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Marco Kerler: Bernsteinliebe

Rezensionen/Lesetipp > Rezensionen, Besprechungen

Michael Eschmann

Marco Kerler: Bernsteinliebe. Mit Linolschnitten von Steffen Büchner. Berlin (Lyrik-Edition NEUN – Band 42. Herausgegeben von Steffen Marciniak.) 2025. 32 Seiten. 9,00 Euro.

In die Zukunft sehen
Marco Kerler lotet lyrisch ein schwieriges Dauerthema aus: Die Liebe!


Marco Kerler, geboren 1985, lebt in Ulm und hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht. In seiner Heimatstadt ist er recht bekannt, gelegentlich trifft man ihn an öffentlichen Plätzen, wo er für Passanten auf seiner Schreibmaschine Gedichte schreibt. Nun hat er sich mit einem kleinen Gedichtband dem oft strapazierten Thema Liebe gewidmet. Das war ein mutiger Schritt. Denn wer heute über Liebe schreibt – besonders als Lyriker – begibt sich auf dünnes Eis. Die Gefahr, künstlerisch einzubrechen, ist groß. Viele Gedichte bewegen sich häufig nur zwischen zwei Polen: Trivialität und Pathetik. Beides wurde hier jedoch vermieden. Seine Verse funkeln vor Empathie für das Thema und verfallen dennoch nie in Naivität. Es wäre falsch, ihn als kritischen Liebeslyriker zu bezeichnen, seine Verse hinterfragen den Sinn der Liebe nicht grundsätzlich. Besser trifft es, dass er sich diesem menschlichen Mysterium vorsichtig und nachdenklich nähert – sprachlich klar und behutsam. Seine Gedichte sind eine Suche nach Identität, sowohl als Schriftsteller als auch immer wieder als Mensch, der liebt. Bereits das erste Gedicht weist auf die schwierige Wechselbeziehung zwischen Sprache und Sprachlosigkeit hin, die sich im Spiegel der Liebe zeigt und sich jeder Logik entzieht.

Anbeginn

Ich habe keine
Gedichte für dich
habe dir nichts
zu bieten
nicht die großen
nicht die kleinen
Worte
da kommen
keine Gedichte
weil ich doch
sprachlos bin
seit deinem
Anbeginn
Auch das Titelgedicht „Bernsteinliebe“ ist zunächst eine Art Bilanz, in der das lyrische Ich beschreibt, was es nicht ist.

Bernsteinliebe

Ich werde den Schlaf
nicht aufhalten können
ich kann nicht wach bleiben
kann nicht das Haus bewachen
das mit dem Wind spricht
als würde es
um Verzeihung bitten
ich kann all das nicht
werde dich in meinen
Traum einschließen
meine Bernsteinliebe
ich werde dich
um meinen Hals tragen
ganz nah am Körper
ein Gebet werd ich
sprechen
doch schlafen werd ich
beim Pfeifen des Winds
der unser Haus liebt
beten werd ich
im Traum mit dir
aufwachen im Haus
das uns einschließt
leben werd ich
die Zeile die uns liebt
Eine klare Sprache ist das Aushängeschild von Marco Kerler, und sie passt gut zu seiner Ehrlichkeit, die sich in dem Gedicht „Hinter der Dichtung“ zeigt.

Hinter der Dichtung

Da ist die Angst alles falsch zu machen
ist die Angst total falsch zu sein
ist die Angst falsch zu dir zu sein
ist die Angst dich zu übersehen
ist die Angst dass deine Liebe
doch nicht endlich ist
und ich auf einem Trip bin
der dir Recht gibt
mich zu verlassen
ist die Angst vor der eigenen
Wahrheit             
ist die Angst jedes Geheimnis
preiszugeben
dass du mich gar nicht mehr toll findest
ist mir klar dass du mich gar nicht
so toll findest
wenn du weißt wer ich bin
wenn du weißt wie ich bin
mit all meiner Langweiligkeit
meiner Angst hinter der Dichtung
ist die Angst
dass du all meine Fehler bemerkst
und nicht damit leben kannst
ist die Angst vor der Weite Ferne
und der Fremde
ist die Angst
ist keine Angst
vor dir

In dem Gedicht „Weiß nicht viel“ heißt es, „doch ich weiß nicht / ob ich dich immer sehen werde / weiß nicht/ob du mich/immer sehen wirst / weiß nur/dass mir viel / daran liegt / insgesamt weiß ich nicht/viel“.

So bleibt auch bei Marco Kerler die Liebe das letzte große Geheimnis des Lebens. Ein Dichter kann sie immer wieder nur beschreiben, erklären kann er sie nicht.


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