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Marina Zwetajewa: Morgen soll für übermorgen gelten

Rezensionen/Verlage


Timo Brandt

Marina Zwetajewa: Morgen soll für übermorgen gelten. Übersetzt von Felix Philipp Ingold. Klagenfurt (Ritter Verlag) 2020. 350 Seiten. 24,00 Euro.


„Ich will dir berichten – von der Lügenmacht:
Berichten davon, wie in einer schmalen Hand
Perfekt das Messer liegt, – wie im Äonenwind
Der Greisenbart sich sträubt, die Locke beim Kind.“

Meine erste Begegnung mit Marina Zwetajewa hatte ich in dem Buch „Visitenkarten“, erschienen 16 Jahre vor meiner Geburt im Verlag Neues Leben, mit 100 Gedichten von 100 Dichter*innen aus der Reihe Poesiealbum. Dort war sie mit einer Nachdichtung von Karl Mickel vertreten, deren erste acht Zeilen mich elektrisierten, wie Peitschenhiebe trafen:

„Klage des Zorns und der Liebe!
Salz, das auf Augen ruht!
Oh, und Böhmen in Tränen!
Oh, und Spanien im Blut!

O schwarzer Berg, der du das
Licht verdunkelt hast!
Zeit ist‘s, Zeit, dem Schöpfer
Hinzuwerfen den Paß.“

Noch heute weht mich aus dieser Nachdichtung etwas an, sie schlägt immer noch Funken – oder erinnert mich zumindest an einen wichtigen Funkenschlag, wirft ein Schlaglicht auf einen wichtigen Moment in meinem Leben als Leser. Denn obgleich Bewunderung meist eher über lange Zeit erwächst (wenngleich der Keim wohl immer in einem Moment, einer unmittelbaren Erfahrung liegt), sie kann auch schlagartig da sein, sprießen und gedeihen. Als ich diese Nachdichtung von Zwetajewas Gedicht über die Ausbreitung des Faschismus im Europa der 30er Jahre gelesen hatte, war ich schon ein Bewunderer ihrer Lyrik geworden.

Ich habe danach viele Bände mit Übersetzungen gekauft, bis heute wichtig sind mir vor allem „Das Haus am Alten Pimen“ (Reclam, mit Übersetzungen von Elke Erb), „Ein Gespräch in Briefen“ über Zwetajewa, Rilke und deren Korrespondenz – und die Gedichtauswahl „Vogelbeerbaum“ mit Nachdich-tungen von sieben Dichter*innen. Seit ein paar Tagen zählt „Morgen soll für übermorgen gelten“ mit Übertragungen von Felix Philpp Ingold ebenfalls zu diesen Lieblingen.

„Worte, Wörter haben ihre Zeit.
Klopft doch das Leben selbst sein Recht
– das höchste – aus der tauben Wirklichkeit
Und ist damit getröstet und gerächt.
[…]
Wenn die Saite nicht mehr taugt,
Sei’s drum – ins Laken getaucht!
Auf die eigne Angst gebaut
Und auf die eigne Asche auch.“

Zwetajewa gilt als eine sehr herausfordernde Lyrikerin, für Leser*innen und Übersetzer*innen, weil ihre Gedichte vor allem aus klanglichen und sinnlichen Komponenten bestehen (hinzukommen anscheinend noch viele Eigenheiten und Worterfindungen/-verfremdungen), hinter denen sich oft kein eindeutiges Sujet, keine klaren Bezüge ausmachen lassen. Eine grundlegende Ambivalenz (bei aller Vehemenz) ist die Folge.

In seinem Nachwort hebt Ingold hervor, dass dies der Dichterin nicht nur selbst bewusst war, sondern dass sie dergleichen sogar als unausweichliche Folge dichterischer Praxis empfand (ein Vorgang, bei dem (teilweise große) Energien und Ideen in kleine Striche auf Papier gebannt werden, die diese Energien leiten sollen, ohne sie abzuschwächen und ohne bloß einen Kurzschluss zu verursachen).

