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Leibniz: Unvorgreiffliche Gedancken 1

Diskurs/Poetik/Essay > Poeterey



Unvorgreiffliche Gedancken,

betreffend die Ausübung und Verbesserung der Teutschen Sprache.


1. Es ist bekandt, daß die Sprach ein Spiegel des Verstandes, und dass die Völcker, wenn Sie den Verstand hoch schwingen, auch zugleich die Sprache wohl ausüben, welches der Griechen, Römer und Araber Beyspiele zeigen.
2. Die Teutsche Nation hat unter allen Christlichen den Vorzug wegen des Heiligen Römischen Reichs, dessen Würde und Rechte sie auff sich und ihr Oberhaupt gebracht, welchem die Beschirmung des wahren Glaubens, die Vogthey der allgemeinen Kirche und die Beförderung des Besten der gantzen Christenheit oblieget, daher ihm auch der Vorsitz über andere hohe Häupter ohnzweiffentlich gebühret und gelassen worden.
3. Derowegen haben die Teutsche sich desto mehr anzugreiffen, dass sie sich dieser ihrer Würde würdig zeigen, und es andern nicht weniger an Verstand und Tapfferkeit zuvor thun mögen, als sie ihnen an Ehren und Hoheit ihres Oberhaupts vorgehen. Derogestalt können sie ihre Missgünstige beschämen, und ihnen wider ihren Danck eine innerliche Uberzeugung, wo nicht äusserliche Bekäntniss der Teutschen Vortrefflichkeit abdringen.

Ut qui confessos animo quoque subjugat hospes.


4. Nachdem die Wissenschafft zur Stärcke kommen und die Krieges-Zucht in Teutschland aufgerichtet worden, hat sich die Teutsche Tapfferkeit zu unsern Zeiten gegen Morgen- und Abend-ländische Feinde, durch grosse von Gott verliehene Siege wiederum mercklich gezeiget; da auch meistentheils die gute Parthey durch Teutsche gefochten. Nun ist zu wünschen, dass auch der Teutschen Verstand nicht weniger obsiegen, und den Preiss erhalten möge; welches ebenmässig durch gute Anordnung und fleissige Übung geschehen muss. Man will von allem dem so daran hanget, anitzo nicht handeln, sondern allein bemercken, dass die rechte Verstandes-Ubung sich finde, nicht nur zwischen Lehr- und Lernenden, sondern auch vornehmlich im gemeinen Leben unter der grossen Lehrmeisterin, nehmlich der Welt oder Gesellschaft, vermittelst der Sprache, so die menschlichen Gemüther zusammen füget.
5. Es ist aber bey dem Gebrauch der Sprache auch dieses sonderlich zu betrachten, dass die Worte nicht nur der Gedancken, sondern auch der Dinge Zeichen seyn, und dass wir Zeichen nöthig haben, nicht nur unsere Meynung andern anzudeuten, sondern auch unsern Gedancken selbst zu helffen. Denn gleichwie man in grossen Handels-Städten, auch im Spiel und sonsten nicht allezeit Geld zahlet, sondern sich an dessen Statt der Zeddel oder Marcken biss zur letzten Abrechnung oder Zahlung bedienet; also thut auch der Verstand mit den Bildnissen der Dinge, zumahl wenn er viel zu dencken hat, dass er nehmlich Zeichen dafür brauchet, damit er nicht nöthig habe, die Sache iedesmahl so offt sie vorkommt, von neuen zu bedencken. Daher wenn er sie einmahl wohl gefasset, begnügt er sich hernach offt, nicht nur in äusserlichen Reden, sondern auch in den Gedancken und innerlichen Selbst-Gespräch das Wort an die Stelle der Sache zu setzen.
6. Und gleichwie ein Rechen-Meister der keine Zahl schreiben wolte, deren Halt er nicht zugleich bedächte und gleichsam an den Fingern abzehlete, wie man die Uhr zehlet, nimmer mit der Rechnung fertig werden würde: Also wenn man im Reden und auch selbst im Gedencken kein Wort sprechen wolte, ohne sich ein eigentliches Bildniss von dessen Bedeutung zu machen, würde man überaus langsam sprechen oder vielmehr verstummen müssen, auch den Lauff der Gedancken nothwendig hemmen und also im Reden und Dencken nicht weit kommen.
7. Daher braucht man offt die Wort als Zifern oder als Rechen-Pfennige an statt der Bildnisse und Sachen, biss man Stuffen weise zum Facit schreitet und beym Vernunfft-Schluss zur Sache selbst gelanget. Woraus erscheinet wie ein Grosses daran gelegen, dass die Worte als Vorbilde und gleichsam als Wechsel-Zeddel des Verstandes wohl gefasset, wohl unterschieden, zulänglich, häuffig, leichtfliessend und angenehm seyn.
8. Es haben die Wiss-Künstler (wie man die so mit der Mathematik beschäfftiget, nach der Holländer Beyspiel gar füglich nennen kan) eine Erfindung der Zeichen-Kunst, davon die so genandte Algebra nur ein Theil: Damit findet man heute zu Tage Dinge aus, so die Alten nicht erreichen können, und dennoch bestehet die gantze Kunst in nichts, als im Gebrauch wol angebrachter Zeichen. Die Alten haben mit der Cabbala viel Wesens gemacht und Geheimnisse in den Worten gesuchet. Und die würden sie in der That in einer wohlgefasseten Sprache finden: als welche dienet nicht nur vor die Wiss-Kunst, sondern für alle Wissenschafften, Künste und Geschäffte. Und hat man demnach die Cabbala oder Zeichen-Kunst nicht nur in denen Hebräischen Sprach-Geheimnissen, sondern auch bey einer ieden Sprach nicht zwar in gewissen buchstäblichen Deuteleyen, sondern im rechten Verstand und Gebrauch der Worte zu suchen.
