Knut Schaflinger: Zwei Texte
Montags=Text
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Knut Schaflinger
Zwei Texte
Der beste Zeitvertreib
beim Warten auf den Bus.
Eine Verspätung
Du hörst ihr Kommen an
ihrer Schultasche die am Rücken klappert. In der Proviantdose aus Blech macht
sich ein Apfel bemerkbar. Scheppernd. Die Tasche reicht weit über die Schultern
hinaus wie Flügel. Wenn sie hier bei uns steht und auf den Bus wartet glaubt
man ein kleines Flugzeug zu sehen kurz vor dem Start. Die Landeklappen sind
ausgefahren. Wie immer im Winter trägt sie den Mantel ihrer älteren Schwester
auf worein sie noch wachsen soll. In die Ärmel vor allem. Ich glaube sie hat
die Welt im Fallen aus dem Himmel betreten. Alles blau an ihr. Die Finger. Die
Lippen. Die Augen. Von einer Litfaßsäule neben der Haltestelle flattert ein
altes Kinoplakat. Knattert im Wind und ich fürchte es könnte der Motor sein der
den Propeller anwirft der um ihren Hals tanzt wie ein Schal. Jetzt schwingt die
Oberleitung für den Omnibus. Er biegt lautlos um die Ecke. Funken aus Eis über
dem Stromabnehmer und dann dieses Zischen wenn sich die Türen wie ein Leporello
öffnen. Wir steigen ein. Drängen. Sie ist die letzte in der Schlange. Steht
beim Fahrer zeigt ihren Fahrschein. Ich stehe auf. Biete meinen Sitzplatz an.
Ein Nicken. Ein Lächeln. Aus dem Ärmel ihres Mantels zieht sie ein Buch. Längst
ist sie über die Mitte hinaus. Im finsteren Tunnel vor der Stadt weiten sich
ihre Pupillen. Werden ganz schwarz. An diesem Morgen will die Dunkelheit gar
nicht mehr weichen.
(Aus: Das Unvergängliche
des Augenblicks)
Oft kann ich dieses
Geplauder nicht mehr ertragen.
Eine Ungeduld
Etwas Weicheres als
Kirchenbank schwebt mir vor. Mit Mulden in den Sitzen quasi als Platzhalter.
Über mir ein Schlussstein den ich anbete schon zu Beginn des Gottesdienstes.
Ich führe mein Alter als Argument an und denke die Suppe wird kalt. Auf wessen
Leben wir später essen und trinken egal. Ich habe Hunger. Vom Geheimnis der
nächtlichen Wolkenlosigkeit verstehe ich nichts außer daß ich den Himmel sehen
kann. Im Mund das Wort Staunen klein gekaut. Aus dem Spitzbogenfenster meiner
Kirche flackert die Heiserkeit des ewigen Lichts. In der ersten Reihe hat
jemand sein Taufbesteck vergessen. Wollte mit dem Messer ein Herz ins Gestühl
ritzen. Die ganze Ahnengalerie. Manche Reihe sitzt verkehrt herum und blickt
sehnsüchtig zum Ausgang. Als ob von dort Erlösung käme. In den Händen der Männer wird deren
Bereitschaft gefaltet zu werden unter den Hüten verborgen die sie auf ihre
Schöße gelegt haben. Der kleinste von ihnen sitzt auf einem Kissen das mit
Flicken aus einem alten Mantel überzogen ist. Er wollte immer schon groß sein.
Beidseits der Schultern ein Keil aus Luft an den sich die Frau Gemahlin und
ihre Tochter lehnen. Am unruhigen Kinn kann ich erkennen wie sie den Text vom
Vaterunser memoriert aber an jemand anderen denkt. Im Profil ihres Schuhes hat
sie kleine Steinchen mitgebracht um deren Geduld ich sie unendlich beneide.
Knut Schaflinger, in Graz geboren, Studium in Wien. Bis 1995 freier Journalist und Filme-macher beim Bayerischen Fernsehen in München. Anschließend bis 2016 Erster Redakteur und Chef vom Dienst bei den Tagesthemen der ARD in Hamburg. Ehemals Dozent an der Henri-Nannen-Schule für Journalismus ebendort und an der Bayerischen Akademie für Fernsehen in München. Knut Schaflinger lebt in Augsburg.
Letzte Einzeltitel: Die Unumkehrbarkeit der Flüsse, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2023.
Das Unvergängliche des Augenblicks, Verlag Ralf Liebe, 2024
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