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Marcel Beyer: Dämonenräumdienst

Rezensionen/Verlage


Franz Hofner

Marcel Beyer: Dämonenräumdienst. Gedichte. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2020. 173 Seiten. 23,00 Euro.


In vielen Lyriker-Biographien folgt der Phase der ersten staunenden Selbsterkundung eine Ermüdung am Sujet des eigenen Daseins, und der Blick wendet sich nach außen. Reisen, das Fremde, Außenwelt fesselt den Blick, andere Sichten und anderes Denken reflektiert sich im lyrischen Spiegel. Bis das Selbst wieder unverstellt in den Blick fallen und gefallen kann, darf Zeit verstreichen. Viele Dichter kehren nie wieder dort, bei sich zuhause, ein, und bei manchen von denen, die es taten, wünscht man sich, sie hätten es nicht getan. Denn gelegentlich ist des Dichters Ich im Kern so unterschiedlich nicht von dem andrer Menschen. Es ziehen im Lauf des Lebens die Ressentiments ein, es hausen Ärger, Ängste, Spleen gewordene Lieblingsthemen. Unverdaute Feindschaften rumoren in den hellen wie in den finsteren Räumen, durchzogen von Dämonen ist die Innenwelt, wie aktuell das nächtliche Weiße Haus vom schlaflosen, tödlich beleidigten Trump. Wie kommt man von denen los, welche Rolle spielt das Ich in dieser Dämonenschar?

Auch in Beyers Buch mäandert die Frage nach der schreibenden Selbstvergewisserung oft durch die Texte, diese Instanz ist immer präsent und mit sich uneins: „Ich brauche morgens viel zu lange, / bis ich mich fremdgeschrieben / habe.“ (November) Wie also kann das geräumt werden, dieses besetzte zuhause - Häuschen? Wie ruft man die Ghost Busters, wenn man bei sich wieder einziehen will? Kommen sie mit schwerem Plasma-Gerät, wie seinerzeit - 1984 - Bill Murray und Konsorten in Dan Aykroyds Komödie? Marcel Beyers Buch geht dieser Frage zumindest im Titel nach, der – leicht und ironisch umspielt – jenen Dämonen-Raum nach draußen verlagert. Räumdienst – ein Fall für die Straßenmeistereien, die im winterlichen Alltag die Konturen verdeckenden Schneeschichten mit ihren Schiebern an die Ränder und darüber hinaus bugsieren. Dieses Leichte, humorige des Titels durchzieht fast alle Abteilungen des Buches und ist vielleicht seine wichtigste Essenz - der Humor ist stets gut darin, dem wahrhaft Dämonischen zu Leibe zu rücken. Mit Ausnahmen: im letzten Block des Buchs, der Bunkerkönigin, ist das Aufräumen vor dem inneren Auge in moorig-gräuliche Bilder gebracht, dort herrscht eine Atmosphäre, die weder Atem noch Sphären duldet: die gesamte Last der mehr gewussten als geahnten Untergründe einer in den Kellerräumen überwinternden Vergangenheit tritt dort in alptraumhafter Hässlichkeit hervor, tritt vor ein Auge, das diesen Wesen keine Plattform bieten will.

Doch beginnen wir mit dem freundlicheren Beginn, bei „Farn“, einer Sammlung von Gedichten zu Siebdrucken seiner Partnerin Jacqueline Merz. Ein Dichter, den eine Überdosis Pferdekrimis in die Schwermut trieb, dem ist, ‚als lebte ein fremder Hund in seiner Nase‘ (Die Blutbude), der mit seiner Tchibo-Taschen-lampe um den grauen Sprachsee streift - ‚manches muss man zerschreiben‘ (Schrot), wo Fünf Rezepte gegen Krötigkeit in den Binsen liegen, und am Rand lauere ‚ein Deutsch ohne Hüfte‘. Eine wilder Galopp durch eine Manege voller Sensationen. Nie nur unterhaltsam, nicht immer freundlich, genauer gesagt: fast nie ist es nur freundlich, manchmal böse, bissig. Beim zweiten Lesen quillt an vielen Stellen die Bildwelt aus dem Reich der Bunkerkönigin bereits ans Licht, sendet bereits seine dunklen, roten Signale, doch das kann hier alles noch Spiel sein: „Auf jedem Etikett / steht BAMBI, in einer Handschrift, // derart zierlich, derart akkurat – / dem Grapho-logen gefriert / das Blut in den Adern. So schreibt / ein Mensch nur nach der Tat.“ (Bambi)

Marcel Beyer hat bekanntlich die eine oder andere Tat schon vollbracht, viele Auszeichnungen sind im deutschen Sprachraum nicht mehr übrig, die er sich noch ans Revers heften könnte. Dem lange gegorenen und vielfach ausgezeichneten „Graphit“ steht in diesem Band ein Werk gegenüber, das in fast Stolterfoht‘scher Rasanz sein Themenfeld abschreitet - und es wird deutlich, dass es manchen Lyrikbänden sehr gut tut, wenn sie nicht zu lang auf der Herdplatte schmurgeln - neben Neu-Jerusalem von Ulf Stolterfoht weisen auch Monikas Rincks Honigprotokolle eine ähnliche Dichte auf. Alle Drei lassen einen gewissen Flow im Entstehungsprozess vermuten und zeigen eine hohe Konzentration in der Komposition. Es dürfte kein Zufall sein, dass allen diesen Büchern eine schlichtes, aber streng durchgehaltenes Gestaltungsprinzip zu Grunde liegt. Bei Beyer sind es 10 Strophen a 4 Zeilen, bei allen spielen Querverweise, serielle Elemente, locker verteilte Binnenreime und Alliterationen eine markante Rolle.

