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Kornelia Koepsell: Metamorphose

Münchner Anthologie
 
Kornelia Koepsell

Metamorphose
 

Aus geworfenen Steinen sind wir gewachsen, so sagen
   alte Erzählungen, tausende Menschen erschuf
des Deukalions Steinwurf und der seiner Gattin, man nannte
   es das harte Geschlecht. Da war die Sintflut vorbei
und es begann die Urbarmachung der Länder, die Menschen
   putzten sich das Gebiß, schnitten die Fußnägel ab,
stachen Hirschen und Feinden ins Herz und machten aus Trauben
  einen berauschenden Saft, später auch Himbeergelee.
Rührstäbe wurden erfunden, die Wasserstoffbombe, das Schlagzeug.
  Spenden für Afrika kamen in Mode. Es starb
Wordworth bei der Gestaltung des Gartens, der Dichter bewohnt noch
  ein versunkenes Reich. Kriegswaisen aber gelingt
kein normales Leben, sie fürchten sich, Auto zu fahren
  oder werden zu dick. Überall schimmert ein Licht,
dünne Mädchen verbreiten sich wie das Feuer, ihr I-Pod
   passt in den Minislip, über die Ziellinie rast
Maserati mit sechs Zylindern beim Preis von Monaco,
   kaum, daß der Jubel verebbt. Aber sie sterben allein,
trotz aller Nervenzusammenbrüche noch immer, die Menschen,
   röcheln nach etwas Luft oder in schrecklichem Schmerz.


In: Jahrbuch der Lyrik 2020, herausgegeben von Christoph Buchwald und Dagmara Kraus, Schöffling & Co, Frankfurt a.M. 2020, Seite 26.
Ulrich Schäfer-Newiger

Mythomanien, oder: Eine kurze Geschichte des harten Geschlechts

Susan Sontag äußerte einmal, ein Kunstwerk (und wir werden der Beurteilung zustimmen können, dass dieses Gedicht von Kornelia Koepsell ein Kunstwerk ist) sei ein Erlebnis und keine Aussage und keine Antwort auf eine Frage und kein Kommentar über, sondern Teil der Welt. Ein Teil der Welt ist der Text gewiss, aber was macht er mit uns? Welches ‚Erlebnis‘ evoziert das Gedicht? Wir spüren jedenfalls gleich: Auch nach mehrmaligem Lesen entkommen wir gedanklichen Einordnungsversuchen nicht. Unser Wissen oder Unwissen lastet auf der Gedichtlektüre, ob wir wollen oder nicht.
 Also: Schon der Titel, ‚Metamorphose‘ deutet auf möglicherweise mythisch-bedeutungsgeladenes Altes hin. Ebenso die Versform des antikisierenden Hexameters, in dem der Text gehalten ist. Seinen Rhythmus nehmen wir besonders wahr, wenn wir uns das Gedicht laut vorlesen.
    Weiter: Es fehlt ein lyrisches Ich, welches einen wie auch immer gearteten subjektiven Bezug zu den Lesern herstellen könnte. Dies macht aus dem in strenger Form gehaltenen Gedicht zugleich einen lakonisch-trostlosen, bewusst objektiven Bericht. Das am Ende erwähnte röchelnde und schmerzvolle Sterben der Menschen erinnert in diesen Zeiten naturgemäß an die Corona-Pandemie, was die Dichterin vermutlich beim Schreiben des Textes nicht voraussehen konnte, aber sehr gut zum Thema des Gedichtes passt.  Aber so, wie die gegenwärtige Pandemie eine zivilisatorische Kränkung hervorruft, deutet auch das Gedicht von Kornelia Koepsell auf eine solche Kränkung hin, die freilich viel älter und grundsätzlicher Natur ist. Ahnen wir damit schon zu viel, als dass wir den Text ohne weitere gedankliche Arbeit einfach auf uns wirken lassen könnten? Können wir die Betrachtung hier schon beenden, ohne das sichere Gefühl, damit noch überhaupt nicht erfasst zu haben, was das Gedicht eigentlich sagt?

Es hebt doch an mit einem bestimmten, nicht mehr jedem geläufigen Schöpfungsmythos, und erzählt dann offenbar eine Art Entwicklungsgeschichte der Menschen. Oder entwickelt sich da in Wirklichkeit gar nichts, gibt es irgendwo eine Wandlung? Und was haben ein „Deukalion“ und der „Dichter Wordsworth“ miteinander und schließlich mit uns heute noch zu tun? Von selbst erschließt sich aus dem Gedicht eine Antwort nicht. Der Text verführt zum Weitergraben, zum Suchen, möglicherweise auch in einem weitverzweigten, umfangreichen Labyrinth voller Mythen ohne Ausgang.

