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Marcel Proust: Trauer und Träume in allen Regenbogenfarben

Memo/Klassiker > Memo
Marcel Proust
Trauer und Träume in allen Regenbogenfarben
~ 1895

übersetzt von Ernst Weiß


I
Tuilerien

»Die Lebensführung des Dichters sollte so einfach sein, daß die allergewöhnlichsten Dinge ihn bewegen können; seine Freudigkeit müßte wie eine Frucht einem bloßen Sonnenstrahl entwachsen, die bloße Luft müßte die Kraft haben, ihn zu begeistern, Wasser müßte genügen, um ihn trunken zu machen.«
Emerson

Heute morgen hat sich die Sonne in den Tuilerien nach und nach auf allen Steinstufen zur Ruhe gelegt, gleich einem blonden Jüngling, dessen leichten Schlaf schon das Vorübergleiten eines Schatten weckt. Junge Sprossen grünen am alten Palastgemäuer. Ein zauberhaft beschwingter Wind mischt den Duft der Vergangenheit mit dem frischen Geruch des blühenden Flieders. Die Statuen, die sonst wie Irrsinnige auf unseren Plätzen Schaudern hervorrufen, träumen hier unter Hagebuchen, gleich Weisen, die das strahlende Grün wie ein Dach über ihren weißen Glanz gebreitet haben. Auf dem Grunde der Wasserbecken brüstet sich Himmelsblau und strahlt wie Menschenblick. Von der Terrasse am Wasser bemerkt man, wenn man von der anderen Seite des Quai d'Orsay kommt, auf dem jenseitigen Ufer einen vorübergehenden Husaren, der aussieht, als schritte er hervor aus einem andern Jahrhundert.

Die Winden quellen toll über die Vasen, die Geranien erheben sich wie Kronen. Das Heliotrop glüht in der Sonne und verbreitet seinen Duft. Vor dem Louvre sind die Zitterrosen hoch aufgeschossen, leicht wie Mäste, edel und zierlich wie Säulen, errötend wie junge Mädchen. Die Wasserspiele richten ihre Strahlen gegen den Himmel, irisierend in der Sonne und seufzend wie aus Liebe. Am Ende der Terrasse sieht man einen Reiter aus Stein, ohne sich von seinem Platze zu rühren, in tollem Galopp dahinsetzen; die Lippen hat er lustig an eine Trompete gepreßt, er verkörpert die ganze junge Glut des Frühlings.

Aber nun hat sich der Himmel verdunkelt, und es wird regnen. In den Wasserbecken ist jede Spur von glänzendem Azur verschwunden. Nun gleichen sie blicklosen Augen oder Vasen voll von Tränen. Das törichte Wasserspiel wird von dem Winde gepeitscht, und doch erhebt es schneller und höher gegen den Himmel seine jetzt etwas komisch anmutende Hymne. Die schutzlose Schönheit des Flieders ist sehr traurig. Und da unten sieht man den nichtsahnenden Reiter, wie er bei verhängten Zügeln mit seinen Marmorbeinen sein Pferd zu einem rasenden und doch unbeweglichen Galopp durch eine unbewegliche und wütende Geste anspornt – und dabei bläst er ohne Ende seine Trompete gegen den schwarzgewordenen Himmel.


II
Versailles

»Ich kenne einen Wasserarm, der die wütendsten Schwätzer zum Schweigen bringt, sobald sie sich ihm genähert haben; und hier bin ich immer glücklich, sei es, daß ich fröhlich herkomme, sei es, daß ich traurig bin.«
Brief Balzacs an Herrn de Lamothe-Aigron

Der erschöpfte Herbst, den jetzt nicht einmal ein seltener Sonnentag wiedererwärmt, verliert nach und nach seine letzten Farben. Ausgelöscht ist die intensivste Glut seines Laubwerks, das so in Flammen stand, daß man nachmittags und morgens die glorreiche Illusion eines Sonnenuntergangs haben konnte. Als die letzten leuchten noch die Dahlien, die indischen Nelken, die malvenfarbenen, violetten, gelben, weißen und rosenfarbenen Chrysanthemen hier auf dem dunklen, trostlosen Untergrund des Herbstes. Geht man um sechs Uhr abends durch die Tuilerien, so sind sie wie in gleiche Uniform unter dem düsteren Himmel in eintöniges Grau gekleidet und erscheinen nackt, die schwarzen Bäume zeichnen Zweig für Zweig ihre machtvolle und doch zarte Verzweiflung am Himmel ab – plötzlich merkt man aber im reichsten Glanz eine Unmenge von diesen Herbstblumen mitten im halben Dunkel, und unsere Augen, die sich schon an die aschenfarbenen Horizonte gewöhnt haben, werden mit einemmal von diesen wollüstigen Farbenflammen übermannt. Weicher sind die Stunden des Morgens. Noch glänzt manchmal die Sohne, noch kann ich sehen, wenn ich die Terrasse am Wassergestade niedersteige, wie mein Schatten vor mir über die Stufen an der großen steinernen Treppe hinabgleitet. Ich will hier nicht, was andere schon viel besser vor mir getan haben, den großen Namen Versailles aussprechen, mit seinem Altersrost und seiner Süße, den Namen der fürstlichen Gruft des alten Laubwerkes, der weiten Gewässer und der Marmorsteine – den wahrhaft aristokratischen und demoralisierenden Ort, wo uns nicht einmal die beunruhigende Anklage entgegenklingt, das Leben von so vielen arbeitenden Menschen habe nicht so sehr dazu gedient, die Freuden einer alten Zeit zu steigern und zu vertiefen, als vielmehr dazu, die Melancholie unserer Zeit noch melancholischer zu machen. Ich will dich nicht nach soviel anderen noch einmal nennen, Versailles, und doch, wie oft habe ich mich zu dem roten Kelch deiner Wasserbecken aus rosigem Marmor niedergebeugt, um mich bis zur letzten bittersüßen Wonne am Zauber dieser letzten Herbsttage zu berauschen.

Die Erde ist mit verwelkten und verwesten Blättern übersät, und so scheint sie von ferne ein gelb und violettes, ausgeblaßtes Mosaik. Während ich am Weiler vorbeikomme, stelle ich den Kragen meines Paletots gegen den Wind auf – plötzlich höre ich Tauben gurren. Überall der Duft nach Buchsbaum in seiner berauschenden Würze wie am Palmsonntag. War ich es, der einmal einen kleinen Frühlingsstrauß in diesen Gärten gepflückt hat, die nun der Herbst verstümmelt hat?

Auf der Wasserfläche scheuchte der Wind die Blumenblätter einer frierenden Rose zusammen. In diesem großen Blätterfall von Trianon war es allein die leichte Kuppel eines kleinen weißen Geranienbeetes, die sich über das vereiste Wasser erhob. Kaum wiegten sich die Blumen im Winde. Wohl weiß ich jetzt, nachdem ich den Wind aus der Ebene und den Salzduft der Hohlwege in der Normandie eingeatmet habe und nachdem ich das Meer durch die Zweige von blühenden Rhododendren habe leuchten sehen – jetzt weiß ich, wie sehr die Nachbarschaft der Gewässer den Zauber der Pflanzenwelt erhöht. Aber die Reinheit dieses süßen weißen Geraniums ist keuscher als die Reinheit einer Jungfrau, denn unbeschreiblich anmutig ist ihre Zurückhaltung, wenn sich das Geranium über die gekräuselten Gewässer niederbeugt, zwischen diesen Ufersteinen, die hoch mit totem Laub bedeckt sind. O silberhaariges Alter der noch grünenden Bäume, o ihr verzweifelten Zweige, Teiche und Wasserläufe, die eine ehrfurchtsvolle Hand hier und dort hingesetzt hat, als Urnen, dargeboten der Schwermut der Bäume!


III
Spaziergang

Trotz des leuchtend klaren Himmels und der schon warmen Sonne blies der Wind noch so kalt, und die Bäume waren noch so kahl wie im Winter. Um ein Feuer anzuzünden, schnitt ich einen dieser Äste ab; ich hatte ihn abgestorben geglaubt, doch der Saft spritzte hervor, benetzte meine Arme bis zum Ellenbogen und verriet unter der erfrorenen Rinde des Baumes ein stürmisch lebendiges Herz. Der nackte Boden des Winters füllte sich zwischen den Stämmen mit Anemonen, Kuckucksblumen und Veilchen, und die Bäche, die gestern noch dunkel und leer rauschten, leuchteten im Widerschein eines zarten blauen und lebendigen Himmels, der sich bis in die Tiefe darin brüstete. Es war nicht der blasse, ermüdete Himmel der schönen Oktoberabende, der, in den Tiefen des Wassers ausgebreitet, dort vor Liebe und Melancholie zu vergehen schien, nein, es war ein starker und glutvoller Himmel. Graue, blaue und rosafarbene Wolken glitten über seinen zärtlichen, lachenden Azur, nicht die Schatten der gedankenvollen Wolken, sondern die leuchtenden, schlüpfrigen Flossen eines Barsches, eines Aals oder eines Stintes. Im Rausch der Freude eilten sie zwischen dem Himmel und den Gräsern, bewegten sich in ihren Wiesen und ihren Gebüschen, die der strahlende Genius des Frühjahrs ebenso wie unsere Oberwelt verzaubert hatte. Und die Wasser glitten über den Köpfen der Fische dahin, zwischen ihren Kiemen, unter ihrem Leib, schneller strömten die Wasser und rauschten ihren Gesang, und lustig jagten sie vor sich die Sonnenstrahlen her.

Nicht minder erfreulich anzusehen war der Hühnerhof, aus dem wir Eier holen sollten. Gleich einem inspirierten und fruchtbaren Dichter, der es nicht verschmäht, Schönheit über die geringsten Orte auszuschütten, selbst über solche, die bisher offenbar nicht dem Reich der Kunst angehört haben, so erwärmte die wohltuende Kraft der Sonne den Düngerhaufen, den unordentlich gepflasterten Hof und den Birnbaum, der wie eine alte Magd gekrümmt war.

Doch wer ist diese königlich gekleidete Gestalt, die sich uns nähert? Zwischen diesen ländlichen Dingen schreitet sie auf den Zehenspitzen, wie um sich nicht zu beschmutzen. Es ist der Vogel der Juno, er leuchtet nicht in dem Prunk toter Edelsteine, nein, es sind die wahrhaftigen Augen des Argus: es ist der Pfau, dessen sagenhafte Pracht uns hier in Erstaunen setzt. Er sieht aus wie die Herrin des Hauses vor einem großen Fest, bevor die ersten Gäste kommen; in ihrem Kleid mit schillernder Schleppe, einen azurblauen Halsschmuck um den königlichen Hals, Aigretten auf dem Haupte, so schreitet sie in funkelndem Glanz durch das bewundernde Volk der Gemeinen, die vor ihrem Tore versammelt sind, sie ist gewillt, noch einen letzten Befehl zu geben oder den Prinzen von fürstlichem Geblüte zu erwarten, den sie an der Schwelle empfangen muß.

Doch nein, hier verbringt nur der Pfau sein Leben, er ist ein wahrer Vogel aus dem Paradies im Hühnerhof, zwischen Truthühnern, Enten und anderem Federvieh. Wie die gefangene Andromeda, die zwischen Sklavinnen Leinen webte, so muß er leben, aber er hat nicht, wie sie, die Pracht der königlichen Wahrzeichen und der ererbten Schmuckstücke aufgegeben. Ein Apoll, den man immer erkennt, auch dann, wenn er in seinem Strahlendiadem die Herde des Admet weidet.


IV
Die Familie hört Musik

»Denn die Musik ist etwas Süßes, sie bringt Gleichklang in die Seele, und wie ein göttlicher Chor erweckt sie tausend Töne, die im Herzen ihren Gesang anstimmen.«

Für eine Familie, die wirklich lebt und in der jedes Mitglied denkt, liebt und handelt, ist der Besitz eines Gartens eine gute Sache. Ist des Tages Müh' und Arbeit vorbei, so kommen die Mitglieder der Familie an den Abenden des Frühlings, des Sommers und des Herbstes zusammen; mag der Garten noch so klein sein, mögen sich die Hecken noch so nahe gegenüberstehen, so hoch sind sie nicht, als daß man nicht ein großes Stück Himmel sehen könnte, wohin jedermann die Augen erheben kann, um zu träumen, ohne zu sprechen. Das Kind träumt von Zukunftsplänen, von der Wohnung, die es mit dem geliebten Kameraden beziehen will, um sie nie zu verlassen, es träumt von allen unbekannten Pfaden der Erde und des Meeres. Der Jüngling träumt von dem geheimnisvollen Zauber der Frau, die er liebt, die Mutter träumt von der Zukunft ihres Kindes, und die Frau, die sonst schwer ihren Frieden finden kann, entdeckt auf dem Grunde dieser lichten Stunde unter der kalten Außenseite ihres Mannes eine schmerzliche Wehmut, die sie tief zu Mitleid rührt. Der Vater verfolgt mit den Augen die Rauchwolke, die über ein Dach emporsteigt, und er hängt seine Gedanken an die freundlichen Szenen der Vergangenheit, die zauberhaft das Licht des Abends bis in die Ferne durchleuchtet. Er denkt an seinen kommenden Tod und an das Leben seiner Kinder nach seinem Tode; und so erhebt sich die Seele der ganzen Familie gläubig gegen Sonnenuntergang, während der große Lindenbaum, die Kastanie oder die Tanne über sie die Benediktion ihres erwählten Duftes ausgießt oder die Weihe ihres ehrwürdigen Schattens.