Diesen Flows ist eigen, dass sie vieles mit sich reißen, was im Weg liegt, und mancher Findling sich in einer neuen Rolle mitten im Geschehen umspült findet, der ohne den Schwung nur Fremdkörper wäre. Mein Eindruck als mit Beyer fast gleichaltriger Leser jedenfalls, und mein Vergnügen mit den (sicherlich nicht vollständigen) Andeutungen, die sich mir erschlossen haben, war groß. Halb vergessene Figuren, Lieder, Floskeln, ein riesiger Fundus von vielen kleinen feinen Referenzen schlummert im Dämonenbuch. Der angedeutete Humor wird es wahrscheinlich bei jüngeren Semestern schwerer haben. Nur ein Beispiel‚ „ich verdrosch nen Mann / in Reno, nur um mal zu sehn, / wie jemand bei der Schuhanprobe / auf die Bretter geht.“ Vielleicht ist der Folsom Prison Blues dank des ‚I walk the line‘-Filmes noch/wieder Allgemeingut, der Hint auf Johnny Cash wird immerhin gegeben, genauso wie sich Beyer den pennälerhaften Scherz mit Steno in Reno gibt. Das tut nicht weh, ebenso wenig wie Formulierungen wie ‚Moshammer. Ein Wort wie Baggerblut.‘ wehtun - das Buch strotzt von gelungenen Wortsalti, die den immer greifbaren Kontext der Texte in eine verdrehte Wirklichkeit katapultieren. Genauso wie es wimmelt von Engführungen, die Beobachtungsgesten auf den Grund gehen: ‚Ist den ganzen / Tag wenig Licht und den ersten // Tag Schnee. Man möchte schon fast / die Fensterscheibe abtasten, ehe / man in den Himmel schaut.‘ (Orakel, ein die feine Kunst der Skapulimantik zitierendes Gedicht). „Meine Zähne sind mir zu klein.“ (November) Allein schon dieser Reichtum an Sprachphantasie hebt das Buch über den Durchschnitt der aktuellen Lyrik weit hinaus.

Um was geht es? Der Autor als nicht mehr junger Dichter, das ist in den Texten gesetzt. Er sieht einen Mann in einer fremden Stadt, in einer Kellerluke, wie erhängt. „Du weißt wie er, mit fünfzig fängt / die Zunge an zu faulen, // insbesondere beim Mann. Vorbei / sind die Jahre, in denen Text / auch einmal weggeknistert werden / darf, alles zu Sagende will // fortan gebastelt sein. (...) Unterm / Arbeitslicht sind ihm seine / Schrauben durcheinandergekullert / wie geistesgestörte kleine / Hengste. Er hat etwas gebastelt, / hat vorgezeichnet, gesägt / und angepaßt - aber was? Jemand / beginnt zu singen: Trachte die // Vernunft zu stillen, die dem Glauben / widerbellt, reinige den argen / Willen von dem Plunder dieser Welt. / Nun zieht dich die Luke an.“ (Später dann).

Es wäre deutlich eine Überinterpretation, das ganze Buch nur vom Titel her lesen zu wollen. Zumal Dämon ein Begriff ist, der ja etwa bei Platon noch ganz andere Seiten hat, die dem heutigen Sprachgebrauch diametral entgegenstehen. Dennoch spielt der Rückbau oder mindestens das zur-Schau-Stellen von illegitimen Gespenstern, die den Innenraum besetzen, eine starke Rolle. Insofern müssen viele Texte nicht sonderlich gestreckt werden, um diese Motivik durchscheinen zu lassen. Was setzt er den Dämonen entgegen? Nun, von einem Lyriker wird kaum jemand trotz des zitieren Lob-Lieds eine Vernunft-Religion erwarten, zu essentiell sind die kleinen spirituellen Übersprünge für jede kreative Sprachformung. Andererseits ist Beyer alles andere als ein Platoniker - und eine metaphysische Überblendung der Wirklichkeit ist ebenso konträr zu Beyers Sprachstil und -spiel, wie es eine romantisierende Eingliederung der immer vorhandenen Bösen Blumen in die Rabatten der modernisierten Gefühlslyrik wäre.

Beyers Ansatz scheint mir zu sein, dass alles, was Emotion werden soll, zuerst Gegenstand werden muss. Ohne Material gibt es bei Beyer keine Empfindung, sie wird getränkt in Objekte, wird durch den Sachenwolf gedreht, bis die fremden Sprachbrocken oder auch der moosige Sprachglibber hängen bleibt und die vertriebenen Alt-Geister in den Dingen zu sprechen beginnen. Sein Räumdienst bewirkt, dass die im alltäglichen Sprachvollzug verwendeten metaphysischen Inhalte ihre eigenartige dämonische Spiritualität aus den Alt-Vorderen-Zeiten hinter sich lassen und mehr physisch als Meta, gebannt in Marder und Feige, in Elvis und Cash und Fohlen Frantic, kurz als ‚eine Salve Libellentee‘ die Seiten durchschießen. Ein zweifelsohne modernes, ein für Lyrikleser unverzichtbares Buch!


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