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Kristian Kühn: Fritz Novalis

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Kristian Kühn
Fritz Novalis


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Über Friedrich von Hardenberg, der sich später "Novalis" nannte, schreibt Ludwig Tieck: ..." alles, was er tat, tat er mit Liebe, und auch das geringste war ihm nicht unbedeutend."

Fritz, wie ihn seine Eltern nennen, ist Sachse. Der älteste von 11 Geschwistern, sieben Söhnen und vier Töchtern. Friedrich Schlegel spricht von der schönen Heiterkeit seines Geistes und nennt ihn rasch bis zur Wildheit, immer voll tätiger Freude.
Er ist groß, schlank und von edlen Verhältnissen (Hochadel). Er trägt sein lichtbraunes Haar in herabfallenden Locken. Seine braunen Augen sind hell und glänzend, die Farbe seines Gesichts ist fast durchsichtig. Hand und Fuß sind etwas zu groß, ohne feinen Ausdruck. Für jene, die Menschen danach unterscheiden, ob sie sich vordrängen oder durch neueste Mode zu imponieren suchen, verliert er sich in der Menge, dennoch greift seine Erscheinung durch seine Miene, sein Wohlwollen. Man sieht ihn niemals ermüden. Sein Gespräch ist lebhaft und laut, Langeweile kennt er nicht, selbst in drückenden Gesellschaften unter mittelmäßigen Köpfen. Er ist fröhlich wie ein Kind, scherzt in unbefangener Heiterkeit und gibt sich den Scherzen der Gesellschaft hin. Sein Lehrer und Freund, der Amtmann Just, hat dazu abschließend das Wort: "Er lebte, wie er selbst sagte, gern im Land der Sinne, nicht in dem der Sinnlichkeit; denn sein innerer Sinn war der Führer des Äußern. Und so schuf er sich in der sichtbaren Welt eine unsichtbare. Dies war das Land seiner Sehnsucht.
Darin ist er heimgekehrt, früh vollendet!"

Ihn als lebendiges Beispiel herauszugreifen, ist deshalb besonders möglich: weil er eine sehr schlichte, klare, dennoch seelisch-ergreifende Sprache spricht.

"Die Schriftstellerei" - so sagt er selbst zu Just - "ist eine Nebensache. Sie beurteilen mich mehr billig nach der Hauptsache, - dem praktischen Leben."
Fritz will alles, was ihm begegnet, miteinander vereinigen, versöhnen, das ist sein Ziel. Und so geht es bei Novalis auch um Fritz, als der Sohn von nebenan: um seine erste Liebe, um Bestätigung im Ausbildungsverhältnis, um die Widrigkeiten des Schicksals, die ihn aus der Bahn zu schleudern drohen, und wie er ihnen begegnet, wie er sogar daran wächst, und dazu als Erdung: um das Hinabsteigen unter Tage, seine Berufsausbildung und praktische Arbeit nämlich in den sächsischen Salinen und dem Bergwerk, das sein strenger Vater, der Baron von Hardenberg, als dortiger Direktor leitet.

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Mit seinem Bruder Erasmus zusammen, hat er in Leipzig und Wittenberg Jura studiert. Am 14. Juni 1794 konnte er, 22-jährig, sein juristisches Staatsexamen ablegen. Aber sein Vater ist noch nicht zufrieden. Fritz hat es mit dem Fachstudium nicht sehr genau genommen, stattdessen sich lieber den schönen Künsten und den Freuden des studentischen Lebens gewidmet. Auch zeigt er offensichtlich wenig Neigung und Interesse für den Beruf des Vaters. (Dieser wurde vor etwa 10 Jahren als Berghauptmann zum Salinendirektor der kursächsischen Salinen ernannt, ein strenger, konservativer Mann, voll ernster Pflichterfüllung.) Die Standpauke findet in der gegenwärtigen elterlichen Wohnung in Weißenfels, > Am Kloster Nr. 94<, statt.

