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Lyrikpreis München 2021 - Die Anthologie

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Timo Brandt

Lyrikpreis München 2021: Luthers Beitrag zur Mündigkeit des Menschen und das Krisenbewusstsein unserer Zeit. Anthologie. München (Aphaia Verlag) 2022. 195 S. 19,00 Euro.

Mündigkeit, Findigkeit, Feinheiten


Wer sich bis heute noch nicht die Anthologie zum Lyrikpreis München 2021 gekauft, wer sie bis jetzt noch keines Blickes gewürdigt hat, dem sei sie, gleich zu Anfang, schon wegen der einleitenden Worte von Kristian Kühn ans Herz (oder gar an die Seele?) gelegt. In seinem knapp vier Seiten umfassenden Vorwort, das sich als Einführung zur vorgegebenen Thematik (sowie als Erläuterung des Aufbaus der in fünf Kapitel unterteilten Anthologie) ausgibt, ist vielmehr eine prägnante, essayistische Darstellung der existenziellen Geworfenheit des Menschen im 21. Jahrhundert.

Welchen Wert, welche Kraft, welche Bedeutung hat die Idee der Selbstverantwortung, der individuellen Stimme, fragt Kühn, in einer Zeit wie der unseren, die vor allem von umfassenden und generellen Bedrohungen und Hoffnungen durchzogen ist? Von dieser Frage ausgehend, mit einigen gezielten Abschweifungen, zeigt er den Leser*innen einen gangbaren, durch ihr eigenes Schicksal führenden Weg in die Fülle der versammelten Texte und weist sie alle (ohne sie auf einen Nenner zu bringen) als Zeugnisse zu elementaren Fragen aus, die über Luther und die Mündigkeit hinausweisen, aber an dieser Figur und ihrem Wirken exemplarisch verhandelt, zumindest entzündet werden können.

Eine Vielzahl von Autor*innen hat diesen Funken aufgenommen und im Lichte ihrer Stimmen, ihrer Ausführungen (und der darin aufgeworfenen und zerschlagenen Erkenntnisse) lässt sich der ganze Umfang, den Kühn in seinem Vorwort andeutet, ermessen. Allen voran die Gewinnertexte von Ruth Johanna Benrath und Yevgeniy Breyger, aber auch die Beiträge von Autor*innen wie Martin Piekar, Rike Scheffler, Jan Kuhlbrodt oder Daniela Seel, tauchen in den fünf Kapiteln „Genesis und Apokalypse“, „Die Getreuen der Kirche“, „Conditio humana damals und heute“, „Deus absconditus“ und „Selbstüberhöhung, Selbstüberwindung“ die Schöpfung wie auch die Mündigkeit, den größten und den kleinsten Nenner, in grelles, zwielichtiges, erhellendes und/oder blitzendes Licht.

„1Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.“
                 (Johannes-Evangelium, 1. Kapitel, Lutherbibel 1912)

„Und was wir alles sahen:

Licht bis kurz vor seinem Ursprung,
die massigen sternehaltigen Sehnen, die
die Galaxien zusammenschnüren

Und schickten Sonden hinaus
(hinein), sie zeigen uns :

die Überschallwinde des Neptun,
die Ringe des Uranus,
die Stickstofffontänen des Pluto

Und sind doch vollends ausgeliefert
den räuberischen und mörderischen Rotten
winzigster Nukleinsäuren . . .“
                                                  (Jürgen Brôcan)

Die Preisträgerin Ruth Johanna Benrath hat mit ihren Texten unter dem Titel „PSALM / aus den tieffen“ vielleicht den Text geschrieben, in dem die meisten der Fäden, die über den Band verstreut sind, zusammenlaufen. So ist ihr Zyklus eine Hommage an die „Schöpfung“ Luthers, seine Bibelübersetzung, die er bis zuletzt korrigierte – zumindest gestand er in einem Nachwort 1545 ein, dass immer wieder etwas zu corrigirn wäre.

Benrath verknüpft dieses profane biographische Anverwandlung allerdings mit der Frage nach der Gestalt(barkeit) der Schöpfung an sich. Wenn es einen Gott oder eine Göttin oder irgendein gestalterisches Element im Universum gibt, das nicht Zufall oder Kausalität ist – wie macht es sich bemerkbar, wie erkennen wir es, wie erkennen wir, dass es enthalten ist?

Das Wort war am Anfang, bei Gott und gleichsam Gott. Und wir, mit den Worten, mit der Suche nach dem richtigen Wort, mit dem Durchstreichen und Neuschreiben – schwingen wir uns zu Gott auf? Ist das Schreiben, das Formulieren und Verzeichnen, ein göttliches oder doch ein vermessenes Element, Zeuge unserer Hybris? Obgleich ihre Texte in ihrer Machart dezent wirken, fast schon, als würden sie sich auf etwas Hintersinniges verlassen, greifen sie tief, wenn man sich diese Fragen stellt. Bei ihr trifft die Figur Luther auf alle Thematiken Luthers, die über ihn hinausweisen.

