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Leonie Otto: Denken im Tanz

Rezensionen/Verlage


Jan Kuhlbrodt

Leonie Otto: Denken im Tanz. Choreographien von Laurent Chétouane, Philipp Gehmacher und Fabrice Mazliah. Bielefeld ([transcript] Verlag) 2020. 232 Seiten. 30,00 Euro.

Zu Leonie Otto: Denken im Tanz
https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5552-0/denken-im-tanz/?c=310000000


Die Autorin Leonie Otto lehrt Tanzwissenschaft in Frankfurt am Main. Und sie legt mit „Denken im Tanz“ eine Studie vor, die es in sich hat. Denn bevor sie im letzten Teil ihres Buches konkret auf Analysen der choreografischen Arbeit von Chétouane, Gehmacher und Mazliah zu sprechen kommt, liefert sie einen begriffsgeschichtlichen Abriss über den Begriff des Denkens, der ausgehend von Heideggers Schrift: Was ist Denken?, im Grunde die theoretische Bewegung zumindest der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts über Strukturalismus und Poststrukturalismus aufzeigt, und dem eine theoretische Position von Hannah Arendt gegenüberstellt. Bevor sie nach Agamben in einer zeitgeschichtlichen Volte den Bogen zurück zu Valéry schlägt.
    Flankierende Gewährsleute auf diesem Weg sind Nancy und Derrida, die in der Referenz auf Heidegger‘sches Denken zugleich dessen nationalistische Beschränktheit und seine Grenzen aufzeigen. Sie geht zum Beispiel dabei auch auf Derrida und dessen Einführung des Begriffes der Différance ein:

„In ihrem unaufhörlichen, unabschließbaren ausufern-den Spiel der Differenzen beschreibt die différance sowohl den Entzug als auch zugleich das Überborden des Sinns.“

Ich gebe zu, dass mir der Gehalt dieses Derrida‘schen Begriffes bislang nicht ganz klar war. Und allein der Aufklärung dieses Begriffszusammenhanges wegen, hat sich für mich die Lektüre dieses Buches gelohnt. Großartig auch die Darstellung von Nancys Heidegger-Kritik, die darauf abzielt, das Denken aus der Heidegger‘schen Isolation in einen kommunikativen Prozess zu überführen.  Hier stellen sich auch die Parallelen zu Hannah Arendts Auffassungen ein.

„Von außer der Ordnung bei Heidegger über die Übersetzung seiner Worte ins englische out of order verschiebt Arendt das Denken zu seiner Störung oder Unterbrechung, die … das gedankenlose Ausführen verhindern könne, und frei von Zweckgerichtetheit und damit auch von Instrumentalisierbarkeit oder Verwertbarkeit sei“.

Die Tanzwissenschaft ist ein relativ junges akademisches Genre, das sich eigentlich noch immer konstituiert, auch wenn der Tanz selbst zu den ältesten künstlerischen Kulturtechniken gehört. Vielleicht könnte man sagen: der Tanz ist so alt wie die Menschheit, und er spielt in die Theorien hinein, die Menschen von sich, ihrer Gattung, ihrer inneren Natur, wie auch der sie umgebenden Natur gemacht haben. Aber da die Tanzwissenschaft eben noch jung ist, ist ihr noch kein begrifflich verhärtetes Exoskelett gewachsen, was ihr vielleicht auch einen frischeren Blick auf neue und alte philosophische Theorien ermöglicht.

In frühen ästhetischen Theorien, bei Platon und bei Aristoteles, ist der Tanz randständig präsent, aber für Nietzsche wurde er zu einer reflexiven Säule, da Nietzsche das Theater gewissermaßen als das Gegenüber von Philosophie, oder ihr Anderes konstruierte, die Körperlichkeit des Theaters gegen eine, sagen wir ruhig, körperfeindliche Textlastigkeit seiner philosophischen Vorgänger stellte. Nietzsche entzog Erkenntnis somit auch der Umklammerung theoretischer Begriffe, was ihm unter anderem den Vorwurf des Irrationalismus eintrug. Aber letztlich wurde das Denken auf diese Weise erst fluid.