9. Ich finde, dass die Teutschen ihre Sprache bereits hoch bracht in allen dem, so mit den fünff Sinnen zu begreiffen, und auch dem gemeinen Mann fürkommet; absonderlich in leiblichen Dingen, auch Kunst- und Handwercks-Sachen, weil nemlichen die Gelehrten fast allein mit dem Latein beschäfftiget gewesen und die Mutter-Sprache dem gemeinen Lauff überlassen, welche nichts desto weniger auch von den so genandten Ungelehrten nach Lehre der Natur gar wohl getrieben worden. Und halt ich dafür, dass keine Sprache in der Welt sey, die (zum Exempel) von Ertz und Bergwercken reicher und nachdrücklicher rede als die Teutsche. Dergleichen kan man von allen andern gemeinen Lebens-Arten und Professionen sagen, als von Jagt- und Wäid-Werck, von der Schiffahrt und dergleichen. Wie dann alle die Europäer so auffm grossen Welt-Meer fahren, die Nahmen der Winde und viel andere Seeworte von den Teutschen, nehmlich von den Sachsen, Normannen, Osterlingen und Niederländern entlehnet.
10. Es ereignet sich aber einiger Abgang bey unserer Sprache in denen Dingen, so man weder sehen noch fühlen, sondern allein durch Betrachtung erreichen kan; als bey Ausdrückung der Gemüths-Bewegungen, auch der Tugenden und Laster und vieler Beschaffenheiten, so zur Sitten-Lehr und Regierungs-Kunst gehören; dann ferner bey denen noch mehr abgezogenen und abgefeimten Erkäntnissen, so die Liebhaber der Weissheit in ihrer Denck-Kunst, und in der allgemeinen Lehre von den Dingen unter dem Nahmen der Logick und Metaphysick auff die Bahne bringen. Welches alles dem gemeinen Teutschen Mann etwas entlegen und nicht so üblich, da hingegen der Gelehrte und Hoffmann sich des Lateins oder anderer fremden Sprachen in dergleichen fast allein und in so weit zu viel beflissen; also dass es denen Teutschen nicht am Vermögen, sondern am Willen gefehlet, ihre Sprache durchgehends zu erheben. Denn weil alles was der gemeine Mann treibet, wohl in Teutsch gegeben, so ist kein Zweiffel, dass dasjenige, so vornehmen und gelehrten Leuten mehr fürkommt, von diesen, wenn sie gewolt, auch sehr wohl, wo nicht besser in reinem Teutsch gegeben werden können.
11. Nun wäre zwar dieser Mangel bey denen Logischen und Metaphysischen Kunst-Wörtern noch in etwas zu verschmertzen, ja ich habe es zu Zeiten unser ansehnlichen Haupt-Sprache zum Lobe angezogen, dass sie nichts als rechtschaffene Dinge sage und ungegründete Grillen nicht einmahl nenne (ignorat inepta). Daher ich bey denen Italiänern und Frantzosen zu rühmen gepfleget: Wir Teutschen hätten einen sonderbahren Probierstein der Gedancken, der andern unbekandt; und wann sie denn begierig gewesen etwas davon zu wissen, so habe ich ihnen bedeutet, dass es unsere Sprache selbst sey, denn was sich darinn ohne entlehnte und ungebrauchliche Worte vernehmlich sagen lasse, das seye würcklich was Rechtschaffenes; aber leere Worte, da nichts hinter, und gleichsam nur ein leichter Schaum müssiger Gedancken, nehme die reine Teutsche Sprache nicht an.
12. Alleine, es ist gleichwohl an dem, dass in der Denck-Kunst und in der Wesen-Lehre auch nicht wenig Gutes enthalten, so sich durch alle andere Wissenschafften und Lehren ergiesset, als wenn man daselbst handelt von Begrentzung, Eintheilung, Schluss-Form, Ordnung, Grund-Regeln, und ihnen entgegen gesetzten falschen Streichen; von der Dinge Gleichheit und Unterscheid, Vollkommenheit und Mangel, Ursach und Würckung, Zeit, Orth, und Umständen, und sonderlich von der grossen Munster-Rolle aller Dinge unter gewissen Haupt-Stücken, so man Prädicamenten nennet. Unter welchen allen viel Gutes ist, damit die Teutsche Sprache allmählig anzureichern.
13. Sonderlich aber stecket die gröste natürliche Weissheit in der Erkäntniss Gottes, der Seelen und Geister aus dem Licht der Natur, so nicht allein sich hernach in die offenbahrte Gottes-Gelehrtheit mit einverleibet, sondern auch einen unbeweglichen Grund leget, darauff die Rechts-Lehre so wohl vom Rechte der Natur als der Völcker insgemein und insonderheit auch die Regierungs-Kunst samt den Gesetzen aller Lande zu bauen. Ich finde aber hierinn die Teutsche Sprache noch etwas mangelhafft und zu verbessern.
14. Zwar ist nicht wenig Gutes auch zu diesem Zweck in denen geistreichen Schrifften einiger tieffsinnigen Gottes-Gelehrten anzutreffen; ja selbst diejenigen, die sich etwas zu denen Träumen der Schwermer geneiget, brauchen gewisse schöne Worte und Reden, die man als güldene Gefässe der Egypter ihnen abnehmen, von der Beschmitzung reinigen und zu dem rechten Gebrauch wiedmen könte. Welchergestalt wir den Griechen und Lateinern hierinn selbst würden Trotz bieten können.
