Direkt zum Seiteninhalt

Marion Poschmann: Nimbus

Rezensionen/Verlage


Philipp Schlüter

Marion Poschmann: Nimbus. Gedichte. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2020. 115 Seiten. 22,00 Euro.


Der Blick des Westens nach Sibirien war schon immer ein Blick ins Wilde, ewig Große, ein Schauen in die Ewigkeiten der eisigen Tundra, der nadelbaumbestandenen Taiga und der baumlosen Steppe. Hin zu einem gewaltig großen Raum, in dem Menschenleben unbemerkt verwehen wie die Winde der Steppe. Eine „ungewisse“, eigentlich nicht vollständig wahrnehmbare Landschaft, ganz nach dem Geschmack der vielfach prämierten Lyrikerin Marion Poschmann. Die in Berlin lebende Dichterin, die für ihre lyrischen, „außerordentlich genauen Naturbilder“ 2017 mit dem Preis für Nature Writing ausgezeichnet wurde, bringt uns in ihrem neuen Lyrikband Nimbus diesem unfassbaren Landstrich zwischen Ural und Pazifik sowie den nordatlantischen Eismassen und der Mongolei auf dem Weg der Dichtung gekonnt näher. Es sind die gewohnten lyrischen Landschaftsvermessungen, wie man sie beispielsweise aus Geliehene Landschaften (2016) kennt, die die Autorin auch hier vornimmt: evokativ-suggestiv, sich mal konkreter erschließend, doppelbödig, dann wieder ins Enigmatischere abdriftend. Das ist Dichtkunst à la Poschmann wie man sie kennt: sie fordert uns wieder heraus, erfreut uns durch neue Wortzusammensetzungen, einzigartige, dichte Sprachbilder und bewusst gesetzte Vexierspiele in Versform. Marion Poschmann ist eindeutig eine Autorin, die ihr lyrisches Fahrtwasser gefunden hat – den drohenden Verschiebungen im klimatischen Erdgleichgewicht kann die Dichtung leider nicht Einhalt gebieten, und doch wäre ein lyrisches Ignorieren dieser Fakten und eine Flucht in eine naturmagische Schule, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, auch keine adäquate Option. Deshalb stellt Marion Poschmann in einem ihrer letzten Gedichte des Buches folgende Überlegung in den Raum:

Rettung des Weltklimas aus/ dem Geiste der deutschen Ode –/ haben wir uns da nicht etwas/ viel vorgenommen?/ wir, die wir vornehmlich/ mit Stanniolpapier spielen/

Retten ja, denn dafür brauchen wir die aktive Tat in der Welt. Die Sinne schärfen? Nein, da hat die Autorin sich nicht zu viel auf die Agenda geschrieben, das ist mehr als machbar und vollzieht sich in der bewussten Auseinandersetzung mit den eigenwilligen, intelligenten Gedichten. Und genau diesen Anknüpfungspunkt erschafft die Lyrikerin Marion Poschmann äußerst kunstvoll. Um etwas zu schärfen, muss es wiederholt an einem härteren Gegenstand geschliffen werden.

Ich taute Grönland auf mit meinem Blick/ ich schmolz Gletscher, während ich sie voll/ der Andacht überflog

Der Blick aus dem Flugzeugfenster ist majestätisch, aber eben auch ganz ursächlich für das Verschwinden von Gletschern und Meereseismassen. Wohin die lyrische Reise geht, unterstreicht das dem Gedicht vorangestellte Zitat aus Sophokles Antigone ganz direkt: „Vielgestaltig ist das Ungeheure, und nichts ist ungeheurer als der Mensch.“ Unheimlich muten auch die titelgebende Gewitterwolke Nimbus sowie andere Naturerscheinungen an – die unheimlichste, verhängnis-vollste Erscheinung für die Natur bleibt aber eben der Mensch. Im Gedicht Restschnee wird die „Industrievernunft“ enttarnt, die nach den Erdölvorkommen in Sibirien greift und sich vormals unberührte Landschaften dienstbar macht:

Laß uns von Erdöl sprechen. Als der helle Tag/ wie jedesmal von seiner Plattform kippte,/ wuchs mir ein Pelz aus Pipelines, ich war Sonne,/ und meine Strahlen reichten bis nach Sibirien/ […] Götze der durch Röhren fließt

Der hier angedeutete Strahlenkranz der Sonne lässt an eine zweite Bedeutung des lateinischen Wortes nimbus denken: den Heiligenschein. Schon der Titel der Lyriksammlung folgt einer Poschmann‘schen Poetik von Doppeldeutigkeiten. Wie sehr dabei in diesem Band alles miteinander zusammenhängt, veranschaulicht auch ihr Sonettenkranz Die große Nordische Expedition. In 15 Dioramen, in dem Marion Poschmann ihr traditionsreiches lyrisches Können formbewusst unter Beweis stellt und die Entdeckungsreise des Sibirienforschers Johann Georg Gmelin von 1733 in 15 Sonetten lyrisch verarbeitet. Im dem Gedichtzyklus „Animismus“ erfreut uns die Lyrikerin mit acht Tiergedichten: Krähen, Quallen (welche die Autorin als ihr persönliches Wappentier ausgewählt hat; https://www.fu-berlin.de/campusleben/lernen-und-lehren/2018/180606-Marion-Poschmann-Antrittsvorlesung/index.html) und Schafen (ihr zweiter Gedichtband trägt den Titel „Grund zu Schafen“, 2004). Was sie lyrisch betreibt, ist fast immer auch Naturdichtung, die – agiert man mit diesem Begriff – eine Tradition und verschiedene Ausprägungen der letzten Jahrhunderte heraufbeschwört. Landschaften, Tiere, Pflanzen und das Wetter sind auch ihre zentralen Motive, die sie aber immer mit dem Bewusstsein für gegenwärtige zivilisatorische Zersiedelungen sowie dem Drang, sich Räume zu eigenen zu machen, ironisch aufbricht und neu durchdenkt. So bindet sie in der zweiten ihrer Seladon-Oden Denkfiguren der Anakreontik in ihr lyrisches Wirken über die spezielle, graugrüne Farbe von Seladon-Keramik mit ein:

auf Treppenabsätzen aus altem Waschbeton/ die Anakreontik vor dem Gewitter

Die Autorin dichtet – unter offenkundigem Rückbezug auf die traditionelle Schule der Naturdichtung – ganz unter den gegenwärtigen, besorgniserregenden klimatischen Veränderun-gen, die der Mensch in seinem ‚Beschädigungsmodus Kapitalismus‘ so anrichtet. Der Mensch wird zu einer Schicksalsmacht, zu einer Art Daimon, wie sie den letzten Gedichtzyklus in Nimbus nennt, der in Landschaften und vormals sakrale Orte einbricht. Im Gedicht Nymphaion betritt ein lyrisches Ich ein antikes Nymphenheiligtum, das nur noch als Schatten ohne Leben erscheint:

wie kalte Stücke einer Gymnastikübung/ der Bronzeleib am Wasserbecken/ […] schon sehe ich nicht mehr der locker gestaffelten Wellen/ […] zerrissen/ barocke Tapetenmuster, die treibenden Ahornblätter/ im Uferbereich. Hinter den Hochspannungsmasten

Marion Poschmann ist neben ihrem genauen Blick für zivilisatorische Beanspruchungen unterschiedlicher Naturräume auch eine Chronistin des sibirisch-asiatischen Raumes – landschaftlich als auch philosophisch-kulturell. Ihr 2005 erschienener Schwarzweißroman spielt in Magnitogorsk, einer riesig angelegten Planstadt im Ural. Und der Gedichtzyklus Matshushima – Park des verlorenen Mondscheins aus dem erwähnten Lyrikband Geliehene Landschaften beschreibt ein lyrisches Ich, das sich auf den Spuren des japanischen Wanderpoeten Matsuo Bashō auf die kiefernbestandene Bucht von Matsushima zubewegt, ein Gedicht dieses Zyklus‘ trägt den Titel Die Kieferninseln. Marion Poschmann hat unter diesem Titel 2017 auch einen Roman veröffentlich, in dem sie eben das prosaisch nacherzählt, was in jenem Gedichtzyklus bereits angelegt war: die (Pilger-)Reise des europäischen Wissenschaftlers Gilbert Silvester, der sich ins Land der aufgehenden Sonne begibt und sich dort mit Bashōs Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland als Lektüre zur Mondbetrachtung an die Bucht der Kieferninseln aufmacht. Mit Marion Poschmanns Nimbus, ihrer neusten lyrischen Veröffentlichung, nähern wir uns dem sibirischen Raum auf ihrem „schmalen Pfad der Dichtung“. Dabei sind die versammelten Gedichte voll von gedanklich-hintergründigen, auf den ersten Blick unauffälligen Verknüpfungen. In der letzten Strophe des Gedichtes Die magischen Objekte meiner Großmutter heißt es: „[…] nach der bewährten Taktik:/ Nähe und Ferne vertauschen, Strategem sechs.“ Das Ferne soll nah rücken und das Nahe soll fremd werden, damit es aus einer anderen Warte betrachtet werden kann. Aber wie könnte man sich einen sinnvollen Reim auf jenes „Strategem sechs“ machen? Die wenigsten dürften wissen, dass es sich dabei um eine Anspielung auf die Sechsunddreißig Strategeme des chinesischen Generals Tan Daoji handelt, dessen sechstes besagt: „Im Osten lärmen, im Westen angreifen“.

Marion Poschmann legt in ihren Gedichten und prosaischen Texten Fährten aus, die Leserinnen und Leser immer wieder auf die zentralen Denkbewegungen sowie Themenfelder ihres Schaffens hinweisen. Das dem Büchlein den Titel gebende Gedicht Nimbus – es schließt den Gedichtband ab – greift Yugen, den ostasiatischen Begriff der erhabenen Tiefe auf. Wie an dieser Stelle in Versform wird auch in Die Kieferninseln ein kurzer Exkurs über diese ästhetische Dimension eingeflochten. Dies geschieht in besagtem Gedicht mitunter sehr technokratisch. Zum Ende lesen wir: „Dunkelheit denken: nicht wie ein Berg,/ eher wie ein negatives Gebirge“. Dieses dunkle, „negative Gebirge“ ist in Entsprechung eben jene spezielle Wolkenart, die dunkel drohend am Horizont aufzieht und Gewitter, Regen, Hagel und Schnee mit sich trägt. Bemerkenswert ist hier, dass Poschmann ihrem neuen Gedichtband eine kurze Passage aus Klopstocks bekanntem Gedicht Die Frühlingsfeyer (1774) voranstellt, welches in Goethes Werther eine zentrale Rolle im Sinne eines zwischenmenschlichen Codes zwischen Werther und Lotte darstellt. Mit Klopstock steht hier zugleich eine Empfindsamkeit im Raum, die einen dichterischen Pakt mit dem individuellen, einzigartigen Gefühl des Sturm und Drang und der Ablehnung einer allein vernunftorientierten unspirituellen Lebensweise aufleben zu lassen scheint. Diese literarische Spur ist durch das Klopstock-Zitat wie ein Band um Nimbus gelegt.


Zurück zum Seiteninhalt