Deukalion ist ein Name für verschiedene antike Gestalten. Hier interessiert allein der Heroe Deukalion, der Sohn des Titanen Prometheus, der mit einer bestimmten Variante des Mythos der Menschenentstehung verknüpft ist, die in den ‚Metamorphosen‘ des Ovid, Buch 1, Verse 313 bis 415, am ausführlichsten geschildert werden. Zeitlich früher hatte sie schon Vergil erwähnt, (Georgica, 1, 63). Im Gedicht wird sie nur angedeutet: Nach einer von Zeus verursachten Sintflut, schufen Deukalion und seine Gattin Pyrrha, die auf einer kleinen Arche als einzige überlebt hatten, das Menschengeschlecht neu. Dies taten sie nach einem Dankesopfer an Zeus auf dessen Geheiß, indem sie auf Empfehlung der Göttin Themis, die das Orakel innehatte, Steine (die ‚Gebeine der Mutter Erde‘) hinter sich warfen. Aus den Steinen Deukalions wurden Männer, aus denen der Pyrrha Frauen. Was vor allem nicht erzählt wird im Gedicht, ist die Vorgeschichte der erwähnten Sintflut: Es hatte das goldene Zeitalter (Paradies), das silberne und schließlich das bronzene Zeitalter gegeben, in welchem das harte Geschlecht des geringwertigen Eisens lebte, das in Frevel ausbrach (zu den Einzelheiten siehe Ovid, a.a.O. 1, 90 ff). Zeus entschied daraufhin, die Menschen mittels einer Sintflut von der Erde zu tilgen. Die Götterversammlung freilich monierte, der Verlust des Menschengeschlechtes schmerze sie alle, denn keiner würde mehr da sein, der den Altären Weihrauch spende.  Zeus versprach daher, es werde ein neues Volk erblühen, unähnlich dem alten. Er beendete die Sintflut, nachdem der unbescholtene Deukalion mit seiner Frau Pyrrha als einzige Menschen noch lebten. So blieb auch die Geburt des neuen Menschengeschlechts ein Ereignis göttlicher Bestimmung. Im Gedicht wird das nicht ausgeführt, aber der Mythos, auf den es verweist, verbürgt sie.

Die Entstehung der Menschen aus Steinen diente zur Begründung der Behauptung, bei den Menschen handele es sich um ein 'hartes Geschlecht‘ (so bei Ovid selbst, Met. 1, 415 „darum sind wir ein hartes Geschlecht, das der Mühen gewohnt ist, / Und wir bekunden noch deutlich den Stoff, aus dem wir entstanden“ ) oder auch schon bei Vergil, Georgica, 1,63, der den Mythos im Zusammenhang mit der naturbegründeten Verpflichtung der Urbarmachung von Land erwähnt, „seit Deukalion einstmals die Steine / hinter sich warf auf dem leeren Gefilde, die Steine, aus denen / Menschen erwuchsen, dies harte Geschlecht ). Es ist nicht zufällig, dass es zwei Römer waren, die diese alte Erzählung in ihren Dichtungen aufnahmen, ausführlich schilderten und die Härte der – römischen? - Menschen hervorhoben. Indessen mussten beide, Deukalion und Pyrrha, beim Werfen der Steine über ihre Schultern nach hinten, ihre Häupter verhüllen (Met. 1,382); das Wunder der Verwandlung der Steine in Menschen durften sie gerade nicht selbst wahrnehmen. Doch Ovid beschreibt sie für uns, die Stelle scheint für die Deutung des im Gedicht Erzählten wichtig: „Siehe – wer sollte es glauben, wenn nicht das Alter der Sage / Es verbürgte? – die Steine verlieren die Härte und Starrheit, / langsam werden sie weich und nehmen Gestalt an.“

Das Alter der Sage dient Ovid demnach als Bürge für ihre Glaubwürdigkeit. Aber wie alt ist die Sage, wo kommt sie her? Vergil lässt darüber nichts verlauten, Ovid selbst auch nicht. Ihre Zeitgenossen dürften sie aber gekannt und ebenso selbstverständlich für uralt gehalten haben. Erwähnt wird sie in der Bibel, im Neuen Testament (Math. 3,9; Luk. 3,8). Johannes der Täufer entgegnet den vielen Pharisäern und Sadduzäern, die sich bei ihm auch taufen lassen wollen: „Denket nur nicht, daß ihr bei euch wollt sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.“ Das Neue Testament freilich ist jünger als es die Werke Vergils und Ovids sind.

