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Lisa Jeschke: Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen

Rezensionen/Verlage


Kristian Kühn

Lisa Jeschke: Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen. München (hochroth) 2019. 56 Seiten. 8,00 Euro.

Das Herz, die innere Mänade


„Das Herz der Mänade hat seit den Tagen von Homers Andromache geschlagen. Und in der dionysischen Anthropologie ist der Herzmuskel im Körper des Besessenen eine innere Mänade, unaufhörlich damit beschäftigt zu springen.“
(Marcel Detienne: Dionysos – göttlich Wildheit, Kap. Dionysos mit bloßem Herzen)

Das Schöne an Lisa Jeschke ist, dass sie so bescheiden und vorsichtig und verletzlich ist, und zugleich so laut. Hat man die eigene Haltung oder den Schreck über das Schrille, Springende beim Lesen ihrer Texte überwunden, erhält die Lyrik aus ihrem „Herzfleisch“, wie sie es nennt, eine Tiefe und Vielschichtigkeit. Kein Wunder, denn kommt man nahe ans eigene Herz heran, wummert es laut und droht den Körper zu sprengen.
    So auch in der „Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen“, die zuvor (2018) bereits von ihr auf Englisch im Chapbooks-Verlag MATERIALS herauskam und vor kurzem nun bei hochroth München auf Deutsch erschienen ist, erweitert und übersetzt von der jungen Autorin und Performance-Künstlerin, die es 2016 nach längerem Aufenthalt in Great Britain nach München zog und die dort nun Mitherausgeberin des deutschen Verlagsablegers „Materialien“ ist. Um eine Gedichtsammlung trunkener Frauen handelt es sich aber nur insofern, dass zwei der Texte von ihr zusammen mit Lucy Beynon geschrieben wurden, ansonsten ist das ganze lyrische Material von Lisa Jeschke allein, allerdings in verschiedenen Fieberkurven:

„Zu Herzen pro Herzfleisch. Wir aus Scheiße
Gefertigten Stücke falsch tickender Zeit!“  
(Operation Vanitas Eikonal Heimat Horror Gedicht, S. 9)    
Der Begriff „Herz“ erscheint achtmal in den Gedichten, hinzu kommt das Herzfleisch einmal, und gleich beim ersten Gedicht ein „Fleischherz“:

Oh glühender menschlicher Herd!
Oh schlagendes fühlendes Herz!
Waren es nicht die jungen Männer, die Macher,
Die so high-performance die gegebene Welt
Den Göttern zum Trotz emanzipierten? Waren es nicht sie,
Die das Fleischherz dem Maß enthoben?
(Das überarbeiten wir noch (1): Zum Herz-Herd-Komplex, S. 5)

Ein „Schlauch der Gedanken“ (S. 13), der in ihrem Kopf und Körper herumtanzt, hat sie verletzlich gemacht, und sie wehrt sich, heimatlos, gegen das Identitäre, das sie mit Männern in Verbindung bringt, ihrem Chef, dem sie nachzugeben hat, weil sie und ihr Körper essen müssen, obwohl sich ihr Herzfleisch dagegen wehrt und sie eigentlich davonspringen möchte, um nicht ein Bein gestellt zu bekommen und zu fallen, geopfert zu werden, wie die geopferte Mänade am Tag des neuen Dachdeckens bei Dionysos.

„Wir berührten uns an den Händen oder anderen Köperteilen, je nach
Vorhandenen Körperteilen, auch je nachdem, wo und wie wir jeweils
Berührt werden wollten. Soft. Soft.“

Soft. Soft, das ist eine ihrer Antworten für die Zukunft, für eine ohne „Anti-Gender-Warrior-Krieger“ (S. 28f), gegen das Identitäre überhaupt, in diesem Fall der „self-identifying“ Person(en). Man fragt sich, was hat dieses ziemlich formlose Sprechen in den Lyrikempfehlungen 2020 zu suchen? Dieses Manifest ihrer Verletzungen, doch ist es gar kein Trinklieder-Manifest, es stellt alles in Frage, auch die eigene Position.

Also, all das hat mich irgendwie verletzt.
Also, es macht mich irgendwie traurig.
Ich habe nämlich die ganze Zeit gelogen. (S. 46)

Die Gendergrenzen schwinden, auch die Zuordnung der Begriffe:

„Ja, ich zeige euch mein Äußerstes
Gebe zu, die Sache mit den Gedichten ist
Ich bin eine Frau
Ha Witz!
Die keine Frau ist
Ha Witz!
Ich versteh das nicht!“  
(The Dreieck, S. 45)
                   
Dieses Dreieck besteht aus Frau und aus nicht Frau und dann aus Müttern, die leben wollen, aber abgetrieben haben, vielleicht sogar als embryonale Körper von anderen Müttern abgetrieben worden sind. Ganz klar wird das nicht.