Auch Theoretiker in der Nachfolge Nietzsches, die sich durchaus disparat auf dessen Theorie bezogen, explizit meine ich hier Adorno und Heidegger, die man durchaus als Antipoden lesen sollte, trafen sich in diesem Punkt einer gewissen Ignoranz, bis hin zur Abscheu, gegenüber Körperlichkeit. Was bei Adorno dazu führte, dass der Tanz als Kunstform in seinem ästhetischen Denken so gut wie keine Rolle spielt. Man kann sagen, dass er sich auf aseptischen Pfaden bewegte. Das war ein Sachverhalt, der mir bei der Anfertigung meiner Magisterarbeit zuweilen schmerzlich bewusst wurde, zumal wegen eigener Erfahrungen, die mir bei Besuchen von Aufführungen des Frankfurter Balletts unter Forsythe oder von Veranstaltungen im Mousonturm ästhetisches Denken und auch Begriffliches eher nahe rückten als entfernten.

Zum Beispiel äußerte sich die portugiesische Tänzerin und Choreographin Vera Mantero zu ihrer Erfahrung in einem Interview:

"Die Existenz von Tanz ist fast eine Unmöglichkeit. Das habe ich erfahren und ich kann es auch nicht ändern. Aber ich hoffe noch immer, daß ich eines Tages eine andere Erfahrung machen werde. Für die gegenwärtige Zeit ist es aber so, wie es ist. Je mehr man tanzt, umso mehr sieht man, daß es unmöglich ist zu tanzen. Das ist eine gute Sache, denn je mehr man daran glaubt, dass es trotzdem möglich ist, zu tanzen, umso unmöglicher ist der Tanz, den man kreiert." (Zitiert nach dem Programm des Mousonturm, Frankfurt, April 1994)

Von dieser Erfahrung war ihre Choreographie zu "Sob" zutiefst durchdrungen. Die schmerzhafte Erfahrung der Grenzen körperlicher Bewegung fand im Abtasten dieser Grenzen eindringlich Ausdruck, wie die Beschränktheit des Isolierten, bzw. des zur Gleichförmigkeit getrimmten Individuums in der Konsequenz darauf verwies, was möglich wäre, wenn Individuen sich in einer Gemeinschaft frei entwickelten. Die Dynamik des Gleichförmigen wirkt bedrohlich, birgt jedoch eine ungeheure Kraft, eine abgestimmte und doch nicht erzwungene Gemeinschaftlichkeit ist jedoch zu Figuren fähig, die die Einbildung des Einzelnen weit übersteigt und die Kräfte der gemeinsamen Aktion der Einförmigkeit potenziert.

Vielleicht aber ist das Ignorieren dessen in der Theorie auch ein deutsches Phänomen gewesen, denn es gibt Theoretiker wie Valéry, der sich schon relativ früh für eine Philosophie des Tanzes interessierte und den Tanz als Kunstgattung wahrnahm. Jedenfalls vollzieht Leonie Otto mit Valéry einen Schwenk in die Gegenwart. Indem sie Denken und Tanzen gegeneinander kontextualisiert schlägt sie vor: „sie in thinking und dancing sprachlich zu fassen, in denen Tätigkeit, Zustand und Geschehen zusammenfallen, sich abwechseln und sich gegenseitig durchkreuzen.“

Mit diesem Halbsatz endet der begriffstheoretische Teil und es schließt sich ein werkanalytischer an, den man sich am besten zu Gemüte führt, indem man sich entsprechende Youtube-Videos zu den angesprochenen Choreographien ansieht, denn allein das verspricht schon jede Menge Spaß und auch Bewusstseinserweiterung.


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