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Ludwig Steinherr: Engel in freier Wildbahn (2)

Rezensionen / Verlage


Ulrich Schäfer-Newiger

Ludwig Steinherr: Engel in freier Wildbahn. Gedichte. München (Allitera Verlag – Lyrikedition 2000) 2019. 156 Seiten. 19,90 Euro.

Worte wie Rentiere


Ludwig Steinherr ist in den vergangenen Jahren zu einem verlässlichen Lyriklieferanten avanciert. Allein der Allitera-Verlag zählt 17 Gedichtbände, die dort bislang vom Autor erschienen sind, im Wikipedia-Eintrag werden 22 Bände Lyrik seit 1985 genannt. Richard Dove und Paul-Henry Campbell haben Gedichte von ihm ins Englische übertragen, Chiara Conterno ins Italienische. Er ist seit 1993 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Schon in den neunziger Jahren erhielt er eine Reihe von literarischen Auszeichnungen. Auf Signaturen ist hier ein Gedicht von ihm zu finden. Der Philosoph Vittorio Hösle nannte Steinherr, der selbst promovierter Philosoph ist, einmal einen „metaphysischen Dichter, der die großen Fragen des menschlichen Daseins in seinen Gedichten“ angehe.
    Vielleicht ist diese Eigenschaft eines „metaphysischen Dichters“ der Grund für Steinherrs enorme Produktivität und Erfolg. Die Sehnsucht nach metaphysischen Welterklärungen in dieser angeblich unüberschaubaren Welt ist allgegenwärtig und kommt ihm womöglich entgegen. In einem „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ findet sich unter ‚Metaphysik‘  u.a. der Eintrag, ihr Gegenstand sei das, „was über die Natur hinausgeht“ oder das „hinter der Natur“ als deren Ursache Liegende, oder auch seien es Erkenntnisse, die vor jeder empirischen Überprüfung als wahr angenommen würden.

Von solchen metaphysischen Gegenständen (im allerweitesten Sinne, auf die Goldwaage muss der Begriff für unsere Zwecke hier nicht gelegt werden) findet sich nun auch im neuen Gedichtband von Steinherr einiges in Form von Wörtern und Begrifflichkeiten, die Phänomene jenseits des empirisch Erfahrbaren bezeichnen. Sie beginnen bereits mit dem Titel: „Engel in freier Wildbahn“, der zugleich auch der Titel des letzten der in elf Kapitel unterteilten 101 Gedichte des Bandes ist. Engel sind in der modernen Literatur Legion, von Claudel über z.B. (bekanntlich) Rilke, Dürrenmatt, Aichinger, Piontek, Frisch, Huchel, usw. Steinherr befindet sich also in guter Gesellschaft. Er führt seine Engel unmittelbar in die Realität seiner Gedichte ein. Im letzten Gedicht „Engelsflug“ sind die Zugvögel, die wir am Himmel beobachten die Engel.

Sie werden vom Autor einfach gleichgesetzt, indem er behauptet, wir, die Beobachter, hielten sie nur irrtümlich für Kraniche, deren „fremde bestürzende Kranichschönheit“ uns den Atem raubt – und das eben sei ihre Botschaft an uns. Ein anderer „supercooler Engel“ in der „Raucherecke des Paradieses“ ist die verstorbene Freundin Lisa. Das „Kleine Epitaph für meine Freundin Lisa“ (der Pädagogikprofessorin Elisabeth Zwick nämlich) ist voller Bezugnahmen auf metaphysische Dinge (z.B.: „die festhielt am Dogma, dass unser irdischer Leib nur / der Zigarettenstummel ist, der zurückbleibt / wenn wir unsere Seele in leuchtenden Wolken zum Himmel blasen-/). Hier erscheinen Engel im Moment des Unbegreiflichen, Unfassbaren, des Todes eines Menschen oder im Anblick eines Tieres, dessen Schönheit (oder darüber hinaus: dessen Für-sich-sein) uns unbegreiflich ist (der letzte Fall erinnert an den legendären Essay von Thomas Nagel: „Wie ist es eine Fledermaus zu sein“). Engel erscheinen auch als Menschen, als Änderungsschneider Konstantions, als Flaschensammler („trifft mich plötzlich der Strahl ihrer Stirnlampe / wie das Auge Gottes“), selbst wenn sie nicht direkt so bezeichnet werden.