Eine hier weiterhelfende Variante des Mythos erzählt der spätantike römische Autor Arnobius (um 300 n.Ch.) in seiner siebenbändigen apologetischen Schrift: Deukalion und Pyrrha hätten die zu werfenden Steine von einem in Phrygien liegenden, unerhört  großen Felsen, Agdus genannt, entnommen. Nach den Steinwürfen über die Schulter haben sie sich auf diesem Felsen zur Ruhe und zum Schlaf niedergelegt. Jupiter jedoch begehrt sie (beide!) in „unzüchtiger Leidenschaft“, bekommt aber nicht was er will. Zum Nachgeben gezwungen, vergießt er seinen Samen auf dem Felsen. Dieser gebiert nach zehn Monaten einen Gott beiderlei Geschlechts, Acdestis genannt. Der oder die ist von ungezähmter Wildheit und Stärke, kümmert sich weder um Gebote der Götter noch Menschen; er/sie verachtete die Erde, den Himmel und die Sterne. Ob des Frevels wird er/sie aufgrund eines von den Göttern erlassenen Beschlusses durch eine kompliziert angelegte Fessel seiner Füße mit seinem Geschlecht durch seine eigene Kraftbewegung „entmannt“. (Auch in alten Mythen wird die Zweigeschlechtlichkeit sprachlich nicht immer konsequent durchgehalten).

Diese Variante der Geschichte ist einem kleinen Essay des 2015 verstorbenen, profunden Kenners altgriechischer Mythen und Opferrituale, Walter Burkert, entnommen, in welchem er (hier sehr verkürzt skizziert) diese Variante des Arnobius mit älteren, vorwiegend mündlich überlieferten Erzählungen über die Felsgeburt von Göttern aus Kleinasien und dem Kaukasus vergleicht¹ Dabei stellt er nicht nur verblüffende Gemeinsamkeiten der Arnobius-Erzählung mit der viel älteren Überlieferung der Geschichte eines felsgeborenen Unholdes namens „Ullikummi“ fest, sondern meint auch, der vorwiegend mündlich überlieferte Mythos der Felsgeburt habe sich seit ca. 3000 Jahren stabil erhalten. Sechs Prinzipien macht er in den verschiedenen Varianten dieses Mythos ausfindig: 1. die Ausganssituation ist ein großer Stein,  2. ein Gott befruchtet den Stein, 3. der Stein gebiert ein Kind, 4. das so erzeugte Kind ist ein Rebell gegen die Götter, 5. die Götter versammeln sich und planen Gegenmaßnahmen, 6. der Götterfeind wird unschädlich gemacht.

Die Unterschiede zu der von Ovid erzählten Variante sind nicht zu übersehen. Aber wenn man „Kind“ durch „Menschen“ ersetzt, werden sie schon erheblich kleiner. Und kann das Gedicht von Kornelia Koepsell nun nicht als eine weitere Variante dieser uralten Geschichte gelesen werden? Das Gedicht ist zwar verhältnismäßig kurz, aber sein Inhalt wird doch im Gestus eines Epos erzählt: Es wird auf die Herkunft der Menschen aus Steinen rekurriert, sie sind deswegen „hart“, machen die Länder urbar, zivilisieren und optimieren sich selbst, erfinden technische Dinge und wenden sie an, zuletzt die Wasserstoffbombe und das Schlagzeug. Diese Entwicklung wird zunächst ganz und gar lakonisch, aber ungefähr chronologisch geschildert. Erwähnt werden noch Spenden für Afrika (also ein erstes Zeichen von Empathie?), die in Mode gekommen seien und somit der behaupteten ‚Härte‘ der Menschen zu widersprechen scheinen. Bevor wir noch prüfen können, ob es denn auch ein Bild oder eine Metapher der Götterrebellion im Gedicht gibt, heißt es unerwartet, noch in derselben Zeile:

„Es starb // Wordsworth bei der Gestaltung des Gartens, der Dichter bewohnt noch // ein versunkenes Reich.