Nun soll Fritz praktische Lebenserfahrung sammeln, um von den neumodischen Gedanken um Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte, denen er im Studium begegnete, abgelenkt zu werden. Der Kreisamtmann Just in Tennstedt ist gebeten worden, Fritz als Praktikant für ein Jahr aufzunehmen, um den Jungen in "praktische Geschäfte" (des Verwaltungsdienstes) einzuüben. Die Absicht des Vaters ist nämlich, auch Fritz im Staatsdienst unterzubringen. (Just ist nicht nur als Verwaltungsfachmann beliebt, sondern gilt auch als ein vielseitiger, kluger und gütiger Mensch, zudem als tüchtiger Pädagoge).
Fritz tritt am 8.11.1794 in den Vorbereitungsdienst beim Kreisamt Tennstedt (und bleibt dort bis Anfang 1796 - also etwas länger als ein Jahr).
Just nimmt Friedrich wie einen Sohn in Tennstedt auf und bestärkt in ihm die Auffassung von der Wichtigkeit des Berufs.
"Ich muss mir mein gutes Schicksal verdienen und nur die Tugenden eines Geschäftsmannes führen den belohnendsten aller Wege ..." sagt er sich.
Schnell werden Just und Friedrich, Lehrer und Schüler, Freunde. Um sich als Geschäftsmann zu bilden, scheut er sich nicht, dieselbe Arbeit immer wieder umzuschaffen, bis sie so erscheint, wie sie laut Just sein sollte. Er will das, was er sein will, nicht halb, sondern ganz sein! Nichts treibt er oberflächlich, alles gründlich, die Idee dahinter suchend.
Ein paar Tage nach seiner Ankunft in Tennstedt bereits macht Friedrich mit seinem Kreisamt-mann Just und dessen Nichte Karoline eine "Expedition", eine Reise zu einem Justizamtmann. Dort trifft er auf einen jungen Offizier, den er noch von seinen Studientagen her kennt. Dieser weiht ihn in ein Geheimnis ein: wenige Kilometer entfernt, in Grüningen, liegt ein ländliches Schloss, und dort gibt es ein paar reizende Mädchen.
Sofort beschließen die beiden, die Gesellschaft der Amtmänner mit einer Ausrede zu verlassen und einen Abstecher per Pferd zum Grüninger Schloss zu unternehmen.

Der junge Offizier führt Friedrich im benachbarten Schloss (mit einem sächsischen Dialekt-Scherz) ein: hier herrscht ländliche Einfachheit, er sieht ein Familienleben in ungezwungener Natürlichkeit, das für ihn, der in einer streng patriarchalisch geführten Familie aufwuchs, fast unwahrscheinlich, aber aufregend ist. Besonders Sophie von Kühn weckt sein Interesse, sie lebt hier im Kreise ihrer Schwestern mit Mutter und Stiefvater - und ist die Jüngste. Aber wie alt sie wirklich ist, bleibt ihr Geheimnis und das der ganzen Familie, bis zu ihrem Tod. Friedrich schätzt sie auf vierzehn oder fünfzehn. Sie ist ganz jung, eine Kind-Frau, unverstellt, ohne Koketterie, verführerisch.
"Eine Viertelstunde hat mich bestimmt!", so bekennt er später seinem Bruder Erasmus, innerhalb einer Viertelstunde hat er ihre Wesensart lieb gewonnen und durchschaut.

Die Erregung über diese kurze Begegnung mit den Grüningern, mehr noch das brennende Verlangen nach neuer Begegnung und sein Unvermögen, diese er-zwingen zu können, drücken Friedrich nieder und machen ihn auch körperlich fast krank. Immer mit dem Bedürfnis, sich bei echten Anliegen einem mit-fühlenden weiblichen Wesen anzuvertrauen, wendet er sich schon auf der Rückreise nach Tennstedt an die vier Jahre ältere Karoline Just und vertraut ihr seine Nöte an. Kaum kann er die nächsten "schönen, glücklichen Stunden" in Grüningen abwarten. Nicht wissend, dass der erste Anblick dieser kindlich schönen Gestalt bereits über sein ganzes Leben entschieden hat. Anders gesagt, die Empfindung, die in ihm aufkommt, wird ihn mehr und mehr durchdringen, ja zum Inhalt seines ganzen Lebens werden. (Er wird zum Dichter, sooft er nur von Sophie spricht).
Jede Stunde, die er den Geschäften abgewinnen kann, bringt er in Grüningen zu. Wobei seine erste Reise allein dorthin, zu Pferde, an seiner Feigheit scheitert.
Vor dem Tor kehrt er wieder um. Er ist sich seiner Neigung zu Sophie gewiss, nicht so der Anhänglichkeit des jungen Mädchens. Hierüber Gewissheit zu erlangen, bedient er sich eines weiblichen Mittlers, "Ma Chère" genannt, sie ist Sophies Erzieherin, sehr resolut, sehr offen, sehr warmherzig, nimmt sie an allen Herzensdingen regen Anteil und leitet seine Frage an Sophie weiter. Aber sie lässt ihm in Sophies Namen durch Karoline sagen, "er solle so gut sein und auf Sonnabend die Antwort selbst holen" und Karoline solle mitkommen.
Dieser bevorstehende Sonnabend, den er "beklemmt" erwartet: Ihre Frühreife. Sie wünscht allen zu gefallen. Ihr Gehorsam und ihre Furcht vor dem Vater. Ihre Launen. Hang zum kindischen Spiel. Ihre Urteile. Tanz. Geschäftigkeit im Hause. Liebe zu den Geschwistern. Ihr Betragen gegen ihn. Ihr Schreck vor der Ehe. Er muss sie recht nach ihren Eigenheiten fragen. Ihre Gespensterfurcht. Ihr Hang gebildet zu sein. Sie will haben, dass er überall gefalle. Sie hat's übel genommen, dass er sich zu früh an ihre Eltern gewandt hat, und es ihm zu bald und zu allgemein merken lassen. Sie will sich nicht durch seine Liebe genieren lassen. Seine Liebe drückt sie. Sie ist kalt durchgehend. Frauen sind vollendeter als wir. Freier als wir.
Für Sophie ist es nicht ganz einfach, die Frage nach einer Verbindung für das ganze Leben zu beantworten, und sie zögert die Antwort wenigstens bis zu ihrem Geburtstag am 17.03.1795 hinaus. "Den 15. März sagte sie mir zum ersten Mal, dass sie Mein sein wollte."
(Es ist der einzige Geburtstag, den Friedrich mit ihr zusammen erlebt). Sie verloben sich inoffiziell. Keiner soll davon wissen.