Aber für eine Familie, die wirklich lebt, wo jeder denkt, liebt und handelt, für eine beseelte Familie gibt es nichts Süßeres, als wenn sich diese Seele abends in einer Stimme inkarniert, das heißt, wenn sie widerklingt in der klaren und unversiegbaren Stimme eines jungen Mädchens oder eines Jünglings, der die Gabe der Musik oder des Gesangs empfangen hat. Käme ein Fremder an der Gartenpforte vorbei, hinter der die Familie schweigt, so könnte er fürchten, durch seine Annäherung alle ihre gläubigen Träume zu stören. Aber könnte der Fremde, ohne den Gesang zu hören, die Versammlung von Verwandten und Freunden nur wahrnehmen, wie sie ganz Ohr ist – müßte er da nicht den Eindruck haben, er wohne einer unsichtbaren Messe bei? Und das heißt so viel, daß trotz der Verschiedenheit der Haltung in der echten Ähnlichkeit des Ausdrucks sich die untrügliche Einheit dieser Seelen ausspricht – die im Augenblick verwirklicht ist durch die Zuneigung, verwirklicht zu ein und demselben idealen Drama, kraft der Ausgießung in der Kommunion ein und desselben Traumes. Wenn in einem Augenblick der Wind die Pflanzen niederbeugt und weithin die Äste bewegt, da läßt ein Hauch die Köpfe sich beugen oder sich plötzlich wieder erheben. Es ist nicht anders, als ob ein unsichtbarer Bote ihnen allen einen aufregenden Bericht brächte – sie alle scheinen mit Angst zu lauschen und mit tiefer Anteilnahme oder gar mit Schauder ein und dieselbe neue Nachricht anzuhören, die indessen in jedem ein anderes Echo erweckt. Die beklemmende Erregung der Musik ist auf ihrem Gipfel, ihre Anführung wird gebrochen durch einen tiefen Fall, ein neuer Anlauf folgt, verzweifelt wie nie zuvor. Die Musik geht ohne Grenzen im Licht auf, ihre Geheimnisse verlieren sich im Dunkeln, für einen sind es die weiten, ausgebreiteten Schaustücke des Lebens und des Todes, für das Kind sind es herzbeklemmende Verheißungen von Meeren und von fremden Ländern, für den leidenschaftlich Liebenden ist dieses Geheimnis grenzenlos, es ist das Hell-Dunkel der Leidenschaft. Der Denker sieht sein ganzes sittliches Leben sich abrollen. Verliert die Melodie den Schwung und sinkt herab, so ist es sein Fallen und seine Schwäche; aber sein ganzes Herz bäumt sich auf und nimmt einen Anlauf, wenn die Melodie ihren Aufschwung wiedergewinnt. Das mächtige Grollen der Harmonien erschüttert die geheimnisvollen, reichen Tiefen seiner Erinnerung bis zum Grunde. Der Mann des tätigen Lebens atmet keuchend in dem Gewirr der Akkorde, in dem Galopp der schnellen Tonfolgen; majestätisch triumphiert er in dem Adagio. Selbst die ungetreue Frau fühlt, wie ihr Fehltritt verziehen wird, er ist zu nichts geworden, denn auch er hatte seinen himmlischen Ursprung in dem nie gesättigten Herzen, dem die täglichen Freuden nie Genüge getan haben; wohl hatte es sich verirrt und seinen Weg verloren, aber doch nur auf der Suche nach dem Geheimnis – und von diesem Geheimnis strömt jetzt diese Musik über, voll wie die Stimme der Glocken krönt sie das sehnlichste Verlangen.

Wenn auch sonst der Musiker vorgibt, er genieße in der Musik nur das Vergnügen der technischen Vollendung, so zeigt auch er jetzt alle Zeichen einer echten Erregung, denn sie ist nur verschleiert durch sein musikalisches Schönheitsempfinden, und dieses Schönheitsempfinden hatte sich seinem eigenen Blick bisher verborgen. Und zuletzt ich selbst, ich höre in der Musik die weiteste, die umfassendste Schönheit des Lebens und des Todes, des Meeres und des Himmels, und von jetzt an fühle ich in deinem Zauber noch mehr Eigenes, nie und nirgends Wiederkehrendes. O du meine teure Vielgeliebte!


V

Die Paradoxe von heute sind die Vorurteile von morgen. Denn auch die breitesten und widerlichsten Vorurteile von heute hatten einmal ihren Geburtstag, an dem die Mode ihnen ihre gebrechliche Anmut geliehen hat. Viele Frauen von heute wollen sich frei machen von allen Vorurteilen, aber was sie darunter verstehen, sind Grundsätze. Hier ist ihnen das Vorurteil zu einer schweren Last geworden, mögen sie sich auch damit schmücken wie mit einer eigenen, etwas fremdartigen Blume. Sie können nicht glauben, daß etwas nach einem tieferen Plan gebaut sei, daher messen sie alle Dinge mit gleichem Maße. Sie genießen ein Buch oder das Leben selbst wie einen schönen Tag oder wie eine Orange. Sie sagen: »Kunst« bei einer Schneiderin und Philosophie bei der »Vie Parisienne«. Sie würden es unter ihrer Würde finden, wenn sie sich ohne Klassifizierung, ohne Urteil einfach damit begnügen sollten, zu sagen: Das ist gut, jenes schlecht. Früher war's so, daß, wenn eine Frau sich gut aufführte, sie so lebte zur Beruhigung ihrer Moral, das heißt, sie tat es zur Beruhigung ihres Denkens auf Kosten ihrer instinktiven Natur. Heute geschieht es zur Beruhigung der instinktiven Natur auf Kosten der Moral – das heißt soviel, auf Kosten ihrer nur in der Theorie bestehenden Unmoral (siehe die Dramen von Halévy und Mailhac). Alle Bande der Moral und der gesellschaftlichen Gesetze sind bis aufs äußerste gelockert, die Frauen schwanken verzweifelt zwischen dieser theoretischen Unmoral und einer instinktiven Güte. Was sie suchen, ist nur die Wollust, aber die findet man nur, wenn man nicht sucht, wenn man sich ganz dem ursprünglich Quellenden hingibt. Dieser Skeptizismus, dieser Dilettantismus würde in einem Buche ebenso störend wirken wie eine Mode außer Mode. Aber die Frauen sind alles andere eher als Zukunftsprediger von Mode und Geist, vielmehr sind sie verspätete Nachzügler und Nachbeter. Heute gefällt ihnen noch der Dilletantismus, und er paßt ihnen. Wenn er auch ihr Urteil trübt, wenn er ihr Benehmen entnervt, man kann doch nicht leugnen, daß er ihnen eine etwas angeschmutzte, aber noch liebenswerte Anmut verleiht. So lassen sie uns bis zur Wonne fühlen, was an Leichtigkeit und Süße eine überraffinierte Zivilisation noch bieten kann. Da gibt es einen ewigen Aufbruch nach Cythere, wo die Feste weniger mit aufgerührten Sinnen als in der Phantasie gefeiert werden. Das Herz, der Geist, Augen, Nase, Ohren, alles bringt einen Hauch von Wollust in ihre Attitüden. Wer diese Zeit gut schildern will, muß sie – wenigstens ist das mein Gefühl – ohne rechte Anspannung, ohne Rückgrat zeichnen. Diesem Leben entströmt der sanfte Duft aufgelöster Frisuren ...

Der Ehrgeiz berauscht mehr als der Ruhm. Die Sehnsucht läßt alle Dinge blühen, der Besitz zieht alle Dinge in den Staub. Besser, sein Leben träumen als es leben. Mag immerhin auch noch im Leben so viel Traum enthalten sein, nur weniger geheimnisvoll und zugleich auch weniger klar, mag sich auch im Leben ein undurchsichtiger, schwerer Traum abspiegeln, ähnlich dem zerstreuten Traume in dem dumpfen Bewußtsein wiederkäuender Tiere. Schöner sind die Stücke von Shakespeare vom Arbeitszimmer aus gesehen, als auf dem Theater dargestellt. Die Dichter, welche Frauengestalten unvergänglicher Liebe geschaffen haben, haben oft nur mittelmäßige Dienerinnen in Gasthöfen gekannt, und im Gegensatz dazu haben die umworbensten Wollüstlinge nicht einmal die Fähigkeit, das Leben zu begreifen, das sie selbst führen oder das vielmehr sie führt. – Ich habe einen kleinen zehnjährigen Jungen gekannt, der hatte eine zarte Gesundheit und eine frühreife Einbildungskraft, und dieser Knabe hatte einem etwas älteren Mädchen eine reine Geistesliebe geweiht. Stundenlang verweilte er am Fenster, um es vorübergehen zu sehen, weinte, wenn er es nicht sah, weinte noch mehr, wenn er es gesehen hatte. Sehr kurze Zeit und sehr selten verweilte er an der Seite des Mädchens. Er schlief nicht mehr, aß nicht mehr. Eines Tages warf er sich aus dem Fenster. Man dachte im Anfang, die Verzweiflung darüber, sich seiner Freundin nicht nähern zu können, habe ihn in den Tod getrieben. Man erfuhr aber, daß er (gerade umgekehrt) sehr lange mit ihr gesprochen hatte, und sie hatte sich außerordentlich liebenswürdig gegen ihn gezeigt. So nahm man denn an, daß er auf die grauen Tage verzichten wollte, die ihm noch zu leben blieben nach dieser Zeit einer Trunkenheit, die er möglicherweise nicht mehr erneuern konnte. Zahlreiche Geständnisse, die er seinerzeit einem seiner Freunde gemacht hatte, ergaben den Einblick, daß er jedesmal eine Enttäuschung empfunden hatte, sooft er die Königin seiner Träume sah – aber kaum war sie fort, so gab seine fruchtbare Phantasie ihre ganze Macht dem kleinen fernen Mädchen, und er sehnte sich nach ihm. Jedesmal versuchte er seine Enttäuschung auf die ungünstigen Nebenumstände des jeweiligen Zusammenseins zurückzuführen. Nach jener letzten Zusammenkunft, bei der er, kraft seiner bereits gelehrig gewordenen Phantasie, seine Freundin auf den höchsten Gipfel der Vollendung geführt hatte, deren sein inneres Wesen fähig war, maß er verzweifelnd diese halbe Vollendung an der ganzen, worin er lebte und an der er starb, und er stürzte sich aus dem Fenster.

Sodann ward er zum Idioten, lebte noch lange: Von seinem Stürze rührte eine Wandlung her, die ihn seine Seele vergessen ließ, sein Denken, seine Sprache, seine Freundin, die er wiedersah, ohne sie zu erkennen. Sie aber heiratete ihn trotz aller Bitten und Drohungen und starb ein paar Jahre nachher, ohne daß er sie noch einmal wiedererkannt hatte. – Das Leben ist wie diese kleine Freundin. Wir träumen es, und wir lieben es in seiner Traumgestalt. Man muß nicht versuchen, es zu leben. Man stürzt sich wie der kleine Junge in den Stumpfsinn, nur nicht mit einem Male, denn alles im Leben schwächt sich mit unmerkbaren Nuancen ab. Sind zehn Jahre vergangen, dann erkennt man seine Träume nicht wieder, oder man verleugnet sie, man lebt wie ein Rind für das Gras, das man im Augenblick weidet. Und wer kann sagen, ob aus unserer Vereinigung mit dem Tode unsere unbewußte Unsterblichkeit erwachsen kann?


VI

»Herr Hauptmann«, sagte der Offiziersbursche ein paar Tage nachdem die kleine Wirtschaft eingerichtet war, wo sein pensionierter Herr bis zu seinem Tode leben sollte (seine Herzkrankheit versprach ihm keine lange Lebensdauer mehr), »Herr Hauptmann, vielleicht würden Sie ein paar Bücher ein wenig zerstreuen, da Sie jetzt weder der Liebe nachgehen können noch auch sich duellieren. Was soll ich Ihnen kaufen?«

»Kaufe nichts! Keine Bücher. Sie können mir nichts sagen, was ebenso interessant wäre wie das, was ich erlebt habe; viel Zeit habe ich nicht mehr vor mir, und ich will, daß mich nur meine Erinnerungen zerstreuen. Gib mir den Schlüssel zur großen Truhe, von ihrem Inhalt will ich alle Tage etwas lesen.«

Und er nahm Briefe heraus, es entströmte ein weißliches, bisweilen auch farbiges Meer, nichts als Briefe, sehr lange, aber auch einzeilige, auf eine Karte geschriebene, manche mit verwelkten Blumen, mit Andenken versehen oder mit kargen Anmerkungen von seiner eigenen Hand, um sich die Nebenumstände des Tages zurückzurufen, an dem er sie empfangen hatte, ferner Photographien, die trotz aller Vorsicht verblichen waren, gleich den Reliquien, welche gerade die Gläubigen mit ihrer Frömmigkeit zerstört haben, denn diese küssen sie zu oft. Und alle diese Dinge waren sehr alt, es waren Andenken von toten Frauen darunter und von solchen, die er seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Und es gab in all diesen Dingen winzige, aber scharf umrissene Zeichen von Sinnlichkeit oder Zärtlichkeit, die sich auf ein Fast-Nichts in seinem Leben mit seinen Nebenumständen bezogen, es war wie ein weitläufiges Fresko, das sein Leben abschilderte, ohne es zu erzählen, bloß in seiner tiefglühenden Farbe, in seiner sehr unbestimmten und gleichzeitig sehr eigenen Art – und vor allem mit einer ergreifenden Gewalt. Da gab es Beschwörungen von Küssen auf den Mund – auf einen frischen Mund, für den er jetzt ohne Zaudern sein Leben gegeben hätte und der sich seitdem von ihm abgewandt hatte –, solche Erinnerungen ließen ihn lange weinen. Wohl war er sehr schwach und abgenutzt, aber wenn er in einem Zuge ein wenig von diesen immer noch lebendigen Erinnerungen trank, da war es wie ein Glas Wein, stark und in derselben Sonne gereift, wie sie sein Leben verzehrt hatte, dann empfand er einen guten lauen Hauch, wie ihn der Frühling dem Genesenden gibt oder der geheizte Winterherd dem Schwachgewordenen. Er fühlte, daß sein alter, abgebrauchter Körper einst in den gleichen Lebensflammen geglüht hatte, und das gab ihm eine Nachernte des Lebens, dieselben verzehrenden Flammen. Dann dachte er daran, daß, was sich nun lang über ihn hinlagerte, einzig Schatten waren, ohne Maß, stets in Bewegung, nicht zu fassen, ach, und bald eins mit der ewigen Nacht – da mußte er weinen.