Diese Zeile unterbricht den Lesefluss und zunächst auch alle bisherigen Überlegungen. Wer den Namen Wordsworth in Verbindung mit der Bezeichnung „Dichter“ liest, muss an William Wordsworth denken, der (den Interessierten ist das bekannt) neben Blake, Byron, Coleridge, Keats und Shelley, vereinfacht formuliert, die englische romantische Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts prägte. Diese verwarf, wenn im Einzelnen auch ohne inhaltliche und programmatische Gemeinsamkeit, die  bis dahin herrschende Vorstellung von Literatur und Kunst  und verstand sich als Gegenbewegung zur vorherrschend gewordenen vernunft- und wissenschaftsorientierten Weltsicht, deren eine wesentliche Folge die rasche Industrialisierung Englands war (über die am eindrücklichsten Friedrich Engels in seinem ‚Zur Lage der arbeitenden Klasse in England‘ berichtet hat).² Zugleich wurde ihr Glaube an eine bessere Zukunft oder den Fortschritt durch den Verlauf der französischen Revolution, mit der Hinrichtung des Königshauses, zunichte gemacht.

Die Autorin hat mit der Nennung des Namens Wordsworth an dieser Stelle den Lesern auch ein kleines Rätsel aufgegeben. Denn die bis dahin im Gedicht wahrgenommene scheinbare Chronologie der Ereignisse wird hier verlassen. Wordsworth starb lange vor Erfindung der Wasserstoffbombe. Was will sie mit dem unerwarteten Hinweis auf den englischen Dichter sagen, was geschieht an dieser Stelle?
    Das Gedicht erfährt durch den Hinweis auf den „Dichter“ Wordsworth eine zweifache Zäsur: Einmal können wir die Erwähnung des Sterbens von Wordsworth zeitlich nach der Erfindung der Wasserstoffbombe so verstehen, dass die ‚Entwicklung‘ oder der Prozess der Zivilisation der Menschheit mit der Erfindung der Atombombe und des Schlagzeugs seinen teleologischen, also möglichen, von den Menschen selbst ersehnten, zielgerichteten Charakter verloren hat. Auf irgendeine zeitliche Abfolge von Ereignissen kommt es daher nicht mehr an. Was nach der Erwähnung des Namens im Gedicht gesagt wird, hat mit einer wie auch immer gearteten zeitlichen ‚Entwicklung‘ der Menschheit oder gar einem ‚Fortschritt‘ nichts mehr zu tun.

Die andere Zäsur besteht darin, dass im Zusammenhang mit Wordsworth erstmals (wenn man von den anfangs erwähnten „geworfenen Steinen“ absieht) eine ausdrücklich metaphorische Begrifflichkeit im Gedicht Einzug hält. Damit sind die Wörter „Garten“ und „untergegangenes Reich“, in dem der Dichter, obwohl gestorben, noch immer lebendig ist, gemeint. Hält man sich vor Augen, dass mit der Romantik, insbesondere in England, die Abkehr von der sich selbst entfremdeten Fortschrittsgesellschaft und zugleich eine Hinwendung zur Natur ein neuer Erfahrungsbereich für die Literatur sich eröffnete, und wenn man weiß, dass Wordsworth einer der ausgeprägtesten Vertreter dieser Haltung war, dann macht sein unerwarteter Eintritt in das Gedicht an dieser Stelle einen Sinn.

Nach einer Passage in seinem bekannten Gedicht »Lines composed a few miles above Tintern Abbey« bedeutete die Natur für Wordsworth

The anchor of my purest thoughts, the nurse,
The guide, the guardian of my heart, and soul
Of all my moral being.³

„Das Werk von Wordsworth ist durchzogen vom Mythos einer Natur, die für die Menschen nicht nur ein ästhetisches Erlebnis bietet, sondern ihn als moralische Kraft trägt.“

Der Garten, der bestellt wird, kann daher für die Poesie stehen, für eine poetologisch erfasste Natur, durch die der Dichter Wordsworth stetig wanderte, deren Schönheit und vor allem deren spirituellen Charakter er immer wieder hervorhob. Und das „untergegangene Reich“ für das durch die genannten Dichter repräsentierte, der Mechanisierung und Industria-lisierung widerstehendes, noch hoffnungsvolles Natur- und Menschenbild, ein Menschenbild, das vielleicht demjenigen der vormaligen Götter am nächsten kam. Davon ist heute nichts mehr zu erkennen. (Wir wollen nicht so vermessen sein, das ganz moderne, neudeutsch sogenannte, in aller Munde geführte und allen Literaturzeitschriften propagierte „Nature Writing“ etwa als Beginn einer neuen romantischen Epoche misszuverstehen).