15. Am allermeisten aber ist unser Mangel, wie gedacht, bey denen Worten zu spühren, die sich auff das Sitten-wesen, Leidenschafften des Gemüths, gemeinlichen Wandel, Regierungs-Sachen, und allerhand bürgerliche Lebens- und Staats-Geschäffte ziehen: Wie man wohl befindet, wenn man etwas aus andern Sprachen in die unsrige übersetzen will. Und weilen solche Wort und Reden am meisten fürfallen, und zum täglichen Umgang wackerer Leute so wohl als zur Brieff-Wechselung zwischen denselben erfordert werden; so hätte man fürnehmlich auff deren Ersetzung, oder weil sie schon vorhanden, aber vergessen und unbekandt, auff deren Wiederbringung zu gedencken, und wo sich dergleichen nichts ergeben will, einigen guten Worten der Ausländer das Bürger-Recht zu verstatten.
16. Hat es demnach die Meynung nicht, dass man in der Sprach zum Puritaner werde und mit einer abergläubischen Furcht ein fremdes, aber bequemes Wort als eine Todt-Sünde vermeide, dadurch aber sich selbst entkräffte, und seiner Rede den Nachdruck nehme; denn solche allzu grosse Scheinreinigkeit ist einer durchbrochenen Arbeit zu vergleichen, daran der Meister so lange feilet und bessert, biss er sie endlich gar verschwächet, welches denen geschicht die an der Perfectie-Kranckheit, wie es die Holländer nennen, darnieder liegen.
17. Ich erinnere mich gehöret zu haben, dass wie in Franckreich auch dergleichen Rein-Dünckler auffkommen, welche in der That, wie Verständige anitzo erkennen, die Sprache nicht wenig ärmer gemacht; da solle die gelehrte Jungfrau von Gournay, des berühmten Montagne Pflege-Tochter gesaget haben: was diese Leute schrieben, wäre eine Suppe von klarem Wasser (un bouillon d'eau claire) nehmlich ohne Unreinigkeit und ohne Krafft.
18. So hat auch die Italiänische Gesellschaft der Cruska oder des Beutel-Tuchs, welche die böse Worte von den guten, wie die Kleyen vom feinen Mehl scheiden wollen, durch allzu eckelhafftes Verfahren ihres Zwecks nicht wenig verfehlet, und sind daher die itzigen Glieder gezwungen worden, bey der letzten Ausgebung ihres Wörter-Buchs viel Worte zur Hinterthür einzulassen, die man vorhero ausgeschlossen; weil die Gesellschafft anfangs gantz Italien an die Florentinische Gesetze binden, und den Gelehrten selbst allzu enge Schrancken setzen wollen. Und habe ich von einem vornehmen Glied derselbigen, so selbst ein Florentiner, gehöret, dass er in seiner Jugend auch mit solchem Toscanischen Aberglauben behafftet gewesen, nunmehr aber sich dessen entschüttet habe.
19. Also ist auch gewiss, dass einige der Herren fruchtbringenden, und Glieder der ändern Teutschen Gesellschafften hierinn zu weit gangen, und dadurch andere gegen sich ohne Noth erreget, zumahlen sie den Stein auf einmahl heben wollen, und alles Krumme schlecht zu machen gemeinet, welches wie bey ausgewachsenen Gliedern (adultis vitiis) ohnmöglich.
20. Anitzo scheinet es, dass bei uns übel ärger worden, und hat der Mischmasch abscheulich überhand genommen, also dass der Prediger auff der Cantzel, der Sachwalter auff der Cantzley, der Bürgersmann im schreiben und Reden, mit erbärmlichen Frantzösischen sein Teutsches verderbet; Mithin es fast das Ansehen gewinnen will, wann man so fortfähret und nichts dargegen thut, es werde Teutsch in Teutschland selbst nicht weniger verlohren gehen, als das Engelsächsische in Engelland.
21. Gleichwohl wäre es ewig Schade und Schande, wenn unsere Haupt- und Helden-Sprache dergestalt durch unsere Fahrlässigkeit zu Grunde gehen solte, so fast nichts Gutes schwanen machen dörffte, weil die Annehmung einer fremden Sprache gemeiniglich den Verlust der Freyheit und ein fremdes Joch mit sich geführet.
22. Es würde auch die unvermeidliche Verwirrung bei solchem Ubergang zu einer neuen Sprache hundert und mehr Jahr über dauren, biss alles auffgerührte sich wieder gesetzet und wie ein Geträncke so gegohren, endlich auffgeklähret. Da inzwischen von der Ungewissheit im Reden und Schreiben nothwendig auch die Teutschen Gemüther nicht wenig Verdunckelung empfinden müssen. Weilen die meisten doch die Krafft der fremden Worte eine lange Zeit über nicht recht fassen, also elend schreiben, und übel dencken würden. Wie dann die Sprachen nicht anders als bey einer einfallenden Barbarey oder Unordnung, oder fremder Gewalt sich merklich verändern.
23. Gleichwie nun gewissen gewaltsamen Wasserschüssen und Einbrüchen der Ströhme nicht so wohl durch einen steiffen Damm und Widerstand, als durch etwas so Anfangs nachgiebt, hernach aber allmählig sich setzet und fest wird, zu steuren; also wäre es auch hierin vorzunehmen gewesen. Man hat aber gleich auff einmahl den Lauff des Ubels hemmen, und alle fremde auch so gar eingebürgerte Worte ausbannen wollen. Dawider sich die gantze Nation, Gelehrte und Ungelehrte gestreubet, und das sonsten zum Theil gute Vorhaben fast zu spott gemacht, dass also auch dasjenige nicht erhalten worden, so wohl zu erlangen gewesen, wann man etwas gelinder verfahren wäre.