Der Grund dafür hängt mit dem Geheimnis der Grüninger zusammen, und dieses bezieht sich auf ihr Alter. Schon geht in Weißenfels das Gerücht herum, "dass Fritz in der Gegend von Tennstedt auf einem Rittergute mit einem sehr schönen Mädchen von 15 Jahren versprochen sei." Friedrich ist das peinlich, er fügt gerne noch ein Jahr dazu. (Es scheint, dass die ganze Grüninger Familie ihm das wahre Alter seiner künftigen Braut verheimlicht hat). Bis er den Mut aufbringt, seine Eltern in die Verlobung einzuführen, vergeht noch ein ganzes Jahr. Er weiß, er muss erst seine Wünsche mit denen seines Vaters in Einklang bringen.

Nun kommen endlich auch die Brüder Erasmus und Carl zum ersten Mal nach Grüningen, heimlich vor den Eltern. Sie haben schon zu Ostern kommen wollen, aber Carl hatte "keine Courage zu der Reise nach Grüningen". Sophie lässt einen schönen großen Kuchen backen.
Beide Brüder sind von dem gastfreundlichen Leben dort und von Sophie ebenso bezaubert wie Friedrich und schwärmen noch lange davon.
Das Glück der Grüninger Zeit bleibt - bis auf den Zornausbruch im Spätsommer  - ungestört. Sie kann zu große Aufmerksamkeit nicht leiden und nimmt doch Vernachlässigung übel. Sie will Friedrich immer vergnügt.

Aber das Jahr im Kreisamt Tennstedt geht dem Ende zu, und Friedrich und die Grüninger wissen noch nicht, dass es bis zum Januar 1796 verlängert werden wird. Außerdem muss er für Wochen nach Weißenfels fort, zu einer Familienangelegenheit, die er nicht verpassen darf. Am Montag, den 21. September will er deshalb mit Sophie und ihrem Stiefvater einen Ausflug machen, danach ein kleines Fest zum "Abschied" feiern, aber Sophie zieht sich im letzten Moment zurück und schützt Schmerzen vor. Wohl wird die Reise mit dem Stiefvater um eine Woche verschoben, das Abschiedsfest wird nicht gefeiert, der Punsch nicht getrunken. "Ei nun! Wer weiß, warum es so kommt ..." Friedrich ist verärgert:
In der Woche, um die seine Reise verschoben wird, taucht ein Herr von Hering auf, der Absichten auf Sophie äußert. Der Vorfall, der das gelbe Schloss in große Aufregung versetzt, bleibt ohne Folgen. Herr von Hering kommt nicht nach Grüningen herüber, vielleicht weil Friedrich nicht abgefahren ist.