Poesie mag „ohne Sinn“ sein, zitiert Ingold Zwetajewa, aber viel wichtiger sei, dass sie „viel Ausdruck“ aufbringe, um gerade das „Unfassliche“ allerorts zu vergegenwärtigen. Ingold sieht in der daraus resultierenden Vieldeutigkeit den Grund für die andauernde Beschäftigung mit Zwetajewa:

„Einzig daraus lässt sich erklären, dass Marina Zwetajewa trotz und gleichzeitig wegen des besonders hohen Schwierigkeitsgrads ihrer Dichtung zu den meistpublizierten, meist-kommentierten und auch meistübersetzten Autoren der europäischen Moderne gehört. Bedeutungsferne und Vieldeutigkeit gehen ineinander über, definitiv korrekte Lesarten oder gar definitiv adäquate zwischensprachliche Übertragungen sind unter dieser Voraussetzung nicht zu bewerkstelligen; in beiden Fällen muss deshalb Extrapolation vor Interpretation Vorrang haben.“
(aus dem Nachwort)

Diese Aspekte wirken sich auch auf Ingolds Übersetzungsverfahren aus, das er wie folgt zusammenfasst:

„Die vorrangige Aufgabe beim Übersetzen ist die Erhaltung der prosodischen Dynamik ihrer Dichtwerke – wie man die Entladung ähnlicher semantischer und rhythmischer Energien in der Zielsprache ermöglicht und wie man dem Leser zu entsprechender Teilhabe daran verhelfen kann. Die Übersetzung […] muss sich […] auf das einlassen, was bei der Rezeption, der Assimilation, dem sinnlichen Mitvollzug der Nachdichtung vor sich gehen kann oder soll.“

„Jeder Vers – ein Kind der Liebe
Von niedriger und ungesetzlicher Geburt.
Als Erstling ausgesetzt dem täglichen Getriebe,
Den Winden offen und von diesen fortgespurt.“

Man könnte also sagen: Zwetajewa sah die Dichtung als etwas Urtümliches, Magisches an, das geboren, nicht geschaffen wird, ein Vorgang, bei dem die Dichter*innen vor allem das Medium sind. Nichts kann die Dichtung also hemmen, außer ein Mangel an Passion, an Bereitschaft, sich ihr hinzugeben.  

Zwetajewas Werk und Ingolds Übertragungen strotzen folgerichtig vor Inbrunst, Heftigkeiten und Emphase. An manchen Stellen lassen Ausrufezeichen und Gedankenstriche wenige Atempausen zu und manchmal hatte ich als Leser den Eindruck, dass nicht das lyrische Ich die Gedichte vorantreibt, sondern selbst von den Gedichten, vom Schreiben, vor sich hergetrieben wird; den Dynamiken der Texte wohnt fast schon ein verzweifelter Esprit, eine ausweglose Kür inne.

„Weither holt der Dichter seine Worte.
Den Dichter holen weither seine Worte.
[…]
                                   Denn Dichterwege

Sind Kometenbahnen: Glühend ohne Wärme,
Alles sprengend ohne Nutzen – Bruch und Schutt –
Ein krummer Pfad, verweht wie eine Mähne,
Nicht vorherzusehen, im Kalender – keine Spur!“

Nun soll es nicht so klingen, als ließen sich gar keine zentralen Themen und Motive in Zwetajewas Werk ausmachen. Da sie als Dichterin meist ihre unmittelbaren Erfahrungen in Gedichten verarbeitete, viele enge Freund- und viele innige Liebschaften einging und dazu noch in sehr chaotischen Zeiten lebte, ist ihre Lyrik gleichsam eine Chronik ihres eigenen Lebens und des entfesselten Weltgeschehens.

Die ersten Gedichte stammen aus dem Jahr 1913, die letzten aus ihrem Todesjahr 1941 (allen Gedichten in dieser Ausgabe ist ein genaues oder ungefähres Entstehungsdatum beigefügt). In diese Zeit fallen der erste Weltkrieg, das Ende des Zarentums, der darauffolgende russische Bürgerkrieg und schließlich das faschistische Zeitalter, die sowjetischen Säuberungen, der zweite Weltkrieg. Zwetajewa selbst verbrachte einige ihrer Lebensjahre im Exil in Deutschland, der Tschechoslowakei und Frankreich, dennoch gibt es zahlreiche Gedichte, die sich mit den Entwicklungen in Russland beschäftigen. In Ingolds Auswahl stammen die meisten aus der Zeit des Bürgerkriegs und der Etablierung des sowjetischen Regimes.