24. Wie es mit der Teutschen sprach hergangen, kan man aus den Reichs-Abschieden und andern Teutschen Handlungen sehen. Im Jahr-hundert der Reformation redete man ziemlich rein Teutsch, ausser weniger Italiänischer zum Theil auch spanischer Worte, so vermittelst des Käyserlichen Hofes und einiger fremder Bedienten zuletzt eingeschlichen, dergleichen auch die Frantzosen bey sich Zeit
der Catharina vom Hauss Medices gespühret, und damahls mit eignen Schrifften geahndet, wie denn etwas dagegen von Henrico Stephano geschrieben worden. Solches aber, wann es mässiglich geschicht, ist weder zu ändern noch eben zu sehr zu tadeln, zu Zeiten auch wohl zu loben, zumahl wenn neue und gute Sachen zusamt ihren Nahmen aus der Fremde zu uns kommen.
25. Allein wie der dreyssigjährige Krieg eingerissen und überhand genommen, da ist Teutschland von fremden und einheimischen Völckern wie mit einer Wasserfluth überschwemmet worden, und nicht weniger unsere Sprache als unser Gut in die Rappuse gangen; und siehet man wie die Reichs-Acta solcher Zeit mit Worten angefüllet seyn, deren sich freylich unsere Vorfahren geschämet haben würden.
26. Biss dahin nun war Teutschland zwischen den Italiänern, so Käyserlich, und den Frantzosen, als schwedischer Parthey, gleichsam in der Wage gestanden. Aber nach dem Münsterschen und Pyrenäischen Frieden hat so wohl die Frantzösische Macht als Sprache bey uns überhand genommen. Man hat Franckreich gleichsam zum Muster aller Zierlichkeit auffgeworffen, und unsere junge Leute, auch wohl junge Herren selbst, so ihre eigene Heimath nicht gekennet und desswegen alles bey den Frantzosen bewundert; haben ihr Vaterland nicht nur bey den Fremden in Verachtung gesetzet, sondern auch selbst verachten helffen, und einen Eckel der Teutschen Sprach und Sitten aus Ohnerfahrenheit angenommen, der auch an ihnen bey zuwachsenden Jahren und Verstand behencken blieben. Und weil die meisten dieser jungen Leute hernach, wo nicht durch gute Gaben, so bey einigen nicht gefehlet, doch wegen ihrer Herkunfft und Reichthums oder durch andere Gelegenheiten zu Ansehen und fürnehmen Aemtern gelanget, haben solche Frantz-Gesinnete viele Jahre über Teutschland regieret, und solches fast, wo nicht der Frantzösischen Herrschafft (daran es zwar auch nicht viel gefehlet) doch der Frantzösischen Mode und Sprache unterwürffig gemacht: ob sie gleich sonst dem Staat nach gute Patrioten geblieben, und zuletzt Teutschland vom Frantzösischen Joch, wiewohl kümmerlich, annoch erretten helffen.
27. Ich will doch gleichwohl gern jedermann recht thun, und also nicht in Abrede seyn, dass mit diesem Frantz- und Fremd-entzen auch viel Gutes bey uns eingeführet worden; man hat gleichwie von
den Italiänern die gute Vorsorge gegen ansteckende Kranckheiten, also von den Frantzosen eine bessere Kriegs-Anstalt erlernet, darin ein freyherrschender grosser König andern am besten vorgehen können; man hat mit einiger Munterkeit im Wesen die Teutsche Ernsthafftigkeit gemässiget, und sonderlich ein und anders in der Lebens-Art etwas besser zur Zierde und Wohlstand, auch wohl zur Beqvemlichkeit eingerichtet, und so viel die Sprache selbst betrifft, einige gute Redens-Arten als fremde Pflantzen in unsere Sprache selbst versetzet.
28. Derowegen wann wir nun etwas mehr als bissher Teutsch gesinnet werden wolten, und den Ruhm unserer Nation und Sprache etwas mehr behertzigen möchten, als einige dreyssig Jahr her in diesem gleichsam Frantzösischen Zeit-Wechsel (periodo) geschehen, so könten wir das Böse zum Guten kehren, und selbst aus unterm Unglück Nutzen schöpffen, und so wohl unsern innern Kern des alten ehrlichen Teutschen wieder herfür suchen, als solchen mit dem neuen äusserlichen, von den Frantzosen und andern gleichsam erbeuteten schmuck ausstaffieren.
29. Es finden sich hin und wieder brave Leute, die sonderbahre Lust und Liebe zeigen, zur Verbesserung und Untersuchung des Teutschen. So sind auch deren nicht wenig, die sehr gut Teutsch schreiben, und so wohl rein als nachdrücklich zu geben wissen, was sonst schwer und in unserer Sprach wenig getrieben. Neulich hat ein gelehrter wohlmeinender Mann ein Register von Büchern gemacht, darin allerhand Wissenschafften gar wohl in Teutsch verhandelt worden, ich finde auch, dass offt in Staats-Schrifften jetziger Teutschen zu Regenspurg und anderswo etwas besonders und nachdenckliches herfür blicket, welches da es vom Uberflüssigen Fremden, als von angesprützeten Flecken, nach Nothdurfft und Thunlichkeit gesaubert würde, unser Sprache einen herrlichen Glantz geben solte.
