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Konstantin Ames: Verkebstes, hierhergekarrt - Einsichten in die Stimme Paul Celans

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Konstantin Ames
Verkebstes, hierhergekarrt
Einsichten in die Stimme Paul Celans


Materialien: Plastik, Glas, Wein, Blech, Horn auf Schiefer, Pappe, Papier
Sozialpraxis: Poesie

Detail Nr. 4

„And just beat the devil out of it!“ – das sei „the fun part“ so der TV-Maler Bob Ross; „it“, damit ist das Ausklopfen des Pinsels nach der Reinigung gemeint, das in Verbindung steht mit dem Hintupfen von Schema-f-Landschaften, die die ewige Wiederkehr des Gleichen zelebrieren. Was aber sollte ein Simulacren-Manufakteur – ist Bob Ross nicht genau das? – mit einem Dichter, mit einer echten Autorität, mit Paul Celan zu tun haben?

Selbst Dichter interessiert mich an meinem Kollegen genau das: Dichtung im Sinne von poiesis, aber auch im Sinn von signature moves, Stimme statt Stimmung; Stimme ist metaphorisierbar, während Stimmung nicht einmal lokalisierbar ist, sondern ganz und gar fluide. Stimmungskanone, Stimmungsmacher, das sind sehr deutsche Worte …

Stimme hatten beide; und eben darin liegt beider Wiedererkennbarkeit. Ihnen ist die Verbindung von Klang, Farbe und – diesem unverfügbaren Dingelchen – Aura gelungen. Kein s/w, nirgends; beide sind Weltfärber, Entteufler, keine Ausbilder, aber so einsam wie diese: „every tree needs a friend,“ der stete Blues des Bob Ross. Schmerzwelten; in unsere Minusrealität mitten hineingestellt, umrankt von Sonorität.

Celan wandelt in „Le Menhir“ auf der Spur einer Idee des frühen Nietzsche, der forderte: „[E]ine neue Welt der Symbole ist nöthig [sic], einmal die ganze leibliche Symbolik, nicht nur die Symbolik des Mundes, des Gesichts, des Wortes, sondern die volle, alle Glieder rhythmisch bewegende Tanzgebärde. Sodann wachsen die anderen symbolischen Kräfte, der der Musik, der Rhythmik, Dynamik und Harmonie, plötzlich ungestüm.“ (KSA, Bd. 1, Nr. 2, 33f.)

Ich mochte diese Dialektik nachvollziehen, ohne die Aura von Celans Gedicht zu verraten; ohne Sprachgewalt gegen cleane Fläche auszutauschen; ohne zu normalisieren, das hieße segregieren: Hie Bild, dort Sprache. Daran haben nur verdienstvolle Akademieklassen und andere Klassisten ernsthaft Freude und echten Gewinn; pling, pling.

Paul Celans wohlplatzierte „Phaläne“ vollführt diese nietzscheanische „Tanzgebärde“. Der Gebetsriemen, im weiteren Sinne jeder spirituelle Gegenstand (mit denkmagischer Schutz-funktion), hier nur attributiv und nur gebrochen („phylakterien-/farben“) anwesend, referiert nicht auf etwas, hier i s t  er gebärdetes Gebet – plastische (für mich: hörbare) Schrift. Und ist noch dazu ein Schlag ins Gesicht jeglicher eventistisch orientierten Verdachtshermeneutik, deren unglückseliger Stichwortgeber wiederum Nietzsche wurde: „Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: sie beuten sie aus.“ (KSA, Bd. 6, Nr. 161, 101)

An Lyrik hatte es im deutschen Sprachgebiet nie einen Mangel. Dichterinnen und Dichter sind jedoch äußerst selten … Die Verwechslung von Poesie mit Lyrik endet im gewerbsmäßigen Interessantismus und letztlich in der völligen Bedeutungslosigkeit einer gar nicht so harmlosen Kunstsorte. Die gerade durch ihre mangelnde Monetarisierbarkeit eine deviante Sozialpraktik ist und bleibt. Arm sind Dichterinnen und Dichter sowieso nur gemessen am wohlständigen Wohlanstand.