Man liest Trauer um das Ende des Zarenreiches heraus, manchen Spott über die neuen Machthaber, vor allem aber das Bekenntnis, diesem neuen Russland fremd bleiben zu wollen, um das eigene Russland im Herzen bewahren zu können.

„Nicht kann uns umsonst gehören,
Eher wird man einen Berg verrücken!
Unser alter Stolz wird sich noch mehren,
Hunger muss – als neuer Stolz – genügen.

In den umgestülpten Mänteln,
Wie wir sie als „Volksfeinde“ tragen,
Wollen wir den Bund bekennen:
Zwiebelturm und Freiheit wahren.“
(November 1919)

Diese Meinung, dieser Stolz, verwandelt sich mit der Zeit in Frust und Sehnsucht, mit denen Zwetajewa, ohne Konklusion, in ihren Gedichten ringt, dabei Verbundenheit bekennt und gleichzeitig leugnet.

„Wie ein Baumstrunk von der einstigen Allee
Steh ich starr und einsam im Gelände,
Nichts und niemand kümmert mich – egal
Ist alles allemal, und am egalsten fände

Ich, was einstmals meine Heimat war.
Wie weggewischt sind Fakten, Zahlen, Daten –
Man hat von mir nicht das Geringste aufbewahrt.
Geburtsort meiner Seele: Irgendwo. Im Schattten.

Mein Land nahm von mir keinerlei Notiz,
So dass selbst ein Spion mit schärfsten Blick,
Der meine Seele kreuz und quer durchmisst,
Kein Muttermal erkunden kann – mein Glück!“
(Mai 1934)

Ein zweites, zentrales Thema ist die elegische Durchdringung (und Besingung) ihrer Beziehungen und Zuneigungen, oft erst nach dem Tod des geliebten Menschen oder dem Ende der Beziehung. Gleich der frühste von Ingold ausgewählte längere Gedichtzyklus ist die Verarbeitung von Zwetajewas Beziehung zu der Dichterin Sofija Parnok, dessen fünfzehn Teile im Verlauf eines Jahres verfasst wurden und immer wieder die gleichen Unvereinbarkeiten aufgreifen.

„Wer war der Jäger? Wer die Beute?
Verkehrt sich alles in sein Gegenteil?
Der Kater, der sich schnurrend freute,
Was weiss er schon von unsrer Rauferei?

Es war ein Zweikampf – Wille gegen Wille,
Wer war in wessen Hand der Ball?
Und wessen Herz – das meine oder doch das Ihre? –
Sprengte als erstes aus dem Stall?“

„Ihren schlanken Fingern blieben überlassen
Meine Wangen, tief im Schlaf.
Ich war für Sie ein dummer Junge, ausgelassen,
Damals, als mich ihre Liebe traf …“

„Und noch etwas will ich dir sagen:
– Egal, das Morgen steht bevor! –
Mein Mund war jung und ohne Klagen,
Dein Kuss gab ihm den Trauerflor.“

Man kann an diesen kleinen Ausschnitten gut ersehen, wie Zwetajewa Rücksichtlosigkeit und Innigkeit kombiniert, um zum Kern der verworrenen Gefühlslagen vorzustoßen, die einer gescheiterten Nähe entspringen, die zwischen dem Sehnen und der Wut entstehen.

Ein weiterer früher Zyklus sind ihre Verse für Alexsandr Blok, der ein wichtiger und von vielen russischen Autor*innen bewunderter Dichter war. Ich zitiere eine Strophe, in der sich sowohl die Bildkraft von Zwetajewas Lyrik, als auch das Geschick von Ingolds klangbasierter Übersetzung zeigt:

„Ein Stein, den gerade jemand in den Teich geworfen hat,
Erzeugt den Gleichklang, der zu deinem Namen passt.
In fernem Hufgeklapper klingt er wie ein Echo nach,
Verstärkt sich und dröhnt mächtig durch die Nacht,
Bevor er wie ein Abzugshahn an meiner Schläfe klackt,
Metallisch, klangstark und – dein Name wird zum Akt.“

Ein nicht gerade geringer Teil von Zwetajewas Gedichten hat irgendeine Bezugsperson (die sie thematisiert oder die ihr gewidmet sind), und über den Band hinweg entsteht ein regelrechtes Totenkabinett. Immer wieder zeigt sich in diesen Texten Zwetajewas besonderer Fokus auf das individuelle Leid in den historischen Stürmen ihrer Zeit; jede Elegie erscheint wie eine schmale, aber unverwüstliche Kerze, die die Dichterin in den Schatten der großen Ereignisse stellt.

