seiten. Oder anders gesagt: „sieben kuverts zu jeweils einem thema mal zehn durchläufe / = 700 tanzperformancetexte, die sich / in dem gesamten buch zeitlich ineinander schichten“. Zeitlich orientieren kann man sich anhand wiederkehrender Motive, wie an gehörten Musikstücken, oder auch an erwähnten Blumen (Amaryllis, Tulpenstrauß, Mimosen aus Frankreich). Das Thema des ersten Kapitels ist „KREATURQUEER“, dem die erste Zeile „wellenbewegtheit der stille see die zitternde kreatur“ aus dem Akrostichon zugeteilt wird. Jedem der zehn Kapitel ist zusätzlich ein Fremdzitat über Butoh und ein Gedicht über Tanz von Dichterkollegen und –kolleginnen vorangestellt. Und auch in den Gedichten wird viel und gerne zitiert. Eine besondere Stellung nehmen dabei Ko Murobushi und David Bowie ein, die 2015 und 2016 gestorben sind, also in der Zeit, in der Marion Steinfellner einen Teil der Gedichte geschrieben hat. Marion Steinfellner konzentriert sich gerade im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit auf das Hier und Jetzt: „zwischen himmel und erde sind wir tropfen der zeit“.

Geschrieben wurden die Gedichte mit einer Hermes Baby auf leere, offene Briefkuverts: „heute umarme ich die schreibmaschine […] bette das gesicht ins tastaturkissen“. Unter einem „wahrhaftigkeitsaugenblicksgedicht“ versteht Marion Steinfellner ein Gedicht, das aus dem Moment heraus auf der Schreibmaschine getippt wurde und dann unverändert so stehen bleibt, ohne dass es nochmals überarbeitet oder lektoriert worden wäre. Das bedeutet auch, dass Tippfehler, wie beispielsweise ein ausgelassener Buchstabe, aus Prinzip stehen bleiben und auch aufgegriffen und sehr konsequent beibehalten werden.

Inhaltlich darf alles in die Gedichte einfließen, an- und ausgesprochen werden, sei das jetzt der Blumenstrauß auf dem Tisch, die Spinne, die aus der Klomuschel gerettet wurde, die eben gehörte Musik, oder auch ganz Persönliches wie Regelblutung und Liebe. In den Gedichten geht es sehr viel um Liebe, Liebeskummer und körperliche Liebe, poetisch umschrieben: „liebesglück ist lebensglück / liebe ist leben ist glück“, „alle körpersaitenseiten gespannt für überraschung“, „hände wie blüten umfangen“, „geborgen im laub der liebe / knistern die augenblicke“, „zwei finden einander wieder verändert liebesunverändert“, oder auch ganz direkt.
       Ein besonders auffälliges Merkmal der Gedichte von Marion Steinfellner ist ihre Vorliebe für sehr lange, neu und überaus erfinderisch zusammengesetzte Worte, „Mammutbaumwörter“, wie beispielsweise „augenblicksmonsterbutohbuch“, „momentaugenblickstautropfen“, oder  „blüten-umarmungsumrankte nacht“. Für sie stellt die Erfindung derartiger Worte eine Form von Präzisierung dar (siehe auch ihr Literarisches Selbstgespräch). Sie führen beim Lesen dazu, dass man langsamer lesen muss. Als gegenläufige Bewegung zu den, das Lesen verlangsamenden, „Mammutbaumwörtern“, kann man die Verknappung von „ein/eine“ auf „I“ sehen. Die Gedichte sind vorwiegend auf Deutsch verfasst, können aber auch spanische oder englische Zeilen enthalten: „i am nothing just a poem / every moment fragile light“
    Marion Steinfellner selbst bezeichnet ihre Gedichte als „tanzperformancetexte“ oder „tanztextperformance“, versteht das Schreiben der Gedichte also als Tanz und als Performance. Aber auch inhaltlich geht es viel um Tanz, insbesondere um Butohtanz: „der tanzglücksmoment I kostbarkeit eine raumverwandlungsintensität“, „tanzen wir die blüten tanzen wir die schatten tanzen wir“, „wie du die erde berührst im tanz so berührt sie dich“. Butohtanz ist zugleich aber immer auch höchste Konzentration und Meditation, und so kann man ihre Gedichte auch als Konzentrations- und Meditationsübungen verstehen, in denen es oft um Stille und um ein sich-finden-im-Innehalten geht: „atem&stille stille&atem“, „blüten tanzen stille“, „das geschenk der stille / stille“. Die hellhörige Aufmerksamkeit, aus der heraus die Texte geschrieben werden, führen zu einer großen Achtsamkeit gegenüber allen Lebewesen und Pflanzen: „die kleine raupe I welle in den ranunkelblättern“, „bei den birken zarte zweigknospen / die wunderbare unhastigkeit der bäume“.


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