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Konstantin Ames: sTiL.e(vir) Lyrik Glückswürdigkeit

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Meinolf Reul

Konstantin Ames: sTiL.e(vir) Lyrik Glückswürdigkeit. Berlin (Edition Noack und Block) 2021. 116 Seiten. 14,80 Euro.

„Du, wir bauen hier Widerstand an.“
Über den letzten Band von Konstantin Ames' Tetralogie:
Lyrik, Glückswürdigkeit. Geeichte und Gedichte in Zeitlupe
(2021)


„Will denn kein Aas im Schmaddel mehr flanieren?“ Eine Verszeile, die hängenbleibt, wenn man das jüngste Buch von Konstantin Ames liest; wahllos herausgegriffen, aber doch charakteristisch für eine Haltung, einen Ton. „Geschöpfsabfluss (vormals Spaziergang)“ heißt das Gedicht, das diese schnoddrige Frage eröffnet; auch der Buchtitel stammt übrigens daraus: Lyrik, Glückswürdigkeit.

Konstantin Ames, der Berliner Dichter saarländischer Provenienz, hat mit den „Geeichte[n] und Gedichte[n] in Zeitlupe“ seine vor zehn Jahren begonnene Tetralogie abgeschlossen. Dazu darf und soll man gratulieren, ihm, und den Leserinnen und Lesern, die sie jetzt tutto completo lesen können:

sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen (2012)
sTiL.e(zwi) Schenspiele. Poesien (2016)
sTiL.e(dir) Sämtliche Landschaften, Welt (2018)
sTiL.e(vir) Lyrik, Glückswürdigkeit (2021)

Wie bei den Vorgängerbänden nimmt der Haupttitel den Zahlwörtern das „e“ halb weg, damit es zugleich als Plural-e für sTiL dienen kann – eine Mehrzahl, die Programm ist, hatte es doch bereits im ersten Band geheißen: „es gibt zu viele, die auf ihren einen Stil ihr Selbstbewusstsein bau n / armselig die, die nur eines Stiles sind!“

Bei erster Sichtung fallen auf: ein roter Faden, ein Block, und Abbildungen.
Der rote Faden ist eine römisch I bis LII durchnumerierte, in dreizehn Vierergruppen zusammengefasste, „Neues vom Knie“ genannte Serie von Epigrammen oder Aphorismen. Die Reihe beginnt vorn mit den Nummern XLIX-LII und endet hinten mit der Folge I-IV, an die sich kurz vor Schluss ein nicht gezähltes Supplement („Letzte Kniee“) anschließt, das aus nur mehr vier frugalen Zeilen besteht.
Man denkt an Joseph Beuys' Ausspruch „Ich denke sowieso mit dem Knie!“ (1977), und natürlich an Christian Morgensterns Gedicht „Das Knie“ (1905) – bei Konstantin Ames wandelt es weiter, beobachtet, spricht („Wenn das Knie nicht den Mund auftut, wird es Mediennacht“), pflegt Antipathien, kritisiert Schiefheiten im Bereich öffentlich geförderter Kultur („Konsequent alles verlosen, wäre die einzige / Lösung“), gibt Lesetips in der Tradition von Enzensbergers „Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne“: „(lest die Todesanzeigen)“, „lies / Polizeimeldungen“.
Die hier und da, auch außerhalb der „Kniee“, vorkommende Abkürzung „KSA“ steht für Kritische Studienausgabe und verweist auf Friedrich Nietzsche, der bereits in sTiL.e(ins) in Erscheinung getreten war und den Zyklus als guter Geist begleitet; wir erinnern uns an: „Stiftung Stiltest, Urteil „nietzsche“ vom 7/2011“.