Wohl wußte er nun, daß das alles nur Schatten von Flammen waren, die fortgewandert waren, um anderswo zu brennen, und die er nicht wiedersehen würde, und doch blieb er dabei, diese Schatten anzubeten und sich ihnen hinzugeben – denn im Vergleich mit dem absoluten Nichts der nahen Zukunft bedeuteten sie Dauer für ihn. Und es gesellten sich alle diese Küsse und alle diese geküßten Haare und alle diese Lippen und Tränen und diese Zärtlichkeiten, ausgeschenkt wie Wein, um zu berauschen, das alles paarte sich mit diesen Verzweiflungen wie Musik oder wie der Abend sich paart mit dem Glück, sich ausströmen zu fühlen bis an die letzten Grenzen des Geheimnisses und der Geschicke. Diese angebetete Frau, die ihn so festgehalten hatte, daß es für ihn damals nur eines gab, ihr mit seiner ganzen Anbetung zu dienen, nun war sie ganz im Nebel verschwunden, ohne daß er sie halten konnte, konnte er ja nicht einmal den ausgestreuten Duft der wehenden Säume ihres Mantels halten – er verkrampfte sich, um ihn nochmals zu leben, ihn wieder anzufachen und ihn vor sich wie einen Schmetterling an eine Nadel zu heften. Und mit jedem Male wurde es schwerer. Nie konnte er den Schmetterling festhalten – was er konnte, war, daß er ihm jedesmal mit den Fingern etwas von dem Flügelschmelz fortnahm, oder vielmehr: er sah die Schmetterlinge im Spiegel, vergeblich stieß er sich wund an dem Spiegel, um sie zu berühren, aber er machte ihn nur trüb und sah sie nur noch undeutlich und weniger bezaubernd. Und nichts konnte den getrübten Spiegel seines Herzens erneuern, jetzt, da der reinigende Atemhauch der Jugend oder des Genies nicht mehr darüber hinwegstrich – welches unbekannte Gesetz unserer Jahreszeiten, welche geheimnisvolle Tag- und Nachtgleiche unseres Herbstes sprach sich darin aus?

Jedesmal machte es ihm weniger Kummer, diese Küsse verloren zu haben und diese endlosen Stunden und diese Düfte, die ihm einst Entzücken gewesen. Daß er weniger litt, machte ihn leiden, und dann verschwand selbst dieses Leiden. Und dann waren alle Leiden fort, die Freuden mußte er, nicht vertreiben, denn sie waren lange schon, ohne ihr Haupt zu wenden, auf geflügelten Sohlen entflohen, blühende Zweige in der Hand; sie waren von dieser Behausung gegangen, die nicht mehr jung genug war für sie. Und dann starb er wie alle Menschen.


VII
Reliquien

Ich habe alles erworben, was man aus dem Besitz der Frau verkauft hat, deren Freund ich hatte sein wollen und die mich keines Wortes gewürdigt hat. Ich habe das kleine Kartenspiel, daß sie alle Abende unterhalten hat, ihre beiden Bronzeäffchen, drei Romane, die auf dem Deckel ihr Wappen tragen, ihre Hündin. O ihr Köstlichkeiten, teure Freuden ihres Lebens! Euch hat, ohne daß ihr es wie ich genossen hättet, ja ohne daß ihr es ersehnt habt, ihre freie Zeit gehört, die unverletzlichste, die ganz geheimgehaltene. Ihr habt euer Glück nicht gefühlt und könnt es nicht erzählen.

Ihre Finger haben die Karten an jedem Abend im Kreise ihrer nächsten Freunde berührt, die Karten haben sie gesehen, wenn sie sich langweilte oder wenn sie lachte, sie waren dabei am Beginn ihrer Liaison, sie hat sie hingelegt, um den Mann zu umarmen, der dann nachher jeden Abend wiederkam, um mit ihr Karten zu spielen.

Das sind die Romane, die sie in ihrem Bett geöffnet und geschlossen hat nach ihrer Laune, nach dem Grade ihrer Müdigkeit, sie hat sie ausgewählt nach den Grillen des Augenblicks, da ihre vertrauten Träume sich mit den Phantomen der Bücher paarten, damit sie sich besser ihrer eigenen Traumwelt hingeben konnte – habt ihr nichts von ihr zurückbehalten, könnt ihr mir nichts erzählen?

Ihr Romane, sie hat doch mit ihrer Menschlichkeit das Leben eurer Helden und eures Dichters mitgelebt. Ihr Karten, hat sie nicht nach ihrer Art mit euch die Ruhe und bisweilen auch die Fieberstunden des lebendigen Beisammenseins nachempfunden, habt ihr nichts behalten von ihrer Gedankenwelt, die ihr zerstreut habt oder erfüllt, nichts von ihrem Herzen, das ihr geöffnet habt oder getröstet?

Karten und Romane, so oft wart ihr in ihrer Hand, so lange bliebt ihr auf ihrem Tisch, Dame, König und Bube, ihr unbeweglichen Genossen ihrer tollsten Feste, Romanhelden und Heldinnen, die ihr geträumt habt neben ihrem Bett, unter den gekreuzten Lichtern ihrer Lampe und ihrer Augen, euren langen schweigsamen und doch gesangvollen Traum geträumt – es kann nicht sein, daß ihr den ganzen Duft verflüchtigt habt, womit die Luft ihres Zimmers, das Gewebe ihrer Kleider, die Berührung ihrer Hände oder Knie euch durchtränkt hat.

Ihr habt die Falten und Knicke behalten, womit ihre freudige oder nervöse Hand euch umgeblättert hat, vielleicht haltet ihr auch die Tränen, die ein Romankummer oder ein Lebenskummer ihr abgepreßt hat, noch gefangen. Das Tageslicht, das ihre Augen glänzen ließ oder ihnen wehetat, hat euch diese warme Farbe gegeben. Zitternd berühre ich euch, voller Angst vor euren Ausstrahlungen, unruhig über euer Schweigen. Ach, vielleicht war sie wie ihr, ihr zauberhaft zerbrechlichen Dinge, vielleicht war sie ohne Empfinden, ja ohne bewußtes Wissen ihrer eigenen Anmut. Ihre tiefste Schönheit war vielleicht in meiner Sehnsucht. Sie hat ihr Leben gelebt, aber vielleicht bin ich es, der sie nur erträumt hat.


VIII
Mondscheinsonate

1
Es war nicht so sehr der anstrengende Weg als vielmehr die Erinnerung an meinen Vater und seine Forderungen, es war die Gleichgültigkeit Pias, der blinde Haß meiner Feinde, was mich so sehr erschöpft hatte. Am Tage konnte mich die Gesellschaft Assuntas zerstreuen, ihr Gesang, ihr mildes Wesen mir gegenüber, den sie so wenig kannte, ihre Schönheit, weiß, braun und rosenfarben, ihr Parfüm, das alle Böen des Windes siegreich überdauerte, die Feder an ihrem Hute und die Perlen an ihrem Halse. Als ich mich aber gegen neun Uhr abends gänzlich niedergedrückt fühlte, bat ich sie, mit dem Wagen zurückzukehren und mich dazulassen, damit ich mich in der freien Luft etwas erholen könne. Wir waren fast nach Honfleur gekommen; der Platz war gut gewählt, geschützt von einer Mauer, vor mir hatte ich eine Allee gewaltiger Bäume, die den Wind abhielt, die Luft war mild; Pia sagte ja und verließ mich. Ich legte mich auf den Rasen, das Gesicht gegen den düsteren Himmel gewendet. Es wiegte mich das Raunen des Meeres, das ich hinter mir vernahm, ohne es in der Finsternis richtig wahrnehmen zu können.

Bald träumte ich, daß vor mir der Sonnenuntergang weithin das Meer und den Strand erleuchte. Die Dämmerung fiel ein, und es schien mir, als sei es eine Dämmerung wie alle andern und ein Sonnenuntergang wie alle andern. Aber jemand kam und brachte mir einen Brief, ich wollte ihn lesen und konnte nichts unterscheiden. Jetzt erst kam ich zu der Wahrnehmung, daß trotz dieses Eindrucks von besonders strahlendem und weithin ausgestreutem Licht es doch sehr dunkel blieb. Dieser Sonnenuntergang war außerordentlich bleich, strahlend wohl, aber nicht hell, und auf diesem magisch erleuchteten Sande sammelten sich so viel Massen von Dunkelheit an, daß eine mühevolle Anstrengung nötig wurde, wollte ich eine Muschel entdecken. In dieser eigenen Traumdämmerung gab es einen Sonnenuntergang von kranker und entfärbter Art, wie an einem arktischen Gestade. Meine Sorgen waren alle verschwunden, die Entschließungen meines Vaters, Pias Gefühle, die bösen Gesinnungen meiner Feinde beherrschten mich wohl noch, aber sie erdrückten mich nicht mehr; wie eine Naturnotwendigkeit waren sie mir gleichgültig geworden. Der Gegensatz zu diesem düsteren Schimmerglanz, das Wunder dieser zauberhaften Ruhe mitten in meinem Unglück machten mich nicht mißtrauisch, nicht furchtsam, sondern ich war eingehüllt, gebadet, ertränkt in einer sich steigernden Empfindung von Süße, die in ihrer Köstlichkeit so stark wurde, daß sie mich erweckte.

Ich öffnete die Augen. Sehr bleich und sehr strahlend, so breitete sich mein Traum rings um mich aus. Die Mauer, gegen die ich schlafend mich gelehnt hatte, stand im vollstem Licht, der Schatten des Efeus zeichnete sich der Länge nach ebenso kräftig ab wie um vier Uhr nachmittags. Das Blätterwerk einer holländischen Pappel ward von einem kaum wahrnehmbaren Hauche zurückgebogen und glitzerte hell. Man sah Wellen und weiße Segel auf dem Meere, der Himmel war klar, der Mond aufgestiegen. Leichte Wolken schleierten auf kurze Augenblicke über ihn, aber dann färbten sie sich mit blauen Tönen, deren Blässe tief war wie der Scheinkörper der Quallen oder das Herz eines Opals. Überall flimmerte klares Licht, doch konnte ich es nirgends fassen. Selbst auf dem Rasen, der bis zur Spiegelung stark glänzte, blieb ein Rest Dunkelheit. Die Bäume, ein Graben waren absolut schwarz.

Plötzlich erhob sich wie eine Unruhe ein zartes, langgezogenes Geräusch, rasch schwoll es an, es schien sich über das Gehölz dahinzuwälzen. Es war das Zittern der Blätter, die der Windstoß streifte. Und ein Stoß nach dem andern zerschellte wie eine Woge an dem weiten Schweigen der endlosen Nacht. Dann schwoll der Lärm ab und verstummte ganz. In dem geraden, ebenen Wiesengelände vor mir zwischen den beiden breiten Eichenalleen schien ein Strom von Helligkeit dahinzurollen, an beiden Seiten von Schattenmauern zusammengehalten. Der Mondesglanz rief das Wächterhaus ins Licht, das Blätterwerk, ein Segel; all das wurde aus der auslöschenden Umarmung der Nacht gezogen, aber zum Leben wiedererweckt ward es nicht. In dem schlummernden Schweigen erhellte der Mondschein nur das leere Gehäuse ihrer Form, ohne daß man die Umrisse wahrnehmen konnte, die ihnen während des Tages ihr untrügliches Wirklich-Sein gegeben hatten, wirklich bis zur Bedrückung, bis zur letzten Gewißheit ihrer Gegenwart und der steten Dauer ihrer banalen Nachbarschaft. Ein Haus ohne Tor, ein Blätterwerk ohne Stamm, fast ohne Blätter, ein Segel ohne die Barke, all dies erschien nun nicht mehr wie eine grausame, unabwendbare, unleugbare, monotone, gewohnheitsmäßige Wirklichkeit, sondern als fremdartiger Traum, ohne inneren Zusammenhang und strahlend mit seinen schlummernden Bäumen, die ihr Haupt in die Dunkelheit versenkten. In der Tat, nie hatte der Wald so tief geschlafen, man fühlte: der Mond hatte diesen Augenblick benutzt, um den Wald ohne Laut in den Himmel zu führen – und über das Meer dieses große, sanfte, bleiche Fest. Meine Geliebte war verschwunden. Ich hörte meinen Vater, wie er mich schalt, meine Feinde, wie sie Verschwörungen schmiedeten, und nichts von alledem erschien mir wirklich. Die einzige Wirklichkeit lag in diesem unwirklichen Lichte, und diese rief ich lächelnd an. Ich verstand nicht, welche geheimnisvolle Ähnlichkeit hier meinen Kummer, meine Sorgen mit den feierlichen Geheimnissen dort vereinigte, die in den Wäldern gefeiert wurden, im Himmel und über dem Meere; aber ihre Deutung fühlte ich, ihre Verzeihung war vollzogen, es war ohne Bedeutung, ob mein Verstand das Geheimnis wußte oder nicht, wenn nur mein Herz es gut erriet. Mit ihrem Namen rief ich die heilige Mutter der Nacht, meine Schwermut hatte im Monde ihre unsterbliche Schwester wiedererkannt, der Mond strahlte über den verwandelten Schmerzensfiguren der Nacht und in meinem Herzen, wo sich das Gewölk zerstreut hatte und wo aufgegangen war in ihrem Strahlenglanze die Melancholie.

2
Nun hörte ich Schritte. Assunta kam zu mir, ihr lichtes Haupt erhob sich über einem weiten, dunklen Mantel. Sie sprach sehr leise zu mir: »Ich hatte Angst, daß Sie frieren. Mein Bruder ist zu Bett gegangen, ich bin zurückgekommen.« Ich näherte mich ihr. Ich zitterte, sie nahm mich unter ihren Mantel, und um den Saum des Mantels besser halten zu können, legte sie ihre Hand um meinen Hals. Wir machten einige Schritte unter den Bäumen, dann in tiefer Dunkelheit. Irgend etwas funkelte vor uns, ich hatte nicht Zeit auszuweichen und machte einen Sprung zur Seite, aus Angst, daß wir gegen einen Stamm stoßen könnten, aber das Hindernis verlor sich vor unseren Füßen, wir waren in den Mond getreten. Ich näherte meinen Kopf dem ihren. Sie lächelte, ich begann zu weinen, da sah ich, daß auch sie weinte. So verstanden wir nun, daß der Mond weinte und daß seine Traurigkeit im Verein war mit der unseren. Die ergreifenden und sanften Rufe seines Lichtes gingen uns zu Herzen. Wie wir weinte auch er, und wie wir's fast immer tun, weinte er, ohne zu wissen warum, aber er fühlte es so tief, daß er in seine stille, seine unwiderstehliche Verzweiflung die Wälder mit hereinzog, die Felder, den Himmel, der von neuem sich im Meere spiegelte, und mein Herz, das endlich klar sah in seinem Herzen.