Metaphysisches lauert auch in anderen Texten, und sei es auch nur in einem Wort. In dem Gedicht „Einen Drachen steigen lassen“ ist dies das Wort „Seele“: „Nie erfährst Du mehr über den Dualismus / von Leib und Seele / als wenn Du über laubbedeckte Oktoberwiesen rennst …./ unten ein stolpernder Körper, schweißgebadet / und hoch in den Lüften ein sirrendes Etwas“, das am Ende als Falke hoch oben im „letzten Licht unberührt“ schwebt. Die Seele ist auch Gegenstand eines ganzen Gedichtes mit dem gleichnamigen Titel: Darin wird behauptet, einst habe man ihr Pyramiden gebaut, jetzt kniee sie im Herdrauch und trenne schlechte Linsen von guten. Aber immerhin: Es gibt sie offenbar noch. An anderer Stelle lebt eine Blumenverkäuferin „wie eine griechische Nymphe“. Wer von ihr einen Blumenstrauß verlangt, bekommt ein Universum, „das kleine leuchtende Universum / gegen das ungeheure / schwarze Universum. In Verona erscheint dem Dichter, vielleicht etwas ironisch, sicher kann man sich indessen nicht sein, der Widerschein eines I-Phones im Gesicht eines jungen Mädchens „überirdisch“. An diesen wenigen Beispielen wird deutlich: Banale Gegenstände des Alltags oder ein Mensch (eine Stirnlampe, ein Drachen, der Schein eines I-Phones, eine Blumenverkäuferin) werden symbolisch oder metaphorisch aufgeladen und erhalten damit sofort eine andere, jenseits der empirischen Wahrnehmung liegende Bedeutung. Dahinter verbirgt sich die alte, schon von den Vorsokratikern und dann von Platon aufgegriffene und trotz zweitausendfünfhundert vergangener Jahre gelegentlich immer noch existierende Vorstellung, die Wahrnehmungen in der sinnlichen Welt seien nur Trug- und Wahnbilder, die sichtbare Wirklichkeit sei eine Scheinwirklichkeit, das wahre Sein und die wahre Wirklichkeit sei die dahinterliegende, unsichtbare Welt der Ideen. Und Steinherr versorgt seine Leser literarisch zuverlässig mit Bestätigungen dieser Überzeugung.
  Der Vergleichspartikel „wie“ gehört daher konsequenterweise zur poetologischen Grundausstattung vieler Gedichte Steinherrs. Beispiele: „Tausend Paar Schuhe“ sind dem Autor eine prächtige Herde „wie die Rinder des Helios“. Im Gedicht von der „Unordnung“ schaut ihn eine wegzuräumende Puppe so vorwurfsvoll an „wie ein Gedicht“. Dieses Beispiel zeigt: Die Gefahr schiefer Bilder (was ist ein vorwurfsvoll blickendes Gedicht?) ist durch den wiederholten Gebrauch des Wörtchens „wie“ nicht gering.   Ich lebe mit Worten / wie Samen mit Rentieren“ heißt der Eingangsvers des Gedichtes „Stolz“. Er isst ihr Fleisch und trinkt ihr Blut und weiß, dass die großen Rentierherden verschwinden. An anderer Stelle wird behauptet, unsere Worte seien wie Knechte und Boten, gehorchten uns aber nicht, seien Spaßmacher, Fresssäcke, Radschläger usw. Im Gedicht „Raureif“ hat die Landschaft eine „Gänsehaut“, sie ist noch zu verschlafen und dreht sich nicht um, um zu sehen, wer sie berührt. Hier wird ein anderes, immer wieder auftauchende Konstruktionsprinzip der Gedichte erkennbar: Die Vermenschlichung von Dingen und Abstrakta, die dann auch banal-kindliche Bilder evozieren.
     Ludwig Steinherrs gekonnt poetisch dargebotene Sicht der Welt will uns suggerieren, dass es doch besser und schöner sei, wenn hinter den von uns vordergründig-unmittelbar wahrgenommenen Dingen, Worten, Landschaften usw. je etwas anderes, jenseitiges, erhellendes, tröstendes, liegt. Im Gedicht „Survival-Training“, in dem der Autor uns darüber belehrt, wie man sich schützen kann vor einer Begegnung mit Engeln, also: mit dem über die Natur Hinausgehenden, bietet er uns dafür – ironisch verkleidet, aber gerade deswegen sehr ernst gemeint die Lösung: „Bei vernünftigen Verhalten / bekommt man nie einen Engel zu Gesicht.“ Da blitzt er durch, der von der mittelalterlichen Mystik herkommende, über Meister Eckhard, Luther und die Romantiker bis in die Gegenwart reichende und trotz aller Aufklärung lebendig gebliebene, vor allem typisch deutsche Vorbehalt gegen den Vernunftgebrauch. Eine solche romantisch-innerliche Haltung der Welt gegenüber garantiert den Erfolg der Steinherrschen Gedichte, hat aber etwas ‚Sehnsüchtig-Verträumtes und Tief-Skurriles‘ (Thomas Mann). Das machen auch einige Gedichte von Steinherr deutlich, wie das Spiel mit dem Wort „Weisheit“ im Gedicht „Über Nacht“ zeigt. Hier soll die Weisheit unbedingt doppeldeutig verstanden werden: Als Weisheit im Kopf und als ‚Weisheit‘ des Schnees, ein Bild, das im Deutschen so nicht existiert und sich daher als gezwungen und gewollt offenbart. Aber nur auf diese Weise können Stiefel der Schneeschaufler „die mystische Erscheinung“ (gemeint ist real der Schnee) zu graubraunem Matsch … zerstampfen.“  Das ist, so realistisch ist der Dichter, das Schicksal aller mystischen Erscheinungen.
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