Konstantin Ames erklärt dazu: „Die 'Kniee' enthalten Anspielungen auf zwei Aphorismen-Sammlungen, die den Tweet vorweggenommen haben: 'Sprüche und Zwischenspiele' (4. Hauptstück von 'Jenseits von Gut und Böse' & 'Sprüche und Pfeile' (Einleitung zu 'Götzendämmerung'). Ich kenne keine Sammlungen von Sinnsprüchen, wo auf so engem Raum Engstirnigkeit auf Weltweisheit trifft, Kleingeistigkeit auf Meistergedanken. […] Natürlich ist das mutwillig anachro-nistisch.“ (zit. n. E-Mail vom 11.7.2022)
Die kleinen Punchs lockern die Lektüre auf, bringen gestal-terisch etwas Neues ins Spiel und erfreuen den unbeteiligten Leser mit ihrem sprachlichen Schliff. Poesien mit harten Banda-gen, Vehikel für den bissigen Polemiker – ein Talent, das freilich auch in anderen Texten des Bandes zum Zuge kommt. In den Angriffen gegen die „Bürgerkinddichter“, „versemachenden Laufbahnberechtigten“, „Drittmittelabgreifer“, „Töchter der Mundgerechtigkeit“, in seiner Ablehnung des „Interessantis-mus“ zeichnen sich ästhetische Positionen ab, für die dieser Dichter steht, und man möchte hinzufügen: ziemlich einmalig steht. Stichwortartig ließen sich folgende Charakteristika hervorheben: Formenvielfalt; ein guter Draht zur aktuell gesprochenen (oder geschriebenen) Sprache einschließlich Dialekt; Risikofreude; Witz und Verve; Anspruch, abseits von Erhabenheit.

Der Block nimmt – ohne dass eine bewusste Referenz vorliegen muss – eine Idee von Thomas Kling auf, der seinem Band brennstabm. Gedichte (1991) ein „stifterfiguren, charts-gräber“ genanntes Kapitel eingefügt hatte, das sieben Hommagen umfasste, an Paul Celan, Joseph Beuys, Friederike Mayröcker, Konrad Bayer, Blinky Palermo und Reinhard Priessnitz. Diese bei Kling streng und knapp gestaltete Dankabstattung wird von Konstantin Ames um das Vierfache erweitert und der Idee der Würdigung wenigstens teilweise entrückt, was Sympathien nicht ausschließt. Chronologisch, doch nicht so angeordnet, reichen die Texte von Else Lasker-Schüler und Alfred Wolfenstein über Christine Lavant, Paul Celan, zu Vergessenen wie Renate Rasp oder Ludwig Harig bis zu den Zeitgenossen Tom Bresemann und Mara Genschel, die, wie Konstantin Ames selbst, vom Rande des Literaturbetriebs aus gestartet sind, ohne dass man sie (noch) zum Underground, Kulturprekariat, oder wie immer man sagen möchte, rechnen könnte. „Wenn ein Spaziergang durch die Lyrikgeschichte, dann kein gefälliger“, stellt Michael Gratz in seinem Nachwort fest.

Drittens: die Abbildungen. – sTiL.e(vir) setzt die in sTiL.e(dir) begonnene Praxis fort, den Text in Richtung Bild zu erweitern. Die Bilder können Fotos sein, Bild-Collagen, objets trouvés („Wir zahlen Höchstpreise für Ihren / Schrott, wir zahlen bar“ – aus einer Werbeanzeige), Abbildungen von Kleinplastiken, häufig unter Verwendung von Lego-Bausteinen, auch von Typoskriptseiten, wie z.B. ganz am Schluss des Bandes, als Fadeout: nur die ersten Zeilen sind, mit Mühe, lesbar, der Rest verschwindet im Nebel der Seite.
Diese pikturalen Elemente wollen teilweise selbst als Poesien, als Bildgedichte gelesen werden, teilweise haben sie aber auch eine dem Schrifttext dienende Funktion, so beispielsweise in den zehn „Fig.“ (Figuren) – im Sinne des Duden Abbildungen, „die als Illustration einem Text beigegeben“ sind.
Lyrik, Glückswürdigkeit ist ein Buch, das den Term 'Schriftbilder' sehr ernst nimmt, aber nicht akademisch damit umgeht“, erklärt der Autor auf Nachfrage.
Und wirklich ist ja überall Schrift zu sehen: entweder in den Bildmotiven selbst, oder darum her arrangiert, als Bildunterschrift, oder als Kombination daraus.
Nicht zuletzt – und dies mag die Puristen besänftigen, die diese Erweiterung des poetischen Bestecks vielleicht skeptisch sehen – hat die Anordnung der Schrift auf dem Papier seit Mallarmé eine ausdrücklich bildliche Funktion, und da Konstantin Ames mehr zu bieten hat als hundert Seiten Zweizeilen-Strophen oder einen Haufen Sonette, ist auch in dieser Hinsicht für Abwechslung gesorgt.