IX
Tränen fließen aus vergangenen Liebesschmerzen

Die Rückkehr der Roman-Dichter oder ihrer Helden zu ihren abgestorbenen, geschiedenen Liebesgefühlen, so rührend sie für den Leser sein mag, ist unglücklicherweise mehr Kunst als Natur. Hier ist ein Gegensatz zwischen der Unermeßlichkeit unserer vergangenen Liebe und dem absoluten Nullpunkt unseres augenblicklichen Empfindens, wovon uns tausend greifbare Einzelheiten bewußt überzeugen – ein Name, der in der Unterhaltung genannt wird, ein Brief, wiedergefunden in der Schreibtischlade, die Begegnung mit der Person oder, besser noch, ihr Besitz nach dem großen Tag, um es so zu sagen –, dieser Konflikt, sage ich, so herzergreifend, so von stillen Tränen verhalten er sich uns in einem Werke der Kunst zeigen kann, wir stellen ihn ungerührt im Leben fest; der mathematisch genaue Grund dafür ist, daß wir nun in einer Atmosphäre von Gleichgültigkeit und Vergessen leben, daß die einst so Tiefgeliebte und das Gefühl selbst jetzt nur unser ästhetisches Wohlgefallen erregen, und vor allem, weil mit der Liebe auch die Unruhe verschwunden ist und die erhöhte Fähigkeit, zu leiden. Die erdrückende Melancholie dieses Gegensatzes ist nichts als eine Wahrheit der Moral. Sie würde psychologisch zur Wirklichkeit, wenn ein Schriftsteller sie an den Beginn einer Leidenschaft setzen wollte statt an deren Schluß.

Oft kommt es vor, daß wir im Beginn einer Liebe uns von der Erfahrung und von unserem Scharfblick warnen lassen (trotz des Widerspruchs des Herzens, das auf seinem Gefühl besteht oder vielmehr auf der Illusion einer ewigen Dauer dieses Gefühls), und weil wir wissen, daß eines Tages der lebendige Mittelpunkt unseres Daseins uns ebenso gleichgültig sein wird, wie uns jetzt alle früheren sind, während SIE ... Wir werden einmal ihren Namen hören ohne wollüstigen Schmerz, ihre Schriftzüge erblicken ohne Zittern, werden unsern Weg nicht ändern, um ihr zu begegnen auf der Straße, wir werden sie treffen ohne Erregung und besitzen ohne Überschwang. Weinen wird uns dies Vorauswissen machen, das allzusichere – trotz des absurden, starken Vorgefühls, wir würden sie ewig lieben. Noch einmal will uns die Liebe aufgehen, wie ein gottvoller Morgen, in grenzenlosem Geheimnis und dennoch traurig, und diese Liebe wird vor unserm Schmerz etwas von ihrem großen Horizont entfalten, von den fremden Weiten, von den tiefen Fernen, ein wenig von seiner zauberhaften Hoffnungslosigkeit ...!

Süß ist es für den Kummervollen, sich in die Wärme seines Bettes zu flüchten, hier mag er sich, wenn er jede Anstrengung und allen Widerstand aufgegeben hat, ganz sich selbst überlassen, wie ein Zweig dem Winde im Herbste. Aber es gibt ein besseres Bett, von göttlichen Düften umhaucht. Unsere süße, unsere tiefe, unsere untrügliche Freundschaft ist es. Bin ich vor Kummer bis ans Herz vereist, dann bette ich fröstelnd hier mein Herz. Selbst meine Gedanken wickle ich in die Decke unserer warmen Zärtlichkeit, von der Außenwelt will ich nichts mehr sehen, entwaffnet will ich mich nicht mehr wehren, aber durch das Wunder unserer Zärtlichkeit bin ich neugestärkt, unbesiegbar fast, ich weine in meinem Kummer vor Freude, eine Stätte des Friedens und einen guten Schutz gefunden zu haben.


X
Flüchtige Wirksamkeit von Kummer

Laßt uns dankbar sein gegen alle, die uns Glück geben, denn es sind Zaubergärtner, und unter ihrer Hand blühen unsere Seelen auf. Dankbarer noch laßt uns sein gegen bösartige oder auch nur gleichgültige Frauen, gegen grausame Freunde, die uns Kummer bereitet haben. Sie haben unser Herz verwüstet, das noch jetzt mit formlosen Trümmern bedeckt ist, sie haben die Stämme entwurzelt und die feinsten Triebe zerstört wie ein wütender Wirbelwind, aber er hat doch einige gute Samenkörner ausgestreut für eine künftig ungewisse Ernte.

Sie haben all unser kleines Glück zertreten, worunter unser großer Jammer verborgen lag, sie haben aus unserm Herzen einen nackten, melancholischen Gefängnishof gemacht, aber sie haben uns endlich die Möglichkeit gegeben, es ruhig zu betrachten und unser Urteil zu fällen. Einen ähnlichen Dienst erweisen uns die ernsten Stücke. Deshalb muß man sie höher schätzen als die fröhlichen, denn diese täuschen unsern Hunger bloß, statt ihn zu stillen: das Brot, dessen wir bedürfen, ist bitter. Im Glück erscheinen uns die Schicksale von unsresgleichen nicht in ihren echten Farben, sondern so, wie das Interesse sie maskiert oder die Begierde sie verwandelt. Aber in der Vereinsamung, wie sie das Unglück mit sich bringt im realen Leben – und in der schmerzvollen Schönheit, wie auf der Bühne –, da sprechen die Geschicke der andern Menschen und besonders unser eigenes Geschick zu unserer aufhorchenden Seele das nie ganz ausgeschöpfte Wort: Wahrheit, Pflicht. Das ernste Werk eines echten Künstlers spricht mit dem Tonfall zu uns, den nur der kennt, der durch Leiden gegangen ist – und damit zwingt er jeden, der Leiden kennt, sich von allem andern fortzuwenden und ihn allein anzuhören.

Ach, was das echte Gefühl uns gebracht hat, dieser Mann der spielerischen Laune zaubert es zurück, und mag die Trauer immerhin überlegen sein, sie ist nicht von längerer Dauer als die Tugend. Heute morgen haben wir das Trauerspiel vergessen, das uns noch gestern bis an die Wolken erhoben hat, bis zu einer Höhe, von der wir unser Leben in seiner Totalität, in seiner Echtheit erkannten mit klarsehendem, mit aufrichtigem Mitgefühl. Es mag ein Jahr dauern, und wir haben uns auch über den Verrat einer Frau getröstet, über den Tod eines Freundes. Inmitten dieser Traumtrümmer, inmitten dieses Haufens von geschändetem Glück hat der Wind sein gutes Korn gesät unter einer Flut von Tränen, aber die werden viel zu schnell trocknen, als daß das Korn keimen könnte.


XI
Lob der schlechten Musik

Werft auf die schlechte Musik euren Fluch, aber nicht eure Verachtung! Je mehr man die schlechte Musik spielt oder singt (und leidenschaftlicher als die gute), desto mehr füllt sie sich allmählich an mit den Träumen, den Tränen der Menschen. Deshalb soll sie euch verehrungswürdig sein. Ihr Platz ist sehr tief in der Geschichte der Kunst, ungeheuer hoch aber in der Geschichte der Gefühle innerhalb der menschlichen Gemeinschaft. Die Achtung (ich sage nicht, die Liebe) für die üble Musik ist nicht allein sozusagen eine Form der geschmackvollen Nächstenliebe oder ihr Skeptizismus, vielmehr ist es das Wissen um die soziale Rolle der Musik. Wie viele Melodien, die in den Augen eines Künstlers ganz wertlos sind, sind aufgenommen in den Kreis der vertrauten Freunde von tausend jungen Verliebten oder romantisch Lebens-hungrigen. Da gibt es »Goldringelein« und »Ach, bleib lange vom Schlummer gewiegt ...«, es sind Notenhefte, die Abend für Abend zitternd von Händen umgewendet werden, die mit Recht berühmt sind. Die schönsten Augen der Welt haben Tränen über ihnen vergossen, einen traurig-wollüstigen Tribut, um den der reinste Meister der Kunst sie beneiden könnte – es sind Vertraute von Geist und Gedankenflug, die den Kummer veredeln, den Traum steigern; und als Dank für das ihnen anvertraute brennende Geheimnis geben sie berauschende Illusionen von Schönheit zurück. Das Volk, das Bürgertum, die Armee, der Adel haben immer dieselben Briefträger und Trauerträger bei schwerem Unglück und hellstem Glück, und so haben sie auch dieselben unsichtbaren Liebesboten, dieselben sehr geliebten Beichtväter. Es sind die schlechten Musiker. Hier, dieser grauenhafte Refrain, den jedes gut veranlagte und guterzogene Ohr beim ersten Hören von sich weist, er hat den Schatz von tausend Seelen empfangen, er bewahrt das Geheimnis von unzähligen Lebensläufen, denen er blühende Inspiration bedeutet hat und immer bereite Tröstung – denn immer lag das Notenheft halbgeöffnet auf dem Klavierpulte –, es bedeutete ihnen träumerische Anmut und das Ideal. Diese Arpeggien, diese Kadenz haben in der Seele von vielen Verliebten oder Träumern mit paradiesischen Harmonien widergeklungen oder gar mit der Stimme der vielgeliebten Frau. Ein Heft schlechter Romanzen, abgenutzt von vielem Gebrauche, sollte uns rühren wie eine Gruft oder wie eine Stadt. Was liegt daran, daß die Häuser keinen Stil haben, daß die Gräber unter dummen Inschriften oder banalen Ornamenten verschwinden? Auch von diesem Staubhaufen kann sich, kraft einer wohlwollenden, achtungsvollen Einbildungskraft, die im Augenblick ihren ästhetischen Widerwillen zurückstellt, eine Wolke von Seelen erheben, die zwischen den Lippen noch den grünen Zweig des Traumes trägt, im Vorgefühl der anderen Welten, im Nahgefühl zu Schmerz und Freude hier, in der unseren.


XII
Begegnung am Ufer des Sees

Bevor ich gestern zum Diner ins Bois ging, hatte ich einen Brief von ihr empfangen, der eine außerordentlich förmliche Antwort auf meinen verzweifelten Brief vor acht Tagen enthielt – sie sagte kalt, sie fürchte, mir vor ihrer Abreise nicht mehr Adieu sagen zu können. Ich aber, nicht weniger frostig, antwortete ihr, daß dies das beste sei und daß ich ihr einen schönen Sommer wünsche. Dann kleidete ich mich an und fuhr quer durch das Bois in einem offenen Wagen. Ich war unendlich traurig, aber ruhig. Entschlossen, zu vergessen, hatte ich meine Entscheidung getroffen, und alles andere war Sache der Zeit.

Der Wagen fuhr am See entlang. Da bemerkte ich in der Tiefe eines kleinen Weges, der den See in fünfzig Meter Entfernung von der Allee umkreist, eine einzelne Dame, die langsam ging. Ich erkannte sie vorerst nicht. Sie grüßte mich leichthin mit der Hand, und jetzt erkannte ich sie trotz der Entfernung.

Sie war es. Ich grüßte sie tief. Sie sah mich unaufhörlich an, als wünschte sie, ich solle anhalten und sie mit mir nehmen. Ich tat nichts, aber ich fühlte sofort, wie eine fast greifbare Erregung mich übermannte, um mich beinahe zu erdrücken. »Hab' ich's nicht geahnt«, rief ich, »es muß unbekannte Gründe geben, denen zuliebe sie immer die Kalte gespielt hat. Sie liebt mich, die teure Seele.« Ein unendliches Glück, eine unbesiegliche Gewißheit erfaßten mich. Ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und brach in Tränen aus. Der Wagen kam in die Gegend von Armenonville, ich trocknete meine Augen, und vor ihnen erschien, um die letzten Tränenspuren fortzuküssen, der süße Gruß ihrer Hand – auf meine Augen blieben ihre Augen geheftet mit der sanften Frage, mit dem Wunsche, mit mir zu kommen.

Strahlend erschien ich zum Diner. Mein Glück ergoß sich über alle in fröhlicher Liebens-würdigkeit, in herzlicher Dankbarkeit, dazu kam noch die Empfindung, daß kein Mensch wisse, welche Hand, allen unbekannt, mich gegrüßt und in mir das große Freudenfeuer angezündet hatte, deren Strahlenglanz nun allen sichtbar war, und diese Empfindung gab meinem Glücke auch noch den Zauber geheimer Zärtlichkeiten.

Man wartete nur noch auf Frau von T., und sie kam in diesem Augenblick. Es war die banalste Person, die ich je gekannt habe, sie war wohl gut gewachsen, trotzdem außerordentlich widerlich. Aber jetzt war ich zu glücklich, ich mußte jedem Menschen seine Häßlichkeit, seine Fehler verzeihen, und ich wandte mich zu ihr mit einem etwas künstlichen Lächeln.
     »Vor einer Stunde waren Sie nicht so liebenswürdig gegen mich«, sagte sie.
  »Vor einer Stunde?« fragte ich erstaunt, »vor einer Stunde habe ich Sie doch gar nicht gesehen!«
    »Ist's möglich? Haben Sie mich nicht wiedererkannt? Freilich, ich war weit genug. Ich ging den See entlang, Sie kamen stolz im Wagen an mir vorbei, ich habe Sie mit der Hand gegrüßt und hatte nicht wenig Lust, mit Ihnen zu fahren, um mich nicht zu verspäten.«
    »Ach, Sie waren es?« rief ich einigemal aus, und verzweifelt fügte ich wiederholt hinzu: »Ich bitte Sie um Verzeihung, ich bitte Sie sehr.«
   »Was macht er doch für ein unglückliches Gesicht! Mein Kompliment, Charlotte«, sagte die Hausfrau. »Aber trösten Sie sich, denn Sie sind wenigstens jetzt bei ihr.«
    Ich war niedergeschmettert, mein ganzes Glück war dahin.
  Nun gut. Das Fürchterlichste ist, daß das alles nicht spurlos vorüberging. Das Liebe atmende Bild der Frau, die mich nicht liebte, änderte, ungeachtet meiner Einsicht in meinen Irrtum, auf lange Zeit hinaus meine Einstellung zu ihr. Ich versuchte eine Wiederannäherung, ich vergaß weniger schnell. Oft suchte ich mich in meinem Kummer mit der Phantasie zu trösten, ihre Hände seien es in jener Minute gewesen – ich schloß die Augen, um sie wiederzusehen, die kleinen Hände, die mich gegrüßt, die meine Augen getrocknet hatten und meine Stirn so gut gekühlt –, ihre kleinen Hände in den Handschuhen, die sie mir am Seeufer wie zarte Friedenszeichen entgegengestreckt hat, als Symbole der Liebe und der Versöhnung, während ihre traurig fragenden Augen mich zu bitten schienen, ich möchte sie mit mir nehmen.