30. Weilen aber die Sach von einem grossen Begriff, so scheinet selbige zu bestreiten etwas grössers als privat-Anstalt nöthig, und würde demnach dem gantzen Werck nicht besser noch nachdrüklicher als mittelst einer gewissen Versammlung oder Vereinigung aus Anregung eines hocherleuchteten vornehmen Haupts, mit gemeinem Rath und gutem Verständniss zu helffen seyn.
31. Das Haupt-Absehen wäre zwar der Flor des geliebten Vaterlandes Teutscher Nation, sein besonderer Zweck aber und das Vornehmen (oder object) dieser Anstalt wäre auf die Teutsche Sprache zu richten, wie nehmlichen solche zu verbessern, auszuzieren und zu untersuchen.
32. Der Grund und Boden einer Sprache, so zu reden, sind die Worte, darauff die Redens-Arten gleichsam als Früchte herfür wachsen. Woher dann folget, dass eine der Haupt-Arbeiten, deren die Teutsche Haupt-Sprache bedarff, seyn würde eine Musterung und Untersuchung aller Teutschen Worte, welche, dafern sie vollkommen, nicht nur auf diejenige gehen soll, so jederman brauchet, sondern auch auf die so gewissen Lebens-Arten und Künsten eigen. Und nicht nur auf die so man Hochteutsch nennet, und die im Schreiben anietzo allein herrschen, sondern auch auff Plat-Teutsch, Märckisch, Ober-Sächsisch, Fränckisch, Bäyrisch, Oesterreichisch, Schwäbisch, oder was sonst hin und wieder bey dem Landtmann mehr als in den Städten bräuchlich. Auch nicht nur was in Teutschland in Ubung, sondern auch was von Teutscher Herkunfft in Holl- und Engelländischen: worzu auch fürnehmlich die Worte der Nord-Teutschen, das ist der Dänen, Norwegen, Schweden und Issländer (bey welchen letztern sonderlich viel von unser uralten Sprach geblieben,) zu ziehen. Und letzlichen nicht nur auff das so noch in der Welt geredet wird, sondern auch was verlegen und abgangen, nehmlichen das Alt-Gothische, Alt-Sächsische und Alt-Fränckische, wie sichs in uralten Schrifften und Reimen findet, daran der treffliche Opiz selbst zu arbeiten gut gefunden. Denn anders zu den wahren Ursprüngen nicht zu gelangen, welche offt die gemeinen Leute mit ihrer Aussprache zeigen, und sagt man, es habe den Käyser Maximilian dem I. einsmahls sonderlich wohl gefallen, als er aus der Aussprache der Schweitzer vernommen, dass Habsburg nichts anders als Habichtsburg sagen wolle.
33. Nur wäre zwar freylich hierunter ein grosser Unterscheid zu machen, mithin was durchgehends in Schrifften und Reden wackerer Leute üblich, von den Kunst- und Land-Worten, auch fremden und veralteten zu unterscheiden. Ander Manchfeltigkeiten des gebräuchlichen selbst anietzo zu geschweigen, wären derowegen besondere Wercke nöthig, nehmlich ein eigen Buch vor durchgehende Worte, ein anders vor Kunst-Worte, und letzlich eines vor alte und Land-Worte, und solche Dinge, so zu Untersuchung des Ursprungs und Grundes dienen, deren erstes man Sprachbrauch, auff Lateinisch Lexicon; das andere Sprach-Schatz oder cornu copia&e; das dritte Glossarium oder Sprachquell nennen möchte.
34. Es ist zwar auch an dem, und verstehet sich von selbsten, dass die wenigsten derer so an Verbesserung der Sprache arbeiten wolten, sich des Alt-Fränckischen und des ausser Teutschland in Norden und Westen gleichsam walfahrenden Teutschen Sprach-Restes, so wenig als der Wayd-Sprüche der Künstler und Handwercker und der Landworte des gemeinen Mannes, anzunehmen haben würden. Weil solches vor eine gewisse Art der Gelehrten und Liebhaber allein gehöret.
35. Alleine es gehöret doch gleichwol dieses alles zur vollkommenen Ausarbeitung der Sprache, und muss man bekennen, dass die Frantzosen hierinn glücklich, indem sie mit allen drey oberwehnten Wercken, so ziemlich in ihrer Sprache nunmehr versehen, indem die so genandte Frantzösische Academie nicht allein ihr lang versprochenes Haupt-Buch der läuffigen Worte heraus gegeben, sondern auch was vor die Künste gehöret, vom Furetiere angefangen, und von einem andern Glied der Academie fortgesetzet worden. Und ob schon darinn aus dermassen viel Fehler und Mängel, so ist doch auch sehr viel Gutes darunter enthalten. Diesem ist das herrliche Werck des hochgelehrten Menage, wie es nun vermehret, beyzufügen, welcher den Ursprung der Worte untersucht, und also auch das Veraltete, auch zu Zeiten das Bäurische, herbey gezogen.
36. Es ist bekandt, dass die Italiänische Sprach-Gesellschafft, die sich von der Crusca genennet, bald Anfangs auf ein Wörter-Buch bedacht gewesen. Und als der Cardinal Richelieu, die Frantzösische Academie aufgerichtet, hat er ihr auch sofort ein solches zur Arbeit aufgegeben. Sie waren aber beyderseits nur auff läuffige Worte bedacht, und vermeinten die Kunst-Wörter an die Seite zu setzen, wie auch die Crusca würcklich gethan; ich habe aber in Franckreich selbst etlichen vornehmen Gliedern meine wenige Meynung gesagt, dass solches nicht wohl gethan, und zwar den Italiänern als Vorgängern zu gut zu halten; es werde aber von einer Versammlung so vieler trefflicher Leute in einem blühenden Königreiche unter einem so mächtigen König ein mehrers erwartet, inmassen durch Erklärung der Kunst-Worte die Wissenschafften selbst erläutert und befördert würden, welches auch einige wol begriffen.