Die Verwendung von Dialekt – am schönsten und anrührendsten im Hochdeutsch und im saarländischen Idiom abgedruckten Gedicht „Pietà in der Dorfkirche meiner Kindheit“ / „Pietà inn Bederstroff“), das auf die Verse endet:
„Hej hadd äna äfach de kelch geholl, weg wôra. / Abb dô woa zu (sunndachs nidd) / @ bleiwd zu (nidd nua naads)“ – „Da kam ein Kelchdieb. / Von da an war zu (außer sonntags). / Es bleibt zu (auch tags).“
Den, aus der Perspektive des Dichters, heimatlichen Spuren zwischen „Saarlandität“ (so der Titel eines – fabelhaften! – Gedichts), „Realsaarlandismus“ und „ostsaarländische[r] Melancholie“ wäre an anderer Stelle genauer nachzugehen.
Berlin, klar, kommt ebenfalls vor („Berlinspaziergänge ergeben eigentlich nur auf Migräne Sinn“, „gelb liegt das Dämmaterial des Casinos schon lange da“). Nicht zuletzt ist es aber die Sprache in all ihren uneinzäunbaren Facetten, die sich Konstantin Ames, erklärtermaßen „kein Leidding-Lyriker“, zum Gegenstand wählt. In dem Michael Lentz gewidmeten Gedicht „No[x]mal sprache : 4“ gibt ein Wort das andere:
„kurz ziel lauf fant .. tisch holo O ode eng // gong gram miet tier [...]“; hier und da wird das Muster durchbrochen: In seinem gebändigten Übermut und fröhlichen Unsinn ungemein erfrischend. Für traurige Wahrheiten ist auch noch Platz („miet“, lies: meat, stempelt das „tier“ zum Fleischlieferanten).
Das IPA-Zeichen (Internationales Phonetisches Alphabet) für den ach-Laut, [x], zeigt an, dass Konstantin Ames das Sprechen, die Artikulation des Geschriebenen, mitdenkt; das eine ohne das andere ergibt für ihn keinen Sinn. „[S]prechendes Schreiben und schreibendes Sprechen“ müssen zusammenkommen, bei stärkerer Gewichtung des ersteren. Die Vitalität der gesprochenen Sprache: unbedingt! Aber abgekühlt, formalisiert, in der Schrift.

Abschließend ein Blick auf zwei Gedichte aus sTiL.e(vir), als Lese-Einladung.

Finales

schrieb wer über Punk

er sei zurück (Das Loch)
aber das wüsste ich doch
sagt mir der unverbitterliche Postpunk
TU DAS LIEBER NICHT
Klopstock geht ja praktisch immer
Töpfelchen fönden söch dönn schön
NEIN TU DAS NICHT
vor der Fi'ale der Postbank
                   
Der Anfang lässt sich wegen der Kleinschreibung von „schrieb“ so lesen, als habe jemand „Finales“ über Punk geschrieben – wobei offen bleibt, ob das Substantiv, im Sinne von „Abschließendes, Letztgültiges“ verstanden, auch eine Konnotation von „Punk ist tot“ haben könnte –, oder als habe er erklärt, Punk sei zurück (nachdem er zwischenzeitlich passé gewesen war). In Parenthese wird „(Das Loch)“ hinzugesetzt, wohl als Beleg für die Richtigkeit der These. Der großgeschriebene Artikel, wie auch die mindestens seit Zeiten der Beatles (The Beatles) zu beobachtende Gepflogenheit vor allem angelsächsischer Gruppen, ihrem Namen ein The voranzustellen, lässt auf eine Band schließen, möglicherweise Hole (ohne Artikel) – nur dass die Musiker um Courtney Love keinen Punk, sondern Alternative Rock spielen. Ihre Platten sind bei einem Major-Label erschienen.
Der letzte Vers präzisiert den Ort, an dem dieser Austausch über Musik stattfindet: „vor der Fi'ale der Postbank“. Das synkopierte Wort („Fi'ale“) zitiert die Mündlichkeit der Situation und verweist auf die Überschrift: Finales.
Vorstellbar, dass es nur einen Sprecher gibt, der die (vermeintliche) Neuigkeit über Punk mitteilt. „aber das wüsste ich doch“ könnte dann ein – nur gedachter – skeptischer Einwand des Angesprochenen sein. Vielleicht gehört der Satz aber auch zur Rede des „unverbitterliche[n] Postpunk[s]“.
Das Adjektiv klingt freundlicher als „unverbesserlich“.
Die Mahnung „TU DAS LIEBER NICHT“ kommt unvermittelt und scheint zusammenhanglos, ist in jedem Fall überraschend, wie auch der nachfolgende Vers, der im Gedichtkontext nicht minder fremd klingt, mit der Namensnennung jedoch auf genuin poetisches Gebiet lenkt: „Klopstock geht ja praktisch immer“.
Selbstgespräch des nicht so sehr an Punk Interessierten? In welche Dichtungsdebatte mag der Einwurf wohl gehören? Das bleibt offen, wenn auch das, geziertes Sprechen karikierende, „Töpfelchen fönden söch dönn schön“ ahnen lässt, dass der an Klopstock Denkende es für einen Holzweg hält. „NEIN TU DAS NICHT“, folgt eine weitere Warnung – Warnung, jetzt nicht in die Klassizismusfalle zu tappen (möge sie sich auch, wer weiß, finanziell auszahlen, denn: „Klopstock geht ja praktisch immer“).
Der Schluss des Gedichts resümiert, wohin es führt, wenn Kunst auf Geld schielt. Dann reimt sich ganz schnell „Postpunk“ auf „Postbank“. Drei Mal darf man raten, wer stärker ist.
So wird „Finales“ lesbar als Gedicht über künstlerischen Ausverkauf, und über die Weigerung, dabei mitzumachen.