So wie ein blutiger Himmel den Vorübergehenden warnt, hier sei ein Brand, so gibt es entflammte Blicke, die Leidenschaften verraten, statt bloß deren Widerschein zu geben. Es sind Flammen im Spiegel. Aber dann gibt es auch neutrale, lustige Menschen mit tiefen, düsteren Augen, hinter denen ein Kummer steht, ganz als sei ein Filter ausgespannt zwischen Augen und Seele, und aller lebendige Gehalt der Seele bliebe, sozusagen durchgesiebt aus dem Inneren, in den Augen.

Von jetzt an wird aber ihre ausgetrocknete Seele bloß angeheizt werden von der Glut des Egoismus (und diese sympathetische Hitze des Egoismus kann ebenso anziehend wirken wie ein echter Leidenschaftsbrand abschreckend), und von da an wird die Seele nichts mehr sein als das künstliche Gehäuse von Intrigen. Sind aber diese Augen ohne Unterlaß von Liebe entflammt und von schmachtender Wollust betaut, umglänzt, umwogt, unauslöschlich überflutet – dann werden sie das Universum erschüttern durch ihre tragische Flammengewalt. Zwillingssphären von heute an, ohne Fesseln der Seele, Liebessphären, brennende Satelliten einer auf ewig erkalteten Welt – so werden sie bis zum Tode einen unendlich trügerischen Schimmer ausstrahlen, falsche Propheten, meineidig auch darin, daß sie eine Liebe versprechen, die das Herz nie halten wird.


XIII
Der Fremde

Dominik saß beim erloschenen Feuer und erwartete seine Gäste. Er lud jeden Abend einen großen Herrn zum Abendessen bei sich ein mit einigen geistvollen Leuten, und da er aus gutem Hause war, reich und bezaubernd, ließ man ihn selten allein. Noch waren die Leuchter nicht entzündet, und traurig versickerte das Tageslicht im Raum. Plötzlich hörte er, fern und doch vertraut, eine Stimme sprechen: »Dominik.« Es brauchte nichts als dieses Wort, gehaucht von so nah und von so fern, und schon fühlte er Eisesfrost durch Furcht. Nie hatte er diese Stimme gehört und erkannte sie doch sofort, sein Gewissen erkannte sie wieder als die Stimme seines Opfers, eines edlen, getöteten Opfers. Er suchte, er forschte nach einem vergangenen Unrecht, aber er erinnerte sich nicht. Und doch machte ihm diese Betonung ein altes Verbrechen zum Vorwurf, das er unbewußt begangen haben mußte, für das er aber die Verantwortung trug, und so bestätigte sie in seinem Innern seine Trauer und seine Angst. Er sah auf und erblickte, aufrecht, voller Würde und doch vertraut, einen Fremden dastehen, der eine nicht zu bestimmende und dennoch ergreifende Art an sich hatte. Dominik empfing mit einigen achtungsvollen Worten seine traurige und ihrer selbst sichere Autorität.
    »Dominik, soll ich der einzige sein, den du nicht zu Abend einlädst? Du hast vieles bei mir gutzumachen – aus alter Zeit. Und dann will ich dich lehren, auf die andern zu verzichten, die dich in deinem Alter verlassen werden.«
    »Ich lade dich zum Abendessen ein«, antwortete Dominik mit einer gemachten Ernsthaftigkeit, die er sonst an sich nicht kannte.
    »Ich danke«, sagte der Fremde.
    Keine Krone war eingegraben auf dem Wappenschilde seines Siegelrings, und der Geist hatte auf seinen Worten nicht mit seinen spitzen Nadeln seine hoch leuchtende Spur eingeritzt. Aber aus seinem brüderlichen Blick sprach Dankbarkeit.
     »Willst du mich aber bei dir behalten, mußt du den andern Adieu sagen.«
   Dominik hörte sie schon an die Tür pochen; die Leuchter waren noch nicht entzündet, es herrschte tiefe Nacht.
    »Ich kann sie nicht fortschicken«, sagte Dominik, »ich kann nicht allein sein.«
    »Ja, das wärest du – mit mir zusammen heißt allein sein«, sagte traurig der Fremde. »Und doch solltest du mich bei dir behalten. Du hast alte Schuld gegen mich und solltest sie gutmachen. Ich liebe dich mehr als die anderen und werde dich lehren, wie man sie entbehren kann. Bist du einmal alt, werden sie nicht kommen.«
    »Ich kann nicht«, sagte Dominik.
  Und doch fühlte er, daß er ein edles Glück opferte unter dem Druck einer zum Herrn gewordenen banalen Gewohnheit, die nicht einmal reich genug war, seinen Gehorsam dereinst mit billigen Vergnügungen belohnen zu können.
    »Entscheide dich schnell!« antwortete der Fremde, flehend und stolz zugleich.
   Dominik ging ans Tor, um den Gästen zu öffnen, und ohne den Mut zu finden, seinen Kopf zu wenden, fragte er den Fremden: »Wer bist du denn?«
  Und im Verschwinden antwortete der Fremde: »Die Gewohnheit, der du mich heute opferst, wird morgen noch stärker sein, denn du hast sie genährt mit dem Blute aus meiner Wunde. Sie wird noch tyrannischer werden, denn du hast ihr wieder einmal gehorcht, mit jedem Tage wird sie dich mehr von mir abwenden, sie wird dich zwingen, mich noch mehr zu quälen. Bald wirst du mich getötet haben. Du wirst mich nie wiedersehen. Und doch bist du mir tiefer verpflichtet als den anderen, die dich, bald schon, verlassen werden. Ich bin in dir und doch auf ewig, auf ewig weit geschieden, fast bin ich schon nicht mehr. Deine Seele bin ich, ich bin du selbst.«

Die Gäste waren eingetreten. Man begab sich in den Speisesaal, wo Dominik seine Unterredung mit dem verschwundenen Gaste erzählen wollte, aber angesichts der allgemeinen Langeweile, angesichts auch der großen Anstrengung, die es den Hausherrn kostete, sich eines fast verblichenen Traumes gewärtig zu werden, unterbrach Girolamo zur Zufriedenheit aller und Dominiks selbst die Rede und zog folgenden Schluß:
    »Man muß nie allein bleiben; Einsamkeit ist die Mutter der Melancholie.«
   Dann setzte man sich nieder zum Gelage. Dominik plauderte frisch, aber ohne Freude; indessen fühlte er sich geschmeichelt durch seine prachtvolle Tafelrunde.


XIV
Traum

»Deine Tränen strömten über mich,
meine Lippen haben dein Weinen getrunken.«
Anatole France

Ohne Mühe kann ich mich meiner Meinung über Frau Dorothy B. entsinnen, wie sie am Sonnabend (vor vier Tagen also) war. Zufällig hatte man gerade an diesem Tage von ihr gesprochen, und meine aufrichtige Ansicht war die, daß ich sie ohne höheren Reiz und Geist fände. Ich glaube, sie ist zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre alt. Übrigens kenne ich sie kaum, keine frische, kurz zurückreichende Erinnerung konnte, wenn ich an sie dachte, meine Aufmerksamkeit in besonderem Maße fesseln, ich sah einfach die Buchstaben ihres Namens vor mir und weiter nichts.

Ich legte mich nun an diesem Sonnabend zeitig zu Bett. Gegen zwei Uhr morgens wurde aber der Wind so stark, daß ich aufstehen mußte, um einen schlecht befestigten Fensterladen zu schließen, der mich aufgeweckt hatte. Ich warf nun einen Rückblick auf den kurzen Schlummer, der hinter mir lag, und ich freute mich darüber, daß der Schlummer voll Erholung, ohne Druck, ohne Träume gewesen war. Kaum war ich wieder im Bett, als ich wieder einschlief. Aber im Verlaufe einer schwer abschätzbaren Frist erwachte ich nach und nach, oder besser, ich erwachte allmählich in dem Weltraum der Träume, anfangs ebenso verwirrt, wie man's beim Erwachen in der Erdenwelt ist, aber nach und nach wurde alles klarer. Ich lag am Strande von Trouville, und zu gleicher Zeit war es eine Hängematte in einem unbekannten Garten. Mit sanfter Festigkeit richtete eine Frau ihren Blick auf mich. Es war Frau Dorothy B. Ich war ebensowenig davon überrascht, als ich es am Morgen bin beim Anblick meines Zimmers. Aber ich war auch nicht überrascht von dem überirdischen Zauber, den meine Gefährtin auf mich ausstrahlte, und ebensowenig von den Entzückungen zugleich körperlicher und seelischer Anbetung, die ich ihrer Gegenwart dankte. Wir betrachteten uns wie ein Herz und eine Seele, ein wunderbares Glück, ein wunderbarer Ruhm schlössen ihren Ring um uns, sie teilte alles mit mir, ich dankte ihr von tiefstem Herzen. Dann aber sagte sie mir: »Es ist doch Wahnsinn von dir, mir zu danken; hättest nicht auch du dasselbe für mich getan?«

Und dieses Gefühl (übrigens unerschütterliche Gewißheit), auch ich hätte das gleiche für sie getan, steigerte als das offenkundige Symbol einer unsagbar engen Verbindung meine Freude bis zum Wahnsinn. Sie machte mit dem Finger ein geheimnisvolles Zeichen und lächelte. Und als sei ich zu gleicher Zeit in mir und in ihr, so war mir bewußt, daß es heißen sollte: »Alle deine Feinde, dein Unglück, dein Versagen und Verzichten, deine Schwächen alle – ist alles vorbei?« Ohne ein Wort verstand sie meine Entgegnung, sie sei es gewesen, die mühelos alles siegreich überwunden hätte, alles Leid hätte sie vernichtet und mit magisch wollüstigem Zauber meine böse Zeit gelöst. Sie näherte sich mir, liebkoste mit ihren Händen meinen Hals, streifte sanft die Haare meines Bartes fort, dann sagte sie: »Nun wollen wir zu den anderen, wir wollen ins Leben zurück.« Eine übermenschliche Freude erfüllte mich, ich fühlte die Kraft in mir, dieses Irrlichterglück in die Wirklichkeit zu übertragen. Sie wollte mir eine Blume schenken, zwischen ihren Brüsten zog sie eine Rose hervor, noch geschlossen, gelb, betaut, und sie heftete sie an mein Knopfloch. In diesem Augenblick ward mein Glück durch eine neue Wollust vermehrt. Es war die Rose, die, an meinem Knopfloch befestigt, ihren Liebesduft ausatmete bis zu mir. Ich sah, wie meine Freude Dorothy mit einer mir unbegreiflichen Erregung und Unruhe erfüllte. Genau in dem Augenblick, da ihre Augen (durch mein mysteriöses Doppelbewußtsein war ich dessen gewiß) die leichte Anspannung erfuhren, die um eine Sekunde den ersten Tränen vorausgeht, da waren es meine Augen, die sich mit Tränen, ihren Tränen füllten, wenn ich so sagen darf. Sie näherte sich mir, warf ihren Kopf zurück, legte ihr Haupt an meine Wange, so daß ich die geheimnisvolle Grazie, die reizvollste Lebhaftigkeit an ihr bewundern konnte, und nun züngelte es aus ihrem frischen, lächelnden Munde, und ihre Zunge pflückte meine Tränen alle am Rande meiner Augen auf. Dann schluckte sie sie mit einem kurzen Laut ihrer Lippen: das empfand ich als eine unbekannte Art von Küssen, tiefer und heimlicher aufreizend, als wenn sie mich berührt hätte.

Ich erwachte mit einem Schlage, erkenne mein Zimmer wieder, und ebenso wie der Donner unmittelbar dem Blitze folgt in einem über uns stehenden Gewitter, vereinte sich ein schwindelndes Gefühl von Seligkeit mit dem gleichzeitigen (nicht etwa vorangegangenen) niederschmetternden Bewußtsein, alles Sein sei Schein und alles unmöglich.

Aber trotz aller Vernunftsgründe war nun Dorothy B. nicht mehr die Frau, die sie am letzten Abend noch für mich gewesen war. Die flüchtigen Beziehungen zwischen mir und ihr hatten eine schon verblassende Spur in meiner Erinnerung hinterlassen, wie eine gewaltige Flut hinter sich beim Zurückweichen unbestimmte Furchen zieht. Ich sehnte mich, obgleich im voraus entzaubert, danach, sie wiederzusehen, ich hatte den instinktiven Wunsch und zugleich den klugen Widerstand dagegen, ihr zu schreiben. Wurde ihr Name im Gespräch genannt, erzitterte ich, obwohl er nur das verschwimmende Bild dieser letzten Nachterscheinung mir neu ins Bewußtsein rief. Sie war mir gleichgültiger als jede banale Frau und zog mich mächtiger an als die ersehnteste Geliebte, das berauschendste Geschick und Abenteuer. Ich hätte keinen Schritt getan, um sie zu sehen, und für das andere »SIE« hätte ich mein Leben gegeben. Jede Stunde radiert etwas von dieser Traumerinnerung fort, die in dieser Erzählung schon stark verändert ist. Immer unklarer sehe ich sie vor mir, als wollte ich ein Buch am Tische lesen, wenn der Tag sinkt, wenn es dämmert und die Nacht kommt. Um noch etwas entziffern zu können, bin ich gezwungen, meine Gedanken an sie für ein paar Augenblicke zu unterbrechen, so wie man die Augen schließt, um noch in dem Buch, das sich tiefer mit Schatten füllt, ein paar Buchstaben wahrnehmen zu können.
So verblaßt es aber ist, so hinterläßt es doch noch Unruhe genug in mir, eine Schaumspur oder die Wonne ihres Duftes. Aber auch dies Unruhigsein wird schwinden, und ich werde Frau B. ohne Herzklopfen sehen können. Ihr von diesen Erlebnissen zu erzählen, an denen sie im Grunde nicht beteiligt ist, hätte keinen Sinn.