37. Weilen sie aber inzwischen bey der angefangenen Arbeit geblieben, hat einer unter ihnen Furetiere genannt, sich aus eigener Lust über die Kunst-Worte zugleich mit gemachet, welches die Academie übel genommen, und sein Werck verhindert, und da es in Holland heraus kommen, einem andern aus ihrem Mittel dergleichen aufgetragen; also dass die Leidenschafften zuwege gebracht, was die Vernunfft nicht erhalten mögen.
38. Als mir nun auch vor einigen Jahren Nachricht geben worden, dass die Engländer ebenmässig mit einem grossen Werck umgiengen, so dem Frantzösischen damahls noch nicht erschienenen Wörter-Buch nichts weichen solte, habe ich so fort angehalten, dass sie auch auff Kunst-Worte dencken möchten, mit dem Bedeuten, was massen ich Nachricht erhalten hätte, dass die Frantzosen sich auch in diesem Stück eines bessern bedacht, vernehme auch nunmehr, dass die Engländer würcklich mit dergleichen anietzo begriffen.
39. Ich hoffe auch, dass die Welschen, um andern nicht nachzugeben, endlich nicht weniger diesen ihren Abgang ersetzen dürfften, zumahlen ich selbst bey guten Freunden deswegen Anregung zu thun, die Freyheit genommen. Und wenn man dergestalt die Technica oder Kunst-Worte vieler Nationen beysammen hätte, ist kein Zweiffel, dass durch deren Gegeneinander-Haltung den Künsten selbst ein grosses Licht angezündet werden dürffte, weiln in einem Land diese, in dem andern die andern Künste besser getrieben werden, und jede Kunst an ihrem Ort und Sitz mehr mit besondern Nahmen und Redens-Arten versehen.
40. Und weiln wie oberwehnet, die Teutschen sich über alle andere Nationen in den Würcklichkeiten der Natur und Kunst so vortreflich erwiesen, so würde ein Teutsches Werck der Kunst-Worte einen rechten Schatz guter Nachrichtungen in sich begreiffen, und sinnreichen Personen, denen es bissher an solcher Kunde gemangelt, offt Gelegenheit zu schönen Gedancken und Erfindungen geben. Denn weil wie oberwehnet, die Worte den Sachen antworten, kan es nicht fehlen, es muss die Erläuterung ungemeiner Worte auch die Erkäntnissunbekandter Sachen mit sich bringen.
41. Was auch ein wohl ausgearbeitetes Glossarium Etymologicum oder Sprach-Quell vor schöne Dinge in sich halten würde, wo nichtzum menschlichen Gebrauch, doch zur Zierde und Ruhm unserer Nation und Erklärung des Alterthums und der Historien, ist nicht zu sagen; Wenn nemlich Leute wie Schottel, Prasch oder Morhoff bey uns, oder wie Menage bey den Frantzosen, und eben dieser mit dem Ferrari bey den Welschen, Spelmann in England, Worm oder Verhel bei den Nordländern sich darüber machten.
42. Es ist handgreifflich und gestanden, dass die Frantzosen, Welschen und Spanier (der Engländer, so halb Teutsch, zu geschweigen) sehr viel Worte von den Teutschen haben, und also den Ursprung ihrer Sprachen guten Theils bey uns suchen müssen. Giebt also die Untersuchung der Teutschen Sprach nicht nur ein Licht vor uns, sondern auch vor gantz Europa, welches unserer Sprache zu nicht geringem Lob gereichet.
43. Ja was noch mehr, so findet es sich, dass die alten Gallier, Celten, und auch Scythen mit den Teutschen eine grosse Gemeinschafft gehabt, und weiln Welschland seine ältesten Einwohner nicht zur See, sondern zu Lande, nemlich von den Teutschen und Celtischen Völckern über die Alpen herbekommen, so folget dass die Lateinische Sprache denen uhralten Teutschen ein Grosses schuldig, wie sichs auch in der That befindet.
44. Und ob zwar die Lateiner das Ubrige von den Griechischen Colonien bekommen haben mögen, so haben doch sehr gelehrte Leute auch ausser Teutschland wohl erwogen, dass es vorher mit Griechenland eben wie mit Italien zugangen; mithin die ersten Bewohner desselbigen von der Donau und angräntzenden Landen hergekommen, mit denen sich hernach Colonien über Meer aus Klein-Asien, AEgypten und Phönicien vermischet, und weil die Teutschen vor Alters unter dem Nahmen der Gothen, oder auch nach etlicher Meinung der Geten, und wenigstens der Bastarnen, gegen dem Ausfluss der Donau und ferner am schwartzen Meer gewohnet, und zu gewisser Zeit die iezt genannte kleine Tartarey inngehabt, und sich fast biss an die Wolga erstrecket, so ist kein Wunder, dass Teutsche Worte nicht nur im Griechischen so häuffig erscheinen, sondern biss in die Persianische
Sprache gedrungen, wie von vielen Gelehrten bemercket worden. Wiewohl ich noch nicht finden kan, dass so viel Teutsches in Persien sey, als nach Elichmanns Meynung vorgegeben wird.