Am 26. September 1795 macht Friedrich seine geplante Reise nach Hause. Einen Monat später ist er wieder in Tennstedt. In der Zwischenzeit sagt er zu Erasmus:
"Du musst dir Grüningen nicht zur fixen Idee machen. Die Leute liebe ich, wie mich und euch, aber es sind auch Menschen und bei einem so langen Aufenthalt, wie ich ihn gemacht habe, würde dir die schmutzige Kehrseite gewiss nicht entgehen." Er bedenkt zaghaft, auch ohne Sophie leben zu können.
(Während er dies sagt, ist Sophie schon krank. Er erfährt es erst später). Aber irgendwie füllt Sophie, das Kind, den Raum nicht aus, den eine weibliche Seele neben ihm einnehmen sollte. Jedoch sagt er:
"Ich bin nach wie vor für Grüningen gesinnt, ich werde Grüningen ewig leben, und wenn ich nie meine jetzige Hoffnung erreichte. Für Menschen zu leben und Gutes zu tun, wo ich kann, diese Rolle bleibt mir immer gewiss."

Wieder in Grüningen, ist Sophie tödlich erkrankt. An einem Fieber, das mit Seitenstichen verbunden ist. Und obgleich sie nach einiger Zeit wieder hergestellt wird, so behält sie einen Schmerz in der Seite, der ihr manche schöne Stunde verdirbt.
Friedrich ist durch die Krankheit Sophies sehr angegriffen, trotz der Aussage ihres Arztes, der diese Schmerzen für unbedeutend hält.

Die kurfürstliche Saline soll vorerst der Raum sein, in dem er wirken will.
Vor allem sucht Friedrich zu lernen. Darum studiert er auch, nach dem Willen seines Vaters, die Kleinigkeiten und Eigenheiten, die in einer Saline besondere Aufmerksamkeit verdienen. Er wird als Hörer (Volontär) unter seinem Vater angestellt und begleitet ihn auf Inspektionsreisen. Er ist jetzt ständig auf Achse, in Atem. Das geht von Ort zu Ort, hinzu kommen seine "privaten" Reisen.
Er wird nach Grüningen gerufen: wieder Sophies entzündete Leber, heftigste Schmerzen, schlaflose Nächte, brennendes Fieber. Als er Sophie dem Anschein nach wieder gesund findet, erkrankt Erasmus an Schwindsucht.
Sie glaubt an kein künftiges Leben, aber an die Seelenwanderung. Die Wunde soll er nicht sehen. Sie denkt mehr über andere, als über sich nach. Das Verhältnis zwischen Sophie und ihm ist jetzt kühl, Abstand wahrend, die Beziehung zu dem zehn Jahre älteren Verlobten in Schranken haltend. Friedrich aber hat sich aufs neue für sie entschieden, er sieht in diesem Kind die junge Persön-lichkeit, das Wesen.
Kurz vor Pfingsten (Mitte Mai 1796) hat er endlich dem Vater die lange verheimlichte Verlobung mit dem zwar adligen, aber nicht altadligen und nicht wohlhabenden Mädchen gestanden. Er gewinnt den Vater, wie er schon vorher Schwestern und Mutter gewonnen hat, und kann nun zum ersten Mal Grüningen ohne Heimlichkeit besuchen. Er freut sich auf seine nahende Verbindung mit Sophie, da erhält er plötzlich die Nachricht, dass sie nach Jena zur operativen Behandlung gebracht worden sei. Die Eltern erbieten sich, die kranke Sophie in Weißenfels zu pflegen.

Es ist ihr Wille gewesen, dass er ihre Krankheit sowie die gefährliche Operation erst erfahren sollte, wenn sie vorüber sei.
Aber Sophie leidet an einem Lebergeschwür, und trotz der geschickten Operation und der Heilmittel des Geheimen Hofrats Dr. Stark in Jena wird Sophie als unheilbar eingestuft. Das Geschwür bahne sich von den äußeren Teilen seinen Gang in das Innere der edlen Teile.

Er eilt nach Jena und findet sie sehr leidend.
Mit hohem Mut und unbeschreiblicher Geduld erträgt Sophie diese Leiden. Friedrich tröstet sie. Auch seine Eltern sind zugegen und hoffen nichts so sehnlich wie die Genesung des liebenswürdigen Wesens. Auch seine beiden Brüder sind zurückgekommen, und alle suchen dem Trauernden und der Leidenden hilfreich zu sein.
Monate lebt Sophie mit ihrer Mutter und Schwester, wegen ihrer Heilung, in Jena. Doch nachdem die Operation bald wiederholt worden ist, wünscht Sophie wieder nach Grüningen zu reisen.
Friedrich ist abwechselnd in Weißenfels und Grüningen. Er muss es sich aber mit Schmerzen eingestehen, dass er Sophie bei jedem Besuch kränker findet.
Ihre Krankheit veranlasst ihn, sich mit Arzneiwissenschaft näher bekannt zu machen. Leider aber sagt ihm nun sein eigenes Wissen, dass ihre Krankheit den nahen Tod zur Folge haben muss. Immer widerspricht ihm sein Herz, das eine Trennung von Sophie für unmöglich hält. Der Satz: "Was der Mensch will, das kann er", führt ihn zum Glauben, seine Sophie könne nicht sterben.