Ach, die Liebe ist über mich hinweggegangen wie ein Traum, mit derselben geheimen, unerklärten Verwandlungskraft. Ihr aber, die ihr meine sehr Geliebte kennt, ihr, die ihr nicht hinter die Mauern meiner Träume dringen könnt, ihr könnt mich nicht verstehen. Versuchet nicht, mich zu trösten.


XV
Bilder in der Art von Erinnerungen

Wir haben bestimmte Erinnerungen nach Art der holländischen Malerei alten Andenkens, es sind Genrebilder, deren Personen oft niederen Ständen angehören. Gefaßt sind sie in einem ganz alltäglichen Augenblick ihres Daseins ohne besondere Ereignisse, häufig sind sie überhaupt nicht in Ereignisse verstrickt, und auch der Rahmen hat nichts Außerordentliches, nichts Großartiges an sich.

Das Naturell der Charaktere und die Einfachheit der Szene machen ihren ganzen Reiz aus, der weite Abstand gießt zwischen sie und uns ein ruhiges Licht, das ihnen einen Schimmer von Schönheit leiht.

Mein Leben beim Regimente ist voll von Szenen dieser Art; ich habe sie einfach gelebt, ohne große Freude, ohne großen Kummer, und ich erinnere mich ihrer mit sehr viel Milde. Der Charakter der Umgebung war sympathisch, dazu kam die Ungebrochenheit einiger Kameraden, die vom Lande stammten, deren Körper schöner, beweglicher, deren Geist ursprünglicher, deren Herz wärmer und deren Sinnesart natürlicher geblieben waren als bei andern jungen Leuten, mit denen ich vor dieser Zeit und nachher verkehrt habe. Dazu die Ruhe eines Daseins, dessen Obliegenheiten besser geregelt sind, und wo die Phantasie weniger Nahrung erhält als in einer anderen Lebenslage: hier ist die Herzensfröhlichkeit ein um so treuerer Begleiter, als uns dauernd die Zeit fehlt, sie dadurch zu vertreiben, daß man hinter ihr her hetzt – das alles trägt dazu bei, aus dieser Epoche meines Lebens eine (man muß es freilich zugeben) von Lücken unterbrochene Folge von kleinen Bildern zu machen, die voll glückhafter Treue sind, voll eines Zaubers, um den die Zeit den Mantel ihrer sanften Traurigkeit und ihrer Poesie gebreitet hat.


XVI
Meereswind in der Ebene

»Ich werde dir jungen Mohn bringen
mit purpurnen Blumenblättern.«
Theokrit: »Der Cyklop«

Im Garten, in einem kleinen Gehölz, mitten in der Ebene setzt der Wind seinen tollsten, unnützen Eifer darein, die Sonnenflecke auseinanderzutreiben, sie zu verfolgen, indem er wütend die Zweige des Buschwerks schüttelt, unter denen sie sich verborgen haben, bis zu dem funkelnden Dickicht, unter dem sie jetzt zittern und flimmern in unaufhörlicher Bewegung. Die Bäume, die trocknende Wäsche, der Schweif des Pfauen, der sein Rad schlägt, alles zeichnet sich in der durchsichtig klaren Luft mit außerordentlich scharfen, blauen Schatten ab, die mit jedem Windstoße zu huschen beginnen, ohne den Boden zu verlassen, gleich einem Drachen, der ungeschickt in die Höhe geworfen wird. Dieses Hin und Her von Licht und Wind gibt dem Winkel hier in der Champagne eine Ähnlichkeit mit der Landschaft am Meeresstrande. Hier steigt ein Pfad, glühend im Licht und überbraust vom Winde, steil in die Höhe gegen einen nackten Himmel: stehen wir oben, ist es nicht das Meer, was wir weiß schimmernd in Schaumkronen und Sonnenschein unter uns erblicken? Wie an jedem Morgen, kamen Sie auch an diesem, die Hände voll von Blumen und zarten Federn, die dem Gefieder einer großen Holztaube, einer Schwalbe, eines Nußhähers beim Fluge über die Allee entfallen waren. Die Federn zittern noch an meinem Hut, der Mohn entblättert sich an meinem Knopfloch – wir wollen schnell zurück.

Das Haus kracht unter dem Sturme wie ein Schiff, unsichtbare Segel hört man sich blähen, unsichtbare Fahnen draußen krachend flattern. Du aber laß auf deinen Knien den Strauß frischer Rosen ruhen, laß mich mein Herz ausweinen zwischen deinen eng aneinandergeschlossenen Händen ...


XVII
Die Perlen

Ich war morgens heimgekehrt und hatte mich fröstelnd zu Bett gelegt, während mich eine eisige Melancholie bis ins Innerste wahnsinnig erregte. In dieser Stunde standen trennend zwischen mir und dir: deine Freunde von gestern abend – deine Pläne für morgen. – ebenso viele Feinde, ebenso viele Verschwörungen gegen mich – deine Gedanken jetzt, ebensoviel unfaßbare, unerreichbare Gebiete. Jetzt bin ich fern von dir, unvollkommen war deine Gegenwart, eine flüchtige Maske der ewigen Trennung (und doch, wie leicht würden deine Küsse die Maske heben!), und nun scheint mir dies alles doch genug, um mir dein wahres Antlitz zu offenbaren, um alle Wünsche meiner Liebe zu krönen. Man mußte scheiden. In welch eisiger Einsamkeit verbleibe ich fern von dir! Und doch, durch Zauberkraft erneuern sich in trautem Glänze die alten Träume unseres Glücks, sie schweben auf wie eine breite Rauchwolke über einer starken, heißen, hellen Flamme in unzerstörbarer Fröhlichkeit, ohne Unterbrechung erwachen sie zu neuem Leben in meinen Gedanken.

Unter den Decken ist meine Hand warm geworden, und auf ihr ist der Duft der Zigaretten mit Rosenmundstück wiedererwacht, die du mir zu rauchen gegeben hast. Lang atme ich ihn ein, den Mund an meine Hand geschmiegt, und dieser Duft, warm von der Erinnerung, strömt dichte Wolken aus von Zärtlichkeit, von Glück und »Du«. Ach, meine kleine Vielgeliebte, wann kommt der Tag, da ich dich nicht mehr brauche, wo mir die Erinnerung alles Glück bieten kann – jetzt erfüllt diese Erinnerung mein Zimmer ganz –, wenn ich nicht mehr kämpfen muß gegen das unübersteigbare Hindernis deines Körpers. Ich sage es dir in aller Torheit, ich sage es dir, weil ich nicht anders kann: ich kann nicht sein ohne dich. Nur dein Leben gibt dem meinen seine unbeschreibliche Farbe, melancholisch und warm, wie sie es deinen Perlen gibt, die du des Nachts an deiner bloßen Haut trägst. Wie sie lebe ich nur in dir, traurig paßt sich mein Wesen deiner Wärme an, und wie sie muß ich sterben, wenn du mich nicht mehr bei dir behalten willst.


XVIII
Gestade des Vergessens

»Man sagt, der Tod verschöne seine Opfer, er hebe ihre Tugenden ins Licht, aber oft ist es nur das Leben, das sie in den Schatten gestellt hat. Der Tod ist der redliche, der untadelige Zeuge, wenn er gemäß den Gesetzen der Wahrheit und gemäß denen der Nächstenliebe uns beweist, daß meistens das Gute im Menschen sein Böses überwiegt.« Was hier Michelet vom physischen Tode sagt, ist vielleicht wahrer noch in Hinsicht des Todes, der eine große unglückliche Liebe leidenschaftlich beendet. Das Wesen, das uns so viel Schmerz gekostet hat, ist uns nichts mehr, man kann mit dem volksmäßigen Ausdruck sagen, »es ist tot für uns«. Die wirklich Toten beweinen wir, wir lieben sie weiter, wir unterliegen lange noch dem unwiderstehlichen Zauber, der sie überdauert und der uns oft noch zu ihrem Grabe zurückführt. Das Wesen aber, das uns so viel durchkosten ließ und von dessen innerstem Gehalt wir durchtränkt sind, es hat jetzt nicht mehr die Kraft, auch nur den Schatten eines Kummers oder einer Freude auf uns fallen zu lassen. Es ist mehr als tot für uns. Einmal war es uns das Kostbarste auf Erden, dann haben wir es verflucht und verachtet, jetzt ist ein gerechtes Urteil nicht möglich, kaum daß noch die Züge seiner Gestalt sich mit einiger Klarheit vor den Augen unserer Erinnerung abzeichnen, denn diese Augen haben durch die allzulange Betrachtung fast alle Kraft verloren. Dieses Urteil über das geliebte Wesen hat sich so oft gewandelt, so oft hat es durch seine mitleidlose Klarheit unser blindes Herz gequält, so oft haben wir uns selbst die Augen verbunden, um diese grausame Disharmonie zu beenden – nun soll es die letzte Schwingung durchmachen. Wie eine Landschaft, aus der Vogelperspektive gesehen, so erscheint SIE von der Höhe des Verzeihens in ihrer echten Wertung, sie, die »mehr als tot« ist, nachdem sie einst unser wahres Selbst gewesen. Jetzt wissen wir nur, sie hat uns unsere Liebe nicht erwidert, wir verstehen, sie hatte eine wahre Freundschaft für uns. Nicht mehr die Erinnerung ist's, die sie verschönt, sondern die Liebe war schuld und hat ihr Unrecht getan. Wenn einer alles will, wenn ihn aber auch dieses alles unbefriedigt ließe, so erscheint einem solchen Menschen eine kleine Gabe nur als irrsinnige Grausamkeit. Aber jetzt verstehen wir diese Gabe zu schätzen, als großmütiges Geschenk von der Hand der Frau, die sich durch unsre Verzweiflung, unsre Ironie, unsre ewige Tyrannei nicht hat entmutigen lassen. Sie blieb sanft, wie sie es war. Verschiedene Bemerkungen, deren wir uns heute in diesem Zusammenhang entsinnen, erscheinen jetzt duldsam und richtig zugleich; und voll echten Zaubers – es waren Bemerkungen von ihr, der wir kein Verständnis zutrauen wollten, da sie uns doch nicht liebte. Aber im Gegensatz dazu haben wir von ihr mit so viel ungerechtem Egoismus, mit so viel Härte gesprochen. Sind wir ihr nicht tiefer verpflichtet? Wenn diese hohe Flut der Liebeswogen sich auf immer zurückgezogen hat, dann können wir immer noch, wenn wir in unserer Seele wandeln und wandern, seltsame, bezaubernde Muscheln finden, und halten wir diese ans Ohr, dann dürfen wir mit melancholischer Freude und jetzt ohne zu leiden das unfaßbare Raunen von einst vernehmen. So denken wir dann mit Zärtlichkeit an sie, die zu unserem Unglück mehr geliebt ward, als sie lieben konnte. Nun ist sie nicht »mehr als tot« für uns. Sie ist eine Abgeschiedene, deren man leidenschaftlich gedenkt. Die Gerechtigkeit gebietet, wir sollen unser Urteil über sie berichtigen. Durch die allkräftige Macht der Gerechtigkeit wird sie geistig in unserem Herzen wiedergeboren, um vor diesem letzten Gericht zu erscheinen, das wir über sie halten, fern von ihr, die Augen von Tränen verdunkelt.


XIX
Wahre Gegenwart

Wir haben einander geliebt in einem verlorenen Örtchen des Engadins, das einen zweifach süßen Namen trägt, die traumhaft tiefen deutschen Laute verlieren sich in der Sinnenfreude italienischer Silben. Ringsum gibt es drei seltsam grüne Seen, die zwischen tiefen Tannenwäldern liegen. Eisberge und Spitzen schließen den Horizont ab. Am Abend vervielfältigt die Verschiedenheit der Gegenden den Reiz der Beleuchtung. Werden wir je die Spaziergänge am Ufer des Sees von Sils-Maria vergessen, im sinkenden Spätnachmittag gegen sechs Uhr? Hier sind die Lärchen, getaucht in kristallenes Schwarz, hart gegen den blendenden Schnee abgehoben; gegen das bleiche, blaue Wasser fast malvenfarben, wird es ein süßes, leuchtendes Grün, worin die ausgebreiteten Zweige glänzen. Eines Abends war die Stunde uns besonders günstig. In den wenigen Augenblicken des Sonnenuntergangs durchlief das Wasser alle Farbtöne, unsere Seelen die ganze Stufenleiter der Wonne. Plötzlich wandten wir uns um, da sahen wir einen kleinen Schmetterling daherkommen, dann zwei, dann fünf, wie sie die Blumen an unserem Gestade verließen, um über dem See sich zu wiegen. Bald schienen sie eine unfaßbare Wolke fortgewehter Rosen, bald landeten sie an den Blumen am anderen Ufer, sie kamen zurück, um von neuem sanft ihre abenteuerliche Überfahrt zu wagen, und bisweilen zögerten sie, verlockt, über dem kostbar getönten See, der in seinen Farben einer großen sterbenden Blüte glich.

Das war zuviel, unsere Augen füllten sich mit Tränen. Diese kleinen Schmetterlinge, die über den See segelten, kamen und gingen über unsere Seelen – über unsere Seele, die angespannt war von Erregung durch so viel Schönes, bereit, zu vibrieren, zu erbeben –, sie gingen dahin und kamen wie ein wollüstiger Geigenstrich. Die zarte Bewegung ihres Fluges streifte das Wasser nie, aber unsere Augen liebkosten sie, unsere Herzen; jedes Zittern ihrer rosenfarbigen Flügelchen brachte uns einer Ohnmacht nahe. Als wir sie bei ihrer Rückkunft vom anderen Ufer wahrnahmen, als wir ihr Spiel, ihr freies Wandeln über die Wasser entdeckten, da klang eine zauberhafte Harmonie in uns wider. Indessen kamen sie zurück mit tausend Arabesken ihrer Laune, dadurch veränderten sie die einfache Harmonie und zeichneten eine Melodie von märchenhafter Phantasie. Unsere Seele war klangreich geworden, sie lauschte jenem schweigenden Fluge, sie hörte aus ihm eine wundervoll frei gezogene Musik heraus, in der all die sanften, starken Harmonien des Sees sich durchdringend einten mit denen der Wälder, des Himmels und mit unserer eigenen – und mit magischer Süße spielte unser Leben dazu die Begleitung und ließ uns in Tränen ausbrechen.