45. Alles auch was die Schweden, Norwegen und Isländer von ihren Gothen und Runen rühmen, ist unser, und arbeiten sie mit aller ihrer zwar löblichen Mühe vor uns; massen sie ja vor nichts anders als Nord-Teutsche gehalten werden können,  auch von dem wohlberichteten Tacito und allen alten und mittel-Autoren unter die Teutsche gezehlet worden; mit ihrer Sprach auch selbst nichts anders zu Tage legen, sie mögen sich krümmen und wenden wie sie wollen. Dass auch die Dähnen zu Zeiten der Römer bey dem abnehmenden Reich unter dem Nahmen der Sachsen begriffen gewesen, kan ich aus vielen Umständen schliessen.
46. Stecket also im Teutschen Alterthum und sonderlich in der Teutschen uhralten Sprache, so über das Alter aller Griechischen und Lateinischen Bücher hinauff steiget, der Ursprung der Europäischen Völcker und Sprachen, auch zum theil des uhralten Gottesdienstes, der Sitten, Rechte und Adels, auch offt der alten Nahmen der Sachen, Oerter und Leute, wie solches von andern dargethan, und theils mit mehrern auszuführen.
47. Welches umb so viel mehr erinnern müssen, damit desto deutlicher erscheine, wie ein grosses an einem Teutschen Glossario Ethymologico gelegen; immassen  mir bewust und aus Briefen an mich selbst kund worden, dass hochgelehrte Leute anderer Nationen sehr darnach wündschen und wohl erkennen, was ihnen selbst zu Erleuchtung ihrer Alterthümer daran gelegen; und dass nicht wohl andere als der Teutschen Sprache im Grund Erfahrne, also weder Engländer noch Frantzosen, wie gelehrt sie auch seyn, damit zurechte kommen mögen.
48. Bey uns Teutschen aber solte die Begierde darnach so viel grösser seyn, weil uns nicht allein am meisten damit geholffen wird, sondern auch ein solches zu unserm Ruhm gereichet; ie mehr daraus erscheinet, dass der Ursprung und Brunquell des Europäischen Wesens grossen Theils bey uns zu suchen. Es finden sich aber auch täglich bey uns selbst in der Sprache allerhand Erläuterungs würdige Dinge und Anmerckungen, so Gelegenheit zu sonderlichen Nachdenken geben.
49. Zum Exempel, wenn man fraget, was Welt im Teutschen sagen wolle, so muss man betrachten, dass die Vorfahren gesaget Werelt, wie sichs noch in alten Büchern und Liedern findet, daraus erscheinet, dass es nichts anders sey als Umkreiss der Erden oder Orbis terrarum. Denn Wirren, Werre, (Wire bey den Engländern, Gyrus bey den Griechen,) bedeutet was in die Runde herum sich ziehet. Und scheinet die Wurtzel stecke im teutschen Buchstaben W, der eine Bewegung mit sich bringet, so ab- und zugehet, auch wohl umgehet, als bey wehen, Wind, Waage, Wogen, Wellen, Wheel, oder Rad. Daher auch nicht nur Wirbel, Gewerrel, oder Querl auch wohl Quern, (so im alt Teutsch eine Mühle bedeutet, wie an Quernhameln abzunehmen), sondern auch bewegen, winden, wenden, das Frantzösische vis (als: vis sans fin) auch Welle, Waltze, das Lateinische volvo und verto, vortex, ja der Name der Walen, Wallonen oder Herumwallenden (das ist der Gallier oder Frembden), Wild (das ist frembd, davon wildfrembd, Wildfangs-Recht etc.), von diesem aber Wald und anderes mehr entstanden. Doch will man mit denen nicht streiten, die das Wort Wereld, von währen oder dauren herführen, und darunter seculum (vor alters: ew) verstehen. Weil diese Dinge ohne gnugsame Untersuchung, zu keiner völligen Gewissheit zu bringen, und die alten Teutschen Bücher den Ausschlag geben müssen.
50. Dergleichen Exempel sind nicht wenig vorhanden, so nicht allein der Dinge Ursprung entdecken, sondern auch zu erkennen geben, dass die Wort nicht eben so willkührlich oder von ohngefehr herfürkommen, als einige vermeynen; wie dann nichts ohngefehr in der Welt als nach unserer Unwissenheit, wenn uns die Ursachen verborgen. Und weiln die Teutsche Sprache vor vielen andern dem Ursprung sich zu nähern scheinet, so sind auch die Grund-Wurtzeln in derselben desto besser zu erkennen, davon auch bereits der tieffsinnige Claubergius seine eigene Gedancken gehabt, und davon etwas in einem kleinen Büchlein angezeiget.
51. Ich habe auch bereits vor vielen Jahren einen sehr gelehrten Mann dahin vermocht, dass er auff die Arbeit eines Sächsischen Glossarii die Gedancken gerichtet, und etwas davon hinterlassen, und sind mir noch einige andere treffliche Leute bekandt, so mit dergleichen umgehen, theils auch von mir dazu bracht worden, also dass wenn sie und andere durch kräfftige Hülffe und nahe Zusammensetzung auffgemuntert würden, etwas schönes herfürkommen dürffte.
52. So viel aber einen Teutschen Wörter-Schatz betreffen würde, gehöreten Leute dazu, so in der Natur der Dinge, sonderlich der Kräuter und Thiere, Feuer-Kunst (oder Chymi) Wiss-Kunst oder Mathematic und daran hangenden Bau-Künsten und andern Kunst-Wercken, Weberey und so genannten Manufacturen, Handel, Schiffarth, Berg- und Saltzwercks-Sachen, und was dergleichen mehr, erfahren. Welche Personen dann, weil einer allem nicht gewachsen, die deutliche Nachrichtungen durch gewisses Verständniss unter einander zusammen bringen könten, und zumahl in grossen Städten die beste Gelegenheit dazu finden würden. So auch wohl vor sich gehen dürffte, wenn einige Beförderung von hoher Hand nicht ermangeln solte.