Wer Verbürgerlichung will – vielleicht gibt es dafür gute protestantische Gründe – dem muss Poesie verdächtig sein, denn anders als die ornamentale Sozialtechnik Lyrik dient Poesie nicht der Konstruktion und Verteidigung bürgerlicher Werte. Deshalb dürfen auch nur die staatstragenden Langweiler an den Jurykern vorbei in die Schulbücher. Zwischen den Langweilern finden sich Zeilen von Celan. Eine Einsicht der großen liberalen Denkerin Hannah Arendt bringt die beiden Features der Poesie auf den Punkt: „Die gewissermaßen menschlichste und unweltlichste der Künste ist die Dichtkunst, deren Material die Sprache selbst ist und deren Produkt dem Denken, das es inspirierte, am nächsten bleibt.“ (Vita activa, 3. Aufl. 2005, S. 205)

Übersicht, front

„Le Menhir“ ist eine Geburt des Gedichts aus dem Geist der Autopoiesis. Celans Stimme ist nicht bloß Instrument im Rahmen eines Effekterzielungs- oder Infektionsmodells, sein Verständnis von Poesie ist – wie dasjenige Rilkes – mediumistisch. Seine Urszenerie gerät dabei unversehens zum Gegenentwurf der Krebsbaracken-Lyrik und zur toxischen Männlichkeit eines anderen Pfarrhaussprösslings, auf dessen „verkrebsten Schoß“ Celans Substantivierung „Verkebstes“ schlankweg anspielt. Gottfried Benn hatte keine Stimme, in keiner der beiden Bedeutungen dieses Wortes.

„Le Menhir“ und viele weitere Gedichte Pauls Celans sind nicht weniger ASMR als Bob Ross’ Stimme, zu der das Gekratze und Gemische auf der Palette, das Getappse auf der Leinwand nur die Kulisse bilden. Ein gegenweltliches Ritual zu stiften –  vielmehr kann (gleich welche) Kunst doch nicht erreichen! Den Abgrund des Ersatzreligiösen immer vor Augen; oder die Gefahr, sich im braven Bloß-Zitathaften zu verheddern.

Seiner Stimme, einer Jahrhundertstimme, hat Paul Celan ein Denkmal gesetzt, kein horazisches aus Erz, sondern ein „[w]achsendes“. Ich höre ein Füllhorn, wo (an anderen sozial wirksam werdenden Erkenntnissen) interessierte Kreise vielleicht wenig mehr als ein Phallussymbol sehen, was mehr über sie, v.a. ihre Lektüreüberdosen an statischer Lyrik sagt, als über „Le Menhir“.

Le Menhir

Wachsendes
Steingrau.

Graugestalt, augen-
loser du, Steinblick, mit dem uns
die Erde hervortrat, menschlich,
auf Dunkel-, auf Weissheidewegen,
abends, vor
dir, Himmelsschlucht.

Verkebstes, hierhergekarrt, sank
über den Herzrücken weg. Meer-
mühle mahlte.

Hellflüglig hingst du, früh,
zwischen Ginster und Stein,
kleine Phaläne.

Schwarz, phylakterien-
farben, so wart ihr,
ihr mit-
betenden Schoten.


Paul Celan  (in Die Niemandsrose)

Ich erinnere mich an eine wahnsinnig arrogante DLL-Studentin, die allen Ernstes Gedichte Celans (auch Ingeborg Bachmanns) neu ersprechen und einlesen wollte. Zugrundeliegende Basis sollte das 08/15-Vademecum Der kleine Hey sein, um eine standardsprachliche Fassung einiger kanonisierter Gedichte zu erhalten. Ich bin nach wie vor der Ansicht, solches Tun wäre ästhetische Blasphemie, ein Akt autoritativer Kunstfeindschaft! Einen anderen DLL-Mitstudenten – er ein echter Dichter – hat Celans Poesie vernichtet. Er hat in einer wirren Einsamkeitstat auf einem Dach im Leipziger Stadtteil Reudnitz alles verbrannt, was er geschrieben hat. Celan war ihm Fanal. Befehl. Nicht Anregung, Anstiftung, Einstimmen. Natürlich ist er soviel mehr, aber das ist er eben auch.

Die Vorwegnahme von Loriots Krawehl-Sketch, dieser letztlich doch wenig mehr als pappkameradenhaften Generaldenunziation, ist der Slogan aus Benns Marbacher Rede: „Das moderne Gedicht geht gelesen eher sein.“ Probleme der Lyrik sind nur poetisch und stimmlich zu lösen; nix für Papiertiger oder Innenwelten-Darsteller*innen; Poesie entsteht in einer Stimme, die den Mundraum immer überschreitet. Der Rest ist, einst wie jetzt, Othering.

Mein Elegiemaschinchen Verkebstes, hierhergekarrt gäbe sich als Pathos-Reenactment, als Sicht-barmachung der übermenschlichen Stimme Paul Celans, zu verstehen.


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