Ich habe dir nie davon erzählt, und du warst meinen leiblichen Augen fern in diesem Jahre. Aber wie haben wir einander doch im Engadin geliebt! Nie konnte ich genug von dir bekommen, nie ließ ich dich allein daheim. Du begleitetest mich bei meinen Spaziergängen, aßest mit mir an der Tafel, schliefest in meinem Bett, träumtest in meiner Seele mit. Ist es möglich, daß dich ein sicherer Instinkt als geheimnisvoller Bote nicht von diesen kindlichen Einfällen unterrichtet hat, in die du so eng verstrickt warst, daß du hier lebtest, daß du wahrhaft in ihnen existiertest, denn so sehr besaßest du in mir »wirkliche Gegenwart«. So blieben wir eines Tages (keiner von uns kannte Italien ) ganz betroffen von der Bemerkung, die man über Alpgrun machte: »Von hier kann man bis nach Italien sehen.« Wir brachen nach Alpgrun auf. Wir stellten uns vor, die Ansicht der Landschaft, wie sie sich vor dem Gipfel ausbreitete, würde an der Stelle, wo Italien begann, mit einem Male ihren wirklichen harten Charakter verlieren, und es müßte in der Tiefe ein traumhaft blaues Tal sich öffnen. Erst auf dem Wege bedachten wir, daß eine Grenze nicht den Boden des Landes ändern kann, und wenn sie ihn auch änderte, so geschähe dies so unmerklich, daß wir es nicht mit einem Blick merken könnten. Ein wenig waren wir enttäuscht, aber wir lachten beide, daß wir so kindlich gewesen waren.

Ganz betroffen blieben wir aber, als wir am Gipfel angelangt waren: unsere kindliche Phantasie hatte sich vor unseren Augen in Wirklichkeit verwandelt. Eisberge funkelten uns zur Seite. Zu unseren Füßen säumten Gießbäche das düstere Land von Engadin mit dunklem Grün. Dann ein geheimnisvoller Hügelzug, und über malvenfarbene Hänge hin öffnete sich und schloß sich ein blaues Wunderland, eine blinkende Straße gen Italien. Die Namen waren die gleichen nicht mehr, von hier an harmonierten sie mit dieser neuen Süße, man zeigte uns den See von Poschiavo, den Pizzo di Verone, das Tal de Viola. Und dann kamen wir in eine unerhört wilde, einsiedlerische Gegend, hier steigerte die verzweifelt düstere Natur und die Gewißheit, man sei hier von allem abgeschieden, unsichtbar und unbesiegbar, die Wonne gegenseitiger Liebe bis zur Raserei. Jetzt fühlte ich erst mit Schmerz, daß du nicht leibhaftig neben mir warst. Es tat mir im Herzen weh, daß du nur gekleidet in den Mantel des Verzichtes neben mir weiltest, aber nicht in der echten Wirklichkeit meiner Sehnsucht. Ich stieg ein wenig hinab bis zu der immer noch hohen Stelle, wohin der Aussicht wegen die Fremden kommen. In einer einsamen Hütte gibt es ein Buch, in das sie ihre Namen schreiben. Ich schrieb den meinen und dann eine Buchstabenphantasie, die deinem Namen ähnlich sah, denn es war mir unmöglich, auf einen äußeren Beweis deines Nebenmirseins in der wirklichen Tatsachenwelt zu verzichten. Indem ich ein Atom von dir in dieses Buch setzte, war's mir, als ob ich mich um ebensoviel von dem erdrückenden Gewicht befreite, mit dem du meine Seele belastetest. Und dann hatte ich die ungeheure Hoffnung, dich eines Tages heraufzuführen, um diese Zeile zu lesen, und dann würdest du mit mir höher steigen, um mich ganz für diese Traurigkeit zu entschädigen. Ohne ein Wort hättest du alles verstanden, oder besser, alles wäre dir wieder in die Erinnerung zurückgekommen. Während du höher stiegst, gabst du dich mir tiefer hin. Du würdest dich sogar ein wenig auf mich stützen, damit ich nur ja deutlich fühle, du seiest dieses Mal hier, ganz bei mir, und zwischen deinen Lippen, die immer etwas nach türkischen Zigaretten duften, sollte ich alles Vergessen der Welt finden. Und auf dem Gipfel würden wir sinnlose Worte laut herausschreien in dem glorreichen Bewußtsein, niemand, auch noch so fern, könnte uns hören. Bloß die kurzen Gräser würden zittern, leise gestreift vom Höhenwinde. Der Aufstieg würde deine Schritte langsamer machen, ein wenig schwer atmest du, und mein Gesicht nähert sich deinem, um deinen keuchenden Hauch zu fühlen, wir sind beide nicht bei Sinnen, wir wandern dorthin, wo es einen weißen See gibt neben einem sanften schwarzen, wie eine weiße Perle neben einer schwarzen. Wie hätten wir einander geliebt in dem verlorenen Nest im Engadin! Wir hätten niemanden zu uns kommen lassen als die Bergführer, diese hochgewachsenen Männer, deren Augen anderes widerspiegeln als die Augen der anderen Männer, als seien sie aus anderem »Wasser«. Aber ich brauche mich gar nicht um dich zu kümmern. Die Sättigung ist da vor dem Besitz. Ich will dich gar nicht in dieses Land führen. Ohne daß du es verstehst, ja ohne daß du es kennst, rufst du es mit so rührender Treue in die Wirklichkeit! Dein Anblick besitzt für mich den einzigen Zauber, mich sofort zu erinnern an alle diese Namen von fremdartiger Süße, deutsch und italienisch zugleich: Sils-Maria, Silva Plana, Crestalta, Celerina, Juliers, Val de Viola.


XX
Sonnenuntergang von innen betrachtet

Wie die Natur, hat auch die Welt des Geistes ihre Schauspiele. Ein Sonnenaufgang, eine Mondscheinnacht, sie haben, wenn sie mich sonst auch bis zum Wahnsinn, bis zu Tränen ergreifen können, niemals haben sie dieses leidenschaftlichste Zärtlichkeitsgefühl, dieses weltweite, melancholische Entflammtsein in mir erweckt, wie es bei abendlichen Spaziergängen unabsehbar die Wogen meiner Seele durchtränkt, wie eine Sonne, die in ihrem stärksten Glänze unabsehbar in dem Meere untergeht.

So wollen wir denn so schnell wie möglich unsere Schritte in die Natur lenken. Keinen Jäger hat je die beschleunigte Flucht eines ersehnten Wildes mehr bedrückt und berauscht als uns die hochaufgerührten Gedanken, denen wir uns zitternd in Vorfreude hingeben; je mehr wir sie besitzen, je leichter wir sie lenken, desto tiefer, unwiderstehlicher fühlen wir uns an sie gekettet. Mit einer leidenschaftlichen Erregung durchstreifen wir das dunkle Gefild, wir grüßen die nachtbehangenen Eichen, denn sie sind der feierliche Schauplatz, sie sind die heldenhaften Zeugen des Aufschwungs, der uns vorwärts treibt, der uns trunken macht. Wer kann, wenn er die Augen zum Himmel erhebt, sich der äußersten seelischen Entflammung entziehen, wenn er zwischen den Wolken, die noch den Abglanz der letzten Sonne tragen, den geheimnisvollen Widerschein unserer Gedanken wiedererkennt: Tiefer und schneller noch verlieren wir uns in der Ebene, und der Hund, der uns folgt, das Pferd, das uns trägt, oder der Freund, der verstummt – oder doch wenigstens, wenn kein lebendes Wesen neben uns ist, die Blume in unserem Knopfloch, oder der Reitstock, der lustig in unseren fiebernden Händen wirbelt –, eins von diesen allen ist es, was in Blicken und Tränen den melancholischen Tribut unserer Weltentrücktheit empfängt.


XXI
Dem Mondschein gewidmet

Die Nacht war gekommen, ich war in mein Zimmer zurückgekehrt, da es mich ängstlich machte, im Dunkel ohne Blick auf den Himmel, auf die Felder und das sonnenbeglänzte Meer zu verweilen. Als ich aber die Tür öffnete, sah ich das Zimmer erhellt wie von einem Sonnenuntergang. Durch das Fenster sah ich Haus, Felder, Himmel und Meer, oder vielmehr, sie erschienen mir, wie man etwas im Traume sieht: der sanfte Mondenschimmer deutete sie viel eher an, als daß er sie scharf abzeichnete, er umwölkte ihren Umriß mit bleichem Glanz, der die Finsternis nicht verscheuchen konnte. Es war wie ein dichter Schleier, gebreitet um eine vergessene Form. Und ich habe Stunden damit verbracht, im Hofe das Erinnerungsbild der Dinge zu betrachten, matt, stumm, unfaßbar, zauberhaft und entlichtet, wie die Dinge jetzt waren, die mir tagsüber Freude oder Schmerz bereitet hatten mit ihren Schreien, ihren Rufen, ihren Stimmen oder mit ihrem summenden Leben.

Erloschen ist die Liebe, ich habe Angst, die Schwelle des Vergessens zu überschreiten. Aber, befriedet, ein wenig blaß, sehr nah bei mir und doch schon nicht mehr zu fassen, reihen sich hier wie im Mondenglanz all die Tage des geschiedenen Glücks, all mein Kummer ist gestillt – und wie blickt mich dies alles an und schweigt! Dies Schweigen tut mir wohl, indessen die weite Entfernung, der unbestimmbare blasse Glanz mich trunken machen von Trauer und Poesie. Und ich kann meine Augen nicht wenden von diesem inneren Mondschein.


XXII
Kritik der Hoffnung am Lichte der Liebe

Kaum ist eine Zukunftsstunde uns zur Gegenwart geworden, als sie sich in ihrem Zauber schon entblättert. Aber es ist wahr, sie gewinnt ihn wieder, wenn unsere Seele umfassend genug ist, sie erstrahlt in gut geplanten Perspektiven, vorausgesetzt, wir haben sie weit genug hinter uns gelassen, auf den alten Pfaden unseres Gedächtnisses.

So mag die auf Wolkengrund gebaute Stadt, der entgegen wir die Schritte unserer ungeduldigen Hoffnungen und den Lauf unserer ermüdeten Stuten zu größerer Eile angetrieben haben, nach dem Überschreiten der Höhe von neuem widerklingen in verschleierten Harmonien, wenn auch die Banalität ihrer Straßen, das Stillose ihrer Häuser (und doch schienen sie so nahe aneinandergerückt, so schön auferbaut am Horizonte) und die leere Nichtigkeit der blauen Nebelhülle so schlecht ihre unbestimmten Voraussagen eingehalten haben. So wie der Alchimist, der seinen Mißerfolg stets nur den Begleitumständen und jedesmal anderen anrechnet und nie auf den Gedanken kommt, es könne der Essenz, die er gerade in Händen hat, ein unverbesserbarer Fehler anhaften, so klagen auch wir die Bösartigkeit der Begleitwelt in ihren Einzelheiten an, die Bürde, welche auf dem langersehnten Lebensglück lastet, das schlechte Wetter, die unfreundlichen Fremdenherbergen während einer Reise, sie sollen es sein, die unser Glück vergiftet haben. Wir trauen uns ganz sicher zu, die zerstörenden Ursachen aus unserem Genuß abzuscheiden, unaufhörlich rufen wir mit einem bisweilen schmollenden, aber durch eine Traumerfüllung nie zu enttäuschenden Zutrauen (das heißt soviel wie betrogen) nach der geträumten Zukunft.

Es gibt Menschen von reifer und oft mißgestimmter Überlegung, die noch in höherem Maße als die anderen in dem Lichte der Hoffnung ihre hellste Lichtquelle sehen. Diese Menschen erkennen, ach nur zu bald, daß die Hoffnung nicht herrührt von der Erfüllung ersehnter Stunden, sondern nur aus dem überströmenden Quell des eigenen Herzens. Aber was aus diesem Herzen hervorgeht, es ist der Natur fremd, und mag es sich auch in Gießbächen nach außen ergießen, es wird nie stark genug sein, in einem kalten Herde einen Funken zu entzünden. Diese Menschen fühlen die Kraft nicht mehr in sich, das nicht Ersehnenswerte zu ersehnen, sie wollen Träume nicht verwirklichen, deren Blume augenblicklich welkt, will man sie außerhalb des eigenen Herzens pflücken. Diese melancholische Anlage ist in besonderem Maße der Liebe zugehörig, und in ihr rechtfertigt sie sich auch. Das Spiel der Phantasie kommt und geht, es läßt die Hoffnungen nicht einen Augenblick aus dem Spiel, und so schärft es bewundernswert die Spitzen der Enttäuschungen. Die unglückliche Liebe bleibt uns die Probe der glücklichen schuldig, und dadurch hindert sie uns, das Nichtige der glücklichen zu erkennen. Aber welch eine Lehre der Philosophie, welch altersweiser Rat, welcher Überdruß an allem Streben folgt jeder glücklichen Liebe und wandelt ihre Freuden in eitel Melancholie! Mein teures Kind, Sie lieben mich, woher haben Sie die Grausamkeit genommen, es mir zu sagen? Hier liegt nun vor uns dies brennende Glück erwiderter Liebe, und schon der bloße Gedanke daran macht mich schwindeln, läßt meine Zähne im Fieberfrost gegeneinanderschlagen!