Ende Januar 1797 kommt auch sein Bruder Erasmus sehr krank nach Weißenfels zurück, und die Stimmung des Hauses ist sehr traurig, da man den Tod zweier geliebter Wesen täglich erwarten muss.
Das Unheil drängt sich zusammen. Verletzung der rechten Hand, dauernde Sorge um Sophie, tödliche Krankheit des Bruders Erasmus, die unleidliche Anwesenheit des überall sich einmischenden Onkels, Schulden und Ärger mit dem Vater machen diese Wochen zur Qual.
"Meine Phantasie wächst, wie meine Hoffnung sinkt - wenn sie ganz versunken
ist und nichts zurückließ als einen Grenzstein, so wird meine Phantasie hoch genug sein, um mich hinauf zu heben, wo ich das finde, was hier verloren ging."
Da erhält er Sophies dringenden Wunsch, sie gleich zu besuchen. Am 09.03.97 wird ihm bewusst, dass sein Lebensplan vernichtet zu sein scheint. Sie hat ihren fünfzehnten Geburtstag, und am 19. März gegen Mittag entschlummert sie.
Der Trauernde verschließt sich, und nach drei durchweinten Tagen und Nächten reist er ab, er vermag nicht, bei ihrer Beerdigung zuzusehen.
"Eine plötzliche Umänderung tut sehr weh. Es ist gewiss, ich muss meine ganze vorige Existenz vergessen! Glauben Sie, dass Gott zürnt, wenn ich zu ihm sagen werde: >Vater, ich will nicht mehr murren, ich will alles gern tun, ich will Dich auch recht innig lieben - aber nicht wahr, Du gibst mir auch Sophie wieder? Sie ist gewiss eine Deiner Lieblingstöchter, und da ist Dir's gewiss recht, wenn ich ganz in ihr lebe und mich ewig nach ihr sehne!<"


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Am Grabe ist er nachdenklich, aber meistens ungerührt. Seit einigen Tagen ängstigen ihn diese Erinnerungen wieder - er fühlt sich unaussprechlich einsam in gewissen Momenten. Es fällt ihm ein, dass er durch seinen Tod der Mensch-heit Treue vorführen könne.

Der Vater dringt auf eine unmittelbare und verstärkte Hinwendung zum Beruf.
"Die kalte Pflicht tritt an die Stelle der Liebe."
Immer noch ringt er mit sich, seiner Sophie nachzusterben und auf diese Weise den Weg nach innen anzutreten. Er will jedoch nicht Hand an sich legen, sondern rein aus dem Geiste den Weg in den Tod und zu seiner Geliebten finden.

Das Zusammentreffen mit diesem der Kindheit kaum entwachsenen Mädchen
ist - je nach Stand der Betrachtung - unterschiedlichen Deutungen zugänglich. (Es sollen aber keine Visionen oder Zwischenwelten gezeigt werden!)

Hier soll nur auf jenen Aspekt kurz eingegangen werden, den Hardenberg selbst für lebensentscheidend gehalten hat, nämlich auf den einer Einweihung. Denn erst nachdem Sophie schwer leidend gestorben ist, und erst als die Tage seiner dumpfen Trauer vorüber sind, beginnt für den Liebenden gleich-sam von der anderen Seite der Wirklichkeit her das Licht eines neuen Lebens aufzuleuchten.

Noch denselben Nachmittag bekommt er die Nachricht vom Tode seines ihm so fest verbündeten Bruders. Aber da hört man keine Klagen mehr, sieht keine Tränen. Er spricht nur mit Vernunft und Gefühl darüber; er ist sogar gefasst genug, um über andere Gegenstände mit Geistesgegenwart zu reden. Dennm das Fortleben seiner Geliebten und die Wiedervereinigung mit beiden sind die herrschenden Gedanken in seiner Seele.
Es keimt in Hardenberg die Gewissheit auf: "Eins hab ich gewonnen - die feste Hoffnung, sie nicht verloren zu haben - , auch würde mich diese Hoffnung noch mehr stärken, wenn Sophie mir erscheinen könnte und dürfte."