53. Man hat bereits absonderliche Teutsche Werke verschiedener Professionen, so hierinn zu statten kämen und zu ergäntzen wären; so würde auch was von den Frantzosen und Engländern geschehen, einige Hülffe und Anlass zur Nachfrage geben; das meiste aber müste von den Leuten jeder Profession selbst erfraget werden, wie mich dann erinnere, dass zu Zeiten berühmte Prediger in die Kram-Winckel oder Läden und Werckstätte gangen, um die rechten Nahmen und Bedeutungen zu erfahren, und so wohl richtig als verständig von allen Dingen zu reden.
54. Es ist auch bekandt, dass viel Worte in gemeinen Gebrauch kommen seyn, die von den Künsten entlehnet, oder doch eine gewisse Bedeutung von ihnen bekommen, deren Ursach diejenigen nicht verstehen, so von solcher Kunst oder Profession nichts wissen, als zum Exempel: Man sagt Ort und Ende, man sagt erörtern, die Ursache wissen wenig, allein man verstehet es aus der Sprache der Berg-Leute, bey denen ist Ort so viel als Ende, so weit nemlich der Stollen, der Schacht oder die Strecke getrieben, man sagt zum Exempel: Dieser Bergmann arbeitet vor dem Ort, das ist, wo es auffhöret, daher erörtern nichts anders ist, als endigen (definire).
55. Ich habe bey den Frantzosen etwas löbliches darin gefunden, dass auch vornehme Herren sich befleissigen von allerhand Sachen mit den eigenen Kunst-Wörtern zu reden, umb zu zeigen, dass sie nicht gar der sachen unwissend seyn; und hat man mir erzehlet, dass das Exempel des vorigen Hertzogs von Orleans, Ludwigs des XIII Bruders, so darin Beliebung gehabt, nicht wenig dazu geholffen. Ein gleichmässiges, da dergleichen Arbeit in unserer Sprache herfur kommen solte, würde bey den Teutschen mehr denn bissher erfolgen, und zu einer allgemeinen Wissens-Lust (oder Curiosität) und zu fernerer Oeffnung der Gemüther in allen Dingen nicht wenig dienen.
56. Allein ich komme nunmehro zu dem, so bey der Sprache in dero durchgehenden Gebrauch erfordert wird, darauff die Herren Frucht-bringenden, die Crusca, und die Frantzösische Academie zuerst allein gesehen, und auch anfangs am meisten zu sehen ist; in so weit keine Frage ist von dem Ursprung und Alterthum oder von verborgenen Nachrichtungen, Künsten und Wissenschafften, sondern allein vom gemeinen Umgang und gewöhnlichen Schrifften, allwo der Teutschen´Sprache Reichthum, Reinigkeit und Glantz sich zeigen soll, welche drey gute Beschaffenheiten bey einer Sprache verlanget werden.
57. Reichthum ist das erste und nöthigste bey einer Sprache und bestehet darin, dass kein Mangel, sondern vielmehr ein Uberfluss erscheine an bequemen und nachdrücklichen Worten, so zu allen Vorfälligkeiten dienlich, damit man alles kräfftig und eigentlich vorstellen und gleichsam mit lebenden Farben abmahlen könne.
58. Man sagt von den Sinesern, dass sie reich im Schreiben vermittelst ihrer vielfältigen Zeichen, hingegen arm im Reden und an Worten, weiln (wie bekandt) die Schrifft bey ihnen der Sprache nicht antwortet; und scheinet, dass der Uberfluss der Zeichen, darauff sie sich geleget, verursachet, dass die Sprache desto weniger angebauet worden, also dass wegen geringer Anzahl und Zweydeutigkeit der Worte sie bissweilen, um sich zu erklären, und den Zweiffel zu benehmen, mitten im Reden gezwungen werden sollen, die Zeichen mit den Fingern in der Lufft zu mahlen.
59. Es kan zwar endlich eine jede Sprache, sie sey so arm als siewolle, alles geben; ob man schon saget, es wären barbarische Völcker, denen man nicht bedeuten kan, was GOtt sagen wolle. Allein, ob
schon alles endlich durch Umschweiffe und Beschreibung bedeutet werden kan, so verliehret sich doch bey solcher Weitschweifigkeit alle Lust, aller Nachdruck in dem der redet, und in dem der höret; dieweil das Gemüthe zu lange auffgehalten wird und es heraus kommt, als wann man einen, der viel schöne Palläste besehen will, bey einem jeden Zimmer lange auffhalten und durch alle Winckel herumschleppen wolte; oder wenn man rechnen wolte wie die Völcker, die (nach der Weigelianischen Tetracty) nicht über drey zehlen könten, und keine Wort oder Bezeichnung hätten vor 4. 5. 6. 7. 8. 9. &c. wodurch die Rechnung nothwendig sehr langsam und beschwerlich fallen müste.
60. Der rechte Probier-Stein des Uberflusses oder Mangels einer Sprache findet sich beym Ubersetzen guter Bücher aus anderen Sprachen. Dann da zeiget sich, was fehlet, oder was vorhanden, daher haben die Herren Fruchtbringenden und ihre Nachfolgere wohl gethan, dass sie einige Übersetzungen vorgenommen, wiewohl nicht allemahl das Beste ausgewehlet worden.

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