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Louise Glück: Wilde Iris

Diskurs/Poetik/Essay > Glossen


Timo Brandt

Louise Glück: Wilde Iris. Gedichte. Übersetzt von Ulrike Draesner. München (Sammlung Luchterhand) 2008. 144 Seiten.

Aus der Natur gesprochen


„Nachdem mir alle Dinge eingefallen waren,
fiel mir der leere Raum ein.

Die Freude, die Form
mir macht, hat eine Grenze –

Ich bin anders als ihr in dieser Hinsicht,
ich habe keine Ausgabe in einem anderen Körper,

ich habe nicht das Bedürfnis,
Schutz zu suchen außerhalb meiner selbst –

Meine arme begeisterte
Schöpfung, ihr seid
letztendlich Ablenkungen,
bloße Abstriche; am Ende
gleicht ihr mir zu wenig,
um mir zu gefallen.“
(aus dem Gedicht »Später Sommer«)

In einem Gedicht des Autors Heinz-Albert Heindrichs sieht das lyrische Ich zu wie die Blätter an den Bäumen welken und zu Boden fallen und sagt dann „ [ich] beneide dass sie/ wieder grünen/ dürfen“. Auch der Mensch erlebt die Jahreszeiten, spürt die Frische des Frühlings und hütet sich vor der Kälte des Winters, weiß wann er säen und wann er ernten muss.

Aber obgleich er mit den Jahreszeiten und mitunter auch noch mitten in der Natur lebt, ist er von ihr getrennt, kann nicht im Einklang mit ihr leben, obwohl er eigentlich ein Teil von ihr ist. Ihrer ewigen Wiederholung, ihrem beständigen Wandel, will er etwas Bleibendes, Großes entgegenstellen, das seine Trennung von ihr, seine eigenständige Position rechtfertigt, ja die Trennung vielleicht sogar endgültig vollzieht; also hegt er die Natur ein, baut und schafft Werke, Gebäude, Land-schaften, Welten. Die Stimme der Menschheit soll klar und deutlich zu vernehmen sein in der Geräuschkulisse des Seins.

Louise Glück, frischgekürte Nobelpreisträgerin für Literatur, verleiht in ihrem Buch „Wilde Iris“ der Natur eine literarische Stimme. Blumen sprechen zu uns, Birken und Schnee-glöckchen, Waldlilien und die Wilde Iris, aber auch der späte Sommer, die frühe Dunkelheit. In diesen Stimmen liegt manch Zartes, aber einiges klingt, bei aller Leichtigkeit und Ruhe, fast schon unerbittlich. Wie etwa im Gedicht der Taubnessel:

„So lebst du, wenn du ein kaltes Herz hast.
Wie ich: in Schatten, geschlängelt über kühlen Fels,
unter den großen Ahornbäumen.

Die Sonne berührt mich kaum.
Manchmal sehe ich sie zu Beginn des Frühlings, in großer Entfernung geht sie auf.
Dann wachsen Blätter über sie, verbergen sie ganz. Ich spüre, wie sie
durch die Blätter glänzt, sprunghaft
wie jemand, der mit einem Metalllöffel gegen den Rand eines Glases schlägt.

Lebewesen verlangen nicht alle im gleichen Maß
nach Licht.“
                     
Unerbittlich, das geht vielleicht zu weit. Mehr: wie ein untergründiges Verneinen, eine Absage an den Umgang des Menschen mit der Welt, sein Langen, seine Suche nach Sinn, seine unterschwellig fast schon naiv gescholtenen Begriffe von Bedeutung. Starke Ich’s und Wir’s sprechen diese Absagen aus, daherkommend wie Meditationen über die Um- und Zustände des Lebendigen an sich.

Der Ton gerät selten drastisch, aber dennoch kann man sich bei der Lektüre nicht ganz von dem Eindruck lösen, dass ein Flüstern von Verdammung, ein Wind voll scharfer Predigten in diesen Gedichten einhergeht. Glücks Portraits sind keineswegs bösartig, aber sie werfen die Leser*innen mitunter dermaßen auf sich selbst zurück, dass, bei aller glatten Auskunft, man am Ende der meisten Texte nicht das Gefühl hat, in etwas eingelassen, sondern aus etwas hinausgestoßen worden zu sein.   

Dieses Gefühl passt natürlich zum Motiv des Konflikts zwischen Kultur und Natur (der ja, der Legende nach, mit der Vertreibung aus dem Paradies begann, oder, besser gesagt: aus diesem Konflikt resultierte die Vertreibung aus dem Paradies). Dass die Natur, dieser Inbegriff des Paradiesischen, allen kulturellen Aspekten des Menschlichen eine Absage erteilt, erscheint somit nur folgerichtig.

Und dennoch ist es spannend, dass diese Gedichte auf gewisse Weise auch als Chiffren gelesen werden können; als Stimmen, die zwar aus der Natur kommen, aber durchaus in die Kultur hineinreichen, den Teilen nachspüren (sie aufspüren), die in der Kultur immer noch Natur sind. Und auch sie selbst sind selbstverständlich wiederum ein Stück Kultur.

Reicht all das für einen Nobelpreis? Nun, Anne Carson bspw. ist sicher eine virtuosere, progressivere Dichterin. Aber nach dem, was ich hier angestoßen habe und nach der Lektüre einiger Gedichte kann eh jede/r selbst die Frage beantworten, ob Louise Glücks Literatur uns etwas zu sagen hat oder nicht. Und wenn ja, warum dann nicht Nobelpreis?

„Unerreichbarer Vater, als wir zum ersten Mal
des Himmels verwiesen wurden, machtest du
eine Kopie, einen Ort, der sich vom Himmel
in einer Hinsicht unterschied, entworfen,
um eine Lektion zu erteilen: ansonsten
dasselbe – Schönheit hier wie dort, Schönheit
ohne Alternative – Nur dass
wir nicht wussten, wie die Lektion hieß. Allein gelassen
erschöpften wir einander. Jahre
der Dunkelheit folgten; abwechselnd3
bearbeiteten wir den Garten, die ersten Tränen
füllten unsere Augen, als Blüten
die Erde vernebelten, manche
dunkelrot, manche fleischfarben –
Wir dachten nie an dich,
den wir anzubeten lernten.
Wir wussten bloß, es lag nicht in der menschlichen Natur,                   
allein zu lieben, was Liebe erwidert.“


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