Natürlich hat ihre Beschäftigung mit den Toten mitunter auch etwas Obsessives (eine Zeile lautet: „Niemand wird aus meiner Brust die Toten räumen“). Allerdings tappt sie dabei selten in die Falle romantischer Sentimentalität. Vielmehr gelingt es ihr, mit der Wucht ihrer Verse den Tod der Menschen nicht nur als etwas Beklagenswertes, sondern auch als etwas Ungeheuerliches und Drastisches darzustellen, sodass ihre Gedichte nicht nur Trauer beschwören, sondern auch Empörung aufflammen lassen, sich nicht in Trauer abwenden, sondern vielmehr den Realien zuwenden.

Oder anders gesagt: Zwetajewa ist eine Dichterin (eine von ganz wenigen), bei der das Martialische nicht manieristisch, sondern investigativ und notwendig wirkt; man könnte sogar noch weiter gehen und sagen: im Martialischen entfaltet sie erst ihr volles poetisches Potential.

„Morgen soll für übermorgen gelten“ –
Die Liebe rechnet so an ihrem ersten Tag;
An ihrem letzten: „Wäre doch das Heute
Seit Jahrhunderten vergessen – aus!“

„Du bist in Chroniken gefangen
Und stehst beim Lieben still …

Obwohl du, leis wie Sand, verrinnst …
Zeit! Du bist, du bleibst ohne Erbarmen!

Du machst mir etwas vor mit Uhrenzeigern,
Altersfalten, Neuigkeiten aus Amerika …
– Alles Leerlauf, nichts wird bleiben! –
Zeit! Du nimmst Mass an mir, berechnest!“

„Werde ich einst die Leidenschaft gebändigt haben,
Kann ich von der Liebe sagen: „lieber nicht!“
Doch kein Kalender kennt und nennt die Tage,
Da ich sagen würde: „heute kein Gedicht!“

Nach der Lektüre von „Morgen soll für übermorgen gelten“ hat man, wie bei jeder guten Lektüre, nicht das Gefühl, ein Buch gelesen, sondern ein-zwei Tage mit einer Autorin gelebt zu haben. Zwetajewas Lyrik involviert und das mitunter nicht gerade sanft. Die Bedingungslosigkeit, mit der sie Behauptungen und Wendungen vorträgt, ist erstaunlicherweise ein Zug, den ich bisher in fast jeder Übersetzung wiedergefunden habe – als könnte man beim Übersetzen, ganz gleich ob die Finessen von Zwetajewa so oder so betont werden, gar nicht anders, als dieser Wucht in einer Übersetzung Geltung zu verschaffen.

Dieser Nachdruck in ihrer Stimme, er ist ganz besonders, und Ingold gelingt es immer wieder, ihn besonders hervorzuheben, ihm auch in der deutschen Sprache Raum zu geben. Dem ersten Atemzug folgt der erste Schrei, sagt der Zwetajewa-Bewunderer Joseph Brodsky, und meint weiter, dass die besten dichterischen Stimmen irgendwo zwischen diesem ersten Schrei und dem ständigen Versuch, ein offenes Ohr für seine tiefsten Sehnsüchte zu finden, liegen. Nun, genau dort liegt die Lyrik von Martina Zwetajewa.

„Wäre Oprheus nicht der Gattin nachgeeilt
Ins Dunkel, sondern hätte bloss die Stimme,

Nichts als seine Stimme in die Unterwelt
Geschickt und wäre selbst vorm Tor geblieben –
Eurydike hätte den Weg zu ihm zurück gewählt
Und wäre wie am Seil ins Licht der Welt gestiegen …

Wie an einem Seil hinauf ins Licht, ins Leben,
Hinauf und nie mehr in die Finsternis zurück.
Die Stimme, Dichter, hat man dir gegeben,
Doch alles andere bleibt dir entrückt.“


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