Sein Lehrer und Freund Just sagt: Seine Phantasie lässt ihn hoffen, ja zur Gewissheit werden, dass er binnen einem Jahr mit seinen Geliebten wieder vereinigt sein würde. Umso verzeihlicher ist es, wenn er vom Todestag seiner Sophie eine neue Ära für sich fest setzt, wenn er gern Reliquien von Sophie beschaut und andere kleine Schwärmereien treibt:
Von August 1797 an ist Hardenberg jetzt, seinen Erlebnissen entsprechend, "Novalis": "welcher Name ein alter Geschlechtsname von mir ist und nicht ganz unpassend", und er legt diesem Namen eine Bedeutung bei, die mit novus = neu zusammenhängt und offenbar in Beziehung stehen soll zu: der vom Neuland, der Neuland rodet, der Neues angeht, der Revolutionär.
So kommt er getröstet und wahrhaft verklärt zu seinen Geschäften zurück, die er eifriger als je betreibt, obwohl er sich jetzt als einen Fremdling auf Erden betrachtet. (In diese Zeit fallen seine Hymnen an die Nacht.)
Und er bewandert mit einem Freund (und einem Führer) die steile Roßtrappe.
Wenn nun einige Monate nach dem Tode der Braut in Hardenberg der Wunsch entsteht, sein Fachwissen durch ein gründlicheres Studium der Naturwissen-schaften zu vergrößern, so kann das zunächst als der Versuch angesehen werden, in neuer Umgebung und erweiterter Tätigkeit seine innere Stabilität wiederzugewinnen.

Die Wünsche seines Vaters und die Liebe zu seiner Familie, für die er, als ältester Bruder, einst mit zu sorgen sich verpflichtet fühlt, bestimmen ihn, nach Freiberg zu gehen und sich da zu einer künftigen wirklichen Anstellung auf den kursächsischen Salinen auszubilden.
Am 1. Dezember 1797 macht er sich nach der Bergstadt auf den Weg. Da wird ihm das Patent des Oberbergamts ausgehändigt, hier studieren zu dürfen.

Freiberg (unweit Dresden) ist, als Hardenberg es im Dezember 1797 kennen-lernt, eine Stadt von rund 9400 Einwohnern. Ihre große wirtschaftliche Blütezeit ist längst vorüber. Der Freiberger Silberbergbau ist ständig zurückgegangen, weil die technischen Mittel eine weitere Erschließung nicht zulassen und die Summe der bisherigen Erfahrungen zu einer Verbesserung nicht ausreicht. In Freiberg entstehen für Hardenberg neue persönliche Bindungen. Da ist zunächst einmal der berühmte Bergkommissar Abraham Gottlieb Werner.
Als Hardenberg nach Freiberg kommt, ist Werners Ruf schon weit über die Grenzen Deutschlands gedrungen. So wird auch er rasch in seinen Bann gezogen und bleibt von nun an ein Bewunderer und Verehrer dieses universal interessierten und gebildeten Mannes. Allein Werners mehr als 20000 Bände umfassende Bibliothek ist bewundernswert in ihrer Vielseitigkeit. Die Scheu Werners vor dem Gebrauch von Instrumenten beim Umgang mit Mineralien, die mit einem seltsamen magischen Einfühlenwollen in das Wesen der Gesteine zusammenhängt, sei hier vermerkt.

Dann ist da Charpentier, in der Geologie Werners Gegner: Er bewohnt das schöne Haus Burgstraße 11, das der Bergrat wöchentlich einen Abend den studierenden "Ausländern" öffnet.
Hier lernt er die 21-jährige Julie von Charpentier kennen, und vielleicht mag es jedem andern außer seinen vertrauten Freunden, sonderbar dünken, dass er sich schon bald mit ihr verlobt.
Sophie bleibt zwar der Mittelpunkt seiner Gedanken: als eine Abgeschiedene verehrt er sie fast mehr, als da sie ihm noch sichtbar nahe war, aber mit ihrem Verstand und ihrem sanften Herz gewinnt Julie sein Interesse, dann seine Liebe.
"Julchen ist ein schleichendes Gift - man findet sie, eh man sich versieht, überall in sich."
"Dies ist nun alles zwar recht schön, aber ich bin nicht mehr, der ich vorher war - ich tauge nicht mehr in die Welt - Vollkommen wohl bin ich nur in meiner Klause zu Tennstedt ..."
Seine Liebe für sie ist nicht so leidenschaftlich, wie sie für Sophie gewesen ist; sie ist weit ruhiger, aber ihr Umgang gewährt ihm Nahrung für Kopf und Herz.