Ich zerstöre Ihre Blumen, ich verwirre Ihr Haar, ich reiße Ihren Schmuck ab, ich treffe Ihr Fleisch, meine Küsse bedecken mit Schlägen Ihren Körper, wie das Meer, das gegen den Strand schlägt. Sie selbst entschwinden mir und mit Ihnen das Glück. Man muß scheiden, allein kehre ich heim und traurig. Ich klage dies letzte Mißgeschick an, auf immer kehre ich zurück zu Ihnen. Aber das ist meine letzte Illusion gewesen, die ich zerrissen habe, und mir bleibt nichts als ewiges Unglück.
Ich weiß nicht, wie ich den Mut gefunden habe, Ihnen dies zu sagen, denn es ist mein ganzes Lebensglück, das ich damit unweigerlich von mir werfe, oder doch mein ganzer Trost. Denn von nun an werden Ihre Augen, deren glücklicher Lebensmut mich manchmal berauscht hat, nichts mehr widerspiegeln als die trübselige Entzauberung, vor der Sie Ihre Klugheit und Ihre früheren Enttäuschungen schon im voraus gewarnt haben. Nun haben wir dieses von beiden gegenseitig gehütete Geheimnis laut ausgesprochen, daher gibt es kein Glück mehr für uns. Uns bleiben nicht einmal die leidenschaftslosen Freuden der Hoffnung. Denn auch die Hoffnung ist eine Tat des Glaubens. Sie ist leicht zu hintergehen, und dies haben wir mißbraucht. Sie ist daran gestorben. Aber nachdem wir auf den Genuß verzichtet haben, können wir nicht mehr Zauberfreuden genießen, indem wir ihn erhoffen, denn hoffen ohne Hoffnung, so weise es wäre, es ist unmöglich.

Aber meine teure kleine Freundin, kommen Sie doch näher zu mir! Trocknen Sie Ihre Augen, um schärfer zu sehen, denn ich weiß nicht, ob ich durch meinen Tränenschleier richtig sehen kann – fast ist mir, als würden da in der Tiefe hinter uns große Feuer angezündet. Oh, meine Liebe, meine Teuerste, wie ich Sie liebe! Geben Sie mir, bitte, Ihre Hand, wir wollen uns den schönen Feuern nähern, doch nicht zu nah! Ich glaube, es ist die in sanfter Kraft herrschende Erinnerungsgewalt, die uns Gutes wünscht und die noch viel Gutes für uns zu tun im Begriffe ist, mein Lieb!


XXIII
Unterholz

Wir haben nichts zu fürchten, aber viel zu lernen von dem starken, friedlichen Geschlecht der Bäume, das stärkende Essenzen erzeugt und lindernden Balsam und in deren anmutsvoller Gesellschaft wir so viel frische Stunden in Schweigen und Abgeschiedenheit verbracht haben. Während der brennend heißen Nachmittagsstunden, wenn das Übermaß des Lichtes uns gerade durch seine Überfülle nicht mehr wahrnehmbar wird, da steigen wir in einen normannischen »Grund«, in dem sich mit ihrer ganzen Üppigkeit breite Buchen stolz erheben, deren Laubwerk gleich einem schmalen, aber widerstandsfähigen Uferwall den Ozean des Lichtes zerteilt und zurückwirft und nichts von ihm zurückhält als ein paar Tropfen, die melodisch in die schweigende Finsternis des Unterholzes hinabsintern. Unser Geist hat nicht wie am Ufer des Meeres oder auf den Bergen seine Freude daran, sich auszubreiten über die Erde, dafür aber das Glück, von ihr geschieden zu sein. Von allen Seiten geschützt durch Stämme, die zu entwurzeln keine Menschenhand stark genug ist, schwingt er sich in die Höhe wie die Bäume. Wir liegen auf dem Rücken, das Haupt auf trockene Blätter gebettet; aus dem Schöße einer tiefen Befriedung heraus können wir der fröhlichen Beweglichkeit unseres Geistes folgen, der emporsteigt, ohne auch nur ein Blatt zum Zittern zu bringen, bis zu den höchsten Zweigen, wo er endlich ausruht, am Gestade eines sanften Himmels, nahe einem Vogel, der singt. Hier und da ist ein wenig Sonne gestockt am Fuße der Bäume, die sich wie im Traume die äußersten Enden ihrer Zweige von ihr tränken und vergolden lassen. Alles andere ist erschlafft und unbeweglich, und so schweigt es in stummem Glücke. Hoch aufgeschossen, steil aufgerichtet mit der weit gespannten Opfergebärde ihres Gezweiges und dennoch beruhigt und friedevoll stehen die Bäume da, und durch diese sonderbare und natürliche Haltung laden sie uns unter anmutvollem Rauschen ein, unser Herz einem Leben zu weihen, das so antik, so modern, so verschieden ist von unserem, dessen dunkle, verborgene, unerschöpfbare Hilfsquelle es zu sein scheint.

Ein leichter Windhauch verwirrt auf eine Sekunde die funkelnde, düstere Starre, schwach beben die Bäume, sie wiegen das Licht auf ihren Wipfeln und bewegen den Schatten zu ihren Füßen.
Petit-Abbeville (Dieppe), August 1895


XXIV
Die Kastanienbäume

Vor allem liebe ich es, unter den ungeheuren Kastanienbäumen stehenzubleiben und zu verweilen, wenn sie im Herbste vergilbt sind. Wie viele Stunden habe ich schon in diesen geheimnisreichen grünen Grotten damit verbracht, über meinem Haupte die rauschenden Kaskaden von blassem Gold zu betrachten, wie sie Frische und Schatten spendeten in vollen Zügen. Ich beneide die Rotkehlchen und die Eichhörnchen um ihre zarten, tiefen Zellen im Grün der Zweige, diese antiken hängenden Gärten, die seit zwei Jahrhunderten jeder Frühling neu mit weißen, duftenden Blüten schmückt. Die Zweige sind kaum merklich gekrümmt, in edler Linienführung beugen sie sich vom Stamme zur Erde, als seien es andere Bäume, in dem Stamme gepflanzt und von dort aufwachsend, mit der Krone zur Erde geneigt. Die Blätter, die noch dageblieben waren, ließen durch ihren blassen Schein jetzt besonders deutlich die Äste hervortreten, die, nun entblättert, wuchtiger erscheinen und schwärzer. Und so eng halten und schmiegen sie sich an den Hauptstamm, daß sie wie ein wundervoller Kamm das sanfte, ausgegossene, blonde Haar zurückzuhalten scheinen.
Reveillon, Oktober 1895


XXV
Meer

Das Meer wird immer die Art Menschen faszinieren, bei denen Lebensüberdruß und magnetische Anziehungskraft des Mysteriums dem ersten Kummer noch zuvorgekommen sind, als seien das Ungenüge alles Wirklichen und seine Ohnmacht vorausgeahnt. Diese Art braucht Ruhe, bevor sie noch die Ermattung richtig empfunden hat, und das Meer wird sie trösten, es wird sie heben, wer weiß wohin?

Es trägt nicht wie die Erde die Spuren menschlicher Arbeit, menschlichen Daseins. Nichts hat seine Stätte hier, bleibend ist nur das Flüchtige, und wenn Barken das Meer durchqueren, wie schnell ist die Schaumspur verschwunden. Diese hohe Keuschheit hat nur das Meer, die Dinge der Erde besitzen sie nicht. Dieses ewig jungfräuliche Wasser ist viel zarter als die verhärtete Erde, die einer Hacke bedarf, will man sie durchbrechen. Schon der Schritt eines Kindes in das Wasser höhlt eine tiefe Spur, er gibt einen deutlichen Ton; was an inniger Färbung hier im Wasser vereint war, in einem Augenblick ist es geschieden, aber bald ist die letzte Spur wieder geglättet, das Meer ist ruhig wie am ersten Tag der Schöpfung. Wer der Wege der Erde überdrüssig ist, wer sie kennt, ohne sie gegangen zu sein, in ihrer ganzen Banalität und in ihrer Härte – der wird der Verführung der bleichen Meereswege nicht widerstehen, die gefährlicher ist und sanfter zugleich, ungewiß und einsam. Alles ist hier geheimnisvoller bis zu den großen Schattenflächen, die bisweilen friedlich über die leeren Gefilde des Meeres streifen; ohne Häuser, ohne Schattendach breitet sich die Fläche der See aus, und über ihr die Wolken weit, die Dörfer des Himmels, dies unfaßbare Geäst.

Das Meer hat den Zauber aller Dinge, die auch nachts nicht zur Ruhe kommen, die aber unserem unruhigen Dasein die Möglichkeit des Schlummers geben, ein Zusage von Ruhe, welche nichts zerstören kann und wird, so wie die Nachtlampe für die Kleinen, die sich weniger einsam fühlen, wenn sie leuchtet. Das Meer ist nicht wie die Erde vom Himmel geschieden, immer bleibt es im Einklang mit seinen Farben, es schmückt sich mit seinen zartesten Nuancen. Unter der Sonne strahlt es, jeden Abend scheint es mit ihr zu sterben. Ist die Sonne dahin, so hört es nicht auf, ihr nachzutrauern, etwas von ihrem strahlenden Andenken zu wahren, im Gegensatz zur Erde, die sich weithin ins gleiche düstere Kleid hüllt.

Im Anblick dieses sanften melancholischen Widerscheins fühlt man sein Herz gelöst. Ist die Nacht beinähe ganz hereingebrochen und ist der Himmel düster über der in Schwärze getauchten Erde, dann leuchtet die See noch in schwachem Schimmer, man weiß nicht, durch welche geheimnisvolle Kraft, durch welche glanzerfüllte Reliquie des Tages, der unter den Meereswogen dahingegangen ist.

Sie belebt unsere Einbildungskraft, denn sie zieht uns vom Leben der Menschen ab, aber sie hebt uns freudig empor, denn sie ist wie die Seele ein unbegrenztes, wenn auch unzulängliches Streben nach oben, ein Elan, unaufhörlich gehemmt von Sturz, eine Klage, sanft und ohne Anfang noch Ende. Zauberhaft ist sie wie die Musik, die nicht wie die Sprache vom rauhen Atemhauche der Dinge umgeben bleibt, sie schweigt von Menschen, aber sie folgt den Regungen unserer Seele nach. Unser Herz strebt feurig empor mit ihren Wellen, es sinkt mit ihnen zurück, so vergißt es sein eigenes Versagen. Was sie tröstet, ist eine innere Harmonie zwischen der Seelentraurigkeit und der Meerestraurigkeit, und eins wird ihr Geschick mit dem der Welt.
September 1892


XXVI
Marine

Den wahren Sinn mancher Worte habe ich verloren. Vielleicht muß man die Dinge dazu bringen, daß sie mich alle Worte wiedersagen lassen; denn diese Dinge haben seit so langer Zeit ihren Weg in meinem Innern sich gebahnt. Wohl ist er seit Jahren verlassen, aber man kann ihn wiederfinden, denn er ist, ich glaube daran, nicht für immer verschüttet. Ich müßte zurück in die Normandie, nicht um besonders meine Kraft zu erproben, sondern bloß einfach, um am Meeresstrande spazierenzugehen. Oder besser noch, die Wege zu wählen unter den Bäumen, von wo man von Zeit zu Zeit das Meer wahrnimmt oder seinen Atem, den Duft nach Salz, nach feuchten Blättern und nach Milch. Ich müßte nichts von diesen Heimat-Dingen fordern. Sie sind voll schenkender Großmut gegen das Kind, das sie bei seinen ersten Schritten auf der Welt gesehen haben, und von sich aus würden sie mir alle vergessenen Dinge ins Gedächtnis zurückrufen. Vor allem würde sein ganzer Duft mir das Meer ankündigen, bevor ich es gesehen. In der Ferne würde ich es hören. Ich würde einen Weg zwischen Hagedornbüschen gehen, in zärtlichstem Gefühl, ich kenne es lange schon, auch unter einer gewissen Angst, und plötzlich, durch einen wilden Riß in der Hecke, sehe ich mit einem Male die unsichtbar gegenwärtige Freundin, die tolle, die sich immer beklagt, die alte Königin der Wehmut: die See. Mit einem Schlage sehe ich sie! Es ist ein dumpf brütender Tag unter blendender Sonne, sie ist der Widerschein der Himmelsbläue, nur blasser. Wie Schmetterlinge sind weiße Segel dem unbewegten Meere aufgesetzt, sie sind gelähmt von der Hitze, sie regen sich nicht. Oder das Meer ist im Gegensatz dazu hoch aufgerührt, gelb unter der Sonne, wie ein gewaltiges Ackerfeld, mit Kämmen, die unbeweglich scheinen aus so großer Entfernung, unter ihrer hohen Krone aus blendend weißem Schnee.


XXVII
Segel im Hafen

Zwischen seinen niedrigen Kais erstreckte sich der Hafen langhin wie eine Straße aus Wasser, worauf das Licht des Abends glänzte. Hier blieben die Vorübergehenden stehen, um die versammelten Schiffe anzustaunen, als seien es Fremde, am Abend gekommen und gewillt, morgens weiterzureisen. Diese aber ließ die Neugier, die sie bei der Masse erregt hatten, gleichgültig, denn sie schienen deren Niedrigkeit zu verachten oder deren Sprache nicht zu kennen, und so bewahrten sie in der feuchten Herberge, wo sie sich für eine Nacht aufhalten sollten, ihre schweigende, unbewegliche Haltung. Der solide Bau des Vorderstevens sprach nicht minder von künftigen weiten Reisen als von Seeschäden der Ermattung, die sie auf ihren gleitenden Straßen schon hinter sich gelassen, Straßen, die so alt waren wie die Welt und so neu wie die Passage, die über sie hinführte und deren Spur verging. Schmächtig und doch voll Widerstand hatten sich diese Schiffe mit ernster Kühnheit gegen den Ozean hin gedreht, den sie beherrschen und der sie doch vernichtet. Das wunderreiche, sinnvolle Takelzeug spiegelte sich im Wasser, wie eine präzise, vorausblickende Intelligenz untertaucht in dem ungewissen Schicksal, das sie über kurz oder lang zertrümmern wird. Eben erst hatte man sie aus dem Bereich des schönen wilden Lebens gezogen, wohin sie morgen von neuem den Weg antreten sollten, und so waren ihre Segel noch geschmeidig von dem Wind, der sie eben noch gebläht, ihr Bugspriet schnitt schräg gegen das Wasser ab – wie gestern noch während der Fahrt, und vom Vorderschiff bis zum Heck schien das Muschelrund die geheimnisvolle und biegsame Grazie der Fahrt bewahrt zu haben.


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