Michael Gratz hat sein Nachwort mit einem Ames-Zitat überschrieben, das auch als Lesehinweis gelten kann: „Zu verstehen / hör auf, anfange sehen“. Es hätte sich alternativ angeboten: „Schlecht zu twittern.“ So oder so, wer die sTiL.e-Bände liest, kriegt Arbeit; schöne Arbeit. Denn bei allem Temperament, das auch die „Geeichte und Gedichte in Zeitlupe“ auszeichnet: ratzfatz lesen lassen sie sich nicht, oder wenn, dann nur ein Mal. Das Wiederlesen wird schon langsamer vonstatten gehen, immer mehr Worte wollen umkringelt, Verse unterstrichen, Reime markiert und Formulierungen angeixt werden.
„möttscheln, qu'est-ce que ça veut dire, le mot möttscheln“.
Die hohe Qualität von Ames' Schreiben kommt nicht plakativ daher, doch wer Geduld und Offenheit mitbringt, wird sie unweigerlich entdecken – und weiterlesen wollen.
Man kann es nur herzlich empfehlen.

Pastior (Das Eichhörnchen rennt zu den Mülltonnen)

Wir. Ein Kind, ein großes Kind, ganz leise, friedlich, beinah passiv.
Wir sind. Das Eichhörnchen rennt. Kein einziger Flüchtigkeitsfehler.
Zwei. Zu den Mülltonnen; unds dort gestern entsorgt in Massen.

Nichts, das die Welt macht zur Stiefwelt. Die Straßen sind zu leer,
d.h. lesen auf verbogenen Plastikspielzeugen, Redewendungen, maßen
der Laubbläser dahinrafft ein paar aberwitzige Reste Zeitkitsch aufm Dütti.              


Bibliographische Hinweise:

sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. Herausgegeben von Urs Engeler und Christian Filips. 112 Seiten, broschiert. roughbooks, Berlin und Solothurn 2012 (= roughbook 024). 14,00 Euro. – Über den Verlag lieferbar 2. Auflage [Link: https://engeler-verlage.com/wordpress/product/konstantin-ames-stil-eins-art-und-weltwaisen/]
sTiL.e(zwi) Schenspiele. Poesien. 108 Seiten, broschiert. Edition Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken 2016 (= Reihe Topicana, Nr. 30). 12,00 Euro. – Kann über den Buchhandel bestellt werden (ISBN: 978-3-945126-30-1), oder direkt beim Verlag  
[Link: topicana@vs-saar.de, info@kuenstlerhaus-saar.de]

sTiL.e(dir) Sämtliche Landschaften, Welt. 82 Seiten, Klappbroschur. Klever Verlag, Wien 2018. 18,00 Euro – Kann über den Buchhandel bestellt werden (ISBN: 978-3-903110-34-2), oder direkt beim Verlag [Link: https://klever-verlag.com/buecher/stil-edir-saemtliche-landschaften-welt/]

sTiL.e(vir) Lyrik, Glückswürdigkeit. Geeichte und Gedichte in Zeitlupe. Mit einem Nachwort von Michael Gratz. 116 Seiten, Klappbroschur. Edition Noack & Block, Berlin 2021. 14,80 Euro – Kann über den Buchhandel bestellt werden (ISBN: 978-3-86813-096-6), oder direkt beim Verlag
[Link: https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/konstantin-ames-stilevir-lyrik-glueckswuerdigkeit/backPID/konstantin-ames.html]


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