„Der Mensch ein Strich
in der Landschaft ein Punkt
ein Strichpunkt
i ich
Pünktchen
Handschrift Gottes
Luft zwischen den Buchstaben
Atem
am himl wird’s schön durch seinen wind
was ist schiefgelaufen
im Garten Eden
als der Mensch
aus den Bäumen kletterte
und an Land ging
um es zu verwüsten“
                                           (Ruth Johanna Benrath)
                               

„das existiert bald nur noch
in mir – der Wunsch

nach dem Zeitalter eines Elefanten
seinem Ritual –

sich um ein sterbendes Herdenmitglied zu versammeln
es mit Rüsseln anzustupsen

im Versuch das Wesen aufzurichten
wie ein Drehkreuz, einen Planeten

den Leichnam schließlich mit Zweigen bedecken
um wiederkehren zu können an diese Stelle –

womöglich mit einer Jenseitsvorstellung
                                         (Rike Scheffler)
                              
Für den zweiten Preisträger, Yevgeniy Breyger, und seine Sprachbegabung, muss ich hier wohl keine Lanze brechen. Den meisten Leuten, die Lyrik lesen, wird er schon ein Begriff sein. Dennoch ist es verblüffend, wie es ihm in seinen sieben Prozessionen unter dem Titel „Was lernt man ohne Absicht zu verzeihen“ gelungen ist, zwei poetische Ansätze, die ich für gegensätzlich hielt, gleichermaßen zu verwirklichen: den der Virtuosität und den der Allmaterialität. Letzteren Begriff entlehne ich aus Gustav Sjöbergs Buch „zu der blühenden allmaterie“, einer Poetik, einem Plädoyer für die Besingung jedes Elements des Universums, ganz gleich, ob poetisch bereits etabliert (und kanonisiert, vielzitiert und dadurch fast schon marginalisiert) oder noch zu entdecken ist (das ist eine verkürzte, vielleicht sogar unzulässige Zusammenfassung von Sjöbergs Ausführungen, wird aber hier, denke ich, ausreichen).

Die Wucht einer solchen, allmateriellen, akkumulativen Poesie verbindet Breyger mit einem feinen, widerständigen und mitunter auch widersprüchlichen Gestus, der den Sinn seiner Zeilen aufbricht und, im selben Moment, freilegt, ihn gleichsam untergräbt und widerspiegelt. Die Eindrücke fädeln sich ein, doch auf einmal gibt es keine Schnur mehr; die Formulierungen erstrahlen und verblassen; konstant ist nur das Gefühl, sich in einem Raum zu bewegen, in der die eigenen Überlegungen und Fragen in der Sprache aufgelöst werden – und doch auch gebunden, sodass sie für einen Moment an Flüchtigkeit und Vagheit verlieren. Geht das zu weit? Nun, geweitet durch Breygers Sprache, mag ich mich etwas verzettelt haben. Man möge mir verzeihen, was nicht meine Absicht war.

„Er pilgerte zur neuen Quelle und tippte seine Zeigefinger
an den Wasserspiegel. Da stiegen rings um ihn Kolonnen-
kreise aus der Erde, geschmückt mit Marmorsteingesichtern.
Er zog ein Häufchen Silber aus dem Wasser, er salbte achtsam
ihre Kanten und mischte Feinstaub zwischen die Atome.
Da quoll ein dunkler Sud aus ihren Augen und ließ sie sich

in Schaum verirren. Er malte mit dem Blick ein Riff ins Ufer,
er wollte mit den letzten Sonnenstrahlen Hochzeit spielen.
Da sprossen Knollenblätterpilze aus den Nebelwolken,
zerstreuten sich in Ascheschwaden. Wem kann ein Mensch
aus sich heraus begegnen? Er hatte nie ein Vogelherz
im Arm gehalten. Sein letzter Zufluchtsort war eine morsche
            
Pappel. Von Anfang an war er der Friedensbote, der ohne
Nachricht vor den Toren hoffte, die Gitter würden sich
verbiegen. Mit wessen Stimme rufen gelbe Käfer aus den
Sträuchern nach der Kinderwiege? Hoffnungsschübe.
Ertränkte Andersartigkeit verschwimmt im Äther. Trugbild?
Aufschub. Wenn Zeit sich wehrt, den Raum zu krümmen

wünschen wir uns Schwerkraft. Ausgang? Endstein.“
                                                           (Yevgeniy Breyger)
                  

„Buttre die Gotthälften,
Betling, sei Lanze, kämme die Öfen
Ruachwärts, umsichtig melke
Sterbleins Lichte, sehr fiedrigen
Trost. Forste sonderbar
Kontern den Weisheitsdotter:
Dreimal knotiges Strickbeil!,
streift gottstrenges Reh
am Fragrand Dezember –
Gäste, Gesten, aberraumweit.
      
Wergeist, wen sucht du, hier
endet   Zerfall.
Versammelte Schauer,
zerstreut den Zorn, halb
Almose für Gott, erhebt
Rat für Not.
Wiesen geben ihm Warnung,
wo Blatthaut evaporiert,
darin flauer
und vielleicht
menschlich,
morgen erhängt     liegt
Wurm                        Dieb                 butterbrezelkühl
Heilandshand – pinselbar,
Echo folgt Prägung.
                                                          (Daniela Seel)
                            
Soweit ein Einblick in diese Anthologie, die noch einiges an Texten bereithält, garniert durch die beiden Laudationes von Ulrich Schäfer-Newiger zu Benrath und Breyger, die noch einmal ein ganzes anderes Bild entfalten als das, was ich hier gezeichnet habe.

Man darf gespannt sein, mit welcher Fragestellung uns der nächste Lyrikpreis beglücken wird.  


Mit Beiträgen von Ruth Johanna Benrath, Yevgeniy Breyger, Jürgen Brôcan, Katia Sophia Ditzler, Miriam Veronika Fest, Norman Franke, Agnes Gerstenberg, Mayjia Gille, Marius Hulpe, Martina Kieninger, Jan Kuhlbrodt, Norbert Lange, Martin Piekar, Lars Reyer, Lena Riemer, Rike Scheffler, Gundula Schiffer, Daniela Seel, Elvira Steppacher, Miriam Tag, Hans Thill und Nikolai Vogel.
Herausgegeben von Harald Albrecht, Kristian Kühn, Ulrich Schäfer-Newiger.


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