„Dass mein Kapuzenpullilook
Mir keine Chance lässt
Mich für die Armee der Porno-Gendersternchen
Zu bewerben
Als wäre oder hätte ich keinen Sex
Und das so zu sehen, nur weil ich ein Junge bin
Der ein Mädchen ist“
(ebenda, S. 45)
            
Bewusstseinszustände verlieren sich, je stärker die Wahrnehmungsverunsicherung zunimmt und die Trunkenheit, die Raserei damit auch. So kommt ein Bild auf, ein androgynes, diverses, derweil Anti-Gender Männer nun zu comicartigen Stoßtrupps von Baden Württembergern kulminieren:

Rundherum und um die Uhr
Die Kessel der Kavallerie –
Bewaffnete, Schatten erscheinen. Berittene

Baden-Württemberger sinds, die brodeln!
Und sprechen: Wir, die Ultra-Vigilanten und
Selbst-Ernannten, das selbst-ernannte wohlbekannte

Korps! Die Vertrauten der
Biologie! In recht-
Schaffener Treu!
(Helfershelfer überwachen, S. 23)                      

Die Mänaden reißen Orpheus/Dionysos das Herz heraus und verspeisen es, nein, bei Jeschke ist es das eigene, das sie als lyrisches Ich verspeist, verspeisen will. Das macht die Sache kompliziert. Die Männer sollen sich mit Bier begnügen, derweil die Frauen, gemäß dem Dionysischen, zum Meer, zur See, ins Wasser ziehen werden:

They would get some beers
We would get the sea.
(Eurotrash, S. 12)

Meerestrunken, verlieren sich dabei die Genitalien, schon in Jeschkes Jugendtagebüchern, die keiner lesen darf.

Dass ich keine
Genitalien habe, irgendeiner Art.  (S. 14)

Manchmal wird das Fleisch zum Abschaum, amorph, nahe am Sparagmos, zerrissen zu werden, blutig. Oder weggespült von den Wassern. Dagegen wird eine Art Menschenteile-Masse gestellt:

Unsere Brustkörbe aufhacken, unsere Herzen zusammenschließen,
Schmieden zu plastischen haltbaren formbaren Ketten, unsere
Lymphknoten zusammenkleben, und waren es nur unsere Herzen,
Die wir so zusammenschlossen? Nein! Wir klebten Herz an Leber,
Streichelten einander sanft, und Wangen an Knie und Haarsträhnen
An Zähne und tote Tiere an Schenkel und Zungen an Lebende
UND GÄBE ES NICHT DICH DANN GÄB ES NICHTS  
(S. 26)              

Das hat Anklänge an „Braut und Bräutigam liegen versteckt drei Tage lang“ von Ted Hughes, dem Schamanen, wo sich die Liebenden nach dem Tod ihre Teile wieder zusammensetzen und dabei auch Ersatzteile verwenden. Der dionysisch trunkene Wahn hat bei Jeschke allerdings ein Ziel, die „Medizingeschichte“ der Körper umzuschreiben, „No borders!!!!“, ist dies die Kumpanei der Trunkenheit? Denn andererseits empfindet das springende Herz ja auch Grenzen, Groll und Widerwillen:

Dann würde sie,
Sie fühlte es, eines Tages plötzlich! klar
Ein kitzeliges Unwohlsein, ein Fieber, befallen,
Ein Klimawandel im Körper des Körpers,
Sie würde sich wegen des verzehrenden Fiebers
Auf den innerlich verhärteten Boden legen müssen,
Alle Innereien, alle Eier,
Sie war ein

Eiermann, Eiermann, Broterwerb                  

Würde auf dem Boden gammeln, als Mahnung:
FASSEN SIE BLOSS NICHT UNSERE ZELLEN AN,
DAS MACHEN WIR SELBER.
(Die Riesin, S. 39 f.)        

Dagegen erscheint der Kapitalismus als Trennung:

Jetzt zum Beispiel, unter dem Zwang, sich von anderen zu
Trennen. WIR DURCHLEBTEN DEN REAL EXISTIERENDEN
KAPITALISMUS! Wir wissen, was das ist! Wir fühlten es in
Unseren Körper*innen, wussten von den Tischen, dem Blut,
(Country Western Germany, S. 44)        

Solange diese Zukunft noch nicht Realität ist, bleiben Trinklieder, die nach der universellen Vereinigung der heutigen „Billigkörper“ rufen:

Im T-Shirt, das ich trage, steckt ein Billigkörper.
Das war der Wandel unsres Einzellebens.
O! Fasch- O Blitze treffen die Schatten
Im Schatten die Schatten.
….
Wir wollen Flüsse
Trinken, trinken, trinken, trinken!
(Trauriges Trinklied der Reservearmee der Freiberuflerinnen in Teilzeit, S. 49)    

Auch wenn Jeschke in Comic-Form ihre Gedichte erschrieben hat – im Stil mal Schrei, mal (zarte) Implosion, (manchmal auch Depression), den Körper zu verlassen, scheint ihr Ziel zu sein, aus der begrenzten Haut zu fahren, in Trunkenheit, in Raserei als kultische Technik. 2020 ging der Orphil-Debütpreis an Eva Maria Leuenberger für "dekarnation", für den Austritt statt Eintritt. Jeschke ist also nicht allein. Ihr Name könnte ein Epitheton für alles werden, was provokativ und zugleich hintersinnig ist. Sie weiß, wovon sie schreibt. Immer schwingt in ihrem scheinbaren Klamauk Hintergrundwissen mit. Zum Beispiel das von den Mänaden, von den Parousien des Dionysos, von diesem Gewahrsein – diesem plötzlich hervorbrechenden Sprudeln des Wahns. Aber Jeschke zerreißt nicht bei ihrem Sparagmos in einzelne (begrenzte) Teile, sondern inkludiert diese zu einer unbegrenzten Molluske lebender Wesen.


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