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Manfred Schlüter: Tanze nachts auf wilden Wellen

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Florian Birnmeyer

Manfred Schlüter: Tanze nachts auf wilden Wellen. Gedichte. Weitra (Bibliothek der Provinz) 2025. 112 Seiten. 20,00 Euro.


Manfred Schlüter wurde 1953 in Kellinghusen in Schleswig-Holstein geboren. Nach einer Lehre als Tiefdruckretuscher in Itzehoe studierte er Grafikdesign in Hamburg. Seit 1980 gestaltet er Bilder für Bücher, seit 1991 erscheinen auch eigene Bücher mit selbstverfassten Texten. Heute als Illustrator, Autor und freier Künstler, lebt er bereits seit 1978 in Hillgroven in Dithmarschen, wo er von 2013 bis 2018 zudem Bürgermeister war. 1983 erhielt er den Friedrich-Hebbel-Preis, 2008 den Friedrich-Bödecker-Preis, 2017 den Kulturpreis des Kreises Dithmarschen.

Neben Bilderbüchern, Erzählungen sowie illustrierten Kinder- und Jugendbüchern hat Manfred Schlüter immer wieder auch Gedichte veröffentlicht, etwa ReimeEimer – 8 x 8 Gedichte für kleine und große Menschen von 8 bis 88 (Boje Verlag, 2006) oder Guruku Gugukuru – Gedichte für Kinder und andere Menschen (Verlag Bibliothek der Provinz, 2020). Mit Tanze nachts auf wilden Wellen erschien 2025 nun ebenfalls in der Bibliothek der Provinz ein Band, der sich ausdrücklich an ein erwachsenes Publikum richtet.
Zunächst mag es ein wenig überraschen, dass ein norddeutscher Autor seine Texte in einem österreichischen Verlag veröffentlicht. Doch schon der Name Bibliothek der Provinz scheint gut zu einem Buch zu passen, das sich den Räumen jenseits der Metropolen widmet und dem Leben in Dörfern, kleinen Städten und Randlagen poetische Aufmerk-samkeit schenkt. Tanze nachts auf wilden Wellen ist ein Band, der das Abseitige nicht folkloristisch ausstellt, sondern ernst nimmt. Er erzählt von Überschwemmungen und Erntedankfesten, vom Anschluss an das öffentliche Netz, vom Verlieben, vom Trinken bei Dorffesten, vom Meer und vom Wasser, kurz: von den Geschichten, die sich im ländlichen Raum ablagern und oft allzu leicht übersehen werden.
Schon früh wird deutlich, welche Kraft das Motiv des Was-sers in diesem Band besitzt:

Vierunfünfzig
das Jahr der Nässe
schwere Wolken zogen
seit Wochen schon
dunkelblau fast schwarz
und Regen fiel
              und Regen fiel
                             und Regen fiel
überflutete das Land
die Wiesen Weiden Äcker

Das Wasser ist hier nicht bloß Naturphänomen, sondern Erinnerungsraum, Bedrohung, Lebensbedingung und poetisches Grundelement. Bereits der Titel Tanze nachts auf wilden Wellen trägt dieses Motiv in sich. Er hat etwas Beschwingtes, fast Beschwörendes, und verbindet die Vorstellung von Bewegung mit einer leisen Verheißung. Man denkt an Fest und Gefahr, an Ekstase und Ausgesetztsein, an die Freude des Aufbruchs ebenso wie an die Unberechenbarkeit der Elemente. Vielleicht liegt gerade in dieser Schwebe der Reiz des Titels: Er kündigt nicht einfach ein Thema an, sondern eine Haltung, ein Sich-Hineinbegeben in eine Landschaft und ihre Stimmungen.

Dem Band ist, passend und zugleich überraschend, ein Gedicht von Rose Ausländer aus Mein Atem heißt jetzt vorangestellt:

Hinter dem Himmel
schlafen die Märchen

Wer weiß den Weg
wer hat den Schlüssel
wer weckt sie

Diese Verse setzen einen Ton, der auch Schlüters Gedichten eigen ist: etwas Suchendes, Leises, Offenlassendes. Tanze nachts auf wilden Wellen wirkt einerseits verträumt und von stiller Fantasie getragen, andererseits bemerkenswert bodenständig. Das Buch verliert nie den Kontakt zu den konkreten Lebensverhältnissen der Menschen im „flachen Land“, zu ihren Sorgen, Routinen und Abhängigkeiten:

Wisch den Schlaf mir
aus den Augen
schieb die Träume fort und schaue
auf das flache Land

Gerade darin liegt eine Stärke dieses Bandes. Schlüter gelingt es, poetische Wahrnehmung und regionale Wirklichkeit miteinander zu verbinden. Seine Sprache kann sehr bildhaft sein, dann wieder schlicht, konkret und fast nüchtern. Diese Wechsel gehören zum Charakter des Buches. Immer wieder werden die Gedichte durch sachliche Passagen unterbrochen, durch Texte, die etwa auf Plinius den Älteren zurückgehen oder aus Amtsblättern stammen. Das ist ein ungewöhnliches Verfahren, das dem Band eine eigene Textur verleiht. Die lyrische Stimme bleibt dadurch nicht für sich, sondern tritt in ein Spannungsverhältnis zu dokumentarischen, historischen und administrativen Sprechweisen. Gerade diese Montage macht den Band besonders. Sie öffnet das Gedicht hin zur Geschichte, zum Archiv, zur materiellen Wirklichkeit des Landes.

Auch als Buch scheint Tanze nachts auf wilden Wellen sehr sorgfältig gestaltet zu sein. Die Sachtextpassagen sind mit einer braunen, an Papyrus erinnernden Illustration hinterlegt, und überhaupt ist der Band liebevoll ausgestattet. Das wirkt nicht dekorativ im bloß äußerlichen Sinn, sondern unterstützt den Eindruck, dass hier ein dichterisches und visuelles Ganzes vorliegt.

Die Gedichte lesen sich als eine Hymne an das Meer, an das flache Land und an die Geschichten, die sich dort im Lauf eines Lebens ansammeln. Sie sind Rückblick und Bilanz, manchmal fast Chronik. Sie halten fest, was war, was ist und was vielleicht bleibt. In diesem Sinn kann man das Buch auch als eine poetische Form von Geschichtsschreibung lesen, als Versuch, die Nordseeküste und das Leben ihrer Bewohner literarisch zu bewahren, ohne sie zu verklären. Schlüter schreibt nicht über das Land hinweg, sondern aus seiner Nähe.

So entsteht ein Band, der Regionalität als Erfahrungsraum begreift. Tanze nachts auf wilden Wellen zeigt, dass das vermeintlich Kleine, Abgelegene und Provinzielle ein eigener poetischer Kosmos sein kann. Vielleicht ist es gerade deshalb folgerichtig, dass dieses Buch in der Bibliothek der Provinz erschienen ist. Denn Schlüters Gedichte geben jenen Räumen eine Stimme, die oft am Rand liegen und doch voller Geschichten sind.


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