Gegen Ende der Freiberger Zeit rückt seine Absicht, praktisches Wissen für den sächsischen Salinendienst zu erwerben, in den Vordergrund. Im Winter 1798/99 beginnt er ernstlich an seine feste Anstellung bei den Salinen zu denken. "Schade, dass ich jetzt noch so viel zu tun habe."
Das bürgerliche Leben mit seinen Anforderungen ist ihm nähergetreten.
"Ich fange an, das Nüchterne, aber echt Fortschreitende, Weiterbringende zu lieben."

Er ist "jetzt viel unter der Erde" und beide Ereignisse - Studium und Julie -
rufen ihn immer stärker ins Leben zurück, mit dem er schon fast abgeschlossen zu haben glaubte. Er findet sich also, widerstrebend zuerst, aber bald immer zustimmender, aufs neue gebunden: "Ich sehe mich auf eine Art geliebt, wie ich
noch nicht geliebt worden bin".

5

Er hat Freiberg mit der Absicht auf eine feste Anstellung bei den kursächsischen Salinen verlassen. Die Verbindung mit Julie von Charpentier hat ihm die Möglichkeit einer baldigen Ehe vor Augen gerückt. Das aber macht eine finanzielle Sicherung nötig, die er im Augenblick in seiner alten Stellung als Akzessist bei den Salinen nicht hat. "Die Hauptschwierigkeit ist Mangel an Auskommen für jetzt."
"Der Herr von Oppel kommt heute zu einer Kommission bei den Salinen zu uns - und ich freue mich sehr über die Gelegenheit einem sachverständigen Manne vielleicht vorteilhaft bekannt zu werden und mir an ihm einen Fürsprecher bei dem Gesuch um Anstellung vorzubereiten. Freilich setz ich voraus, dass ich doch 500 Taler Besoldung erhalte ..."

Er besucht in der Kar- und Osterzeit Grüningen und Sophies Grab, um ihren Todestag zu feiern, und erlebt dort eine der stärksten seelischen Erschütterungen seines Lebens. Denn "Ma Chère" ist gestorben, und er weiß, dass sie nur aus Sehnsucht zu ihrer geliebten Sophie gestorben ist.

Seine erste Bewährungsprobe ist die erwähnte Untersuchung der kursächsischen Salinen durch Julius Wilhelm von Oppel. Dieser ist Mitglied des Geheimen Finanzkollegiums in Dresden und dort für die Berg-, Hütten- und Salzsachen verantwortlich.

Oppel erwartet einen Aufschwung der Geschäfte durch Verbilligung und Erhöhung der Produktion, die in letzter Zeit durch ungünstige Witterung recht zurückgegangen ist. Im Besonderen geht es um die stärkere Verwendung der Braunkohle zum Salzsieden -
Hardenberg soll Oppel als Protokollant begleiten. Danach schlägt Oppel vor, ihm die Führung des Haushaltsprotokolls und die damit zusammenhängenden Berichte zu übertragen und ihm auch die Oberaufsicht über die zu den Salinen gehörigen Braunkohlewerke und die in Dürrenberg neu entstehende chemische Fabrik, die besonders Glauber- und Bittersalz produziert, zu übergeben.

Die Bitte um Fürsprache bei einer Beförderung verzögert sich jedoch.
Der Vater schreibt einen Brief. Erst am 7. Dezember 1799 erfolgt schließlich eine Verfügung des Kurfürsten, in der Hardenberg zum Salinenassessor ernannt wird: mit einem Gehalt von 400 Talern jährlich.

Novalis ist hocherfreut über seine errungene Selbständigkeit. Er nimmt an, bald einen eigenen Hausstand zu gründen. Noch ist ihm sein Schicksal günstig, und es fehlt ihm nichts zu seinem ersehnten Glück, als davon Besitz zu nehmen.
Obgleich seine Vertrauten etwas besorgt sind und Blässe sowie zunehmende Magerkeit an ihm bemerken wollen. Er selbst ist auf seine Diät noch aufmerksamer als sonst, er trinkt keinen Wein, genießt fast keine Fleischspeisen und nährt sich nur von Milch, Obst und Gemüse.