Wordsworth ist der beispielhafte, vielleicht sogar letzte Repräsentant jenes Reiches, in welchem die Götter, die götterbezogenen Rituale und die Natur als Quellen menschlicher Selbstdeutung und -erkenntnis noch ernst genommen wurden, das Reich der Poesie nämlich. Die heutige, natürliche Daseinsform der Götter, schreibt Roberto Calasso in seinem Essay „Die Literatur und die Götter“ ist, in Büchern zu erscheinen. Man könnte ergänzen: Bevorzugt in Gedichten.

Von der Zeit als Hoffnungsträger, wie Wordworth sie anfänglich noch gesehen hat (vergl. z.B. sein Gedicht „Steamboats, Viaducts, and Railways“), die den Raum (also den Ort der Verwissenschaftlichung der Lebenserklärungen, Mechanisierung und Industrialisierung) besiegt und alles zu einem guten Ende führt, ist in dem Gedicht von Kornelia Koepsell nun nichts mehr zu lesen. Die von ihr, nach der Erwähnung des Dichters Wordsworth, aufgeführten Attribute der Moderne (Kriegswaisen, Autos, Adipositas, I-Pods, Minislips, Maserati, Preis von Monaco) versprechen nichts mehr für die Zukunft. Ein spiritueller Charakter, wie einst der Natur (ist die Wasserstoffbombe nicht die denkbar größte Verachtung der Natur durch den Menschen?), kann diesen Attributen nicht entnommen werden.  Damit wird, wie gesagt, auch zugleich die Berechtigung eines teleologischen Fortschrittsverständnisses der Moderne verneint.

Jan Philipp Reemtsma hat das teleologische Fortschrittsverständnis der Gegenwart (also ein wissenschaftliches, funktions- und machbarkeitsorientiertes Weltverständnis ohne Gott und ohne Götter) einmal eine säkularisierte Fortsetzung der Theodizee genannt. Das aber ist nichts anderes als eine Rebellion gegen die Götter (die jedoch nur dann Sinn macht, wenn man diese für existent hält, und sei es auch nur vage im Glauben). Im Gedicht wird zuletzt die Weichheit der Menschen beschrieben, dünne Mädchen, die sich wie Feuer verbreiten, rasende Maseratis, die Nervenzusammenbrüche, den äußersten Zeichen der Weichheit, deren Beginn Ovid in der zitierten Stelle beschrieb, und die somit das vorläufige Ende der Metamorphose markieren, helfen ihnen, den Mitgliedern des neuen Geschlechts, gerade nicht. Die Menschen sterben wie immer. Sind sie daher tatsächlich „ungleich den alten“, wie Zeus seinen Olympiern versprochen hatte?

Alle im Gedicht genannten Zeichen der Moderne können jedenfalls als radikal-frevelhafte Abkehr vom Göttlichen verstanden werden. Denn von götterbezogenen Ritualen, von über das Physische hinausgehende Imaginationen, von uralten Erzählungen, wird nicht berichtet, sondern von Bildern der Hybris der Menschen. Diese Metamorphose vom harten Gestein, hin zu weichen, Mühen nicht mehr gewohnten, die Natur (auch die eigene) als moralische und ästhetische Quelle verachtenden, dabei zu Nervenzusammenbrüchen neigenden Gestalten, ist der eigentliche Gegenstand des Gedichts.

Was bleibt, ist das nach Luft röchelnde (Covid-19 verursachte?), schmerzhafte Sterben von Menschen, möglicherweise durch Beschluss der Götter. Die heutigen Menschen bestätigen den alten Mythos. Das Gedicht ist damit auch eine mehr oder weniger direkte Zivilisationskritik.


¹ Walter Burkert: Von Ullikummi zum Kaukasus. Die Felsgeburt des Unholds, abrufbar hier.
² Vergleiche zu Wordsworth: https://signaturen-magazin.de/william-wordsworth--gedicht,-noch-ohne-titel,-fuer-s.t.-coleridge.html
und Coleridge: https://signaturen-magazin.de/fundstuecke---2014.html.  
³ Zitiert nach Bernhard Fabian, Hrsg., Die englische Literatur, München 1991, Seite 144.
Fabian, a.a.O. S. 152.
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