Am 16. Dezember 1799 ist von Dresden aus die Aufforderung erfolgt, Hardenberg in die Pflicht zu nehmen. (Sein Eid erfolgt im Januar 1800).
Seine ältere Schwester verheiratet sich in diesem Jahr, und die Hochzeit wird auf einem Gut in der Nähe von Jena gefeiert. Nach dieser Vermählung hält sich Novalis an einem einsamen Ort in der güldnen Aue in Thüringen, am Fuße des Kyffhäuserberges, auf - in dieser Einsamkeit wird ein Teil des Ofterdingens ausgearbeitet. Novalis ist begeistert von Plänen seines künftigen Glücks, seine Wohnung ist schon eingerichtet, denn im August 1800 will er seine Hochzeit mit Julie feiern. Mutter Hardenberg beantwortet einen Brief von Julie sehr liebevoll und zerstreut Bedenken wegen der Vermögenslosigkeit der Familie und bestätigt ihr und ihres Mannes Einverständnis mit der Verbindung der beiden.

Indem er im August nach Freiberg zu seiner Hochzeit reisen will, fängt er an, Blut auszuwerfen, was die Ärzte aber nur für hämorrhoidalisch und unbedeutend erklären. Doch greift es ihn an, und noch mehr, als sich dies periodisch wiederholt. Seine Heirat wird aufgeschoben, und schon muss er zur Kontrolle mit seinen Eltern nach Dresden. Er wird augenscheinlich schwächer, und als er Anfang November erfährt, dass ein jüngerer Bruder von 14 Jahren durch Unvorsichtigkeit ertrunken ist, zieht ihm der plötzliche Schreck einen heftigen Blutsturz zu, worauf seine Ärzte gleich erklären, dass sein Übel unheilbar sei.
Julie kommt zu ihm nach Dresden.

"Ich will nicht klagen mehr, ich will mich froh erheben
Und wohl zufrieden sein mit meinem Lebenslauf.
Ein einzger Augenblick, wo Gott sich mir gegeben,
Wiegt jahrelange Leiden auf."

Aber er will noch heiraten!
(Könnten die Menschen unbeschwert leben wie die Vögel, so brauchte die Liebe den Wohlstand nicht; so aber ist sie vom Wohlstand abhängig.)
Seine merkbare Krankheit, die zum Liegen veranlasst, will er überspielen.
(Es ist die Frage, ob dieser Wille, Sophie in den Tod zu folgen, trotzdem unbewusst oder halbbewusst weiterwirkt, wie manche Äußerungen vermuten lassen - oder ob Novalis nur physisch an Schwindsucht, genau wie sein Bruder Erasmus, gestorben ist).

Wie zum Spott - Ende Dezember 1800 hat ein Bewerbungsschreiben Erfolg.
Er wird zum "Amtshauptmann" in Thüringen ernannt. Dies entspräche "dem" beruflichen Fort-schritt, wäre er in der Lage, die ihm zugedachte Stelle auch tatsächlich auszufüllen.
Im Januar 1801 wird der Wunsch, wieder zuhause (bei seinen Eltern) zu sein, so lebhaft in ihm, dass er sich nach Weißenfels zurückbegibt. Hier werden die geschicktesten Ärzte von Leipzig und Jena zu Rate gezogen, aber sein Zustand verschlimmert sich mit jeder Woche, doch ist er, wie in seiner ganzen Krankheit, fast ohne Schmerzen. Je mehr er sich seinem Ende nähert, umso gewisser hofft er auf eine baldige Genesung, denn der Husten vermindert sich, und er hat (die Mattigkeit abgerechnet) kein Gefühl von Krankheit.
Mit der Hoffnung und der Sehnsucht zum Leben scheint auch neues Talent und frische Kraft in ihm aufzugehen. "Jetzt habe ich erst erfahren, was die Poesie ist, unzählige und ganz andere Lieder und Gedichte, als die ich bisher geschrieben habe, sind in mir aufgegangen."
Vom 19. März an, dem Todestag seiner Sophie, wird er auffallend schwächer, viele seiner Freunde besuchen ihn. Jetzt ist er sehr lebhaft, und seine Nächte sind ruhig.
Am 25. März früh um sechs Uhr lässt er sich einige Bücher reichen, um etwas nachzuschlagen, dann bestellt er sein Frühstück und bittet, ihm auf dem Klavier etwas vorzuspielen, worüber er einschläft. Julie tritt bald darauf in das Zimmer und findet ihn ruhig schlafen; dieser Schlaf währt bis nach zwölf Uhr, worauf man bemerkt, ohne die mindeste Bewegung, dass er verschieden ist und unverändert im Tode seine gewöhnliche freundliche Miene hat, als ob er noch lebt.


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